Beautiful Monsters - American Independents im Forum 2009

THE EXPLODING GIRL &
MARIN BLUE


Still aus THE EXPLODING GIRL | (c) Bild: Peripher Filmverleih

Wenn die Missbildung eines Lebewesens ihm zum Vorteil gereicht, dann manifestiert sich dies in den Genen und wird an die Nachkommen weitergegeben. Eine neue Art entsteht, oder so ähnlich - das erklärt der junge Al seiner Freundin Ivy. Wir befinden uns mitten in THE EXPLODING GIRL, einem Film von Bradley Rust Gray. "No, you're not", spricht es die junge Julie zu Jim. Und in ihrer Attitüde einer klassischen Verrückten (jedenfalls in den Vorstellungen des Kinos), sagt sie Programmatisches über Matthew Hysells MARIN BLUE. Jim ist der Neue in Havenhurst, einer Irrenanstalt in einer namenlosen Stadt irgendwo in Californien. Warum er eingeliefert wurde, weiß er selbst nicht so recht und die Ärztin auch nicht: "Was in der Akte steht, ist alles erfunden", sagt er zu ihr. Er landet in der geschlossenen Abteilung - zu seiner eigenen Sicherheit.

Ivy und Al sind beste Freunde, kennen sich seit der achten Klasse, wie ein kurzer, peinlicher Moment zu Filmbeginn verrät, in dem Ivys Cousin nach der Beziehung der beiden zueinander fragt: "How long are you dating?" Ivy schweigt betreten, konzentriert sich lieber auf ihren neugeborenen Neffen, den sie im Arm hält. Schnitt.

Jim steht im eingezäunten Hof der Anstalt, als aus den Lautsprechern der Gesang einer jungen Frauenstimme erklingt - "The show begins.", sagt Julie, woraufhin sie von Jim angeblafft wird. Er klettert über den Zaun und haut ab. Alarm. Einige Schnitte später späht Marin Jims Adresse aus seiner Krankenakte und macht sich nach ihm auf die Suche, nicht ohne vorher noch eine ganze Packung Medikamente aus dem Schrank ihrer Ärztin mitgehen zu lassen - der Film mag Stereotypen.

Marin kann in die Anstalt kommen und gehen, wann sie will, denn sie leidet lediglich an Narkolepsie. Und prompt, als sie vor der angegebenen Adresse steht, kippt sie ein erstes Mal weg.
Die weibliche Hauptfigur in THE EXPLODING GIRL ist ebenfalls mit einer Krankheit geschlagen: Epilepsie ist Ivys Problem. Ohne Probleme geht es in beiden Filmen nicht. Munter konstruieren die Drehbuchschreiber von MARIN BLUE und THE EXPLODING GIRL Stolpersteine für ihre Protagonisten. Al, dessen Eltern sein Zimmer untervermietet haben, woraufhin er bei Ivy auf die Couch zieht. Jim, der, davon abgesehen, dass er ziellos durch die Stadt streift, von zwei jungen Typen verfolgt wird, die sich ihm in der Anstalt als seine Brüder vorgestellt haben. Und noch mal Ivy, deren Freund sie am Telefon nur noch hinhält, anstatt die Beziehung endlich zu beenden. Ach ja, Al hat ein Frauenproblem: Er weiß nicht, wie er sie ansprechen soll.

Still aus MARIN BLUE  |  (c) Bild: Berlinale

Originell sind die Plots der beiden Filme keinesfalls. Ebenso wenig beeindrucken sie mit Überraschungen oder wenigstens unerwarteten Wendungen. Alles fließt betulich vor sich hin und ist alles in allem vorhersehbar. Warum also diese Filme ansehen? Vor allem bei MARIN BLUE, dem Schwächeren der beiden Streifen, ist diese Frage zu Recht gestellt. Für THE EXPLODING GIRL sprechen dessen Bilder, ein Spiel aus Close-Ups, Distanz- und Locationshots, kombiniert mit einem sonnenlichtdurchfluteten New York, die einen ganz eigenen, kinematografischen Raum eröffnen. Was der Romanze von Al und Ivy etwas Poetisches verleiht. Zudem kommt der Streifen wesentlich stringenter voran und wirkt in sich ausgewogener.

Die innere Stringenz lässt MARIN BLUE indes akut vermissen. Wohin dieser Film überhaupt will, bleibt dem Zuschauer verborgen. Das mag Konzept gewesen sein, erleidet aber akut Schiffbruch, weil es Mathew Hysell zu keinem Zeitpunkt gelingt, irgendein Interesse an seinen Figuren zu wecken. Jim, Marin, Stan, Thomas - die Charaktere sind Hüllen, Schachbrettfiguren. Ihre Darsteller mühen sich redlich, doch bleiben die Charaktere jegliche Persönlichkeit schuldig und sind somit pure Behauptung, wie der ganze Film sonst auch. MARIN BLUE flimmert vorbei und ist vergessen, sobald man den Kinosaal hinter sich gelassen hat. Da helfen auch die teilweise recht sehenswerten Kinobilder nichts mehr. Zwiespältig.


THE EXPLODING GIRL
USA 2008
Regie: Bradley Rust Gray

MARIN BLUE
USA 2008
Regie: Matthew Hysell

Furios, schonungslos

HUMAN ZOO





Mehrere Menschen prügeln, so scheint es, aufeinander ein, in einem Hotelzimmer. Zwei Frauen haben blutverschmierte Gesichter, ein Messer blitzt auf - Großaufnahme - Schnitt. Ein Mann tanzt durch die Straßen einer Stadt, springt über Poller und die Häuserwände hoch - Umschnitt auf eine junge Frau, die tütenbepackt und mit verdrießlicher Miene eine Straße entlang geht. Von oben schaut die Kamera zu, wie die beiden an einer Straßenecke zusammenstoßen - Schnitt. Wieder eine Stadt, diesmal als Kampfzone; Leichen liegen auf der Straße, Waffenlärm in der Ferne und erneut betritt eine junge Frau die Szene, in dem sie eine Mauer herunter auf die Straße springt. Sie läuft auf der Straße hektisch hin und her - offenbar orientierungslos. Soldaten kommen um die Ecke gefahren, sie versucht sich zu verstecken und rennt anderen Soldaten direkt in die Arme. Die Männer reden über sie, während sie am Boden kauert. Aus dem Auto richtet einer der Soldaten eine Waffe auf sie und drückt ab. Die Schüsse gehen daneben. Er lacht höhnisch, reicht seine Waffe seinem Fahrer und motzt einen der umstehenden Soldaten an: "Ist das die Art, wie man eine Frau behandelt?!" Der bietet ihr seine Hand zur Hilfe an - Schnitt. Wieder eine Hand, aber zurück in der ersten Stadt. Die junge Frau weist seine Hilfe brüsk zurück, er reagiert verwundert: "Ich wollte ihnen nur helfen und sie nicht gleich ficken.", sprichts in Englisch mit amerikanischem Akzent. Die Kamera geht auf Distanz zur Szenerie, eine Totale mit Informationshappen: "Marseille, heute", verkündet eine Einblendung.

Die Anfangssequenz von HUMAN ZOO: Drei Orte, zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten mit immer ein und derselben Frau: Adria! Rie Rasmussens Spielfilmdebüt erzählt ihre Geschichte. Die Geschichte einer jungen Kosovarin, die den Kriegswirren dank eines Samariters entkommen kann. Wer jetzt glaubt, es ginge hier um ein mitfühlendes bis anklagendes Kriegsdrama, der irrt! Bereits der erste Name im Vorspann macht klar, dass dieser Film anders wird: Luc Besson - Produzent. Frankreichs Zampano fürs lautstarke Kino, dessen Action-Franchise TRANSPORTER erst vor Kurzem mit der zweiten Fortsetzung in deutschen Kinos zu sehen war. HUMAN ZOO ist ein harter Ritt. Stetig wechselnde Spielorte, ein Auf und Ab der Geschwindigkeit, unzählige narrative Anspielungen auf alle möglichen Themen. Von französischen Alltagsproblemen, zwischen Migration und brennenden Autos, über Gräueltaten im Kosovo bis zum Machtkampf zwischen Milosevic und Kostunica um Belgrad, inklusive NATO-Bombenhagel. Einzige Konstanten: Adria und der brutale Tod diverser Menschen.

Die Handlung springt zwischen zwei Erzählsträngen hin und her, non-linear: Adria im Marseille von heute und im Belgrad während und nach dem Kosovokonflikt. In Marseille ist sie eine illegale Einwanderin. In Belgrad muss sie sich in der Gegenwart ihres "Retters" Srdjan, einem desertierten, serbischen Soldaten, ständig behaupten. Denn Srdjan arrangiert sich schnell mit dem Chaos, welches das kollabierende Serbien aufwirft, und steigt zu einer Größe im organisierten Verbrechen auf: Waffenhandel, Drogen, Mord. Dabei begleitet ihn Adria, erst eingeschüchtert und eher zwangsweise, dann mehr und mehr aktiv, bis sie schließlich zu seiner loyalsten Kraft wird. Trotz der oft brutalen und blutigen Mittel, derer sich Srdjan bedient und dabei einer ganz eigenen Ethik zu folgen scheint, in welcher ihm persönlich bekannte, serbische Kriegsverbrecher (wie er selber auch einer ist) reihenweise dran glauben müssen. Diesem verrückten Spiel aus Macht, Geld, Mord, Waffenfaszination und neureichem Lebensstil kann sich Adria nicht entziehen.

In Marseille wiederum ist sie eine andere Persönlichkeit. Eine zurückgezogene, schüchterne und betont unauffällige Adria gibt Rie Rasmussen hier. Um keinen Preis auffallen, ist die Devise. Anschluss hat sie lediglich an die Menschenrechtsanwältin Mina und ihre Patchwork-Familie. Und plötzlich knallt Shawn wortwörtlich in ihr Leben.

Halb Serbin, halb Albanerin, halb Christin und halb Muslima: Adria - eine Figur, ein menschliches Gleichnis für den Balkan und seine Zerrissenheit. In all dem absurden Chaos, das der Film stellenweise entfacht, schwingt dieser tragische und nach wie vor hochaktuelle Konflikt stets mit. Rie Rasmussen lässt das nicht bleiern und schwer werden, wie gesagt: Absurdes Chaos. Doch sie setzt immer wieder unmissverständliche Akzente, sei es nur durch die Original-Fernsehbilder protestierender Massen in Belgrad oder der Live-Berichterstattung von der NATO-Bombardierung der Stadt. Die Fernseher laufen in diesem Film ständig - sie sind Berichterstatter, nicht nur für die Figuren. Sondern auch für den Zuschauer über den Film - eine Art Erzähler, der immer dann mit seinem Archivmaterial einspringt, wenn die Geschichte eine weitere Metamorphose durchlebt.

HUMAN ZOO ist ein furioser und schonungsloser Film. Von Gutmenschenkino ist hier weit und breit nichts zu sehen - zum Glück! Dreckig, zynisch, brutal und blutig - sind die Bilder und die Taten. Und hinreißend betörend - immer dann, wenn Rie Rasmussen ihren Figuren eine Bühne bereitet, um sich einen Schritt weiter zu entwickeln. Der Film lebt davon, und er hat irgendwann auch nur noch das. Denn ab einem gewissen Zeitpunkt beschleicht einen das Gefühl, dass die stringente Erzählung aufgehört hat. Dass sich die Geschichte in ihre Einzelteile auflöst und allenfalls noch ein grober Rahmen existiert. Es gibt nur noch dieses Trio, mit dem man allein ist: Mit der wunderschönen, unberechenbaren Adria, dem wahnsinnigen Srdjan und dem spitzbübischen Shawn. Das mag manchem zu wenig und damit zu langweilig sein. Andererseits: Was ist ein Film, eine Geschichte wert, in der die Figuren wie Pappkameraden durch den Film gereicht werden, nur um die Story durcherzählt zu bekommen? Ist es nicht vielmehr so, dass das, was uns fesselt, uns neugierig macht und uns begeistert, die Menschen sind? Human Cinema.


HUMAN ZOO
Frankreich 2008
110 Minuten
Regie: Rie Rasmussen
(Berlinale 2009 - Panorama)
Berlinale 2009: Flip-Kamera rulez the world

Die Pressekonferenzen der Berlinale kann man sich
seit letztem Jahr als Live-Stream auf der
Berlinale-Homepage ansehen. Aber nur, wenn die
Technik mitspielt. Ein Freund hatte heute morgen
genau damit ein Problem. Weshalb das letzte Drittel der Pressekonferenz der Berlinale-Jury schließlich auch noch - live - im Chat von facebook übertragen wurde.

Hier ist das Protokoll dazu.

Es sind anwesend: Die Jury-Präsidentin und Schauspielerin Tilda Swinton und ihre Juroren, die Regisseurin Isabel Coixet, die Regisseure Christoph Schlingensief und Wayne Wang , der Regisseur und Leiter des Filminstituts „Imagine“ in Burkina Faso, Gaston Kaboré, der Romanautor Henning Mankell und die filmbegeisterte Starköchin, Foodaktivistin und Autorin Alice Waters.

(....)

Tilda Swinton: (Reagiert bissig auf eine Frage eines Journalisten des Bayrischen Rundfunks, geht dann aber auf die Frage ein und begeistert sie sich über
die Filmländer, die wohl noch nie auf dem Festival waren.)

Ein neues Menü in dem wir Neues, Unbekanntes schmecken können. Wir werden Filme heraussuchen, die wir empfehlen möchten. Filme, die die Berlinale empfiehlt, das ist doch wichtig für einen Film.

# NDR-Kultur an Swinton: Gibt es EIN Deutsches
Kino, wie würden sie Deutsches Kino beschreiben?

Swinton: Das fragen sie mich in zehn Tagen nochmal.

# Journalistin der shanghai media group: Darf ich
chinesisch sprechen (an Wayne Wang.)

Berlinale: Nein, wir können nicht übersetzen.

Wang: Ich übersetze hinterher.

-es wird chinesisch gesprochen-

Wang: (schaut angestrengt - Lachen im Saal) Ohje, dass ist ne sehr lange Frage: Es geht um den einen chinesischen Film im Wettbewerb. Und chinesisches Kino.

Wang antwortet: Es ist einfach noch zu früh für diese Frage, wir sollen ja noch nicht über die Filme sprechen.

Anmerkung - Wang: Ich bin begeistert von den Fragen zur Globalisierung hier. Auch in den Filmen. (...) Ein Freund hat jetzt einen Film mit einer ganz neuen und billigen Kamera gedreht, die für knapp 100€ zu bekommen ist: Die Flip-Kamera. Da kann jetzt jeder Filme machen wie er möchte!

Und das Festival sollte eine Sektion für Filme machen, die von Menschen mit der Flip-Kamera gedreht wurden.

# Frage des RBB-kulturradios an Swinton/Mankell, nach dem Motto der Retrospektive 2009: Bigger Than Life.

Swinton: Das ist das Motto? Was machen wir dann hier? (sie schweigt dann)

Mankell rettet: Er spricht von einem Film, in dem er immer noch und ständig etwas Neues entdeckt, was er mitnehmen kann.

Swinton: Die Multiplizierung der Gedanken der Zuschauer durch Filme....diese Idee, bigger than life, das zerstört doch die Idee der Flip-Kamera – vom Filmemachen für jedermann - von eben. Das klingt so nach (Big-Business) - ich bin
entschieden dagegen.

Anmerkung - Swinton: Vor Tagen fragte mich ein Jounalist nach der Krise, der Finanzkrise. Ich dachte aber zuerst, er meint die Gaza-Krise, denn die interessiert mich viel mehr.

# spanische Journalistin: Obama und die Finanzkrise - wird sich das auf die Filme im nächsten Jahr auswirken?

Schweigen in der Jury - "An wen ist die Frage gerichtet?"

Mankell springt ein: Eine Frage an die Kuratoren des Festivals.

Und Schlingensief springt bei: Obama steht als Gott da, für was Neues, ne neue Sprache...von mir aus soll das klappen. (Zieht Linie zur Finanzkrise) und plötzlich ist es da! Das man erst zwei Wochen vorher mitbekommt, was da für ne Krise entsteht - das istnen Unding! Das die ewig tun können, unbemerkt!
Das ist jetzt die Zeit der Flip-Kamera und dem Gehen nach Afrika! Wir dürfen nicht warten bis die Regierung uns den Bus hinstellt - wir müssen selber handeln!
Mich interessieren die Filme, die uns wirklich filmsprachlich auch Mut machen - das ist Klasse!

# engl. Journalist: Gibt es eine künstlerische Demokratisierung des Filmemachens? (an Gaston Kaboré)

Gaston Kaboré: Ja, mein letzter Film war bspw. kostenlos auf
youtube zu sehen. Das ist toll! Jetzt gehts darum, dass die Menschen nicht nur sehen und nach 5 Minuten gehen....(und die Flip-Kamera...) Das Kino wird nie verschwinden, es ist wichtig. Aber es gibt jetzt etwas Neues, etwas Anderes.

Anmerkung - Alice Waters: Sie zieht Parallele zur Slow-Food-Bewegung. Und spricht über Zusammnkünfte von Aktivisten, Köchen, Bauern usw. in Italien: Sie berichtet von einer afrik. Teilnehmerin einer solchen Zusammkunft, die Hilfe
zur Selbsthilfe statt Nahrungsmittel für Afrika forderte.

Gaston Kaboré: Er beklagt die fehlenden Auswerutngsstruckturen für Filme in Afrika. In New York kann ich einen afrikanischen Film sehen. Aber
in Afrika selbst? Dabei ist es wichtig, dass die Menschen ihre eigenen Filme und sich und ihr Leben sehen können! Das ist für uns das schlimmste, dass unsere Filme in Afrika nicht zu sehen sind.

Anmerkung - Mankell: Wissen sie was das schlimmste in unserer Welt ist? Das wir uns mit überflüssigen Problemen beschäftigen! Probleme, die schon ewig gelöst wurden, aber immer noch aktuell sind, weil wir uns nicht drum kümmern. Massensterben, weil es den Pharmafirmen scheissegal ist, (...) Kinder die nicht lesen können - KUNST kann hier helfen und bewegen. Wir glauben, dass der Wandel zu vollbringen ist. Ein wichtiger Aspekt für mich ist, dass die Filme Hoffnung bringen und bewegen - das ist das, was ich hier für heute sagen wollte.

# indische Journalistin an Swinton: Spezielle Berlinale-Erfahrung?

Swinton: Mein erstes Mal in der Jury, da war global Warming noch kein Thema in Berlin, da war es kalt und es schneite. Man kam müde aus dem Hotel, ging in die Kälte und schlief im warmen Kino fast wieder ein. Das war so meine erste Erfahrung. Aber ich hab mittlerweile soviele Freunde hier...es wird dieses Jahr richtig schwierig, die alles zu sehe und alles mitzunehmen.

# deut. Journalist an Schlingensief: Wie beeinflusst sie ihre (weitreichende Praxis mit div.) Filmformaten und Formen von früher?

Schlingensief: Das war die Zeit der kulturellen Filmförderung, wo man Filme für wenige tausend Mark drehen konnte. Aber sowas gibts hier heute nicht mehr. (...) Wir müssen im Grunde die kulturelle Förderung aus Afrika zurück holen und auch hier wieder stattfinden lassen. (Er schimpft auf das deutsche Fördersystem, das nur noch Big-Business machen und am liebsten vorher wissen will, wie der Film hinterher aussieht.)

Er erzählt über eine junge, 16-jährige Regisseurin und ihren Film "Torpedo". Und den Blick, mit dem sie auf die Erwachsenen schaut, was ihn völlig begeistert hat. Und er fordert, endlich wieder kleines Kino in Deutschland, schräge Filme im Fernsehen - kurz: Schluss mit dem Einheitsbrei und Big-Business und mehr kleine, unabhängige Filme.

Anmerkung - Swinton: Ein Freund zählte, wie oft Fluch der Karibik in europäischen Städten im Schnitt gezeigt wurde - pro Tag: 56 Mal! Aber die kleinen, jungen Filme die sind auf Festivals verbannt und geraten dann ins Vergessen.....(Sie brichtet von dem Mini-Filmfestival, das sie in ihrem schottischen Heimatort gründete.) GRÜNDEN SIE FILMFESTIVALS IN IHREM ORT! ZEIGEN SIE FILME, IN KLEINEN LÄDEN USW. Damit unterstützen sie die Filmemacher und die Filmindustrie.


Ende der PK.


Anmerkung:
Die Flip-Kamera ist eine kleine mini-HD-Kamera mit eingebautem USB-Stick.
Sie ist im Internet ab 179$ bzw. etwa 140€ zu haben.
Machen Sie sich besser selbst ein Bild davon: theflip.com

Eskalationen

REVOLUTIONARY ROAD –
Zeiten des Aufruhrs 

Ein junger Mann kommt ins Haus - etwas unbeholfen. Er: Hochgewachsen, dünnes, nach hinten gekämmtes Haar, unsicherer und irgendwie unergründlicher Blick: John. John Givings, der Sohn von Helen Givings, der Immobilienmaklerin, die den Wheelers "das wunderschöne kleine Haus" in der Revolutionary Road verkauft hatte, welches "keck am Hang liegt" und so gut zu dem jungen Paar passt, wie sie meint. John war in der Psychiatrie, "ein wenig mit den Nerven runter" ist er, wie seine Mutter meint. Und noch etwas spricht sie aus, fast mit Scham: "Er ist wohl das, was man einen Intellektuellen nennt." Die schöne April Wheeler zeigt freundliches Verständnis, scheint aber eher überrascht über dieses "Outing". Sie lädt Familie Givings ein, und so taucht eines Nachmittags John im Haus der Wheelers auf. Und der schlägt ein wie eine Bombe.

Die Wheelers: April und Frank. Auf einer Party lernen sie sich kennen, erste Blicke, erste Bilder. USA, irgendwann Anfang der 50er, New York. April studiert Schauspiel, und Frank macht irgendwas, Hafenarbeiter oder Kassierer. Doch April will viel lieber wissen, was er "wirklich tut", was ihn “interessiert". Das zu erzählen würde eine halbe Stunde dauern und sie zu Tode langweilen, redet der sich raus. Der spröde Charme wirkt; nach dem Schnitt gemeinsamer Tanz. Wieder ein Schnitt: Franks Gesicht, leicht gequält sitzt er zwischen Zuschauern, hinter ihm Getuschel: "Sie ist eine große Enttäuschung!" Ein Theaterstück geht zu Ende, eine geschaffte April verharrt kurz hinter dem gefallenen Vorhang. Wenig später mault sie Frank in der Umkleide an. Schließlich gehen sie gemeinsam und doch getrennten Weges den Flur der Highschool entlang, in der das Stück gegeben wurde; wortlos und distanziert.

REVOLUTIONARY ROAD läuft zwar erst wenige Minuten, doch könnte diese Szene genauso gut am Ende stattfinden. Am Ende des Films und gleichsam am Ende der Ehe der Wheelers. Und sie nimmt viel vorweg von dem, was die Figuren April und Frank erst im Laufe der Zeit begreifen werden. Ihre Ehe, das ist ein Moloch, basierend auf Wunschträumen, Fantasien und "Versprechen, die nie gemacht wurden". Es folgt die Heimfahrt hinaus aus der Stadt, die im Streit eskaliert.

Eskalationen, der ganze Film ist wie die Anatomie einer fatalen Eskalation. Der Niedergang einer Ehe und ihrer Protagonisten. Woran sie und diese Ehe kaputt gehen, am Umfeld, an ihrer Situation, am Scheitern der eigenen Lebensentwürfe - Regisseur Sam Mendes und Drehbuchautor Justin Haythe lassen daran in ihrer Verfilmung von David Yates gleichnamigem Roman wenig Zweifel. Sie gehen hart ins Gericht mit einer Umwelt, die den Menschen, die sich darin nur schwer anpassen wollen oder können, keine Chance gibt. April und Frank, die intellektuell Angehauchten, können in diesem kleinbürgerlichen Vorort nur scheitern. Die gesellschaftlichen Konventionen der 50er-Jahre-USA sind die Fallstricke für das junge Paar, mitten in pittoreskem Grün und verschwenderisch-malerischen Straßenzügen: Hölle im Paradies - in betörendem Cinemascope festgehalten.

Doch ganz so ist es dann doch nicht, sind die beiden nicht nur die Opfer ihrer Umwelt, sondern auch ihrer selbst: Sie vernichten sich gegenseitig. Mit ihren überzogenen Wunschträumen, an denen sie beide scheitern. Und mit gegenseitigen Schuldzuweisungen für das Scheitern. So hochtrabend und mutig wie ihre Träume, so sind sie nicht. Vor allem Frank nicht, was April ihn unnachgiebig spüren lässt. Es wird schmutzig.
Selten zeigte Hollywood in den letzten Jahren derart harte Streitszenen auf der großen Leinwand: Sie brüllen sich die Seelen aus dem Leib - Kate Winslet und Leonardo DiCaprio. Nicht zuletzt auch, weil sie angestachelt werden durch einen furiosen Michael Shannon in der Nebenrolle des John. Das ist alles andere als Familiy-Value-Entertainment, hier werden menschliches Scheitern, Eitelkeit und Verletzlichkeit offen auf- und vorgeführt. Und das in ihrer ganzen Hässlichkeit und Tragik. Will man das sehen? Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Sam Mendes und seinem Team ist es aber nicht hoch genug anzurechnen, dass sie diesen unbequemen Stoff aufbereiten und großformatig und damit massentauglich ins Kino bringen. Zu sehr hat Hollywood in den letzten Jahren in einem gut menschelnden Schleim gebadet, in dem hohe Familienwerte noch höher gefeiert und krisensicher zum Happy End geprügelt wurden, unerträglich und falsch tropfte es von der Leinwand!

REVOLUTIONARY ROAD kommt deshalb wie ein Donnerschlag daher, der das bigotte Leben, nicht nur der 50er Jahre, sondern auch des Hollywood der letzten Jahre aufs Korn nimmt und rücksichtslos abrechnet. Doch Mendes wäre kein Hollywood-Regisseur, wenn er dies nicht in perfekten und betörenden Bildkompositionen festhalten würde. Und REVOLUTIONARY ROAD hat viele kunstfertige Augenschmeicheleien anzubieten. Das Heim der Wheelers, an dem sich die Kamera nicht sattzusehen können scheint und dem sie schließlich sogar einige kurze Bildstudien widmet. Aber auch Franks Büro, das für die 50er Jahre auffallend modern gestaltet ist und in dem sich die Protagonisten wie eine kleine Büroavantgarde umherbewegen. Was so gar nicht passen will zu den piefigen Leben, die sie jeden Tag massenhaft an den Bahnstationen der Vororte hinter sich lassen. Die Bahn und die Massen - Mendes und sein Kameramann Roger Deakins liefern auch hier eine Szene, die man getrost zu den besten Filmszenen Hollywoods der letzten Jahre zählen kann. Doch der schöne Bilderschein, er wird vollends konterkariert durch menschliche Abgründe, die schließlich im Fatalen und scheinbar Unausweichlichen münden.

"Die jungen Wheelers aus der Revolutionary Road, die jungen Revolutionäre aus der Wheeler Road", wie John seine Mutter mit einem spöttelnden und gleichsam ungläubigen Unterton zitiert, sie bleiben im Gedächtnis.


REVOLUTIONARY ROAD
Zeiten des Aufruhrs
USA 2008
119 Minuten
Regie: Sam Mendes