Funktionieren müssen

NACHT VOR AUGEN

Blick aus dem Autofenster, die idyllisch wirkende Landschaft des Schwarzwalds fliegt vorbei - die erste Einstellung des Debütspielfilms der in Ulm geborenen, studierten Dokumentarfilmerin Brigitte Bertele. Die Kamera schwenkt auf den Beifahrer: Ein junger Mann mit undurchdringlichem Blick; David kehrt aus Afghanistan zurück. Schnitt.

Die alte Wohnung, etwas abseits im Wald gelegen, ist leer. Von seiner Auslandszulage hat Kirsten, seine Freundin, ein Nest in der Stadt eingerichtet. David scheint davon irritiert, auch wenn er oberflächlich Freude beteuert. In der ersten gemeinsamen Nacht wird er Reißaus vor ihren Annäherungsversuchen nehmen. Das Fundament für eine Persönlichkeit vor der Implosion ist gelegt. David hat sich offensichtlich schweres seelisches Gepäck aus Afghanistan mitgebracht, jedenfalls beharrt sein Vorgesetzter auf dem Besuch bei der Psychologin, was David kess zurückweist.

Zu einer Annäherung und Auseinandersetzung mit „dem eigenen Potential von Gewalt und Destruktivität" will Bertele, den Zuschauer mit NACHT VOR AUGEN bewegen, so berichtet sie‘s in einem Interview für den Katalog des 2008er Internationalen Forum des Jungen Films. Sie meint damit die unbekannten Flecken auf unserer seelischen Landkarte, die wir lieber vorziehen, nicht zu erkunden. David wiederum wird durch einen Vorfall während seines Einsatzes dazu gezwungen und entwickelt in einem persönlichen Umfeld, das lieber schweigt und ausblendet, ein zunehmend aggressives, selbstzerstörerisches Verhalten. Darunterhat in erster Linie sein 9-jähriger Halbbruder zu leiden, der David mit kindlicher Begeisterung und brüderlicher Bewunderung begegnet. David weist ihn von sich; Erinnerungsblitze an einen anderen Jungen tauchen vor seinen Augen auf: Afghanistan.

Stiller Druck

Doch der stille, unsichtbare (selbstauferlegte) Druck auf David wächst, und allmählich entgleitet ihm die Kontrolle über sich selbst! Er baut eine fatale Nähe zu Benni auf, der sich dieser, allen Reflexen des kindlichen Selbstschutzes zum Trotz, nicht entziehen kann. Gefährliche Spiele nehmen ihren Lauf. NACHT VOR AUGEN ist ein bemerkenswerter Film, zu allererst wegen des Sujets, das von der deutschen Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden will, obwohl Deutschland seit den ethnischen Konflikten auf dem Balkan Soldaten in Krisengebieten stationiert hat. In deren Folge wurden Bundeswehrsoldaten (aktuell in Afghanistan) immer öfter in Kampfhandlungen verwickelt. Diesbezüglich nimmt dieser (explizite) Kinofilm eine Vorreiterrolle ein, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Desweiteren überzeugt das Werk auch filmtechnisch: Brigitte Bertele gelingt ein atmosphärisch-fantastisch bedrückender, spannungsvoller Streifen mit einer in sich stimmigen Geschichte. Wobei hier ausdrücklich die Arbeit der Drehbuchautorin Johanna Stuttmann gewürdigt werden muss, die eine umfassende Recherche zum Thema betrieb, angestoßen von einer Begegnung mit einem Kriegsheimkehrer im persönlichen Umfeld, der ähnlich verstört aus seinem Einsatz heimkam wie hier David. Davids Charakter ist ebenso wie Bennis detailliert ausgearbeitet, was eine beklemmende Authentizität und Glaubwürdigkeit erzeugt.

Ungesehen, ungesagt

Nicht unerwähnt dürfen dabei aber die Parts der beiden Hauptdarsteller bleiben: Ohne Benno Koffler als David und Jona Ruggaber als Benni ist die Geschichte nicht vorstellbar, sieht man ihr Zusammenspiel erst einmal auf der Leinwand. Dieser Streifen funktioniert auf mehreren Ebenen, fordert vom Zuschauer emotionale Intelligenz, um auch das Unsichtbare, Ungesagte wahrzunehmen. Bertele inszeniert die Konstellation von David/Benni als in sich geschlossenen Mikrokosmos, an dem Interventionen von Außen abprallen. Nur sie selbst können ihm entfliehen. Aber Benni scheint zu sehr mit David verbunden. Die Konsequenzen aus den Erfahrungen dieser beiden miteinander, werden sich erst viel später zeigen, jenseits des Filmischen. Wenn man so will, erst im Kopf des Zuschauers. NACHT VOR AUGEN: Ein besonderer, wichtiger (dieses schwierige Wort sei hier einmal zurecht genutzt) Kinofilm der, neben allem Narrativen, auch noch durch seine Optik überzeugen kann.


NACHT VOR AUGEN
Deutschland 2008
91 Minuten
Digital, Farbe
Regie: Brigitte Bertele

Fast Food-Literaturkino

KRABAT

Literaturverfilmungen, in deren Zentrum ein Zaubererlehrling steht, kennt das Kino seit einigen Jahren: Großformatig bringt ein US-Majorfilmstudio die Kinoversion von J.K. Rowlings Harry Potter auf die Leinwand und das mit, für Hollywood un-typischer, Disziplin und Durchhaltevermögen. Wozu die milliardenschweren Ein-nahmen aus diesen Filmen vor allem beigetragen haben dürften.
Die deutschsprachige Literatur kennt im Jugendbuchbereich ebenfalls einen Jungzauberer: Krabat ist sein Name und auch er muss sich, seit den 70ern schon und mit jedem Aufklappen des Buchdeckels aufs Neue, gegen einen dunklen Meister, gegen seinen Lehrmeister zur Wehr setzen. Krabat hat den Vorteil, dass ihm ein Mädchen zu Hilfe kommen darf. Und aus Liebe zu ihm setzt sie die eigene Existenz aufs Spiel. Bei Harry Potter liegt der Fall etwas komplizierter.

Wie Harry, so wird auch Krabat von einem US-Majorfilmverleih ins Kino gebracht, freilich durch dessen deutsche Sektion: „20th Century Fox of Germany". Weiterhin teilen HARRY und KRABAT die Vorliebe für spezielle und unerwartete Regisseure: Alfonso Cuarón bspw. verfilmte Hogwarts, während der deutsche Regie-Jungstar Marco Kreuzpaintner in den Koselbruch und zur Schwarzen Mühle ging. Die vorgelegten Ergebnisse der beiden könnten unterschiedlicher nicht sein! Wo Cuarón seiner gigantischen Filmmaschine einen Arthouse-Anstrich verpasste und kurzerhand einen der besten Filme der Potter-Reihe vorlegte, da reiht sich Kreuzpaintner lediglich in eine zahl- und namenlose Reihe von Regisseuren ein, deren Werke nicht mehr als Abendfüllende, vernachlässigbare Unterhaltungsware sind. Was ist hier passiert?

BEGINN EINER KARRIERE

Mit SOMMERSTURM schaffte derselbe Regisseur den Durchbruch im Kino und gleichzeitig die Wiederbelebung eines tot geglaubten Genres, dem deutschsprachigen Coming-of-Age-Film: Getragen von einem jungen Cast, zauberte er eine beschwingte, aber gleichzeitig ernsthafte und glaubwürdige Geschichte auf die Leinwand. Marco Kreuzpaintners SOMMERSTURM bestach durch seine starke Sympathie für die Figuren. Ihre Probleme, ihre Zwickmühlen überträgt er liebevoll und mit einem Schmunzeln aufs Filmmaterial.
Die Geschichte des Jungen, der sich in seinen besten Freund verliebt und im Zeltlager Bekanntschaft mit „der anderen Seite" macht, die bald seine werden sollte, sie bot dem Zuschauer genügend Raum, um sich mit den Protagonisten zu identifizieren oder sich mit ihnen solidarisch zu erklären. Vielleicht machte das den Erfolg von SOMMERSTURM aus, der ihm schließlich den Status eines Klassikers bescherte.

Sein zweites Werk

Bei TRADE, Kreuzpaintners Ausflug nach Hollywood und zu seinem “Ziehvater” Roland Emmerich, dreht es sich sprichwörtlich um den Handel mit Ware - freilich in seiner perfidesten Form: Der Handel mit Menschen. Regisseur Kreuzpaintner erzählt die Geschichte zweier entführter Mädchen, die zusammen von Mexiko in die USA verschleppt werden. Ihnen auf den Fersen ist der ältere Bruder eines der Mädchen. Zufällig trifft er auf einen amerikanischen Ex-Polizisten, der ebenfalls sucht - nach seiner Tochter, die wiederum vor Jahren entführt wurde. Gemeinsam machen sie sich auf die Spur der Entführer und geraten dabei tief in den Sumpf des Menschenhandels und zwischen die Interessen weltweit agierender Polizeibehörden.

Drama oder Thriller? Kreuzpaintner scheint bei TRADE zu keiner klaren Entscheidung zu finden. Er bedient hollywoodsche Erzählkonventionen, macht sich Elemente verschiedenster Genre zu eigen, schafft es aber nicht, einen formalen roten Faden durch den Film zu ziehen. Schlimmer noch: Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich der junge Filmemacher lieber auf wenige oder einen Charakter und sein Schicksal konzentriert hätte, aber “von oben” dazu angehalten wurde, das “ganz große Drama” zu erzählen. Im Ergebnis steht ein zweifelsohne eindringlicher, wie auch misslungener Film. Man wird das Gefühl nicht los, sich schmutzig zu fühlen. Schmutzig, weil man soeben einen Film sah, der aus dem Elend tausender Menschen pathetische und Aufsehen erregen wollende Unterhaltung gemacht hat.

Im Koselbruch

Die Geschichte des jungen Krabat und dem Kampf gegen seinen schwarzen Hexenmeister, geschrieben von Otfried Preußler, gehört zu den Klassikern der Jugend- und der Schulliteratur. Der Bekanntheitsgrad von Preußlers Hauptwerk ist, auch weltweit, immens. Umso vielversprechender muss den Produzenten die Verfilmung dieses Stoffs erschienen sein. Insbesondere in Potter-Zeiten. Als prädestiniert für die Verfilmung des Buchs, in dessen Zentrum ein Figurenensemble von Jugendlichen und jungen Erwachsenen steht, kann Kreuzpaintner durchaus gelten. Mit SOMMERSTURM hat er sein Talent für junge Helden schließlich zweifelsfrei bewiesen. Und er kann sich glücklich schätzen, dass der deutsche Film derzeit mit einer ganzen Reihe hervorragender, junger Darsteller aufwartet: Hanno Koffler als Juro, Robert Stadlober als Lyschko, Daniel Brühl als Tonda und David Kross als Krabat, um nur einige Namen aus KRABAT zu nennen. Sie, die Darsteller, sind es dann auch, die den Film tragen. Sei es Kofflers Juro, der mehr als überzeugend die Doppelbödigkeit seiner Figur zum Ausdruck bringt, oder Daniel Brühl, der in seiner zurückgenommenen, bedächtigen, aber ausdrücklich selbstbewussten Spielweise Tonda zu Krabats Mentor macht. Und schließlich David Kross, der Krabat zuerst mit unbedarfter Jugendlichkeit auf die schwarze Mühle treffen lässt, um ihn im Laufe des Films zum umfassenden Helden zu wandeln.

HOLLYWOOD IN DER LAUSITZ

Die Faszination Krabats für die magischen Künste lässt ihn quasi einen Pakt mit dem Tod eingehen. Sich diesem wieder zu entreißen, schafft er nur noch mit Hilfe seiner Geliebten. Die Faszination für die großformatige Kinounterhaltung scheint wiederum Marco Kreuzpaintner ergriffen zu haben. Jedenfalls erscheint KRABAT mit einer derartigen Großspurigkeit auf der Leinwand - ohne ihr wirklich gerecht zu werden. Einerseits atmosphärisch durchaus reizvoll, erschöpft sich der Film andererseits schon nach kurzer Zeit in einem clipartigen Abhaken der wichtigsten Stationen des Buches. Was die Drehbuchautoren Michael Gutmann und Marco Kreuzpaintner an Handlung präsentieren, mutet wie ein Best-of des Buches an: Fast-Food-Literaturkino. Freilich sind auch Potter-Filme keine vorlagengetreue Angelegenheit. Aber ein Potter-Band kommt im Schnitt auch auf 400 Seiten, Preußlers Roman wird, je nach Druck, mit 250 bis 300 Seiten angegeben; woraus 120 Minuten Film destilliert wurden. Man könnte jetzt von Erbsenzählerei sprechen, wäre da nicht die unglückliche Dramaturgie, die sogar Schlüsselszenen des Buchs zu plötzlichen Randnotizen degradiert, dem Höhepunkt des Films immer näher kommend. Und bei diesem angekommen, bleibt der Film dann konsequent und fackelt auch den Sieg der Liebe über das Böse in atemberaubender Geschwindigkeit, mit einem – freundlich formuliert – netten, rechnergenerierten Feuerwerk ab. Happy End – Licht an!

Man verlässt, einigermaßen zerknirscht und betäubt von diesem harten Galopp durch einen Klassiker der Jugendliteratur, den Kinosaal. Bereichert um die Erkenntnis, dass ein Debüt nichts mehr Wert ist, wenn die große Bildererzählmaschine aus Übersee Besitz ergriffen hat von einem ausdrücklichen Regietalent. In unserer auf Kurzweiligkeit getrimmten Unterhaltungswelt mag dieser Film hervorragend funktionieren, auch und gerade weil er Literatur einem jungen Publikum nahe bringt, dass von der Bombast- und Blockbuster-Sehkultur geradezu bombardiert wird. Allerdings kann das nicht mehr als ein Erfolg des Pragmatismus sein. Im Oeuvre des Marco Kreuzpaintner stellt KRABAT den bisherigen Tiefpunkt seines künstlerischen Schaffens dar. Kreuzpaintner, ein Regisseur des Zwecks?

Als sein nächstes Projekt, hat Kreuzpaintner einen Film über Rainer Werner Fassbinder angekündigt: „Ich will diesen wahnsinnig getriebenen Mann zeigen, der talentierter war als alle anderen zu seiner Zeit - einen Mann, der in so einem spießigen Land wie der Bundesrepublik der 70er und 80er Jahren dafür gesorgt hat, dass der deutsche Film zum ersten Mal wieder international beachtet wurde.“ (FR-online vom 05.09.2008) Freilich erreichte Fassbinder dies durch die Exaltiertheit seiner Geschichten, in Verbindung mit formaler Finesse und Perfektion. Nimmt man KRABAT als Maßstab seines Könnens, so hat sich Kreuzpaintner mit dem Fassbinder-Projekt eine schier unlösbare Aufgabe gestellt.


KRABAT
Deutschland 2008
120 Minuten, Farbe
Regie: Marco Kreuzpaintner

Emotionen!

CSNY - DÉJÀ VU

Emotionen sind 2008 eines der zentralen Themen der Berlinale, das aber so gar nicht kolportiert wird. Lediglich das Forum der zukünftigen Filmemacher, der Berlinale Talent Campus, erhob die Emotionen 2008 zum Thema. Dabei ist der Berlinale-Jahrgang 2008 voll von emotionalen Filmen bzw. voll von Filmen, die Emotionen und Gefühle in Wallung bringen. Einer dieser Streifen ist CSNY - DÉJÀ VU des Amerikaners Bernard Shakey. Shakey portraitiert oder verfolgt vielmehr die vier großen Altmeister der amerikanischen Folk-(Rock-)Musik: David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young während ihrer CSNY-Tour 2006 durch die USA. Diese Tour hatte nur ein Ziel: Protest!

CSNY – Crosby, Stills, Nash & Young machten sich Ende der Sechziger Jahre als musikalisches Sprachrohr der Friedensbewegung gegen den Vietnamkrieg einen Namen. Ihre Songs „Find The Cost Of Freedom“ oder „Ohio“ wurden binnen kürzester Zeit zu Hymnen des Anti-Kriegs-Protestes. 2006 befindet sich Amerika schon wieder im Krieg. Der Schauplatz heißt Irak, die Zahl der Gefallenen hat die 2000er-Marke durchbrochen, ein Ende ist nicht absehbar, und das Land ist gespalten wie selten. Kriegsbefürworter und –gegner stehen sich absolut unversöhnlich gegenüber. In diesem Klima treten CSNY erneut an um, ihren Protest gegen diesen Krieg kund zu tun und die stark angefeindete Friedensbewegung zu unterstützen.

Der Mastermind hinter der neuen Auflage von CSNY ist diesmal Neil Young, der sich bereits via Internet gegen den Krieg engagiert und mit „Living With War“ ein (äußerst kontrovers aufgenommenes) Album vorstellte, in dem er klar Position gegen diesen Krieg und den amerikanischen Präsidenten Bush Jr. bezieht. Und Crosby, Stills und Nash ließen sich nicht lange bitten, als Young sie um Unterstützung bat.

Regisseur Bernard Shakey fertigt mit seinem Film eine bunte Collage, die sich voll in den Dienst der Sache stellt. Gleich zu Beginn lässt er Neil Young die programmatische Richtung vorgeben: „Diese Show soll die Menschen emotionalisieren, Punkt!“

Der Regisseur folgt Mike Cerre, einem Fernsehreporter, der bereits als „embedded Journalist“ aus dem Irak-Krieg berichtete und den Young nun den Kriegsschauplatz gegen das CSNY-Konzert tauschen lässt; die Unterschiede klaffen hier nur auf den ersten Blick massiv auseinander. Dazu werden Interviews mit der Band, mit Soldaten, Soldatenmüttern, Veteranen, Konzertbesuchern, Radiomoderatoren und anderen Musikern montiert. Zusätzlich stellt er dem Heute Aufnahmen aus den Sechzigern entgegen, die freilich Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede erkennbar werden lassen. Dies alles wird durch Mitschnitte der Bandauftritte zusammengehalten.

Shakey setzt –wie seine Protagonisten - auf die Emotionalisierung. Nüchterne, distanzierte Dokumentation ist sein Ziel nicht. Daran kann man sich stören. Oder auch nicht, denn beim Betrachten der Bilder wird natürlich klar, was Young und Co. bezwecken: Die Emotionalisierung soll zum Denken anregen, eine eigene Meinung evozieren, was angesichts der gezeigten Bilder bitter nötig scheint. Denn die Befürworter des Krieges stehen derart hinter diesem Krieg und ihrem Präsidenten, dass sich dem europäischen Kinogänger die Nackenhaare aufstellen. Bei einem Konzert in den Südstaaten gelingen Shakey diesbezüglich zweifelsfreie und beeindruckende Aufnahmen von wütenden Konzertgängern, die CSNY den Mittelfinger entgegenhalten als diese „Let’s impeach the President“ anstimmen: „Enthebt den Präsidenten seines Amtes, er hat unseren Glauben missbraucht, uns belogen, uns getäuscht…“: Die Freiheit zu Sprechen, Stellung zu beziehen und seine eigene Meinung zu bekunden, das ist eine erklärte Forderung der vier Musiker.

Diese „Freedom of Speech“ wird CSNY rundheraus abgesprochen - durch das Publikum. Kommentar eines Konzertbesuchers in die Kamera: „Sie sollten nur Musik machen und zur Politik besser schweigen!“ Hier kommen beunruhigende Erinnerungen an die texanische Band "The Dixie Chicks" in den Kopf, die für ihre Kritik am Krieg und am Präsidenten mit einer regelrechten Hetzkampagne überzogen wurden. So schlimm steht es um CSNY nicht (mehr?), denn vielerorts, so kann man aus Mike Cerres Interviews mit Konzertbesuchern auch ablesen, rennen sie bereits offene Türen ein. Und wenn David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young a.k.a. Bernard Shakey hier „Let’s impeach the President“ anstimmen, schlägt ihnen eine Welle euphorischen Jubels entgegen: Emotionen pur.



CSNY - DÉJÀ VU
USA 2008
Digital, 96 min
Regie: Bernard Shakey (a.k.a. Neil Young)

Bedeutungsschwanger

AUGE IN AUGE -
EINE DEUTSCHE FILMGESCHICHTE

„Dies ist nicht DIE deutsche Filmgeschichte, sondern nur EINE deutsche Filmgeschichte“, so erklären es die beiden Regisseure zu Beginn ihres Films aus dem Off, während sich die Kamera mit bedeutungsschwangerem Blick dem Delphi-Kino in Berlin nähert: AUGE IN AUGE.

Prinzler und Althen wagen einen Versuch, einen mutigen, gefährlichen, unwägbaren Versuch, dem Film aus Deutschland oder dem deutschen Film so etwas wie eine Geschichtsschreibung angedeihen zu lassen. Was insofern heikel ist, weil Fehlinterpretationen, falsche Gewichtung, und ungenügende Würdigung als Tretminen an jedem laufenden Archivmeter warten. Und weil die Deutschen üblicherweise empfindlich und überkritisch ihre Geschichte(n) schreiben und sehen. Hier ist der Film keine Ausnahme, denn er ist auch „unsere Geschichte“, wie sie anmerken. Doch das Duo findet einen erfreulich entspannten Ansatz: Sie lassen Filmschaffende des Heute ihre persönlichen Lieblingsfilme vorstellen; zumindest wird behauptet, es seien die Lieblingsfilme. Und da tauchen prominente Namen wie Tykwer, Wenders, Kohlhaase, Petzold, Dresen, Ballhaus, Dörrie oder Link auf. Tom Tykwer nennt NOSFERATU und bekennt, dass er den Film in Jugendzeiten vor lauter Schauder nie komplett anschauen konnte. Wolfgang Kohlhaase begeistert sich für Robert Siodmaks MENSCHEN AM SONNTAG von 1930 und hebt die wunderbare „Nähe von Poesie und Banalität“ hervor. Wim Wenders nennt M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER, schwärmt für eine zentrale Szene, in der in einer Parallelmontage Ordnungshüter und Verbrecher jeweils beraten, wie sie den Mörder dingfest machen könnten. Außerdem hebt er Fritz Langs chirurgischen Blick für gesellschaftliche Prozesse hervor und merkt eine bis dato im deutschen Film ungekannte Emotionalität an. So geht es munter weiter, jeder der Protagonisten vor der Leinwand weiß einiges über „seinen“ Film zu berichten und eine Schlüsselszene zu benennen, die sogleich gezeigt wird.
Doris Dörrie begeistert sich bspw. bei ihrem Filmfavoriten ALICE IN DEN STÄDTEN für eine Szene, in der sich die junge Protagonistin ins Klo einschließt und ihr Kutscher wider Willen davor sitzt und alle Städte aus einem Telefonbuch vorliest, in der Hoffnung, sie möge die Stadt auswählen, in welcher ihre gesuchte Oma lebt.
Alle diese Geschichten zusammen genommen, ergeben einen durchaus bemerkenswerten Querschnitt des Filmschaffens in Deutschland. Glücklicherweise beziehen Prinzler/Althen den DDR-Film mit ein, wenn auch nur Andreas Dresen die Chance bekommt, einen Film „Made in GDR“ vorzustellen. Er wählt ein Werk von Konrad Wolf.

Etwas unglücklich sind hingegen die Brücken oder Kurzessays geraten, die eine Auseinandersetzung mit weiteren Aspekten des deutschen Films versuchen: Vom Film zur Nazizeit und Harlans JUD SÜß, bis zu einer Liste mit verbotenen DDR-Filmen, die unter der Überschrift „Ein sauberer Staat“ stehen; wichtige Aspekte, die aber bei dieser Schnell-Durchdeklinierung mittels Off-Kommentare und Filmclips viel zu kurz kommen. Hier hätte man es bei den Kommentaren der zehn Filmpaten belassen können, die wesentlich mehr und tief greifenden Erkenntnisgewinn liefern. Bei der Frage nach dem „deutschen Blick“ in den Augen der Schauspieler, reicht diese Methode hingegen aus. Denn hier sind der Rezipient und seine eigene Art des Filmerlebens gefragt. Sofern der Rezipient noch bei der Stange geblieben ist und sich nicht von der schweren, pathetischen Musik oder den fortwährenden thematischen Schnelldurchläufen von Filmschnipseln hat verschrecken lassen.

AUGE IN AUGE, ein nicht immer ganz gelungener aber nichtsdestotrotz erkenntnisreicher Spaziergang durch die deutsche Filmgeschichte. Und – unbestreitbar - eine Liebeserklärung an das Kino aus Deutschland, das sich eigentlich nicht verstecken braucht; damals zumindest.



AUGE IN AUGE - EINE DEUTSCHE FILMGESCHICHTE
Deutschland 2007
99 min
Digital, Farbe & s/w
Regie: Michael Althen, Hans Helmut Prinzler

Aufputschmittel

FUNNY GAMES U.S.

1997, ein Film kommt in die Kinos, der in knapp zwei Stunden die gezielte und sinnentleerte Hinrichtung einer Familie zeigt: Vater, Mutter, Kind – die Urzelle der Gesellschaft. Dahingerafft von zwei spitzbübischen, jungen Männern, die sich in ihren adretten Golfer-Outfits und ihrer charmanten Ausdrucksweise zuerst als Angehörige derselben Klasse ausgeben, wodurch die Schutzmechanismen der wohlhabenden Mittelschichtsfamilie erst Alarm schlagen, als es kein Entkommen mehr geben kann.

2008, ein Film kommt in die US-Kinos, der in knapp zwei Stunden die gezielte und sinnentleerte Hinrichtung einer Familie zeigt: Vater, Mutter, Kind – die Urzelle der Gesellschaft. Ein Film gleicht dem Anderen beinahe passgenau: Handlung, Dialoge, Kameraeinstellungen und Schnitte. Lediglich die Darsteller und das Setting sind amerikanisiert. Zwischen beiden Filmen liegen elf Jahre:
Was soll das?!

1997 sollte FUNNY GAMES seinem Zuschauer „seine Rolle“ bewusst machen: Die Rolle des Konsumenten von Gewalt. So wurde Regisseur Michael Haneke damals zitiert - und verrissen. Zu didaktisch, zu moralisierend, von oben herab, oberlehrerhaft sei das, was er dort tut. Dabei benutzte Haneke lediglich seinen Film als Mittel zum Zweck: das Stellen einer einfachen Frage: Was soll das?
Warum gucken wir uns im Film Gewaltdarstellungen an, finden darin vielleicht sogar Unterhaltungswert?
Berechtigt ist diese Frage allemal. Hanekes „Fehler“ war es, sie unbeantwortet zu lassen. Wer solche Fragen aufwirft, hat gefälligst auch Antworten hinterher zu liefern, so schien damals der Tenor zu sein. Erlaubt sei hierzu aber eine andere Frage: Kann ein Regisseur, kann (s)ein Film auf diese Frage überhaupt Antwort geben? Wären beide, der Urheber und das Werk nicht vollständig überfordert mit der Beantwortung?
Nicht nur ob der schier endlosen Antwortmöglichkeiten, nämlich jenen, die der einzelne Zuschauer sich sowieso schon gegeben hat (sofern er sich damit überhaupt beschäftigt). Sondern auch und vor allem, weil Werk und Urheber der „Stein des Anstoßes“ sind.

Verantwortung. Ein Regisseur trägt Verantwortung, für unzählige Dinge ist er verantwortlich: Für seine Darsteller, für die Umsetzung der Geschichte, für die Auswahl des Teams, für sein Drehverhältnis, oft auch fürs Budget und natürlich fürs Gelingen des Films. Für seine Zuschauer auch?
Ich für meinen Teil (als Cineast, Kritiker und nicht zuletzt Zuschauer) sage: Natürlich nicht!
Ist es nicht so, dass ein Regisseur dem Zuschauer immer nur ein Angebot macht: Ich fülle neunzig Minuten ihrer Lebenszeit mit einer, mit meiner Geschichte - über einen Mann der mit Pferden spricht, über zwei schwule Cowboys, über eine Romanze auf einem sinkenden Schiff, über eine Familie, die das Ende des Films nicht erleben wird. Sie entscheiden selbst, ob sie mein Angebot annehmen. Oder doch lieber eine andere Geschichte, die des Kollegen im Saal nebenan, anschauen. Die Kinokarte kauft jeder Zuschauer selbst, aber im Kartenpreis war die vorgekaute Welthaltung und Meinung nicht inklusive.

Haneke weist den Vorwurf des Moralisierens nicht von sich, das Gegenteil ist der Fall: „Ich will dem Publikum an den Karren fahren.“ (Welt-Online, 29. Mai 2008) Und meint mit Publikum vor allem die Konsumenten von Horror- und Folter-Filmen, vornehmlich aus den USA. FUNNY GAMES U.S. - der Zweck - soll, in seiner Überzeichnung von Gewalt, Bewusstsein schaffen bei denen, die Gewaltdarstellungen quasi als Unterhaltung für sich entdeckt haben.
Und die Kassenerfolge der letzten Splatter-Film-Welle (HOSTEL, SAW, HILLS HAVE EYES etc.) scheinen Hanekes Ansinnen geradezu zu unterstreichen (wenngleich diese Filme ihre Renaissance den Orten Abu Ghuraib und Guantanamo zu verdanken haben). Der Kassenerfolg von FUNNY GAMES U.S. im Kino und im DVD-Regal wird zeigen, ob dieses Ansinnen fruchtet. Aber auch hier kommt diese ungreifbare, gespenstische Ambivalenz von Hanekes Vorhaben wieder zum tragen: Hat Haneke einen Erfolg für seine Sache erzielt, wenn die Besucher- und Verkaufszahlen hoch sind? Oder wenn sie niedrig sind? Sind die Zahlen überhaupt von Bedeutung? Ist der Umstand, dass ein Film, eine Intention, ein Zweck wie FUNNY GAMES U.S. überhaupt in US-Kinos läuft nicht schon ein Erfolg – für Haneke?

So oder so, man kann es Haneke kaum hoch genug anrechnen, dass er, wie kaum jemand sonst im aktuellen Kino, sein Medium immer wieder hinterfragt und vor allem dessen Konsumenten mit ihrer eigenen Position konfrontiert. Mehr noch, er nötigt sie beinahe, sich mit sich selbst und ihrem Dasein als Zuschauer auseinander zu setzen und Farbe zu bekennen. Das ist alles andere als Mainstream, das ist beinahe ein Tabubruch - in einer Zeit, in der scheinbar alles auf Unterhaltung gebürstet wird. Das Kino des Michael Haneke, ein Aderlass für die Sehgewohnheiten, ein intellektuelles Aufputschmittel - ruhig gestellt werden Sie im Saal nebenan.


FUNNY GAMES U.S.
USA/AT/F/GB 2007 
112 Min.
35mm, Farbe
Regie: Michael Haneke

Weiterleben, weitermachen

PARANOID PARK

„In einer beklemmenden Bredouille stecken.“, das tut die Hauptfigur in Gus van Sants Film PARANOID PARK. Darum drehen sich die meisten Stories in Filmen; missliche Lagen, Zwickmühlen, scheinbare Sackgassen. Wer häufig ins Kino geht, kennt das Gefühl der narrativen Ermüdung: Langeweile, so kann man es auch nennen. Immer steckt der Held im Schlamassel, aus dem es für den Normalsterblichen kein Entrinnen geben würde. Quer durch sämtliche Genre, Motive, Länder und Sprachen zieht sich diese Ur-Suppe des Erzählens. Die große Bild-Erzählmaschine Kino hat sich nur selten davon emanzipieren können. Schon gar nicht in den großen Filmfabriken.

Alex: ein junger Kerl, um die sechzehn, mittellanges, dunkles Haar, schlaksiger Körper. Der Junge, der er vor kurzem noch gewesen ist, steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. High-Shool-Schüler, Skater, großer Bruder, angehendes Scheidungskind; ein Mörder? „War es ein schrecklicher Unfall, oder war es Mord?“, fragt der Nachrichtenmann in die Kamera und annonciert routiniert den Tod. Ein Wachmann kam ums Leben, die Polizei tappt im Dunkeln. Alex schreckt vor dem Fernseher auf.

Paranoid Park, schreiben junge Hände mit Bleistift in ein Schreibheft. Eine wiederkehrende Szene, hier markiert sie die erste Einstellung des Films - nach dem Vorspann. Schnitt. Alex sitzt im Sessel und schreibt, sein Onkel räumt hinter ihm auf. Schnitt. Alex geht durch die Dünen. Schnitt. Eine längere Skate-Szene, auf 8mm gedreht. Schnitt. Alex geht durch die Dünen, einen Weg entlang, ein Hund an seiner Seite, er setzt sich auf eine Bank, nimmt das Heft und schreibt: „Es war im letzten Sommer, Jared fragte, ob wir nicht mal zum Paranoid Park gehen sollten. Ich bin nicht bereit für Paranoid Park, sagte ich. Niemand ist je für Paranoid Park bereit.“ Schnitt.

Schuld am Tod eines Menschen oder auch nicht? Ein Unfall, fahrlässige Tötung; Sühne? Darum geht es in PARANOID PARK nicht - nicht vordergründig jedenfalls. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Jugendliche, die längst lernen mussten, alleine klar zu kommen. Eltern bzw. Erwachsene sind Beiwerk oder gleich vollkommen abwesend. Trennungen und Scheidungen, Arbeit; die Kids dieses Films sind gleichsam zu den eigentlichen Bewohnern der Einfamilienhaussiedlungen geworden. Allein in riesigen Häusern, haben sie gelernt mit sich selbst klar zu kommen. Alex‘ Trauma, dieser Zwischenfall, ist für den Jungen nur im ersten Schreckensmoment noch etwas, das er seinem Vater erzählen muss. Doch mehr als einmal  wird er das Telefon nicht klingeln lassen. Vielmehr sucht er selbst nach einem Ausweg, verdrängt erst einmal, bis ein Polizist das Geschehene wieder wachruft. Doch erneut fängt sich Alex und beginnt zu schreiben: Paranoid Park.

Die Suche nach einem Ausweg aus der Beklemmung ist das zentrale Motiv der Geschichte. Nicht im Sinne der Aufklärung des Unfalls, sondern in der persönlichen Bewältigung desselben durch einen 16-Jährigen. Momentaufnahmen eines geschlossenen Mikrokosmos, keine Abhandlungen. Alex ist genervt von seiner Freundin, traut sich nicht vor Anderen zu skaten. Manchmal scheint es, als ob ihm dieses Brett mit Rollen und das Label, das daran (und somit auch an ihm) haftet, geradezu lästig sind. Doch dann ist er wieder fasziniert, ein Bewunderer und Fan. Seine Eltern haben soeben verkündet, sich scheiden zu lassen, bezeichnenderweise ignoriert sie die Kamera größtenteils. Obwohl der Film ansonsten voll von Nahaufnahmen ist.

Nahaufnahmen und Slow-Motions: Van Sant, dieser Bilderzauberer, der es drauf hat, Ein und dasselbe aus drei verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen („Elephant“), der Virtuose des elliptischen Erzählens - erneut legt er ein visuell beeindruckendes Werk vor. Diese perfektionierte Andersartigkeit, diese scheinbar spielerisch-mühelose Inszenierung, sie könnte einem gehörig auf den Wecker gehen, würde sie zur bloßen Oberfläche verkommen (was aber unwahrscheinlich ist, wo doch schöne, echte Kinobilder mittlerweile rar geworden sind). Doch van Sant scheint um diese Gefahr zu wissen und grundiert seine Bilder mit einer eindringlichen Beschreibung und glaubwürdigen Charakterstudie junger Menschen bzw. Männer: Visuelle und narrative Ebene im Einklang.

Schlussendlich findet Alex‘ Suche einen Ausweg: die Selbsttherapie mittels Niederschrift. Eine Freundin gibt ihm den Tipp: „Schreib einen Brief an irgendjemanden (…), nicht an deine Eltern oder Lehrer, schreib an mich.“ Eine Randnotiz gegen Ende des Films, mit herbstlichen Farben auf die Leinwand getupft. Das große Ganze des Unfalls, der Schlamassel ist nicht gelöst. Wird es auch nicht werden, jedenfalls nicht vom„Held“ der Geschichte. Der ist damit beschäftigt, sich seine Zweifel, seine Schuldgefühle, die zermürbende Selbstbefragung, die zur Last wurde, von der Seele zu schreiben. Selbsttherapie statt Heldentaten. Eben vollkommen menschlich und verständlich, um halbwegs weiterleben zu können. Weiterleben, weitermachen: Das ist nach der Trilogie des Todes („Gerry“, „Elephant“, „Last Days“) neu im Kino des Gus van Sant. Das macht neugierig und Hunger auf mehr; Langeweile, sowas kennen die Bilderwelten van Sants einfach nicht.


PARANOID PARK
Regie: Gus van Sant
Frankreich, USA 2007
85 Min.
35mm, Farbe

Machtkampf bei dröhnender Stille

DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES
DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD

Amerika und seine Helden. Kaum ein Land der Welt hat sich so viele Helden geschaffen wie Amerika: Superman, Spider Man, Batman, Captain America. Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg war Amerika süchtig nach den edlen Rettern und Beschützern, die die Unschuldigen vor dem Bösen bewahren. Wo die Staatsmacht kapitulierte, sorgten die übermenschlichen Kräfte der Superhelden für Rettung in letzter Sekunde. Viel interpretierte man in sie hinein, vor allem aber das amerikanische Selbstbild: Gerecht, individuell, unangepasst, unabhängig, stark. Doch neben der Verehrung wurde gleichermaßen die Tragödie auf den Superkörper geschneidert, waren diese Helden doch immer Outlaws, die jenseits der Menschen leben mussten, welche sie den ganzen Tag über beschützen. Sie passten dann doch nicht ins Bild; so erzählten ihre Geschichten immer auch über Entbehrungen und Zumutungen. Superkräfte haben ihren Preis.

Die echten Outlaws strahlten mitunter eine noch größere Faszination aus als die Fiktionalen. Gemein konnten sie sein, Diebe und Halunken. Aber am Ende mussten sie für die gerechte Sache kämpfen, vornehmlich für jene, die nichts hatten. Heroische Figuren, berühmt-berüchtigt und gefürchtet: Billy the Kid, Jesse James. Selbst wenn sie eiskalte Mörder waren, so brachte und bringt ihnen dieses Land so etwas wie Ehrerbietung dar. Vielleicht aus Respekt vor dem Mut und der Courage dieser einsamen, gesetzlosen Gestalten. Die Mutigen trägt Amerika immer im Herzen. Jesse James war so ein – echter - Outlaw. Halb musste man ihn ob seiner Taten hassen, halb bewunderte man ihn. James fiel einem Mord zum Opfer. Geplant und ausgeführt durch Robert Ford: Ein junger Mann, unscheinbar und unbekannt. Jesse James war ein Mann mit Familie, Frau und Kindern. Er und sein Bruder waren für dutzende Raubüberfälle auf Banken, Postkutschen und Züge verantwortlich. Sie entsprangen den Nachkriegswirren des amerikanischen Bürgerkriegs und überfielen vornehmlich Institutionen, welche sich im Eigentum von ehemaligen Angehörigen der Unions-Truppen befanden. Jesses Ruhm unter den Anhängern der Konföderierten stieg. Dass er bei seinen Zugüberfällen Passagiere überging und nur die Safes ausraubte, verschaffte ihm sogar den Ruf eines Robin Hoods. Amnestie-Rufe für ihn und seinen Bruder wurden laut, blieben aber ungehört. Racheakte gegen die James-Brüder und die blutige Verfolgung durch Bahngesellschaften und Banken steigerten ihren Ruhm zusätzlich. Die James-Brüder waren Helden, Jesse James gab es als Abenteuerheftchen.

Robert Ford und sein Bruder stießen spät zu Jesse James. Die alte James-Bande war durch diverse Misserfolge arg dezimiert und schließlich aufgelöst worden, Jesse James selber war angeschlagen. Stark paranoid soll er zum Schluss gewesen sein. Vielleicht ein Grund, warum er sein Vertrauen ausgerechnet den Ford-Brüder schenkte. Jungs, die keinen Funken Erfahrung hatten. Am Ende wurde der Held eiskalt von hinten erschossen.

Der Film nähert sich dem Geschehen mit einem Off-Kommentar, dieser wird als Brücke immer wieder zu hören sein. Wir befinden uns zu Zeiten der zweiten James-Bande, die Fords sind neu dabei, und Robert versucht, den älteren der James-Bruder zu überreden, beim nächsten Überfall mitmischen zu dürfen; Jesse sitzt derweil am Lagerfeuer. Ruhig lässt Andrew Dominik diese Szene ablaufen, sein Darsteller Casey Affleck bekommt Raum, seinem Charakter eine erste Richtung zu geben: Robert Ford ist eine bemitleidenswerte Gestalt, ein jämmerlicher Taugenichts auf der Suche nach Anerkennung, man fühlt sich augenblicklich beschämt von den Anbiederungsversuchen gegenüber James. Hartnäckig ist er jedoch. Gespenstisch ist jene Ruhe, mit der Dominik diese Szene und seinen gesamten Film ablaufen lässt. Langsam manifestiert sich diese Zweierkiste James/Ford, diese tödliche Tragödie. Wo Hollywood sonst Wut und brodelnde Emotionen setzt, gibt’s hier schmerzhaft spannende Duelle der Nuancen.

Intellektuell wäre der Jesse James des Brad Pitt diesem Nichts von Typ heillos überlegen. Aber Brad Pitts Jesse James ist nicht viel besser dran als sein Widerpart. Die ewigen Überfälle, Schusswechsel, Fluchten, Morde, sie haben der Seele dieses Mannes arg zugesetzt. Zerfressen von Paranoia, belastet mit Krankheit und der Versehrtheit alter Verletzungen. Wenn es Winter ist in Missouri, und das ist es in diesem Film oft und lange, kann man kaum glauben, dass dieser kärgliche Typ auf dem Pferd ein Held für Tausende und ein berüchtigter Mörder ist. Andrew Dominik und Brad Pitt demontieren diesen rauen Helden komplett. Ein Affront in einem Land, in dem nach Gott gleich die Superhelden kommen. Aber wie war das? Sind Amerikas Helden nicht immer auch Selbstbildnis? Und ist es nicht so, dass diese stolze Nation derzeit eher am Boden denn an der Weltspitze liegt? Die Wunde im Herzen New Yorks ist noch frisch, und dieser elendige Krieg in der Ferne zerfrisst das Land. Jenes Land, das für diesen Krieg seine Ideale vergessen hat. Ideale? Jesse James ist Familienvater, ein gebildeter Mann mit Ehrgefühl. Man kommt nicht umhin, ihm Stil und Noblesse zuzubilligen. Doch diese Fassade blendet zu stark im Schnee von Missouri. Vor allem bei einem Mann, der den Finger immer am Auslöser zu haben scheint, für den Misstrauen zum Wahn geworden ist.

Robert Ford sieht dies alles nicht. Oder doch? Er will jenen großen Helden sehen, der in den Geschichten beschrieben ist. Diese Ikone, sein Idol. Die Ähnlichkeiten allein sind doch schon frappierend, die er alle aufzählen kann. Und die ihm sein Idol mit einem lässigen Wink aus der Hand schlägt. War es Wut über die fortwährende Ablehnung, über die Unerreichbarkeit, die Robert Ford zum Paktieren mit dem Gouverneur von Missouri, Thomas T. Crittenden veranlasste? Oder doch so etwas wie Aufrichtigkeit und Unrechtsbewusstsein? Oder pure Geltungssucht? Casey Affleck legt seinen Charakter auf großartige Weise ambivalent an. Dies alles kann Triebfeder für das Handeln des Robert Ford sein, aber im nächsten Moment scheint es genauso unmöglich, dass sich diese Figur überhaupt aus ihrer ehrfürchtigen Erstarrung lösen kann, ja sogar eine Waffe benutzt und tötet. In diesem 160 Minuten andauernden Gefecht, in dem sich bei dröhnender Stille ein Machtkampf ums nackte Überleben zwischen James und Ford entspinnt, zerreisst dieses Duell den Zuschauer beinahe. Selten gelingt es überhaupt bei irgendeinem Film, ganz egal ob Hollywood oder sonst woher, eine derart innere Spannung und Dichte zu erzeugen, wie sie bei DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD erfahrbar ist.

Ästhetisch liefern Andrew Dominik und sein Kameramann Roger Deakins einen wunderschönen, düsteren Film ab. Melancholische Grundstimmung, getragen von großartigen Bildern: Deakins benutzt desöfteren kaputte oder fehlerhafte Glasfragmente vor der Kamera, bricht den Blick und das entstehende Bild - metaphorisch aufgeladene Bilder von Landschaften mit bedrückender Schönheit. Die Welt des Jesse James ist gezeichnet, der Bürgerkrieg hat seine Schatten hinterlassen, gleichzeitig sorgt die zunehmende Industrialisierung für tief greifende Veränderungen. Dies ist kein Western mehr. Und Jesse James wirkt wie ein Relikt aus vergangener Zeit zwischen wachsenden Städten und entseelter, winterlicher Ödnis. Das scheint er zu ahnen, ist er doch immer auf dem Laufenden, liest aufmerksam die Zeitungen. Ein alter Mann, obwohl gerade mal 35 Jahre alt. Schlussendlich steht Jesse James auf einem Stuhl, unbewaffnet, um ein Bild abzustauben. Hinter ihm die Ford-Brüder.

Ob DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD zum Klassiker der Kinogeschichte taugt, wird letzten Endes nur die Zeit zeigen. Der Autor dieses Textes wiederum ist, aller kritischen Distanz zum Trotz, geneigt, diesen Streifen in diese Sphären zu heben, ganz persönlich gesehen: Zu großartig ist das Spiel seiner beiden Hauptdarsteller, annähernd einzigartig für das heutige Kino ist die atmosphärische Dichte und die dramaturgische Ruhe, welche eine fesselnde Intensität erzeugt. Dieser Film wirkt lange nach. Man vergisst ihn nicht, wenn man das Kino verlässt. Dies ist kein fröhlicher Streifen, im Gegenteil, er ist melancholisch und bedrückend. Er ist großes, karges Erzählkino, getragen von fantastischer Musik, getaucht in wunderschöne und seltene Kinobilder, die man so auch nur im Kino genießen kann. Man staunt etwas ungläubig darüber, dass die Traumfabrik noch derlei Filme hervorbringt. Filme jenseits profaner, an Kurzweiligkeit ausgerichteter Unterhaltungsware. Auch deshalb geht dieser Film, in den Augen des Autors, als wichtiger Streifen in die Kinogeschichte ein, weil er den Nachweis darüber führt, dass Hollywood noch Film und Kunst miteinander zu verbinden weiß.

Zeige- oder Mittelfinger?

SICKO

Man kann Michael Moore für seinen unverhohlenen Populismus kritisieren. Man kann gegen ihn argumentieren, ihm Fehler und Ungereimtheiten nachweisen. Ihn verteufeln und verklagen. Aber eines lässt sich einfach nicht bestreiten: Er trifft den Nagel immer auf den Kopf! Michael Moore ist die Feuerwehr, die nicht zum Löschen kommt, sondern noch ein paar Kanister Benzin in die Flammen wirft. In seinem Film SICKO beweist er dies erneut.

Dass das amerikanische Gesundheitssystem nicht das allerbeste ist, wissen die Europäer und jene 50 Millionen Amerikaner, welche nicht einmal eine Krankenversicherung besitzen.
Die anderen, knapp 200 Millionen, bekommen dies immer dann zu spüren, wenn sie von ihrer Krankenversicherung böse Briefe über nicht genehmigte Krankentransporte erhalten; Krankentransporte in einem Rettungswagen direkt vom Unfallort ins Krankenhaus. 
Wenn sie vom Arzt gefragt werden, für welchen frisch amputierten Finger sie sich das Annähen leisten können. Oder wenn eine Mutter mit ihrem schwerkranken Baby aus dem Krankenhaus geschickt wird, weil sie nicht die richtige Krankenkasse besitzt.

Immer dann wissen die Amerikaner, dass da etwas nicht stimmt. Michael Moore wusste das auch, und er hat einen Film darüber gedreht. SICKO, abgeleitet vom englischen "sick" für krank, beschreibt jene oben genannten Fälle und noch viele weitere. Skandalöse Zumutungen offenbaren sich dem Zuschauer, bei denen auch eine journalistisch fundierte und zurückhaltende Berichterstattung nichts daran ändern würde, dass hier Menschenleben gegen Geld aufgewogen werden.
Das amerikanische Gesundheitssystem wurde unter Ronald Reagan vollständig privatisiert, lässt uns Moore lernen. Krankenkassen arbeiten nach dem Prinzip der Kapitalmaximierung und tun vieles für gesunde Bilanzen und stimmige Aktienkurse, aber wenig für ihre Kunden. Diese fürchten, bei schweren Erkrankungen nicht selten auf den Behandlungskosten sitzen zu bleiben, weil ihre Kasse irgendeine belanglose Erkrankung (die Jahre zurückliegt) als verheimlichte Vorbelastung einstuft, welche sie per Vertrag von der Kostenerstattung befreit.

Moore musste offenbar nicht tief graben oder lange recherchieren: Einem Aufruf auf seiner Homepage folgten zehntausende Mails Betroffener. Er kann aus dem Vollen schöpfen und bekommt den Durchschnittsamerikaner vor die Kamera, welcher gerne Auskunft erteilt. Und nicht nur der: Auch ehemalige Versicherungsangestellte erläutern die Machenschaften ihrer Ex-Arbeitgeber bereitwillig. Moores Populismus ist von hinterhältiger Natur: Drei 9/11-Rettungskräfte sehen ob ihrer freiwilligen Teilnahme an den Bergungsarbeiten keinen Cent vom Staat, obwohl sie unter starken psychischen und physischen Spätfolgen der Rettungsarbeiten leiden. Michael Moore lädt sie einfach auf ein Boot und verschifft sie nach Kuba, wo sich das kostenlose Gesundheitssystem selbstverständlich auch um die Besucher aus Amerika kümmert. Nachdem ihnen am einzigen Ort Amerikas mit kostenloser Rundumversorgung der Zugang verweigert wurde: Guantanamo Bay. Hier wird dem Affen richtig Zucker gegeben und die patriotisch-gestimmte amerikanische Volksseele zum Brodeln gebracht; Skandal total.

Aber trotzdem ist Mr. Moore ruhiger geworden. Den ganzen Film durchzieht eine ernste Nachdenklichkeit, man könnte es sogar Zweifel nennen. Die Zeiten, in denen er nur draufhaute scheinen vorbei. Er sucht nach Auswegen, das allerdings dann wieder bewusst naiv und oberflächlich, womit sich die reichlich blauäugige Sichtweise auf Kanadas oder Europas Gesundheitssystem erklären ließe. Würde er tiefer schürfen wollen, wären die Wehwehchen und Blessuren der europäischen Krankenversorgung auch für ihn unübersehbar. Man muss allerdings konstatieren, dass der Unterschied zwischen Europa und Amerika diesbezüglich schon groß ist.

Michael Moores SICKO: Ein guter, aber durchschnittlicher Film, genauso wie sein „Fahrenheit 9/11“. Die Virtuosität, mit der er auf seine ureigene, treffsichere Art in „Bowling For Columbine“ zu Werke ging, ist bei SICKO größtenteils raus. An Zielsicherheit fehlt es Moore dabei definitiv nicht, aber der Weg zum Ziel ist für ihn merklich länger geworden. Dem einsamen, lautstarken Rufer im Wald geht allmählich die Puste aus; vielleicht ist es Resignation, vielleicht Ermüdung. Auch ein Michael Moore ist irgendwann am Ende seiner Kräfte. Hoffentlich hat er eine gute Krankenversicherung.
Pasta statt Fischstäbchen



REZEPT ZUM VERLIEBEN; Sehenswert mit 55%!


Amerikanische Neuverfilmung von Sandra Nettelbecks „Bella Martha“ (2001): Eine Frau mittleren Alters arbeitet als erfolgreiche Küchenchefin in einem Nobelrestaurant in New York. Ihre Arbeit ist ihr Ein und Alles und ihr Leben ganz dem Beruf gewidmet. Als ihre Schwester stirbt, muss sie plötzlich für ihre junge Nichte sorgen. Wärend sie versucht, eine Zwei-Frauen-Familie in Gang zu bekommen, übernimmt ein junger, charismatischer Nachwuchskoch ihren Posten und hat schnell die Küchenbrigade auf seiner Seite, sehr zum Mißfallen der Chefköchin. Aber die anfänglichen Gräben werden schon sehr bald für eine kleine Romanze zugeschüttet.

Ganz und gar den amerikanischen Erzählkonventionen der romantischen Komödie verpflichtet, flimmert ein starbesetzter Streifen über die Leinwand, der sämtliche tiefergehenden Themen der deutschen Vorlage effektiv ignoriert oder allenfalls kurz zitiert. Lediglich das Verhältnis Tante/Nichte vermag kurzzeitig genaueres Interesse zu erregen, bevor es geradewegs den Weg alles Narrativen geht und Kurs aufs Happy End nimmt. Aalglatte Popcorn-Unterhaltung, die frohgelaunt ihre Geschichte runterrattert und einen frohgestimmt aus dem Kinosessel entlässt, sofern man mit Filmen dieses Genres etwas anfangen kann. Sehenswert.

Haus, Hof & Federboas



FARMER JOHN - MIT MISTGABEL UND FEDERBOA; Annehmbar mit 48%!
 

Dokumentation über das Leben und Schaffen des Landwirts John Peterson im mittleren Westen der USA. Von jeher aus der Reihe schlagend, wird ihm seine liberale, freiheitliche Grundhaltung (die ihn seinen Hof zeitweise in ein kleines, hippieskes Paradies verwandeln lässt) mit der Zeit zum persönlichen und wirtschaftlichen Verhängnis, das ihn, vor dem Hintergrund des Höfesterbens im Herzen der USA, beinahe das gesamte Land und den Hof kostet. Erst mit der Umstellung auf eine naturnahe, ökologische Landwirtschaft seit der Jahrtausendwende wendet sich das Blatt. Das fortwährende Aussterben der Landwirtschaftsbetriebe zwingt aber auch alte Feinde und argwöhnische Nachbarn zum Umdenken und setzt einen Versöhnungsprozess in Gang. 

Seinen Protagonisten ganz in den Mittelpunkt stellend, dokumentiert der Film zwar dezidiert eine außergewöhnliche Persönlichkeit, mutet dem Zuschauer im weiteren Verlauf aber auch teils erhebliche Redundanzen und Allgemeinplätze zu und provoziert mitunter Langeweile und blankes Desinteresse. Lediglich die Passagen, in denen den Menschen und Traditionen dieses besonderen Fleckens Erde das Augenmerk geschenkt wird, bringen einen gewissen Erkenntnisgewinn. Wenn sie auch viel zu selten vorkommen, um einen genaueren Eindruck vermitteln zu können. Schade. Annehmbar.

Roter Schnee



DIE REGELN DER GEWALT - THE LOOKOUT; Sehr Sehenswert mit 85%! 


Chris Pratt war einmal der Star des High-Shool-Eishockeyteams. Gutaussehend, erfolgreich, klug; der Star der Schule. In einer verhängnisvollen Nacht führen Übermut und Selbstüberschätzung zu einem tragischen Autounfall. Jahre später ist Chris noch immer vollkommen verwandelt, das Gedächtnis des jungen Mannes ist durch den Unfall nachwievor beeinträchtigt. Seinen Tagesablauf regelt ein Notizblock, in den er allerhand wichtige oder merkenswerte Dinge einträgt. Er lebt mit einem blinden Mann zusammen, der für ihn eine Art Ersatzvaterschaft übernommen hat; seine eigenen Eltern scheinen seit dem Unfall auf Distanz zu ihrem, ehemals mustergültigen, Sohn gegangen zu sein. 

Der junge Sportstar ist jetzt ein gebrochener Mann, der des Nachts als Reinigungskraft in einer Bank arbeitet. Immer wieder, auf dem Weg zur Arbeit, fährt er an jener Stelle vorbei, an der sein Leben auf den Kopf gestellt wurde: Ein einzelnes Straßenschild im schneeverwehten Nirgendwo, irgendwo im ländlichen Amerika. Ein Landstrich, der von Landwirtschaft geprägt ist und der einmal im Jahr eine ganze Menge Geld sieht. Immer dann, wenn die Bauern von ihrer lokalen Bank die Jahresauszahlungen erhalten. Auch auf Chris‘ Bank kommt dieser wichtigste Tag im Jahr zu. Grund genug für eine Gruppe von Männern, sich an die Fersen von Chris zu heften und ihn für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Zu ihrer Freude steigt der junge Kerl voll auf die Verführung zum Bankraub ein.  

Joseph Gordon-Levitt ist gerade mal 26, aber seine Schauspielkarriere kann sich bereits sehen lassen, zählt sie doch bereits mehrere Dutzend Auftritte in Fernseh- und Kinofilmen. Schon als kleiner Junge stand er vor der Kamera. Das deutsche Publikum konnte ihm zuletzt in Rian Johnsons außergewöhnlichem Thriller-Drama BRICK begegnen. Ein kleiner Film-Noir im High Shool-Milieu, der vor Coolness und Egozentrik nur so platzte. Gordon-Levitt spielte darin die Hauptrolle, den Außenseiter Brendan, der den Tod an seiner Ex-Freundin zu klären versucht und dabei in einen Sumpf aus Drogen und Intrigen gerät. Die Rolle des Exoten steht ihm. Chris Pratt und Brendan verbindet einiges. Sie sind - mehr oder weniger notgedrungen - Einzelgänger. Smarte Köpfe, aber zu intelligent, um mit der Mehrheitsgesellschaft so einfach mitgehen zu können. Die Einsamkeit steht ihnen ins Gesicht geschrieben, doch ihrer Isolation können sie kaum entfliehen. Nur Außenseiter, wie sie es selber sind, taugen als Gefährten. In BRICK ist es "The Brain", ein hyperintelligenter Alleswisser mit Hornbrille. Hier, in THE LOOKOUT, ist es sein blinder Ersatzvater Lewis, der seine Blindheit gekonnt mit einem gerüttelt Maß an Alltagsweisheit und Humor zu überblenden versteht. Chris hört allerdings nicht auf seine Warnungen vor den neuen Freunden. 

THE LOOKOUT ist ein kleiner, vom Stilwillen seines Regisseurs geprägter Streifen. Düster und matt sind die Bilder gehalten, es scheint fast, als ob sie Chris' Leben auf diese Art widerspiegeln sollen. Sieht sein Leben seit dem Unfall auch eher aus wie ein dauerhafter, wirrer Alptraum; komatös. Ein großes Stil-Vorbild kann dieser Film nicht verleugnen: FARGO, von den Coen-Brüdern. Geld, ein perfekter Plan um an das Geld zu kommen und der Winter in einer gottverlassenen Gegend. Aber wo die Coens die ihnen eigenen kauzig überdrehten Blüten tupfen, schlägt Scott Frank wesentlich nachdenklichere Töne an und erdet seinen Film als kleines Thriller-Drama um jugendliche Selbstüberschätzung, die Überwindung schwerer Traumata und das Leben mit entsetzlicher Schuld. Sehr Sehenswert. 

Fingerübung


ZIMMER1408; Annehmbar mit 46%!

Ein Autor von Mysterie- und Gespenster-Sachbüchern begibt sich zur Recherche für sein neues Buch über Grusel-Hotels nach New York und in ein altes Hotel, in dessen Zimmer 1408 seit Eröffnung des Hauses über 50 Menschen unter merkwürdigen Umständen ums Leben kamen. Trotz vehementer Warnungen des Hoteldirektors zieht er in das Zimmer ein und erlebt schon nach kurzer Zeit unschöne Wunder, an die er selbst bisher nicht glauben wollte.
Leidlich unterhaltsamer Gespenster-Grusel-Streifen, der dem abgeschmackten Genre nichts Neues oder Überraschendes abgewinnen kann. Handwerklich solide inszeniert, flimmert eine kleine, unscheinbare Genre-Fingerübung über die Leinwand, die am ehesten noch durch das aufopfernde Spiel seines Hauptdarstellers John Cusack zu interessieren vermag. Annehmbar.

Annähernd nicht existent

YELLA

Zwei Liebende aus verschiedenen Welten: Da ist Sie, Yella, die Schöne aus dem Nirgendwo im Osten Deutschlands. Und Er, Philipp, der Gerissene aus dem Nirgendwo Gesamt-Deutschlands - ein Handelsreisender im Auftrag des Risikokapitals. In einer Stadt, einer gespenstisch lebensfern aussehenden Stadt, treffen sie aufeinander. Sie wollte ihren neuen Job und bekam nur das, wovor sie von Zuhause geflohen war: Ruin. Er will Geld machen. Aber dafür gibt er zuerst Geld aus; an Firmen, die eigentlich kein Geld mehr bekommen sollten, deren Ideen und Geschäftsmodelle sich verflüchtigten, bevor sie überhaupt marktfähig werden konnten.

Ein Hotel ist der Ort ihrer ersten Begegnung, ein Ort ohne Vergangenheit, stetiger Wechsel bestimmt ihn. Ständig neue Menschen, Figuren, Schatten. Bilanzen? Yella hat Erfahrung mit Bilanzen: Wieviel, das bekommt Philipp erst mit, als er wieder einer dieser Firmen Geld geben soll. Aber Yella hat die Zahlen des zukünftigen Sterns am Wirtschaftshimmel längst durchschaut: Hier gibt es nichts zu holen, alles ist Schein, alles nur Pose. Philipp ist von der eloquenten, gutaussehenden Frau angetan.

Yella hat ein Problem: Ihr Ex-Mann läuft ihr nach. Seitdem sie ihre Heimat verließ, verlässt er sie nicht mehr, taucht des Nachts vor ihrem Hotelfenster auf, schleicht in ihr Zimmer. Und noch etwas irritiert sie, etwas Verstörendes: Der Blick ihres Vaters sprach Bände, als Yella das Angebot annahm und sich von ihrem Ex-Mann zum Bahnhof fahren lies. Jetzt wird sie es nicht mehr los, das "Fließen" in ihrem Ohr und die Krähe - Bote des Todes. In Philipp findet sie einen Gefährten, der Halt und Sicherheit verspricht und der eine Vision hat; etwas für die Zukunft, das Geld einbringt. Geld ist Yella an einem Mann wichtig. Deswegen hat sie ihren alten Mann verlassen, weil er alles Geld verloren hat. Eine letzte Firma muss Philipp noch erledigen, dann hat er genug zusammen, um die Koffer endgültig packen zu können. Yella versucht auf ihre Art, zu helfen: Das Analytische in ihr hat wie üblich erkannt, wo hier noch was zu holen ist. Doch Yellakommt der Tod erneut in die Quere.

Bonny und Clyde, nur ohne Waffen, das könnten Yella und Philipp durchaus sein. Ein Paar auf der stillen Überholspur des Geldrauschs. Sie kassieren, was zu kassieren geht, berauschen sich schnell daran - besonders die nüchterne Yella. Verspricht doch Philipps Traum unendliches Vermögen. Aber der Tod lauert den beiden auf. Und besonders Yella hat ungemachte Rechnungen offen, deren Schuldzins stetig steigt und der sich regelmäßig in Erinnerung bringt. Realität ist etwas anderes, hier hat es sich die Surrealität gemütlich gemacht. Christian Petzolds Abschluss seiner so genannten Gespenster-Trilogie ist erneut so ein seltsam fantastisches Artefakt der gescholtenen Berliner Schule. Mit YELLA erzählt er in steril-menschenleeren Kulissen eine Liebesgeschichte zweier annähernd nicht existenter Gestalten. Surrealismus im Deutschen Kino muss man sonst mit der Lupe suchen - Petzold serviert ihn frei heraus und in großartigen und gleichzeitig nüchternen Bildern. Von allen dreien, „Die Innere Sicherheit“, „Gespenster“ und YELLA, kommt letztgenannter dem Thema dieser großartigen Reihe wohl am nächsten. Menschen zwar, doch von ihrer Umwelt verschluckt, von sich selbst distanziert. Geister unserer Gesellschaft, wir riefen sie nicht, aber wir schufen sie durch das, was wir sind. Und los werden wir sie erst recht nicht. Schließlich sind sie Gespenster: Die Terroristen-Familie, die unbescholten in einer noblen Villen-Gegend überlebt, ohne auch nur ansatzweise wahrgenommen zu werden („Die Innere Sicherheit“). Das junge Mädchen und die Mutter, die ihre Tochter einstmals verlor - eine Tragödie und urbane Spukgeschichte zugleich („Gespenster“). Und schließlich die junge Frau und das Geld im Schattenreich der Zahlen und Bilanzen, der faulen Deals und des Betrugs, die in den Glashäusern des Kapitalismus gefangen ist (YELLA).
Petzolds geisterhafte Drei halten uns den Spiegel vor: Wir können darin die häßlichen Fratzen unserer Realität sehen. Glücklich können sich da die Gespenster schätzen, die kein Spiegelbild mehr haben. Beunruhigend und fantastisch zugleich.

Intelektueller Bankrott

SCHWESTERHERZ

Was bei diesem Film zuerst ins Auge fällt, ist der Stilwillen. Ein ausgeprägtes Bewußtsein für Ästhetik, Atmosphäre und Licht durchzieht den kompletten Streifen. Ebenso ein Auge für Bilder, für Umgebungen; für Lebensräume, die eigentlich keine sein können: Es sind jene Räume, wie man sie zu kennen meint: Kühl und durchdacht eingerichtet, teuer ausgestattet. Räume, von denen man nicht glaubt, dass man darin auch leben kann. Die Klassiker für die Figur "gefallener Karrieremensch", der Typus Mensch, den die Arbeit zum intellektuellen Bankrott getrieben hat. Deren Familien, so sie überhaupt existierten, längt gegangen sind. Und deren Freundeskreis aus dem gleichen Menschenschlag besteht wie sie selbst. Erfolg war und ist die Premisse, nur zu bekommen für den Preis des Selbstverrats. Bemerken tun sie das meistens zu spät.

Anne (Heike Makatsch) ist so ein Mensch, Anfang 30 ist sie und hat als Musikmanagerin gerade einem furchtbaren Tanzsong zum Durchbruch verholfen. Einmal zu oft, wie sich zeigen wird. Die Beziehung zu ihrem Freund definiert sich fast ausschließlich über Meinungsverschiedenheiten und Wortgefechte. Wörter wie Liebe oder Geborgenheit verkommen in dieser Beziehung zu Worthülsen. Sie kann ihm nicht sagen, dass sie einen Termin für einen Schwangerschaftsabbruch hat, oder will es vielleicht auch nicht. Der Urlaub mit ihrer jüngeren Schwester kommt da als Fluchtweg gerade recht. Marie (Anna-Maria Mühe) ist gerade 18 geworden. Es ist der erste gemeinsame Urlaub der beiden Frauen, die sich als Geschwister kaum kennen. Anne zahlt alles, quasi als Geburtstagsgeschenk. Spanien ist das Ziel, ein schickes Appartment mit Blick aufs Meer ihre Bleibe. Anne gibt sich mustergültig als große, bewundernswerte Schwester, mit Erfolg und Geld hat sie sich gut in ihrem Leben eingerichtet. Marie will sie ein Vorbild sein, vor allem wegen der naiven Zukunftspläne als Ingenieurin für Brunnenbau in Afrika.

Heike Makatsch und Johanna Ardorján zeichnen die beiden Hauptfiguren ihrer Geschichte reichlich holzschnittartig: Selbstbelügende Karrierefrau trifft auf unschuldig-naives Pendant und gerät in eine Sinnkrise. So kann man den Plott dieses Films in einem Satz zusammenfassen und trifft damit den Kern. Regisseur Ed Herzog bastelt daraus ein visuell und schauspielerisch sehenswertes Drama, das allerdings erheblich unter seiner dünnen, vorhersehbaren Grundgeschichte leidet: Annes zunehmende Gereiztheit, die durch eine Urlaubsromanze Maries, sowie die langsam dämmernde Erkenntnis über die eigene, scheinbar ausweglose Lage ausgelöst wird, läßt das Verhältnis der beiden Geschwister schließlich erwartungsgemäß in einem Konflikt und dramatischen Höhepunkt kulminieren, der knapp am Tele-Novela-Niveau vorbeischrammt und die wenigstens ehrliche Geschichte beinahe zum Kippen bringt. Am Ende jedoch vermag das Drehbuch doch noch ein kleines Ausrufezeichen zu setzen, so dass man, wenn auch nicht vollends mit den Autorinnen versöhnt, zumindest besänftigt ist.

Basketball & Bat Mizwa

MAX MINSKY UND ICH

Nelly Edelmeister, ein smartes Mädchen von 13 Jahren. Sie ist eine ausgemachte Streberin, hat eine Vorliebe für Astronomie und den gutaussehenden Prinzen von Luxemburg. Das alljährliche Schul-Basketballturnier des Zwergstaats bietet die Chance, dem Prinzen hautnah zu begegnen. Problem nur, Nelly hat keinen blassen Schimmer von Basketball. Nebenbei nervt ihre Mutter auch noch mit ihrer anstehenden Bat Mizwa. Zufällig entdeckt Nelly, dass ein junger Typ in ihrer Nachbarschaft in dem gut ist, was sie überhaupt nicht kann: Basketball spielen. Nelly sieht ihre Chance gekommen und fädelt einen geheimen Deal ein: Hausaufgaben gegen Basketball-Unterricht. Max Minsky willigt ein.

Regisseurin Anna Justices Kinodebüt ist ein lupenreiner, unterhaltsamer und glaubwürdiger Jugendfilm bzw. eine Coming-of-Age-Story. Nach der Romanvorlage "Prinz William, Max Minsky und Ich" von Holly-Jane Rahlens (die sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet), erzählt sie über die erste Liebe und das Übernehmen von Verantwortung für das eigene Leben: Bei Nelly droht die Trennung der Eltern, und Max wird als Scheidungskind hin- und hergereicht. Wenn die Erwachsenen ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommen, sind die Kids ihre eigenen Chefs. MAX MINSKY UND ICH, das ist Gesellschaftskritik auf Augenhöhe mit der Zielgruppe. Die sympathischen Hauptdarsteller Zoe Moore (Nelly) und Emil Reinke (Max), tragen das Ihrige dazu bei, den Zuschauern klar zu machen, wo der Hase begraben liegt.

Auffallend sind in diesem Film die Nebendarsteller, die kurzerhand ein kleines Starensemble vereinen: Monica Bleibtreu als Nellys spleenig weise Tante, Jan Josef Liefers als Nellys Vater und Adriana Altaras als Nellys Mutter. Zurückgenommen, aber im wahrsten Sinne des Wortes als "Supporting Actors" begleiten sie Zoe Moore und schaffen eine symbiotische Personenkonstellation bzw. eine glaubhafte Leinwandfamilie, die ihrerseits mit schmerzhaften Brüchen und Veränderungen umgehen muss. So auch mit Nellys Verweigerung der Bat Mizwa, der "jüdischen Jugendweihe". Der beiläufige oder besser gesagt alltägliche Umgang mit jüdischer Kultur und jüdischem Alltagsleben ist einer der Höhepunkte dieses Streifens und der Beweis, dass ein deutscher Film über jüdisches Leben zum Glück auch frei von Phylosemitismus oder skurril-komödiantischen Einfärbungen (Alles auf Zucker) erzählen kann was Anna Justice und Holly-Jane Rahlens nicht hoch genug anzurechnen ist. MAX MINSKY UND ICH, ein sympathisches, glaubwürdiges und von sehr guten Darstellern getragenes Feel-Good-Movie, das seine Themen unmißverständlich zu erzählen versteht.

Inne halten

SAINT JACQUES -
PILGERN AUF FRANZÖSISCH

Wandern gilt als eine der Königsdisziplinen unter den Leibesübungen. Zudem ist sie Jahrtausende alt. Was unsere Vorfahren noch gezwungenermaßen oder als Prüfung auf dem Weg zu Gott über sich brachten, ist heute Trendsport. Manchmal aber auch nicht: Clara, Claude und Pierre beschreiten einen der bedeutendsten Wander- bzw. Pilgerstrecken Europas nur äußerst widerwillig. Gemeinsam den Jacobsweg zum Grab des Apostel Jakobus wandern, das ist die Auflage, die die verstorbene Mutter ihren drei Kindern hinterlässt, bevor sie sich das Erbe teilen können. Problem an der Sache: Die drei Geschwister können sich auf den Tod nicht ausstehen und das Wandern erst recht nicht, doch ohne Pilgern kein Geld.
Clara ist eine gestresste Lehrerin, Claude ein Alkoholiker und Pierre umtriebiger Geschäftsmann. So unterschiedlich sie sind, so sehr sie sich hassen, so schlimm ist der Gedanke an gemeinsame Wochen in der menschenleeren Pampa zwischen Frankreich und Spanien.

Doch in ihrer Pilgergruppe angekommen, merken sie schnell, dass sie nicht die einzigen mit Problemen sind. Aber bis sich diese Erkenntnis durchsetzt, werden die drei erstmal zum Problem für die anderen.
Coline Serreaus kleine Tragikomödie SAINT JACQUES - PILGERN AUF FRANZÖSISCH gehört zu den kleinen Schätzen im Kinosommer 2007. Ihr Film erzählt über die Folgen von persönlicher Entfremdung, über den Wert von Gemeinsamkeit und die Kraft, die in Familien steckt. Dabei beweist Serreau einen genauen Blick für Typen und Charaktere und vor allem für das Menschliche an sich. Anders als der Titel vermuten lässt, ist SAINT JACQUES kein religiöser Film. Im Gegenteil, Glaube im religiösen Sinne spielt hier nur in Form der Kulisse des Pilgerwegs eine Rolle. Serreau sind die Menschen viel wichtiger: Die Art wie sie miteinander umgehen, voneinander profitieren oder durch den anderen leiden. Wie der Einzelne durch die Gruppe beeinflusst und verändert wird - in diesem Fall zum Besseren. Einer kleinen Versuchsanordnung gleich, prallen ihre Figuren aufeinander und interagieren fleißig; anfänglich terrorisieren sie sich selbst und ihre Mitwanderer jedoch. Parabeln auf unser Weltgeschehen gibt es in diesem Streifen zu Hauf.

Metaphern unterdessen visualisiert Serreau bereits im Film: Fortwährend bricht sie die Handlung auf und fügt kleine, artifizielle Traumsequenzen ein: Den Figuren in den Kopf geschaut. In diesen wunderschönen, kleinen Kinomomenten zeigt sich die Verbundenheit Serreaus mit dem Theater, die eingehüllt wird von großen, nicht minder schönen Kinomomenten, in denen die Kamera aus der Gruppe ausbricht und sich Zeit für die fantastische Landschaft entlang des Pilgerpfads nimmt. Bilder, die so nur der Kinofilm zustande bringt und die Zuschauer wie Figuren für einen kurzen Moment innehalten lassen. SAINT JACQUES - PILGERN AUF FRANZÖSISCH ist ein kleines, wundervolles, zutiefst menschliches Feel-Good-Movie, das seine Zuschauer auf eine Pilgerreise zu sich selbst schickt.

Innere Stärke

HALLAM FOE

Ein kleines Drama übers Erwachsenwerden und den Verlust der eigenen Mutter. Der junge Held bricht aus aus seinem Leben und flüchtet in die Großstadt. Vor der wunderschönen Kulisse Edinburghs inszeniert David Mackenzi einen kleinen, geerdeten und zwischen Drama und Feel-Good-Movie changierenden Streifen rund um die sympatische Titelfigur Hallam Foe.

Seine Mutter brachte sich um, worüber Hallam nicht hinwegkommen kann. Er überträgt seine Trauer in ein eigentümliches Hobby, bei dem er alles und jeden beobachtet und darüber Buch führt. Seine Stiefmutter hasst Hallam abgrundtief, mehr noch: Er verdächtigt sie des Mordes an seiner Mutter. Als der Konflikt zwischen ihm und seiner Stiefmutter eskaliert, nimmt Hallam Reißaus. Doch ohne Geld und Bleibe gerät er in Edinburgh schnell in Schwierigkeiten. Als ihm eine junge Frau über den Weg läuft, die seiner Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht, tut sich eine Gelegenheit auf. Doch der Job ist nicht das Wichtigste, Hallams Interesse ist anderer Natur. Er bezieht erneut Beobachtungsposten.

Jamie Bell spielt diesen jungen, innerlich verletzten Typen. Unweigerlich fühlt man sich an seine Debüt-Rolle aus BILLY ELLIOTT - I WILL DANCE erinnert, denn beide Figuren (Hallam & Billy) vereinen Unschuld, Verletzlichkeit und innere Stärke. Sie sind Außenseiter in einer Umwelt, die sie nicht oder nur schwer verstehen kann oder will. Bell ist dafür die Paradebesetzung, nicht nur wegen seiner gutaussehenden, sympatischen Unschuldsmiene. Sondern vor allem, weil es ihm gelingt, die Facetten dieser verschlossenen Einzelgänger zwischen Tragik und Mut, Revoluzzertum und Überraschtsein über die eigene Courage darzustellen.

HALLAM FOE überzeugt dank seines bestens aufgelegten Hauptdarstellers und einer einfühlsamen Inszenierung als lupenreines Coming of Age-Drama, dass sich mehr als wohltuend vom bisherigen Arthouse-Einerlei des Filmjahres 2007 abhebt.

Antithese zur Hoffnung

28 WEEKS LATER

Zombiefilme können unglaublich trist und banal sein. Und die Menge an verspritztem Filmblut liegt mitunter gleichauf mit der unfreiwilligen Komik des Geschehens: Beide finden sich dann auf einem höheren Level wieder. Doch Zombiefilme bzw. Splatter- und Horrorfilme verfügen über eine Qualität, die man in anderen Genres nicht findet. Und dabei spielt es zur Abwechslung keine Rolle, ob es sich dabei um eine Großproduktion a la Hollywood handelt, oder um kleine Filmkunst aus Südkorea oder Deutschland: dem Genre der Splatterfilme scheint ein feiner Seismograph für gesellschaftliche Ausnahme-FEHL-entwicklungen innezuwohnen. Schnell und unverblümt thematisieren und implementieren sie jene Themen, die in der schnellebigen Medienwelt unter der Rubrik "It bleeds, it leads" zusammengefasst werden: Mord, Terror, Krieg, Folter und Seuchen! Die Menschheit jenseits der zivilisatorischen Decke, die unser Zusammenleben überhaupt erst ermöglicht; das ist das Thema. In jüngster Vergangenheit, genauer seit 9/11 und dem Irak-Feldzug, kann man eine Flut neuer Splatterfilme in den Kinos beobachten. Fast ausnahmslos kommen sie aus den USA, dem Filmland, das neben Japan abonniert auf jenes Gruselkino zu sein scheint.



Wo im Jahr 2006 die Neuverfilmung von THE HILLS HAVE EYES noch dem mordlüsternden Outlaw irgendwo im Nirgendwo huldigte, der junges Gemüse nach Herzenslust meuchelte, setzte HOSTEL 2005 bereits markant andere Töne: Der Folterfilm war zurück. Und der Skandal um Gefangenenmißhandlungen im US-Gefängnis Abu-Ghuraib noch nicht wirklich verdaut; Guantanamo erst recht nicht. Aber schon 2002 ebnete ein Streifen diesen Splatterfilmen den Weg zurück auf die Leinwände der Multiplexe: 28 DAYS LATER, Danny Boyles apokalyptischer Zombiefilm. Militante Tierschützer befreien Affen aus einer Forschungsanstalt, nicht wissend, dass diese Tiere einen tödlichen Virus in sich bergen. Einmal mit dem Virus in Kontakt, verwandeln sich Menschen binnen Sekunden in blutrünstige Untiere, die alles meucheln, was ihnen in die Quere kommt. Binnen 28 Tagen ist die Millionenstadt London ausgestorben.

28 Wochen später. Von den ehemals 60 Millionen Menschen, die das Vereinigte Königreich bevölkerten, hat kaum jemand überlebt. Lediglich einige Hundert, die sich zur Zeit des Ausbruchs im Ausland befanden, sowie Wenige, die sich verstecken konnten, kehren in einen streng abgeriegelten Bereich der Londoner Innenstadt zurück. Das US-Militär unter NATO-Mandat hat England besetzt und in London eine sichere, grüne Zone geschaffen, in der die restlichen Briten den Neuanfang wagen sollen. Rundherum gilt die Insel weiterhin als unbewohnbar, wenngleich der letzte Infizierte – mutmaßlich - vor Monaten verhungert ist. Unter den Zurückkehrenden ist auch ein junges Geschwisterpaar, Andy und Tammy Harris. Ihre Eltern, Don und Alice Harris, konnten bis zuletzt versteckt auf der Insel überleben, bis auch sie überfallen und ihre Mutter infiziert wurde, während ihr Vater in letzter Sekunde vor der Horde von Menschenmonstern flüchtete. Regisseur Juan Carlos Fresnadillo lässt seinen Film mit jener Sequenz des Überfalls beginnen und setzt hierbei die Hauptthemen des Films fest: Blut und Flucht. Wer nicht schnell genug flüchtet, wird zum Blutspeienden, wilden Monster. Eine formale Auffälligkeit des Streifens drängt sich schon hier in den Vordergrund, nutzt Fresnadillo doch Kameraflüge mit besonderer Vorliebe für seine Inszenierung.

Der Vater der Kinder arbeitet jetzt als Hausmeister in der grünen Zone. Die beiden Geschwister werden von der jungen Militärärztin Scarlet in Empfang genommen, die schockiert darüber ist, dass auch Kinder zurückkehren dürfen. Und sie hat guten Grund schockiert zu sein. Die Kids brechen aus der Hochsicherheitsfestung aus, um ihr altes Wohnhaus aufzusuchen. Doch die menschenleer geglaubte Stadt hält auf dem Dachboden ihres Elternhauses eine Überraschung parat, die das ganze Projekt des Neuaufbaus zu Nichte macht. Und wie zu Beginn heißt es erneut, entweder du flüchtest, oder du siehst Blut. Haken an der Sache ist, die Kinder und ihre Ärztin müssen vor jedem flüchten: Dem Militär und den frisch Infizierten, darunter auch ihr Vater.
28 WEEKS LATER knüpft souverän an seinen Vorgänger an. Dem jungen Regisseur Juan Carlos Fresnadillo gelang hierbei ein beunruhigender, blutiger Schocker, der filmästhetisch einige Schauwerte anbieten kann. Kameraflüge beherrschen den Film und geben dem Zuschauer immer wieder Verschnaufpausen vom Grauen auf den Strassen. Bezeichnenderweise wird ein Helikopterpilot einer der letzten Überlebenden und Rettung sein. 

Doch Fresnadillo und seine Co-Drehbuchautoren demontieren auch diese Sicherheit schlussendlich bis aufs Blut. Sicherheit gibt es in diesem Streifen einfach nicht, weder für die Protagonisten noch für den Kinogänger. Die Bedrohung ist zu fundamental und jenseits militärischer Beherrschbarkeit. Wenn die Befehlshaber den Befehl zum Abschuss allen menschlichen Lebens geben, ganz egal ob mit dem Wut-Virus infiziert oder nicht, sind auch sie längst zu Monstern mutiert. Und das ganz ohne Virus im Blut. Ihr Virus heißt Angst und der setzt alle zivilisatorischen Mechanismen außer Kraft; entweder Du oder Es. Der Weg zu Bildern aus dem in Anarchie versinkenden Irak, ist im Kopf des Zuschauers nur noch ein kurzer. London geht in Flammen auf und bald ist der Rauch des Feuers von Giftgaswolken nicht mehr zu unterscheiden. Fresnadillo präsentiert diese apokalyptische Vernichtungsorgie erneut im Kameraflug, um dann aber doch klaustrophobisch zu werden: Die Kinder treffen auf ihren Vater, mitten in einem dunklen, mit Skeletten gesäumten U-Bahnhof. Und der Film kehrt quasi zum Anfang zurück, als ein kleiner Junge vor den Zombies im Versteck von Don und Alice Harris Schutz sucht: Seine Eltern sind auf der Jagd nach ihm. Kurz darauf übernehmen Stakkatoschnitte die Leinwand.

28 Monate später sollte es keinen Kinofilm mehr geben. Dieses Endzeit-Doublefeature aus 28 DAYS & 28 WEEKS LATER hat das Zeug zum zukünftigen Genreklassiker. Jede Fortsetzung würde dies ruinieren. Denn, wenngleich Fresnadillo und Co. eine unzweifelhaft heftige, beklemmende Geschichte vorlegen, sind die Limits des Grundplots bereits wahrnehmbar. Zombie bleibt eben Zombie, ganz egal, welchen Virus er in sich trägt und wie viele er tötet. Und höher als auf die Konfrontation von Eltern gegen die eigenen Kinder kann man Personenkonstellationen nicht mehr treiben, ohne dabei ins Aberwitzige abzustürzen.
Ein Virus, von Affen übertragen (AIDS und SARS grüßen aufs Schrecklichste), ein Land - eine der führenden Nationen der Welt - geht unter. Die Insel Groß Britannien als Menetekel. In Alfonso Cuaróns Endzeit-Epos CHILDREN OF MEN gab es wenigstens noch Hoffnung. Aber hier ist alles zu spät, hier hat selbst die Hoffnung nur Apokalypse im Gepäck. Sehenswert!

Klaffende Wunden

Die Liebe in mir - REIGN OVER ME

Bei den Anschlägen des 11. Septembers 2001 verloren etwa 3003 Menschen ihr Leben. Gibt man "9/11" in die Internetsuchmaschine Google ein, so erhält man 200 Millionen Einträge. Kaum ein Ereignis der jüngeren Geschichte ist derart massiv in den Fokus der Weltöffentlichkeit gedrungen, wie die Anschläge auf das World Trade Center. Und sechs Jahre später ist das Thema immer noch aktueller denn je, wenn die Nachrichten neue Attentate, Entführungen und Militäreinsätze in Afghanistan melden. Hollywood kommt an 9/11 selbstverständlich nicht vorbei. Die filmische Auseinandersetzung mit dem Thema brachte bisher Filme wie Oliver Stones Patriotismus geschwängertes Epos „World Trade Center“, oder Paul Greengrass schockierendes, aber gleichermaßen wichtiges Doku-Drama „United 93“ - Flug 93 hervor. 
Filme, die sich direkt mit den Anschlägen auseinandersetzten.

Die Auswirkungen der Attentate auf die Menschen und die Stadt New York blieben vom großen Hollywood-Kino bisher relativ unbeachtet. Lediglich Spike Lees fantastische filmische Allegorie „25th Hour“ - 25 Stunden - thematisierte das Post-9/11 New York. Sechs Jahre nach den Anschlägen schien die Zeit offenbar reif zu sein, für eine filmische Aufarbeitung der Hinterbliebenen-Schicksale. 

REIGN OVER ME (dt. Titel: DIE LIEBE IN MIR) was übersetzt soviel wie „Herrsche über mich“ bedeutet und dem The Who-Song "Love, reign o'er me" entlehnt sein dürfte, erzählt die Geschichte von Charlie Fineman (Adam Sandler), einem Zahnarzt aus Manhattan. Seine Frau und seine drei Töchter starben in einem der Flugzeuge, das die Twin Towers rammte. Seit den Anschlägen hat sich Charlie von seiner Umwelt und allem, was vor den Anschlägen war, abgekapselt. Er meidet seine Verwandten, seine alten Freunde, hat die Praxis aufgegeben und sich in eine eigene Welt zurückgezogen. Die Musik und ein Videospiel bestimmen seinen Alltag, wenn er gerade mal nicht die Küche renoviert. Kindlich unschuldig durchlebt er den Tag, saust mit einem Roller durch Manhattans Strassen und wird von seiner Vermieterin vor allen Störungen durch die Außenwelt geschützt. Wild wuchert sein Haar, seine Kleidung wirkt abgetragen, sein Drei-Tage-Bart schreit nach einer Rasur. Er sammelt Vinyl-Platten, spielt das Schlagzeug in einer Punkband. 

Alan Johnson (Don Cheadle) ist ein erfolgreicher Zahnarzt in einer Praxisgemeinschaft. Seine Patienten zahlen cash, seine Familie kann als mustergültig bezeichnet werden, seine Frau als umwerfend. Der silberne Volvo-Combi setzt den markanten letzten Pinselstrich unter das wundervolle Familiengemälde. Eines Abends saust Charlie auf dem Heimweg an ihm vorbei; hier setzt die Geschichte ein. Charlie und Alan waren Studienfreunde, hatten ein gemeinsames Zimmer an der Uni. Nach 9/11 verlor Alan den Kontakt zu ihm.

Mike Binders Melodram REIGN OVER ME kann einerseits als fantastisch angesehen werden. Immer dann, wenn sich der Streifen ganz auf Charlie konzentriert, auf die Darstellung dieser schwer traumatisierten Figur. Einfühlsam und mit großer Ruhe wird ihr begegnet. Respektvoll ist ein anderes passendes Wort. Charlie wird weder vorgeführt, noch wälzt sich der Film in Mitleid. Konzentriert und um Glaubwürdigkeit bemüht, beschreibt Binder die Auswirkungen, die ein derartiges Trauma auf einen Menschen haben kann: Posttraumatische Belastungsstörung nennt die Psychologie das, was Charlie widerfährt. Adam Sandler spielt seine Figur großartig! Verloren in sich selbst, verängstigt von dem unfassbaren Grauen, das ihm widerfahren ist, tastet sich der Charlie des Adam Sandler beinahe autistisch durch den Alltag. Binder inszeniert ihn in einem dunklen, herbstlichen New York. Immer wieder läst er seinen Kameramann Russ Alsobrook Totalen von entvölkerten Strassenzügen einfangen: Leere, wo einst etwas war, klaffende Wunden in den Köpfen - immer noch. Warum man diesen, im Grunde grandiosen Film dann allerdings auf dem Altar der hollywoodschen Erzählkonventionen opfern muss, bleibt zumindest dem geneigten Cineasten unverständlich. 

Mit der Figur des Alan und seiner ganzen Familie wird Charlie ein Kontrastprogramm gegenübergestellt, das verfehlter nicht sein könnte. Zwar ist das Gespann der beiden Männer, Alan und Charlie traumhaft mit anzusehen, doch schleppt auch Alan sein Päckchen mit sich herum; ein abgrundtief banales Päckchen im Vergleich zu Charlie. Seine Frau hält ihn zu sehr an der Kandarre, engt ihn ein. Und seine Kollegen in der Praxis behandeln ihn wie einen Untertan, obwohl er die Praxis aufgebaut hat. Zusätzlich macht ihm eine Patientin das Leben schwer, die ihn erst zu verführen versucht, um dann – zurückgewiesen - eine Belästigungsklage gegen ihn anzustrengen. Das Drehbuch kocht daraus einen zähen, schmalzigen Brei zusammen, der neben Charlie schlicht peinlich wirkt. Zum Finale muss Charlie auch noch ausrasten und landet prompt vor dem Richter, um eingewiesen zu werden. Spätestens hier wünscht sich der fassungslose Zuschauer, Binder hätte das große Studio links liegen gelassen und aus der Grundgeschichte einen kleinen Independentfilm gemacht. Doch REIGN OVER ME ist leider eine Hollywood-Produktion. Und so gilt es zu differenzieren, was diesen Film trotzdem sehenswert macht. Es ist eben jene Grundgeschichte des Charlie Fineman in Verbindung mit dem Spiel von Adam Sandler. Es sind jene Momente, in denen diese großartigen Kamerabilder von New Yorks Strassen die Leinwand füllen, und dabei dankenswerterweise sämtliche Aufnahmen von Ground Zero vermeiden. Und es ist der fantastische Soundtrack, allen voran "Love, reign o'er me", das hier durch Pearl Jam intoniert wird. REIGN OVER ME - Die Liebe in mir, kein perfekter Film. In der Reihe der 9/11-Streifen jedoch einer der sehenswerteren Filme.

Spuren auf der Haut

TAN LINES

Surfer, Kerle die auf flachen Brettern über tosende Wellenkämme reiten und nicht selten den Tod durch Ertrinken riskieren. Mit ihnen verbinden die Menschen gemeinhin ein beinahe körperlich spürbares Freiheitsgefühl, zweifelsohne nicht ohne Neid auf soviel Unabhängigkeit. Sie sehen gut aus, sie leben an den schönsten Stränden der Welt, sie bekommen immer die hübschesten Frauen, sie sind die einsamen Bezwinger der Meere, ganz allein mit sich und einem Brett unter den Füßen. Diesen Sermon könnte man noch ein Weilchen so fortführen und allerlei Schmeichelhaftes über den Surfsport und vor allem jene, die ihn ausüben, schreiben. "Schuld" an dieser totalen Verklärung ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1966, gedreht von dem amerikanischen Regisseur Bruce Brown: "The Endless Summer" verfolgte das schräge Treiben zweier junger Männer an den Stränden der Welt. Robert August und Mike Hynson waren mit ihren 18 bzw. 21 Jahren verdammt junge, unverschämt gutaussehende Männer. Und nach diesem Film Ikonen von etwas, das schnell weltweit zum Massenphänomen werden sollte. Heute haben sich die ehemaligen Freunde nicht mehr viel zu sagen und sind längst in den Analen der Surfwelt begraben; Großväter. Damals aber waren sie Männer, die wohl jede schöne Bikiniträgerin haben konnten, attraktiv, durchaus heroisch und verwegen wie sie waren. Und sie waren definitiv nicht schwul, zumindest gibt es dafür keine gegenteiligen Beweise. Das hätte auch nicht zum Image der Wellenreiter gepasst.

Bei Midget sieht die Sache auch nicht anders aus. Midget Hollows ist ein 16-jähriger Surfer aus einem kleinen, idyllischen Küstenort bei Sidney; Hauptfigur des Films TAN LINES. Seine Kumpels sind ebenso keine Schwuchteln: Surfer sind nicht schwul - Punkt! Dieser Coming-of-Age-Streifen sieht das etwas anders.
Midget, der Junge, der sich das Bett mit seiner Mutter teilt und sein Taschengeld mit ungewöhnlichen Dienstleistungen verdient. Ein schöner, smarter Typ und ein guter Surfer. Den homophoben Bemerkungen seines Kumpels Dan begegnet er eher zurückhaltend und wird dafür umso hellhöriger, als dieser verkündet, dass sein schwuler Bruder wieder nach Hause zurück kommt. Vier Jahre blieb Cass verschwunden. Überall auf der Welt war er unterwegs, nur um dem kleinen Nest nach seinem Coming-Out zu entkommen. Jetzt wird er kühl von seinem Bruder am Hafen empfangen, Midget in dessen Schlepptau. Und Midget macht aus seinem Interesse an Cass kein Geheimnis, zumindest keines, das dem Zuschauer verborgen bleibt. Seinen Kumpels hingegen fällt erstmal gar nichts auf: Authentizität ist für die meisten queeren Coming-of-Age-Filme ein Fremdwort, so auch bei TAN LINES. 

In den ersten zehn Minuten baggert die (noch im Wandel begriffene) Hauptfigur so sehr ihr Objekt der Begierde an, dass man meint, der Junge hat in seinen 16 Jahren nie etwas anderes getan. Regisseur Ed Aldridge kümmert sich auch weiterhin nicht sonderlich um derlei Feinheiten und schöpft aus dem Vollen: Midget und Cass landen noch vor dem ersten Blick des Zuschauers auf die Uhr im Bett. Nicht, ohne sich vorher in der Stranddusche über den Weg gelaufen zu sein - leicht bekleidet, mit Shorts weit unter dem Bauchnabel. Eins muss man Aldridge schon zu Beginn zugestehen: Er sättigt seinen Film mit Schauwerten, die das Kopfkino des geneigten Kinogängers noch Wochen später beschäftigen werden. Aber TAN LINES ist kein Soft Porno, sondern irgendwo zwischen Drama, Love Story und Komödie angesiedelt. Und im weiteren Verlauf fängt sich der Streifen dann auch, um sich dann (allen wiederkehrenden Untiefen zum Trotz) doch noch zu einem achtbaren Genrefilm zu wandeln.

Cass‘ Vorgeschichte und seine zunehmende Aggressivität, sowie ein Mädchen, das Midget eindeutige Avancen macht, lassen die Romanze der beiden Jungs mehrfach straucheln. Und Midgets Nebenverdienst stellt sich als eine ungewöhnliche Art der Prostitution heraus. Im Nebenschauplatz werden hier kurzerhand knallharte Themen abgehandelt: Eine Lehrer-Schüler-Affäre und familiärer Missbrauch. Der Dämon, so zeigt es uns Aldridge, lauert auch in den beschaulichsten Küstenstädtchen. Und wenn Cass und Midget ohne Gummi ficken, laufen die Ikonenfotografien an Cass‘ Schlafzimmerwand Amok. So baut Ed Aldridge auch noch das Thema Safer Sex mit in die Geschichte ein. Als schließlich die Eltern von Cass und Dan aus dem Urlaub zurückkommen und wenig begeistert ihren verschollen geglaubten Sohn vorfinden, ist es um die Liebe der beiden Jungs geschehen. Um Midgets Hetero-Dasein allerdings auch. Der Film steuert hier seinem unausweichlichen Höhepunkt entgegen, und alle wollen einfach nur weg aus dem Paradies. Ein Sommer hat eben doch ein Ende.

Die Tan Lines, das sind jene Partien der Haut, die durch Bikinis, Badeshorts oder andere Kleidungsstücke vor dem direkten Sonnenlicht geschützt sind und daher zwischen den braungebrannten Hautpartien weiß hervorschimmern. TAN LINES, das ist ein bemerkenswerter Coming-Out-Streifen. Streckenweise zwar haarsträubend oberflächlich und plattitüd, stimmt dieser Film schlussendlich doch einen eher nachdenklichen Ton an, der ihn vom üblichen Genreniveau abhebt.

Mehr Arthouse - Weniger Multiplex



Harry Potter und der Orden des Phönix; Sehr Sehenswert mit 90%!


Die Sache mit den Potter-Filmen ist bei jedem Start ein neuer, kleiner Nervenkitzel: Wechselnde Regisseure, sehr unterschiedliche Buchvorlagen, andere Drehbuchautoren, andere Soundtrackkomponisten usw. Die Potterfilmreihe unterliegt einem stetigen Wandel, auch und vor allem beim Cast. Mit jedem Jahr werden die Jungstars reifer, entwickeln sich ihre Fähigkeiten. Aber mit jedem neuen Potter tauchen auch neue Figuren auf, die wiederum neue Darsteller benötigen. Neue Möglichkeiten vor allem für Alt-Stars sich in Szene zu setzen; es gibt wohl kaum eine Kinosaga, die derart prominent besetze Nebenrollen vorweisen kann.

Potter 5 bot der Britin Imelda Staunton die Gelegenheit sich als Alptraum in Altrosa zu präsentieren und die herrische, niederträchtige Dolores Jane Umbridge mit Leben zu füllen. Helena Bonham-Carter wiederum kostete - einmal mehr lustvoll - eine abgründige Figur aus: Bellatrix Lestrange, eine enge Gefolgsfrau des Hyper-Bösewichts Lord Voldemort.
Doch Potter 5 führt auch ein neues, junges Gesicht ein: Luna Lovegood. Evenna Lynch spielt ihr Filmdebüt mit dieser Figur. Wie bereits bei den anderen der Jungstars, setzte sich Lynch bei einem Groß-Casting durch und ließ 15.000 Konkurrentinnen hinter sich. Sieht man sie auf der Leinwand, versteht man warum: Luna Lovegood ist eine etwas sphärische Persönlichkeit. Sie trägt seltsames Zeug mit sich rum, ist ständig auf der Hut vor Unwesen und Gefahren, von denen die Magische Welt noch nie gehört hat und lebt auch sonst eher für sich und in ihrer eigenen Welt. Evenna Lynch verkörpert sie mit einer Liebe zur Spleenigkeit, die einen sprachlos macht. Dass ihr Spiel dabei minimalistisch bleibt, ohne große Gesten auskommt, ist das eigentlich Großartige daran. Gleichzeitig weiß sie hinter ihrer kindlich-unschuldigen Miene auch die große Tragik der Figur sichtbar zu machen: Luna Lovegoods Mutter starb bei einem Zauberunfall, und sie selbst ist durch ihre Andersartigkeit stets isoliert von ihren Mitschülern, die ihr mit Vorliebe alle möglichen Sachen wegnehmen und verstecken.

Harry Potter leidet in den Büchern ebenso unter Isolation wie Luna, oftmals sogar unter direkten Feindseligkeiten der anderen Hogwartsschüler: Regisseur David Yates und Drehbuchautor Michael Goldenberg haben diese Gemeinsamkeit gleich mehrfach ins Bild gesetzt. Was wiederum für die narrative Qualität dieses Films spricht. Wo Potter 4 sich in der Ausbeutung der Schauwerte erschöpfte, ändern Yates und Goldenberg die Tonlage: Der Streifen wirkt deutlich geerdet. Die Schwerpunkte liegen wieder auf den Wegmarken der Geschichte; Storytelling statt Special-FX. Wer in Potter ein großes Fantasy-Spektakel sucht, könnte enttäuscht werden. Mehr Arthouse und weniger Multiplex schien die Devise gewesen zu sein. Aber trotzdem ist dies vor allem eine Hollywood-Großproduktion, die natürlich massenkompatibel inszeniert wurde; inklusive Showdown. Hollywood bleibt schlussendlich Hollywood.

Der Umgang mit der Buchvorlage in Potter 5 lässt den aufmerksamen Potter-Leser immer wieder aufhorchen: Neben der überraschend ausführlichen Behandlung der Luna/Harry-Komponenten, sind es immer wieder kleine Details, die fast liebevoll kinematographisch umgesetzt werden. Wie auch gelegentlich elegante Schlenker überraschen, die einige Drehungen und Wendungen der Vorlage angenehm zusammenfassen oder umgehen - sehr zum Vorteil des Films. So ergibt sich ein ganz und gar homogener Streifen, der auch als Einzelwerk ohne Weiteres bestehen könnte, was ihm innerhalb der Reihe einen Sonderstatus zukommen lässt.
Unterm Strich darf dieses Werk von David Yates zu den gelungensten Verfilmungen der Harry Potter-Reihe gezählt werden, neben Alfonso Cuarons Interpretation des dritten Bandes; Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Auf das große Finale, das mit Band 6&7 noch einige sehr tragische und mitunter sehr harte Wendungen bereithält, ist man mit diesem dunklen und aber nicht minder fantastischen Streifen bestens eingestellt. 

Jenseits des Glamours



GLÜCK IM SPIEL (Orig.: Lucky You); Annehmbar mit 47%! 
 

Es dauerte einige Zeit, bis dieser Streifen in deutsche Kinos gelangte. Offenbar war man unschlüssig, ob er überhaupt ins Kino sollte. Schlussendlich entschied sich Warner Bros., diesen Film im Frühsommer-Dschungel der Blockbuster untergehen zu lassen. Drei Jahre, nachdem er gedreht wurde. Aber dafür zwei Wochen, nachdem die 13er-Bande von Danny Ocean Las Vegas unsicher machte. Was wohl der allerletzte Zeitpunkt war, um diesem Film überhaupt noch eine Kinoauswertung zu ermöglichen. 

Las Vegas ist bei GLÜCK IM SPIEL bzw. LUCKY YOU, wie der Streifen im Original heißt, die Kulisse für eine kleine unscheinbare und romantikgetränkte Dramödie. Wir begegnen Huck Cheaver, ein junger, aufstrebender Poker-Profi, der sich seinen Lebensunterhalt mit dem Abzocken der Touristen und Möchtegern-Pokerasse an den Pokertischen verdient. Darin ist er ziemlich gut - einer der Besten sogar. Doch eine Schwäche ruiniert ihn regelmäßig gründlich: Er ist zu emotional, zu draufgängerisch. Schlimm wird es, wenn sein Vater mit an den Pokertisch kommt. Alte Familienstreitigkeiten tragen sie durch ihre Karten aus. Die Prototypen des gesprächsunfähigen Mannes. Mehrfach verliert Huck gegen seinen Vater, der seine Frau verließ, als Huck noch ein kleiner Junge war. Das konnte ihm dieser Junge nie verzeihen, und so brodelt es munter, wenn Vater und Sohn am gleichen Tisch sitzen. 

Diesen Konflikt verhandelt Curtis Hanson zwar hauptsächlich, doch unterm Strich halbherzig. Weichgespült dümpelt dieses Gezicke vor sich hin, entwickelt weder besonderen Tiefgang, noch Glaubwürdigkeit. Mitunter stellen sich sogar Redundanzen ein. Langeweile ist eine der schlechten Eigenschaften dieses Streifens. Ebenso schlecht und einigermaßen störend ist die Liebesgeschichte, die hier auch noch erzählt wird. Huck Cheaver bandelt mit der Schwester einer Casino-Mitarbeiterin an: Billie Offer. Drew Barrymore mimt das unschuldige Kindchen, das unbedarft und naiv an den tollkühnen Jungspund Huck Cheaver gerät. Was selbstverständlich zu unvorhersehbaren Turbulenzen führt. Gespickt mit allerlei Allgemeinplätzen in Dialog und Spiel, steuert dieses Paar zielstrebig aufs Happy End zu, wobei sich die Hauptdarsteller alle erdenkliche Mühe geben, unmotiviert und gelangweilt zu erscheinen. Die Love-Story in LUCKY YOU: Ein unnötiges Zugeständnis an die Hollywood‘schen Erzählkonventionen. 

Warum sollte man sich diesen Film trotzdem anschauen? 
Weil das Vater-Sohn-Duell doch für sich einnehmen kann. Ungeachtet aller Unvollkommenheiten, zieht einen der Zwist dieser beiden Alpha-Männchen doch in seinen Bann. Insbesondere in den Spielsequenzen baut sich eine knisternde Spannung auf, die den Zuschauer an die Leinwand fesselt. Überhaupt sind die Passagen, in denen es nur ums Pokern geht, das Sehenswerteste an diesem Film. So ist es nur konsequent, dass der Streifen in einem großen Poker-Finale seinen Höhepunkt findet. 

Im Gegensatz zum anfänglich erwähnten OCEANS 11-13 kann LUCKY YOU auch noch mit etwas anderem punkten: Wo bei Danny Ocean selbst die dunkelsten Lagerhallen auf Stil und Style getrimmt sind, besticht dieser Film durch angenehmes Understatement. Man sieht hier nicht die tollen Glamour-Ecken der Stadt, es sind die kleinen Bars und unscheinbaren Hotels der Nebenstraßen. Ein Las Vegas, das verlebt ist, etwas baufällig manchmal, häufig schmuddelig. Wir besuchen abgefrackte Wohnsiedlungen ebenso, wie wir menschenfeindliche Retorten-Städte zu Gesicht bekommen. Auch die Casinos versprühen den Charme längst vergangener Zeiten. Bei OCEAN wären derlei Objekte vor laufender Kamera zu Staub verarbeitet worden. Hier schaffen sie eine melancholische Grundstimmung und eine Atmosphäre, die den Film dann doch über das Niveau der vernachlässigbaren DVD-Regalleichen hebt. Annehmbar.