Freiwild

FAIR GAME



Es ist keine neue Erkenntnis, dass sich viele Amerikaner und ganz vorne das mehrheitlich links-liberale Hollywood nicht damit abfinden können, dass ihr Land wegen einer dreisten Lüge des damaligen US-Präsidenten Bush Jr. in einen blutigen Krieg gezogen ist. Dies erklärt auch, warum selbst knapp 8 Jahre nach Beginn des Irakkriegs immer noch Filme ins Kino kommen, die tief verstrickt sind in die Aufarbeitung der Geschehnisse jener Zeit.

FAIR GAME ist so ein Film, der sich in den Dienst der Aufarbeitung stellt, gedreht von US-Regisseurs Dough Liman. Er erzählt, basierend auf zwei Biografien, die Geschichte der ehemaligen CIA-Agentin Valerie Plame und ihres Ehemanns Joseph Wilson. Valerie Plame wurde 2003 durch das Weiße Haus enttarnt, nachdem ihr Ehemann, ein hochrangiger US-Diplomat in der New York Times die Lügen der US-Regierung im Zusammenhang mit Iraks vermeintlichen Massenvernichtungswaffen bloßgestellt hatte. Naomi Watts und Sean Penn verkörpern das Ehepaar Plame/Wilson und sie tragen den Film.


Mit der Enttarnung Valeries bricht im Film eine Medienkampagne sondergleichen los, vor allem die kriegstreuen konservativen Zeitungshäuser und Fernsehnetzwerke versuchen das, Ehepaar zu diskreditieren. Selbst ihre Ehe gerät unter Druck und irgendwann scheinen die Konfliktlinien mitten durch das Wohnzimmer der Familie zu verlaufen. Neben dem medialen Bombardement besteht für Valerie aber ein viel größeres Problem: Sie ist eine der besten Agentinnen der CIA und führt dementsprechend viele und empfindliche Operationen, die bis nach Bagdad reichen.

Der Regisseur & Kameramann Doug Liman und seine beiden Drehbuchautoren beginnen mit ihrer Story jedoch einige Zeit früher. Wir lernen, die Einstiegssequenz ausgenommen, zuerst ein ganz normales Akademiker-Ehepaar kennen. Erst allmählich entfaltet sich die Tragweite von Valeries Arbeit, wovon wir zu Beginn schon eine Ahnung bekommen haben. Das bringt einige interessante Sequenzen mit sich, in denen die Filmemacher Abendessen des Ehepaars im Freundeskreis inszenieren. Selbstverständlich wird auch politisiert, über die US-Politik gestritten, was vor allem Joseph in Rage bringt.


Als Zuschauer ist man in diesen Szenen schon klüger als die Figuren auf der Leinwand, man weiß bereits um Valeries eigentlichen Job und man fragt sich, was ihr in diesem Moment, bei diesen Abendessen durch den Kopf gehen könnte. Beruf und Privatleben sind zwei verschiedene Dinge, aber so ganz zu trennen sind sie nie. Es ist davon auszugehen, dass auch die echte Valerie Plame solche Situationen erlebt hat. Was hat sie gedacht, was hat ihr Ehemann gedacht? Interessante Fragen werden hier aufgeworfen. Augenscheinlich findet der Film seine Antworten darin, dass er eine sehr engagierte und aufrechte Haltung der beiden zeichnet.

Überhaupt scheint der Film bemüht, Valerie Plame und Joseph Wilson ein Denkmal zu setzen. Dass die Biografien von Plame und Wilson die Drehbuchgrundlage bilden, spricht dabei für sich. Angesichts der Courage, die das Ehepaar wohl gehabt hat, ist das ein ehrbares Unterfangen der Filmemacher. Man kann ihnen diese Nähe vorwerfen. Aber das würde zu kurz greifen. FAIR GAME macht klar, dass vor allem Valerie nicht von jetzt auf gleich mit ihrem Leben als Agentin brechen kann. Sie hadert erheblich und ist versucht unterzutauchen, was die Ehe der beiden in akute Schieflage bringt.


FAIR GAME, das ist ein engagierter politischer Thriller, der sein Anliegen sehr zielgerichtet und präzise ausstellt. Für den amerikanischen Film ist dieses Genre traditionell eine Art Paradedisziplin, daher darf kann man dem Film mit einer gewissen Erwartungshaltung begegnen. Spannend und vor allem im gerechtfertigten vollen Vertrauen auf seine beiden Hauptdarsteller, entspinnt sich ein hochkonzentrierter Film, der seine Geschichte ohne Kurzriffe auf gefällige Action oder dramatische Schnitzer erzählt. Unterstrichen wird der positive Gesamteindruck dabei vom sehr perkussiven Score des Soundtrack-Komponisten John Powell, der die (in Hollywood) scheinbar schon obligatorischen Streicher-Orgien weitest gehend zu vermeiden weiß.

Es ist nicht erst, aber auch das Verdienst dieses Films, dass er im Subtext auch die Forderung nach einer generellen Aufarbeitung und Wiedergutmachung stellt. Wiedergutmachung für die schamlosen Verbrechen der US-Administration Bush Jr. Dieses Kapitel ist, erst recht für Hollywood, noch lange nicht abgeschlossen. Im Hinblick auf ein drohendes Desaster in Afghanistan sollte uns Europäer vielleicht sehr genau interessieren, was dieser Film, was FAIR GAME eigentlich verhandelt.


FAIR GAME
USA/VAE 2010
108 Minuten
Regie & Kamera: Doug Liman
Buch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth
Buchvorlagen: Joseph Wilson ("The Politics of Truth"), Valerie Plame ("Fair Game")
Musik: John Powell
Schnitt: Christopher Tellefsen
Darsteller: Sean Penn, Naomi Watts, Sam Shepard, Noah Emmerich, Michael Kelly, Bruce McGill, Ty Burrell

(c) Bildmaterial: Tobis Filmverleih 2010

Komplizenschaft

SOMEWHERE


Das Leben ist schwer - in Hollywood. Schauspieler Johnny Marko hat ein Problem: Eigentlich lässt ihm sein Leben keine Zeit: Als gefragter Schauspieler eilt er von Termin zu Termin, Maskenabdruck hier, Pressekonferenz da, Fotoshooting mit zickigen Kolleginnen dort. Die Abendgestaltung wird von Ausflügen in die Hotelbar dominiert. Gelegentlich turnen zwei knapp bekleidete Tänzerinnen an ihren mitgebrachten Stangen durch Johnny Markos Hotelzimmer. Falls noch etwas Zeit bleibt, kurvt er ziellos mit seinem schwarzen Ferrari durch die Stadt. Johnnys Leben ist gefüllt - mit umtriebiger Langeweile. Genau genommen hätte er also Zeit für seine Tochter. Aber so einfach ist das alles nicht. Zumal sein Sexualleben allabendliche Höhepunkte verspricht.

Johnny ist ein Star, er lebt im Hotel "Chateau Marmont" am Sunset Boulevard, einem Haus, das genauso berühmt ist wie die Gäste, die dort absteigen, oder sogar dort wohnen - so wie Johnny. Wenn er durch die Stadt fährt, schaut er sich selbst ins Gesicht, denn die übergroßen Werbetafeln kündigen seinen nächsten Film an. Auf Pressekonferenzen steht er im Fokus – muss sich mit den merkwürdigen Fragen der Journalisten herumplagen.
Eine dieser Fragen: "Wer ist Johhny Marko?"
Genau jene Frage bringt den Filmstar, der alles zu haben scheint, aus dem Konzept. Ist er die Figur, die alle in ihn hinein projizieren? Ist er ein Frauenheld? Ist er ein Hamster im Getriebe Hollywoods, dessen Assistentin ihm jeden Morgen eine lange Terminliste überreicht? Ist er ein guter Vater, ist er überhaupt ein Vater? Johnny hat die Orientierung in seinem Leben verloren. Dabei lebt er dort, wo Unzählige hinwollen: Im Hollywood-Olymp. SOMEWHERE heißt der neue Film von Sofia Coppola. Im Zentrum ein Hollywoodstar, dessen Leben in den Ritualen der Traumfabrik erstarrt ist. Ein Luxusproblem? Sicherlich. Man muss allerdings anmerken, dass sich Sofia Coppola mit dieser Ausgangssituation in ihrem Sujet treu bleibt. Und das ist nicht unbedingt schlecht.

Zurück genommen inszeniert Sofia Coppola diese Geschichte. In ruhigem Erzähltempo schildert sie den drögen Alltag, der sich - subtrahiert man Ruhm und Geld - auch nicht übermäßig von dem anderer Normalsterblicher unterscheidet. Es geht um Maloche, um die Zeit dazwischen und um das schwer zu entziffernde Gefühl, dass es da doch noch mehr geben muss.

Johnnys 12-jährige Tochter Cleo bricht plötzlich in diesen Mikrokosmos der wohlsituierten Leere ein. Erst als kurze Stippvisite, dann dauerhaft. Ihre Mutter verabschiedet sich für länger, Cleo muss bei ihrem Vater bleiben. Für einen kurzen Moment stemmt sich Johnnys Leben dagegen. Aber das smarte und reichlich coole Mädchen reißt alle Widerstände schnell ein. Was folgt, ist einer der schönsten Vater-Tochter-Geschichten, die das Kino seit langer Zeit zu erzählen wusste.

Elle Fanning als Cleo | (c) Bild: Tobis Filmverleih 2010

Sofia Coppola baut bei ihrem Film ganz auf ein Dreigestirn, bestehend aus ihren beiden Hauptdarstellern und ihrem Kameramann Harris Savides. Und sie tut gut daran. Stephen Dorff und Elle Fanning bringen Glaubwürdigkeit und Sympathie auf die Leinwand. Vor allem Stephen Dorff gelingt es auf beeindruckende Weise, das Abstoßende seiner zunächst snobistischen Figur durch Bodenständigkeit wettzumachen, die innere Leere des Johnny Marko auszuloten und den Hunger nach Zugehörigkeit, nach Emphatie, nach real existierender Zuneigung und Liebe.

Kameramann Harris Savides greift für SOMEWHERE auf statische Halbtotalen zurück. Foto-grafiert oft aus indirekten Perspektiven heraus, verankert die Darsteller stets in den Räumen durch die sie sich bewegen. Der Zuschauer wird sowohl zum Beobachter als auch zum Teil des Films. Unterstrichen wird dies wiederum von subjektive Einstellungen, die nicht dem gängigen dramaturgischen Strickmustern entsprechend geschnitten werden, sondern als minutenlange Sequenzen im Film sind; Einladungen zum Gedankenspiel über den Ist-Zustand des Charakters Johnny Marko.

Dramaturgie und Schnitt widersetzten sich in SOMEWHERE auf wunderbare Weise gängigen Konventionen. Im Zusammenspiel mit der großartigen Kameraarbeit bekommt SOMEWHERE etwas Meditatives und Entrücktes. Traumwandlerisch, schwebend – Adjektive, die diese fantastische Eigenschaft des Streifens nur unzureichend umschreiben.

Abends, im Hotel | (c) Bild: Tobis Filmverleih 2010

SOMEWHERE, das ist einer dieser seltenen Filme, die sich unverzüglich und auf beste Weise in den Kopf einbrennen, die uns zu einer ewig währenden Komplizenschaft verleiten können. Eine Komplizenschaft mit einem Filmstar und seinem drögen Leben, mit einem Menschen und seinem Hunger nach einem kurzen Augenblick des echten Gücks, eine Komplizenschaft mit einem Vater und seiner Tochter. Ob sich Johnny und Cleo mit dem ungleichen Paar Charlotte und Bob bestens verstehen würden. Bestimmt! Sofia Coppolas SOMEWHERE – ein ehrlicher, klarer, großartiger Film.


SOMEWHERE
USA 2010
98 Minuten
Regie: Sofia Coppola
Buch: Sofia Coppola
Kamera: Harris Savides
Schnitt: Sarah Flack
Musik: Phoenix
Darsteller: Stephen Dorff, Elle Fanning, Chris Pontius, Michelle Monaghan



(c) Bildmaterial: Tobis Filmverleih 2010

Die Herrin der 5 Elefanten ist tot

Ruhe in Frieden, Swetlana...
Swetlana Geier 26. April 1923 - 7. November 2010
Swetlana Geier in der Dokumentation DIE FRAU MIT DEN 5 ELEFANTEN | (c) Bild: Real Fiction 

Die sehenswerte Dokumentation DIE FRAU MIT DEN 5 ELEFANTEN ist derzeit noch in einzelnen Kinos bundesweit zu sehen.

Trailer

Durchkomponierte Wuchtigkeit

I AM LOVE


Oberflächen, Kulissen, Räume, Lebensorte – für das Kino sind sie essenziell. Aber der Grad zwischen Oberfläche als elementarem Teil eines Films und simpler Dekoration ist schmal und viel zu viele Filmemacher verstricken sich im illustrativ Dekorativen, versäumen es, die Oberflächen mit etwas zu unterfüttern, das ihrem Film eine eigene Lebendigkeit gibt.

I AM LOVE, des italienischen Regisseurs LUCA GUADAGNINO, gelingt dies scheinbar mühelos. Der Film, der das Ergebnis einer 11-jährigen Zusammenarbeit mit seiner Hauptdarstellerin Tilda Swinton ist, atmet Oberflächen förmlich, ergeht sich regelrecht darin, hat trotz oder gerade wegen 2D eine auffällige Haptik. Die Einstiegssequenz verfolgt ein Abendessen in einer herrschaftlichen Villa in Mailand. Wir erleben die Vorbereitungen des Personals, penibel wird Essen gekocht, die Tischordnung abgestimmt, der Tisch hergerichtet. Die Familie sammelt sich allmählich, wertet den Tag aus, liest die lachsfarbene Tagespresse; das Familienoberhaupt, die Großeltern kommen an, schwatzen kurz mit dem Personal, legen ihre edlen Pelzmäntel in dessen Arme. Während die Herrin des Hauses, Emma ihr Name, im Ankleidezimmer in ein Abendkleid schlüpft und sich dabei von ihrem Ehemann helfen lässt.


Die Kamera ist stets präsent, verfolgt das Treiben in stiller Teilnahme, wagt hier und da eine ausgedehnte Kamerafahrt oder beobachtet genau - aber auf Abstand. Ausgesuchte, durchgeplante Bilder sind es, arrangiert und ganz auf die Herrschaftlichkeit des Hauses ausgerichtet, in der die Geschichte spielt. Die noble Stadtvilla der Familie Recchi, einem angesehenen Clan von Textil-Produzenten in Mailand wird dabei von Schnee umweht. Das Intro des Films zelebriert vorher dieses Bild einer monoton-grauen, eingeschneiten Stadt, fängt sie in Panoramaaufnahmen ein, nur abgelöst von geradezu herrschaftlichen Totalen. Phasenweise wirken die Farben wie in Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Diese Bilder, hochgestochen und durchkomponiert, porträtieren detailversessen das edle, herrschaftliche Leben der Familie. Geradezu körperlich spürbar ist die Hybris der Recchis; satt, fleischig, üppig scheint ihre Welt.

Die Welt - das ist auch das Drama der Emma Recchi. Sie ist eine selbstbewusste Frau, hält ihre Familie aus drei wunderschönen, erwachsenen Kindern zusammen. Die Geschichte legt jedoch allmählich Risse im Familiengefüge frei, als der Großvater sein Lebenswerk an seinen Sohn und seine Enkel übergibt. Kaum ist der Großvater tot, sind die Söhne und ihr Mann Tancredi Recchi aus dem Haus, von London ist oft zu hören und vom Verkauf der Firma. Einsamkeit breitet sich um Emma herum aus, eine Einsamkeit, die ihren bisherigen Lebensentwurf infrage stellt.


Zufällig fällt ihr ein Indiz in die Hände, dass ihre Tochter wohl lesbisch sein könnte. Aber das nimmt Emma nur am Rande wahr. Einer ihrer Söhne, Eduardo schleppt einen Freund an, Antonio, ein begnadeter junger Koch. Der Film inszeniert die erste Begegnung von Emma und Antonio beiläufig, für Emma ist er nur ein Freund Antonios. Zunächst eher unmerklich entspinnt sich aus dieser Begegnung eine Affäre. Ausgerechnet ein Mittagessen mit einer Garnele, zubereitet von Antonio, wird für Emma zu einer Art Erweckungserlebnis. Es versteht sich von selbst, dass in I AM LOVE auch das Essen zelebriert wird und Teil des Ganzen ist.


Die Affäre zwischen Emma und dem Koch wird sich selbstverständlich entwickeln, und sich zu einem dramatischen Finale zuspitzen, welches über die angeknacksten Familienverhältnisse wie eine Apokalypse hereinbricht. Immer im Zentrum steht dabei Emma, die absolut Leinwand füllend von Tilda Swinton gespielt wird. I AM LOVE – ein durchkomponiertes, wuchtiges Drama, ein wortwörtliches Epos. Das ist gewöhnungsbedürftig – aber auf seine Weise auch ein Ereignis.


I AM LOVE
Italien 2009
119 Minuten
Regie: Luca Guadagnino
Buch: Luca Guadagnino, Barbara Alberti, Ivan Cotroneo, Walter Fasano
Kamera: Yorick Le Saux
Musik: John Adams
Schnitt: Walter Fasano
Darsteller: Tilda Swinton, Flavio Parenti, Edoardo Gabbriellini, Alba Rohrwacher, Pippo Delbono, Maria Paiato, Diane Fleri, Waris Ahluwalia, Gabriele Ferzetti, Marisa Berenson

(c) Bilder: MFA+ Filmverleih 2010

Im Transit des Wartens

ORLY


ORLY beginnt mit einer Frau, die allein durch eine Stadt geht, sie wirkt grimmig und verletzlich zugleich. Es folgt eine Abschiedsszene, bei der einer der Beteiligten bereits gegangen ist. Theo, ein Mann, um die 50 ist verlassen worden. Zerknirscht sitzt er zu Hause auf seiner dunklen Ledercouch, wirkt etwas mitgenommen. Er ruft jemanden an, eine Frau. Sie ist nicht begeistert von seinem Anruf, will das Er sie in Ruhe lässt. Er versucht am Telefon in Alltägliches zu flüchten, sie legt irgendwann entnervt auf. Ortswechsel: Ein Flughafen, in Paris, genauer Flughafen Paris Orly. Wir beobachten verschiedene Leute, wie sie den Flughafen betreten, sich ihr Ticket holen, warten. Auf einer kleinen Sitzbank kommen ein Mann und eine Frau ins Gespräch.

Ins Gespräch kommen: „Wo fliegen sie hin?“, „Wo kommen sie her?“, „Weswegen waren sie hier?“ – Dialoge zwischen Menschen, die sich nicht kennen, sich nur mit Vornamen einander vorstellen und mit dem, was sie bei sich tragen. Taschen, Koffer, Mäntel. Eigentlich bleibt es dann oberflächlich. Doch das erste Paar, dem wir zusehen, kommt ins Schwatzen. Aus der Unkenntnis des Anderen wird eine vage Ahnung vom Gegenüber, nur anhand von dessen Erzählungen. Das gilt hierbei für Protagonisten und Kinopublikum gleichermaßen.


ORLY - geschrieben und gedreht von der deutschen Regisseurin Angela Schanelec. Ihr Film besteht aus verschiedenen solcher Zusammenkünfte im Wartebereich des Flughafens. Mal sind es zwei Menschen, die sich noch nie getroffen haben, mal sind es Mutter und Sohn und dann wieder ein junges deutsches Paar. Nach und nach lernen wir sie kennen, machen uns ein Bild anhand dessen, was sie einander erzählen, was sie tun, was der Film uns gibt. Und mit ihnen erkunden wir den Flughafen, zeichnen allmählich eine Karte im Kopf, geben den Orten Namen: Eingangshalle, Duty-Free, das Café. Doch das ist vielleicht nur auf den ersten Blick relevant. Viel interessanter ist das, was der Prozess des Wartens in einer absolut anonymen Umgebung aus den Figuren und im übertragenen Sinne auch aus uns macht.

Im Transit des Wartens verändern wir uns auf seltsame Weise. Wir sind unserer gewohnten Umgebung entrissen, auf uns selbst zurück geworfen. Unser Ziel ist eine unklare Chiffre, der Ort, den wir verlassen haben, klingt aber noch nach. Das ist Freiheit von uns selbst für einen vorübergehenden Augenblick. Das eröffnet neue Perspektiven, neue Möglichkeiten. Und so spricht der Sohn irgendwann aus, was er seiner Mutter wohl schon lange sagen wollte. So sehen wir auch den jungen Deutschen, der seine Freundin für eine kleine Erkundungstour verlassen hat und im Duty-Free-Shop auf die Frau der Eröffnungsszene stößt. Sie, zwei sich völlig Unbekannte, tauschen Blicke. Blicke, die Hoffnung auf etwas machen, dass wohl nie Realität werden wird. Dass aber gerade hier, im Transit, absolut möglich scheint.


Die Kamera versetzt uns in die Perspektive des Beobachters. Auf mittlere Distanz und mit langer Brennweite wurde ORLY gedreht, ohne dabei den alltäglichen Betrieb im Flughafen zu unterbrechen oder zu manipulieren. Die Schauspieler sitzen wie ganz gewöhnliche Passagiere im Flughafen, werden von der Umgebung assimiliert. Lange Einstellungen mit wenigen Schnitten, ein ruhiger, geradezu zärtlicher Film. Der voller Lebendigkeit steckt, der uns im Kopf abholt und uns am Schluss Gedanken-versunken zurück lässt.


Wer das Label braucht, der soll Angela Schanelecs ORLY ruhig als Film der sog. „Berliner Schule“ titulieren. Denn ORLY zur „Berliner Schule“ zu zählen ehrt dieses Label, das vom deutschen Bombast-Kino so gehasst wird. Aber eigentlich ist das vollkommen egal. ORLY steht für sich selbst. ORLY ist ein großartiger Film.


ORLY
Deutschland/Frankreich 2010
83 Minuten
Regie & Buch: Angela Schanelec
Kamera: Reinhold Vorschneider
Musik: Cat Power ("Remember Me")
Schnitt: Mathilde Bonnefoy
Darsteller: Bruno Todeschini, Natacha Régnier, Mireille Perrier, Maren Eggert, Emile Berling, Josse de Pauw, Jirka Zett, Lina Falkner

(c) Bilder: Piffl Medien Filmverleih

Melancholische Prototypen

TAXI ZUM KLO


„Es ist ein Film über die Möglichkeit einer Liebe, der zufällig im Schwulen-Millieu spielt.“ – so versuchte der Regisseur dieses Films sein Werk in einem Satz zusammen zufassen. Frank Ripploh hieß der Regisseur, TAXI ZUM KLO heißt sein Film. Und dieser Film wurde nun erneut in die Kinos gebracht. 1980 gedreht, war der komplett ohne Förderung produzierte Streifen ein überraschender Publikums- und Kritikererfolg, und erreichte selbst in den USA über 200.000 Zuschauer. Zudem erhielt er 1981 den renommierten Max-Ophüls-Preis und sorgte außerdem für einige Kontroversen. Die Kontroversen leiteten sich nicht nur aus der wunderbaren und wohl dosiert bissigen Schilderung eines schwulen Alltagslebens in Berlin ab, was Anfang der 80er in der Bundesrepublik immer noch höchst problematisch war. Sondern auch aus der expliziten Darstellung von schwulem Sex. So etwas hatte es im deutschen Film bis dahin noch nicht gegeben. Schon gar nicht dergestalt, dass er als etwas zutiefst Sinnliches und Hingebungsvolles dargestellt wurde.  

Aus dem heutigen Blickwinkel betrachtet, schwingt in TAXI ZUM KLO auch eine ungeheure Melancholie mit. Das hat zunächst mit dem Drehort (West-)Berlin zu tun, welcher am Beginn des vierten Jahrzehnts der Teilung und in seiner nass-grauen Erscheinung eine einzigartige Endzeitstimmung kolportierte, die zu jener Zeit die Gemüter teilte: Berlin war Anziehung und Abstoßung zugleich. Abstoßend in seiner Hässlichkeit und großstädtischen Provinzialität. Aber auch anziehend durch die Möglichkeiten und überraschenden Freiräumen. Davon ist heutzutage in der Stadt nur noch wenig übrig. TAXI ZUM KLO wirkt hier gleichsam wie ein Seismograph jener Zeit. 


Die Melancholie hat aber auch noch eine wesentlich schwerer wiegende Quelle: Im Sommer des Premierenjahrs 1981 wird in einem wöchentlichen Bericht der US-Gesundheitsbehörde erstmals von einer rätselhaften Form der Lungenentzündung die Rede sein, die vor allem homosexuelle Männer betraf. AIDS betrat die Bühne der Weltgeschichte und verurteilte faktisch auch jene Welt zum Tode, die Frank Ripploh noch 1980 vorgefunden und porträtiert hatte.

Diese Welt, das ist das Leben des Lehrers Frank, der sich in den Filmvorführer Bernd verliebt. Beide leben sie in West-Berlin. Frank schätzt das Leben der schwulen Berliner Subkultur, hat viel Sex, geht auf Klappen, in Parks, in „Action Rooms“ wie der Darkroom damals noch genannt wurde. Bernd ist anders, bürgerlicher, ruhiger. Er träumt vom Leben auf dem Land und einem kleinen Bauernhof. Eine Vorstellung, die Frank nicht behagt, schließlich ist er doch extra wegen dem wilden Leben nach Berlin gezogen. 

Beide Männer sind im Grunde jene Prototypen eines Schwulen, wie sie schon Rosa von Praunheim 1969 filmisch aufs Korn genommen hatte: Jene Homosexuelle, die sich krampfhaft an eine bürgerliche Existenz klammern. Und deren Gegenseite, die sich in ihrer grenzenlosen Freiheit verrennt. Die Beziehung von Frank und Bernd kann daran nur zugrunde gehen. TAXI ZUM KLO ist ein bemerkenswerter Streifen, ist treffend in der Schilderung seiner Milieus. Zudem besticht der Film durch eine großartige Fotografie, für die der (ex-)DEFA-Kameramann Horst Schier verantwortlich zeichnete. Die verzeihlichen dramaturgischen Unebenheiten dürften dem Zeitgeist und dem Umstand geschuldet sein, das TAXI ZUM KLO das Spielfilmdebüt von Frank Ripploh war.  


TAXI ZUM KLO verfügt immer noch über eine ungewöhnlich starke Aktualität: Die Probleme mit dem Einrichten in einem eigenen Lebensentwurf prägen bis heute jede schwule Sozialisation. Und die daraus entstehenden Schwierigkeiten, Beziehungsformen zu entwickeln, die tragfähig sind, bestehen ebenfalls unverändert fort. 1980 gedreht, ist TAXI ZUM KLO heute 30 Jahre alt. Für einen Film ist das eigentlich schon ein beachtliches Alter. In diesem Fall gilt aber, was auch für Männer gilt: Mit 30 werden sie erst so richtig interessant.


TAXI ZUM KLO
BRD 1980
95 Minuten
Regie & Buch: Frank Ripploh
Kamera: Horst Schier
Musik: Hans Wittstadt (Song)
Schnitt: Marina Runne, Matthias von Gunten
Darsteller: Frank Ripploh, Bernd Broaderup, Gitte Lederer, Hans-Gerd Mertens, Irmgard Lademacher, Beate Springer
Erstaufführung: 09.01.1981 (Filmwelt)
1. WA: 25.06.1992 (Filmwelt)
2. WA: 04.11.2010 (Pro-Fun)