kurze Impressionen (1)
IM SCHATTEN



Thomas Arslans 'Im Schatten' - ein formal furios minimalistischer Krimi-Thriller, der von fast schon unangenehmer Akribie, dröhnender Stille und kribbelnder Kaltblütigkeit geprägt ist.

Den deutschen (Tatort-geprägten) Sehgewohnheiten dürfte Arslans Werk allerdings dermaßen zuwider laufen, dass ihm bei einer Kinoauswertung nur zwei Möglichkeiten bleiben: Der Film wird ein Hit. Oder ein totaler Flop. Dazwischen passt kein Blatt. Und angesichts der deutschen Publikumsfavoriten in den letzten Monaten, ist ein Flop (leider) höchstwahrscheinlich.


IM SCHATTEN
Deutschland 2010
85 min
35' Farbe
Regie, Buch: Thomas Arslan
Kamera: Reinhold Vorschneider
Schnitt: Bettina Blickwede
Musik: Geir Jenssen
Darsteller: Misel Maticevic, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, David Scheller, Peter Kurth


(c) Text: Manuel Schubert/filmanzeiger.de
(c) Bild: Berlinale 2010

Mensch Candy

BEAUTIFUL DARLING: 
THE LIFE AND TIMES OF CANDY DARLING, 
ANDY WARHOL SUPERSTAR
Berlinale 2010 Panorama: Dokumente

Wir schreiben das Jahr 2010 und im Panorama der Berlinale ist die alljährliche Dokumentation über eine Protagonistin der Andy Warhol-Factory zu sehen, dieses Jahr: Candy Darling. James Lawrence Slattery war der Geburtsname von Candy Darling, so lernen wir aus der ersten Sequenz. Ihr langjähriger Weggefährte Jeremiah Newton fälscht dort gerade eine Sterbeurkunde, um die Asche von Candy Darling nachträglich beerdigen zu können. 

Die Urnenbeisetzung ist der entfernte rote Faden, an dem sich Regisseur James Rasin entlang und durch das Leben von Candy bzw. Lawrence bewegt. Wir alle kennen Candy Darling, selbst wenn wir noch nie von ihr gehört haben. „Take a walk on the wild side“ – der Song von Lou Reed setzte ihr ein Denkmal: „Candy came from out on the Island - In the backroom she waseverybody’s darlin’ - But she never lost her head - Even when she was giving head - She says, Hey babe - Take a walk on the wild side - I Said, Hey baby / Take a walk on the wild side - And the coloured girls go…“


Diese Candy - geboren als Mann - wurde, so lernen wir, schon als Junge oft mit einem Mädchen verwechselt. Und der Wunsch eine Frau zu sein, eine geachtete, berühmte, schöne Frau, ein Filmstar erster Güte – das wurde ihr zum Lebensinhalt; der große Ruhm, der große Auftritt, beste Kleider und große Männer an ihrer Seite. Ein großer Mann im übertragenen Sinne entdeckte die junge Schauspielerin bei einem Off-Broadway-Stück und gab freimütig zu Protokoll, er habe sich das erste Mal nicht gelangweilt: Andy Warhol. Er machte Candy Darling zur Actrice in seinen Filmen, „Flesh“ war ihr Debüt. Zu sehen sind kurze Ausschnitte daraus: Die Aura des Stars, sie war stets davon umgeben, so scheint es jedenfalls.

Regisseur James Rasin montiert unzählige Interviews mit Zeitzeugen aneinander, thematisch geordnet und mit bisher unbekanntem Foto- und Filmmaterial kombiniert. BEAUTIYFUL DARLING ist so gesehen eine formal unauffällige Dokumentation. Einzig das Archivmaterial aus dem Bestand von Jeremiah Newton, das dieser vorher kaum gesichtet hatte, macht den wirklichen Reiz des Films aus.

Unterm Strich tun seine Interviewpartner alles, um Candy Darling einen Tribut zu zollen und sie in ihrer schillernden Gestalt und gleichzeitigen Widersprüchlichkeit erscheinen zu lassen – jedenfalls hat James Rasin genau dies zusammenmontiert. Das ergibt ein veritables, intimes Porträt einer einzigartigen Person. Aber genau solche Porträts kennt man über Protagonisten der „Factory“ bereits zuhauf. Allesamt waren sie Stars, allesamt waren sie in ihrer Art schön, allesamt stürzten sie irgendwann über Andy Warhols unglückliches Talent für plötzliche Langeweile gegenüber Mitmenschen. Das ernüchtert nachhaltig und nimmt der Dokumentation leider erheblich vom ursprünglichen Reiz.

Welche Sonderstellung Candy Darling über ihr Mitwirken in der Warhol-Welt hinaus einnimmt, kommt leider nur in wenigen Sequenzen zum Tragen: Candy Darling bzw. James Lawrence Slattery war transsexuell und transident. Eine OP zur Frau kam für sie aber nicht infrage. Dann wäre sie auch nur eine gewöhnliche Frau, sagte sie einmal. Sie lebte ihre Transidentität und damit ihren Traum von der großen Starschauspielerin, über alle Widrigkeiten hinweg und auch unter Inkaufnahme von Risiken für ihre Gesundheit.

Die Legende Candy Darling - Lou Reed hat sie besungen und Richard Avedon fotografiert. Der transidente Mensch James Lawrence Slattery a.k.a. Candy Darling: Den lernen wir in BEAUTYFUL DARLING nur dann kennen, wenn wir Warhol ausblenden und uns ganz auf den Menschen konzentrieren. Mit einer umgekehrten Gewichtung, weniger Warhol-Aura und mehr „Mensch Candy“ – hätte dies eine wirklich interessante Dokumentation werden können. So ist es nur ein weiteres Anderthalb-Stunden-Dokument über Leben in und um die „Factory“ herum. Schade.

BEAUTIFUL DARLING: THE LIFE AND TIMES OF
CANDY DARLING, ANDY WARHOL SUPERSTAR
USA 2009
Dokumentation
HDCAM
85 Min
Regie, Buch: James Rasin
Kamera: Martina Radwan
Schnitt: Zac Stuart-Pointer

(c) Bild: Berlinale 2010

KönigInnen von Moskau

VESELCHAKI
Berlinale 2010 - Panorama: Eröffnungsfilm

Rosa, Lusya, Gelya, Lara und Fira – fünf Transvestiten in Moskau. Fünf Männer, selbstbestimmt und ohne Not. Ihre Leben wirken ziemlich aufgeräumt, sie selbst zufrieden. Sie haben ihren eigenen Club und jeden Abend gibt es Shows. Das Leben scheint auf ihre Weise alltäglich zu sein: Kleine Zickereien, fantastische Fummel, jubelnde Zuschauer und nackte Männerkörper. Dabei könnten sie unterschiedlicher nicht sein:

Rosa als Beispiel, ist ein Mittvierziger, war mal beim Militär, leitet jetzt den Club und hat seine fast erwachsenen Tochter dort als Bühnenhilfe untergebracht. Rosa, der eigentlich auch Robert heißt, nahm sie elf Jahre zuvor zu sich, als die Mutter in eine psychiatrische Klinik gesperrt wurde. Jetzt steht die Mutter plötzlich in der Umkleide und will ihre Tochter sehen.


Lara trat schon in den kommunistischen 70ern im Fummel auf. Eigentlich hat ihn ein Parteifunktionär entdeckt, der sich als Gleichgesinnter entpuppte, was dem aber, wie der Film in Rückblende zeigt, schwer auf den Kreislauf geschlagen ist.

Der junge Gelya bzw. Gennady hatte es in seiner Jugend schwerer: Als Sohn einer Schneiderin und einerseits recht männlich aber doch feminin, war er der Punchingball der örtlichen Jugendgang. Irgendwann zog er sich die fantastischen Kleider aus der Hand seiner Mutter an, schminkte sich auf und rächte sich an den Peinigern auf seine Weise. Seit dem ist er dabei, nur seine Mutter weiß es noch nicht.

Und so geht es in der ersten Hälfte weiter, alle Jungs erzählen retrospektiv ihre Geschichte. Direkt in das Aufzeichnungsgerät einer Zeitungsjournalistin. Träume, Erinnerungen, das tägliche Leben. Ganz normal, ganz gewöhnlich.

Anfangs kommt einem das irritierend vor. Dass sich Regisseur Felix Mikhailov dabei bewusst für laute Töne und schrille Auftritte entscheidet, verstärkt den disparaten Eindruck. Allerdings fängt sich der Film, der reichlich „Priscilla – Königin der Wüste“ und „Hedwig and the Angry Inch“ getankt zu haben scheint, recht bald. Denn die Gewöhnlichkeit, mit der Mikhailov seine Figuren in einem immer noch streng homophoben Rußland inszeniert, schlägt in den Bann und nimmt für sich ein. Die Fünf strahlen eine mitreißende Energie und Lebensfreude aus, die unverzüglich mitreißt.

Gleichzeitig dirigiert Mikhailov geschickt die Dramaturgie, stellt dem lautstarken und schrillen Auftrumpfen, leise und intime Momente entgegen. Er gewichtet Laut und Leise geschickt und bereitet so den Platz, um allmählich die tatsächlichen Alltagsprobleme der Figuren durchscheinen zu lassen. Eine Transe in Moskau – das ist eben immer auch noch Gefahr für Leib und Leben. Schläger und Psychopathen sind dabei nur Einige unter Vielen. HIV ist eine andere und stets aktuelle Bedrohung.

Handwerklich angenehm solide inszeniert, liebevoll gezeichnet in den Figuren und wachsam gegenüber den Bedrohungen, denen ein selbstbestimmtes Leben außerhalb der Norm im heutigen Russland ausgesetzt ist, stellt VESELCHAKI einen würdigen und sehenswerten Start ins diesjährige Panorama dar.


VESELCHAKI
RUS 2010
35' Cinemascope
Regie, Buch: Felix Mikhailov
Kamera: Gleb Teleshov
Schnitt: Inna Tkachenko, Roman Ishkinin
Darsteller: (Rosa) Ville Haapasalo, (Lusya) Danila Kozlovskiy, (Gelya) Ivan Nikolaev, (Lara) Pavel Brun, (Fira) Alexey Klimushkin

(c) Bild: Berlinale 2010