Interview mit Vaginal Davis RISING STARS, FALLING STARS Dezember 2011

filmanzeiger & filmhighlights präsentieren: Rising Stars, Falling Stars - die Stummfilmreihe im Kino Arsenal - kuratiert von Vaginal Davis.

Im Dezember 2011: Der Wahnsinn aus dem Schuppen.

Vaginal Davis spricht über das frühe japanische Filmjuwel KURUTTA IPPEIJI (Eine Seite des Wahnsinns) und seinen Regisseur Teinosuke Kinugasa, über die Vorzüge von Berlin zur Weihnachtszeit und warum sie reif für ein erholsames Koma ist.



Rising Stars, Falling Stars
 KURUTTA IPPEIJI (JP 1926; ca. 60') von Teinosuke Kinugasa
 Am Klavier: Eunice Martins
 Donnerstag 22.12, 21:30 Kino Arsenal

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www.facebook.com/filmhighlights

Sprecher: Vaginal Davis, Manuel Schubert
 Musik & Klang: Felix Knoke
 Produktion: Manuel Schubert

Schwedische Sichtweisen

THE BLACK POWER MIXTAPE 1967 - 1975
Berlinale 2011 - Panorama Dokumente


Eine dunkelhäutige Frau in rotem Rollkragen-Pullover und mit großem, buschigen Lockenkopf sitzt in einer grau-blauen Gefängniszelle. Um den Hals trägt sie, wie ein Amulett, ein Mikrofon. Ihr gegenüber sitzt ein Reporter, man sieht nur ein Stück seines Oberarms. Er stellt ihr die Frage, ob die Anwendung von Gewalt legitim ist, ob sie Gewaltanwendung gutheißen würde. Sie antwortet, lang und erregt, erzählt eine Geschichte aus ihrer Kindheit, als weiße Rassisten Bomben in den Wohnvierteln von Schwarzen deponierten. Sie berichtet von einem Bürgermeister, der indirekt dazu aufrief, schwarze Bewohner zu ermorden: „There’ll be some bloodshed in the neigbourhood.“

Die Frau, die dort spricht, ist die schwarze Professorin und Bürgerrechtlerin Angela Davis. Die Frage, auf die sie Antwort gibt, wurde ihr von einem schwedischen TV-Korrespondenten gestellt. Er und sein Kamerateam hatten Davis 1971 in der Untersuchungshaft besucht, in der sie zwei Jahre lang saß, weil man ihr die Beteiligung an einer Schießerei eines Black-Panter-Mitglieds in einem Gerichtssaal anlasten wollte. 1972 wurde Angela Davis von diesem Vorwurf in allen Punkten freigesprochen, die Anklage hatte sich als Farce herausgestellt.

Das schwedische Fernsehen berichtete von Mitte der 60er bis Mitte der 70er intensiv über die Verhältnisse, in denen Schwarze in den USA lebten und wie sie versuchten, ihre Situation zu verändern. Angela Davis war nur eine von vielen markanten Persönlichkeiten, die sich für das Black Power Movement starkmachten.

THE BLACK POWER MIXTAPE, das Doku-Essay des schwedischen Regisseurs Göran Hugo Olsson gräbt das damals aufgenommene Material aus und montiert es in gewisser Weise zu einer Zeitreise in eine Ära des politischen Protests, des Aufbruchs und auch der Repression. THE BLACK POWER MIXTAPE ist ein unaufgeregtes, sehr aufmerksames Werk. Gören Hugo Olsson gibt diesen Bändern viel Raum und hält seinen narrativen Überbau auf einem respektvollen Abstand. Er verlässt sich auf die Faszination dieser Aufnahmen, zu Recht.


Namen und Ereignisse prägen diesen Film: Stoakley Carmichael, Angela Davis, die Black-Panther-Gründer Bobby Seal und Huey P. Newton, die blutige Niederschlagung des Aufstands im Attica-Gefängnis, schwarze Soldaten im Vietnamkrieg, der langsame Drogen-Tod von Harlem ab Anfang der 70er. Im Fokus des BLACK POWER MIXTAPES stehen jedoch nicht nur die Protagonisten der Aufnahmen. Es sind die Aufnahmen selbst, die viel über die Zeit erzählen und jene Menschen erzählen, von denen häufig nur ein Rücken oder einen Oberarm zu sehen ist.

Man muss sich vor Augen führen, dass die Arbeit der schwedischen Journalisten und ihre kritische Haltung gegenüber dem amerikanischen Staat und seinem Krieg in Vietnam erhebliche politische Verwerfungen zur Folge hatten. Diese Bilder bargen, so erkennt man schnell, eine erhebliche Brisanz in sich, weil sie der damaligen weißen Mehrheitsgesellschaft in den USA schonungslos den Spiegel vorhielten. Was die USA mitunter mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen quittierten.

Regisseur Göran Hugo Olsson belässt es jedoch nicht bei dem Rundgang durch die Geschichte. Er baut Brücken ins Heute: Schwarze Künstler und Intellektuelle, die diese Zeit nur noch aus Erzählungen kennen, kommentieren die Bilder, ihre Geschichten und ihre Entwicklungen punktuell und aus ihrer subjektiven, heutigen Sicht. Damit schreiben sie das Vermächtnis des BLACK POWER MOVEMENTS im Heute fort.


THE BLACK POWER MIXTAPE 1967-1975
Schweden, USA 2011
94 Minuten
HDCAM, Farbe, S/W
Englisch, Schwedisch
Regie, Buch: Göran Hugo Olsson
Protagonisten: Stokely Carmichael, Angela Davis, Erykah Badu, Harry Belafonte
Schnitt: Hanna Lejonqvist, Göran Hugo Olsson
Mischung: Anders Nyström
Musik: Ahmir Thompson, Om’Mas Keith and the Roots
Produktion: Annika Rogell, Tobias Janson, Louverture Films, Sveriges Television

Screenings im Festival:
Sa 12.02. 20:00 CineStar 7 (E)
So 13.02. 12:00 CineStar 7 (E)
Fr 18.02. 17:30 Cubix 7 (E)


(c) Bildmaterial: Berlinale 2011

Interview mit Vaginal Davis RISING STARS, FALLING STARS November 2011

filmanzeiger & filmhighlights präsentieren: Rising Stars, Falling Stars - die Stummfilmreihe im Kino Arsenal - kuratiert von Vaginal Davis.

Im November 2011: Ein Komiker mit zwei Gesichtern, eine programmatische Carte Blanche und eine schwer erkältete Vaginal Davis unterwegs.


Rising Stars Falling Stars - with Vaginal Davis - November 2011 by Filmanzeiger on Mixcloud

Diesmal präsentiert Vaginal Davis eine programmatische Carte Blanche zum amerikanischen Traum und zeigt verschiedene Stumm-Kurzfilme u.A. mit THE POOL SHARK des Komikers W.C. Fields. Ein Mann, der auf der Bühne so lustig erschien, wie er im realen Leben tragisch war. Außerdem berichtet eine schwer erkältete Vaginal Davis von Performances mit Hindernissen in London & Barcelona

Rising Stars, Falling Stars
Kurzfilme u.A. mit THE POOL SHARK (1915) und MANHATTA (1921)
Live-Musik von John und Tim Blue
Samstag 19.11, 21:15 Uhr
Kino Arsenal

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Sprecher: Vaginal Davis, Manuel Schubert (filmanzeiger)
Musikauswahl & Produktion: Manuel Schubert

„Porno ist total Dada!“

Rundgang durch das
6. Pornfilmfestival Berlin 2011

Wo liegen die Schnittstellen zwischen dem visuellen Erleben von vielgestaltiger Sexualität, (Film-)Kunst und gesellschaftlichen Fragestellungen? Die Kuratoren des Pornfilmfestival Berlin blieben sich treu und regten ihr Publikum auch im sechsten Jahrgang mittels 118 Kurz- und Lang-, Spiel- und Dokumentar-, Animations- und Experimentalfilmen zur Suche nach Antworten an. Zudem rundeten Performances, Workshops, Diskussionen und Kunstausstellungen das Programm an den traditionell letzten vier Oktobertagen ab.

Courtney Trouble: ROULETTE TORONTO

Hervorstechend war die klare quantitative und qualitative Präsenz lesbischer Filmemacherinnen im Festival. Danielle Sipple und Elizabeth Weisbrot eröffneten die Kurzfilmrolle zum lesbischen Porno mit einem intensiven Stück, in welchem eine junge Frau, die Masturbations-Fantasie der Fixierung in einer Zwangsjacke durchlebt. TOOTH & NAIL hieß der dynamische und sieben Minuten kurze Film, in welchem die Regisseurinnen ihre Darstellerin Dylan Ryan in einen annähernd destruktiven Strudel eigener sexueller Vorstellungen schickten. Eine ähnliche Dynamik, wenn auch nicht destruktiv, sondern vielmehr sinnlich, entfaltete der Kurzfilm ALPHAFEMMES. Ein lesbisches Paar, in seinen körperlichen Typen höchst kontrastierend, entwickelt ein vordergründiges SM-Spiel von Unterwerfung und Dominanz zu einer fleischlich satten Session. Die Filmemacherin Anna Devia baute in den 23 Minuten ihres Films ein reizvolles Spannungsverhältnis zwischen dem innigen Sex der beiden Frauen und der Location auf.

Fetische waren in diesem Jahre ein prägendes Thema der Auseinandersetzung lesbischer Filmemacherinnen mit ihrem Sex. Julie Simone stellt eine 13-minütige Masturbationsfantasie aus Latex vor: In LATEX DREAMS wird für eine Frau, eingehüllt in das Material, die eigene Traumvorstellung unversehens zur sehr greif- und fühlbaren Realität. Auffallend ist an diesem Film die Arbeit mit Ton. Julie Simone überbrückt die nichtvorhandene Haptik des 2-D-Bilds durch eine Klangspur, die selbst kleinsten Details Aufmerksamkeit schenkt.

Zurückeroberung der Widersprüche

VATERLANDSVERRÄTER

Es beginnt mitten im Sommer in einem Ruderboot auf einem See: Der Schriftsteller Paul Gratzik hält die Ruder in der Hand. Ihm gegenüber, mit der Kamera in der Hand, sitzt die Filmemacherin Annekatrin Hendel. Gratzik wirkt gereizt, offenbar hat Händel eine Frage gestellt, die ihm nicht passt: „Ich geh über Bord“. Es hat den Anschein, dass die Regisseurin hier vorsichtig insistierend versucht, über ein vereinbartes Themenspektrum hinauszukommen. Sie fragt nach Gratziks Arbeit für die DDR-Staatssicherheit und ob er über ihm nahestehende Menschen berichtete. Gratzik kontert ihren Versuch: "Ich hör diese scheiß westdeutschen Filmfragen genau raus!" - „Ich habe keine Moral – jedenfalls nicht eure!“ In diesem Moment wird deutlich spürbar, dass hier ein Protagonist im Boot sitzt, der damals ganz klar aus Überzeugung handelte. Und der auch heute noch viel von jener Haltung in sich hat, die ihn damals trug.


Es ist eine irritierende Aufnahme: Da rudern zwei Generationen von Deutschen mitten im Sommer über einen dieser traumhaft idyllischen Seen Brandenburgs und streiten über fundamentale Fragen deutsch-deutscher Geschichte. Eine Geschichte, die nach der Wende vor allem eine Geschichtsschreibung des sog. „Westen“, siegreich und überlegen, über den sog. „Osten“ war. Die allmählich, gerade durch den dokumentarischen Kinofilm (vgl. Thomas Heise - MATERIAL), eine Form von Zurückeroberung erfährt, zumindest einen Ausgleich der Sichtweisen. Annekatrin Hendel und ihr Film VATERLANDSVERRÄTER fügen sich hier ein und tragen mit dem Porträt über den Schriftsteller Paul Gratzik einen wichtigen Aspekt bei. Der per se aufbrausende Paul Gratzik kriegt sich auf diesem Boot wieder ein, die Situation eskaliert nicht. Vielmehr geht er auf ihr Insistieren ein. Sie fragt nach Moral, er antwortet mit seiner eigenen Interpretation und einem geflügelten Wort seiner Mutter, dessen Aktualität nicht nur in diesem Zusammenhang bestechend ist: „Der größte Feind im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant.“

Chronologie des Scheiterns

LA PIEL QUE HABITO
Die Haut in der ich wohne



Die Filme von Pedro Almodovar sind für mich stets aufs Neue ein qualitatives Wechselbad der Gefühle. Es gab großartige Kinomomente im jüngeren Schaffen Almodovars, vor allem sein gleichermaßen bittersüßer wie bebend wütender Film LA MALA EDUCATIÓN, der die Missbrauchsskandale der Kirche bereits vorwegnahm, lange bevor die Öffentlichkeit davon in Aufregung versetzt wurde. Zuletzt entwickelten sich seine Werke jedoch in Richtung eines enervierenden Ärgernisses. Sicherlich: Seine Filme sind im Wortsinn schön. Schönheit ist seit jeher eines der Grundprinzipien bei Almodovar. Doch auch das konnte den Eindruck nicht zerstreuen, dass sich die Bilderwelten des Pedro Almodovar formal festgefahren hatten. Er ist im negativen Sinne erwartbar.

Das Heute im Gestern

DIE LINCOLN VERSCHWÖRUNG

Abraham Lincoln war einer der Gründerväter der US-amerikanischen Nation. Die Erinnerung daran hat sich diese Nation gleich mehrfach in Stein bzw. ins visuelle Gedächtnis gehauen. Lincoln initiierte die Abschaffung der Sklaverei und zwang die abtrünnigen Südstaaten in einem blutigen Bürgerkrieg zurück in das amerikanische Staatenbündnis mit dem Norden. Neben Kennedy war er aber auch eines der spektakulärsten Attentatsopfer der US-Geschichte. Karfreitag 1865, kurz vor Kriegsende und dem Beginn seiner zweiten Amtsperiode als US-Präsident, schoss man ihm bei einer Theateraufführung in den Kopf.


Auf den ersten Blick irritiert dieser Film: DIE LINCOLN VERSCHWÖRUNG, im Originaltitel THE CONSPIRATOR, flittert als sattes Historiendrama über die Leinwand; formal gediegen und ohne erkennbaren Mehrwert für die Institution Kino. Dafür mit offenkundigen Ähnlichkeiten zu Doku-Fictions einschlägiger Fernsehkanäle. Unweigerlich drängt sich die Frage nach dem Warum auf. Warum soll man sich so etwas anschauen? Warum erzählt Robert Redford solch eine Geschichte?

R.I.P. George Kuchar

George Kuchar
31. August 1942 – 6. September 2011

Der experimenteller Filmemacher, Professor am San Francisco Art Institute und übrigens auch Lehrer des Regisseurs und Berlinale-Sektionsleiters Wieland Speck, verstarb in der Nacht zum 7. September nach längerer Krankheit 69-jährig.

Sein Einfluss und sein Eintreten für ein freies und kreatives Filmemachen sind unschätzbar und bleiben hoffentlich unvergessen.

Zwei seiner Filme finden sich auf Youtube...






Die Filmplattform MUBI bringt eine kleine Würdigung: http://mubi.com/notebook/posts/george-kuchar-1942-2011

Abgrund//Neuanfang

FJELLET - The Mountain


Die erste Begegnung zwischen einem Film und seinem Zuschauer findet vor dem Gang ins Kino statt. Bevor uns ein Film erreichen kann, erreicht uns zuerst Text über das Werk. Einfache Dinge wie eine Inhaltsangabe, eine Synopse oder eine Besprechung. Anhand dieser Texte treffen wir eine Vorentscheidung darüber, ob wir einen Film sehen wollen. Empfehlungen von Bekannten oder ein Trailer beeinflussen unsere Entscheidung für oder gegen das Anschauen zusätzlich. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Film als solches noch keinerlei Chance gehabt, für sich einzunehmen. Sitzt man vor dem Programm eines großen Filmfestivals wie der Berlinale, welches in wenigen Tagen mehrere Hundert Filme zeigt, werden diese Info-Häppchen zum einzigen Kriterium für die eigene Planung.

"Film kann Gesellschaft gestalten." Ein Nachmittag mit Wieland Speck

filmhighlights Spezial

Mitte Juli traf ich, in Begleitung der Stummfilmexpertin und Performancekünstlerin Vaginal Davis, mit Wieland Speck zum Interview zusammen. Anlass war die Jubiläums-Programmreihe zum 60. Geburtstag des Regisseurs und Direktors der Berlinale-Sektion "Panorama" im Berliner Kino Arsenal.


Ein Gespräch über seine Anfänge als junger Schwuler aus der Provinz, das Besondere an Rosa von Praunheim, Filmdrehs in Ost-Berlin, einen Harfenspieler auf der Berliner Mauer, seinen Lehrer George Kuchar und das erste Treffen mit Manfred Salzgeber.

(Die Interviewsprachen sind Englisch & Deutsch.)



Einige Zitate aus dem Gespräch:

"Videos aufzunehmen und sie zu löschen war etwas vollkommen Neues. Und sie zu löschen hatte vielleicht auch etwas Arrogantes." - Wieland Speck über seine Anfänge als Videofilmer.

"Rosas unglaubliche Taktik: Er macht die Leute an. Er war jahrzehntelang der berühmteste Schwule des Landes." - über Rosa von Praunheim.

"Der interessantere Aspekt an Film ist, dass er Gesellschaft gestalten kann." - über die Kraft des Films an sich.

"Ich war als 17-jähriger Schwuler tuntig, war ne Fee, war bunt und mich haben die verhuschten Schwulen auf dem Land nicht interessiert." - über seine ersten Erfahrungen mit Schwulengruppen in der Provinz.

"Die Schwulen sind eine der größten Vertriebenengruppen überhaupt." - über den faktischen Zwang schwuler Männer zur Flucht in die Großstädte.

"Hollywood war damals nur eine andere große Filmstadt, neben Berlin & Babelsberg." - über die Filmlandschaft in den 1920ern.

"Die Stasi hat einen Vorgang über mich angelegt und ihn auf den poetischen Namen 'Der Harfenspieler' getauft." - über seine Stasi-Akte, die anlässlich seines Videofilms "Berlin off/on wall" angelegt wurde.

"Wir mussten versteckte Kameras benutzen, eine Super-8, denn es war eigentlich verboten in Ost-Berlin zu drehen. Wir haben vorher im Westen die Abläufe geübt." - über die Dreharbeiten zu "Westler".

"Es gibt viele Filme im Osten und Westen, die in den Wendejahren untergingen und es verdient haben wiederentdeckt zu werden." - über Deutsche Filme aus den Jahren 1988 bis 90.

"Professionalität hat furchtbar viel Kreativität kaputt gemacht." - über seine Lehren aus dem kreativitätsfördernden Filmstudium bei George Kuchar in San Francisco.

"Er hat damals ganz viele Kinos davor gerettet, Supermärkte zu werden - auch das Arsenal." - über Manfred Salzgebers Anfänge in der Berliner Kinolandschaft.

"Es wäre wie ein Leben ohne Jahreszeiten, wenn wir die Unterschiede der Generationen nicht hätten." - über den Austausch zwischen den Altersgruppen und die Weitergabe von Geschichte.

Wieland Specks bewegte und unbewegte Bilder
3. - 22. August 2011
Arsenal Institut für Film und Videokunst

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Redaktion & Sprecher: Vaginal Davis, Manuel Schubert
Musikauswahl: Manuel Schubert
(aus den Soundtracks zu "Shortbus", "Chumlum" und "Hedwig and the angry Inch")
Produktion: Manuel Schubert
Erstsendung am 01. August 2011 auf 88.4 multicult.fm Berlin

Kampfzone der Eitelkeiten

LES AMOURS IMAGINAIRES
Herzensbrecher

Laut Kinsey gibt es verschiedene Formen von Sexualität: Einerseits ausschließlich heterosexuell, andererseits ausschließlich homosexuell. Dazwischen tummeln sich diverse Abstufungen, die die Partnersuche zusätzlich kompliziert, zumindest aber verwirrend gestalten. Dabei ist die Partnersuche sowieso schon alles Andere als ein Vergnügen. Wir plustern uns auf, greifen zu den besten Klamotten. Versuchen die unschönen Stellen unserer Persönlichkeit zu vertuschen, wie der Obsthändler die Druckstellen seiner Äpfel. Wir observieren das Objekt unserer Begierde, holen Erkundigungen ein, prüfen seine Freunde. Am Ende verfügen wir über ein Persönlichkeitsprofil unserer Zielperson, von dem selbst Facebook träumen würde. Das „Liebesspiel“, dieser altmodische Begriff sei erlaubt, ist eigentlich nur was für Sadisten.

Objekt der Begierde: Nick (Niels Schneider) | (c) Bild: Kool Filmdistribution
Die Kontrahenten: Francis & Mary  | (c) Bild: Kool Filmdistribution
Nick  | (c) Bild: Kool Filmdistribution

Weswegen diese ätzende Abhandlung über Liebe? Es gibt dafür eine Ursache, einen Schuldigen: Xavier Dolan. Mit 16 schrieb der Frankokanadier das Drehbuch zu seinem Erstlingswerk, er realisierte es mit 18 und sorgte beim Filmfestival von Cannes für Aufsehen. Nicht anders nun beim zweiten Film: „Herzensbrecher“. Der Begriff des Regie-Wunderkinds macht die Runde. Dabei dreht der 22-jährige Xavier Dolan zuallererst Unterhaltungskino. Seine Filme unterscheiden sich dann aber doch erheblich vom derzeitigen Filmangebot.

Biografie als Altlast

UNTER KONTROLLE

Filmkamera im Zwischenlager: Ein Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle,
Forschungszentrums Karlsruhe | © credofilm/Sattel/Stefanescu

Plötzliche und epochemachende Ereignisse der Welt sind für Filmemacher mitunter ein Fluch. Projekte werden zur Makulatur, über Nacht und unvermittelt. Ein Schicksal wie dieses hätte den Filmemacher Volker Sattel ereilen können. Im Forum der Berlinale 2011 stellte er eine beeindruckende Dokumentation vor. UNTER KONTROLLE heißt sie und versucht nichts weniger, als eine filmische Annäherung an das, was der so unbestimmte Begriff Atomkraft eigentlich ist.

Er drehte unter dem Eindruck einer schwelenden Anti-Atom-Debatte in der deutschen Öffentlichkeit. Die amtierende schwarz-gelbe Bundesregierung hatte den Kompromiss über den Atomausstieg aufgekündigt, defakto das Comeback der Atomenergie politisch verordnet. Die Atom-Lobby muss um Transparenz und Öffentlichkeit sehr bemüht gewesen sein, als sie Volker Sattel gestattete mit seiner Kamera in den AKWs zu drehen. Japan. Weit weg. Noch.

"Phillip!"

STADT LAND FLUSS

Lukas Steltner als Marko und Kai-Michael Müller als Jacob  |  (c) Bild: Edition Salzgeber 2011

130 Kilometer trennen beide Ortschaften voneinander: Golzow im Oderbruch, östlich Berlins. Und Jänickendorf im Nuthe-Urtstromtal, südlich Berlins. Beide Orte scheinen auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär zu sein, sieht man von dem Phänomen ab das deren Einwohner allmählich aussterben. Es sind Ortschaften, wie man sie überall in Brandenburg finden kann; bunt verstreute Ansammlungen von kleinen Wohnhäusern und ein Ortskern entlang einer asphaltierten Landstraße. Größter Arbeitgeber ist der örtliche Landwirtschaftsbetrieb, der die Ackerflächen der Umgebung bestellt. Der spröde Charme der verblichenen LPG geht von diesen Betrieben aus. Grau verputzte Häuser, große Betonplatten anstatt Straßen, Hallen in Leichtbauweise, deren Bewohner wahlweise Schweine, Rinder oder Berge von Rüben sind; ein funktionaler Mikrokosmos mit Ausblick auf den Acker.

Mindfuck


Heinz Emigholz - MISCELLANEA I-VII
DVD-Besprechung
MISCELLANEA VII - An Bord der USS Ticonderoga | (c) Bild: Filmgalerie 451 

„Es gibt ja Leute, die behaupten, die Geschichte des Kinos ist länger als die Geschichte der Menschen.“ – formuliert der Journalist Stefan Grisseman in einem Interview mit dem Filmemacher Heinz Emigholz. Dieses Interview hat mit der DVD „MISCELLANEA I-VII“ erst mal nichts zu tun. Aber das Interview findet sich auf der Homepage von Heinz Emigholz’ Produktionsfirma „PYM“. Emigholz produziert seine Filme stets selbst, die „PYM“ ist so über die Jahrzehnte (Emigholz’ Filmografie reicht bis ins Jahr 1972) zu einem Logo geworden für etwas, das im heutigen Kino einzigartig zu sein scheint: die Wahrnehmung von Orten, Räumen und Objekten, sowie ihrer Umgebung und ihrer Details als Kern filmischen Erzählens.

MISCELLANEA III | (c) Bild: Filmgalerie 451 
MISCELLANEA IV - Ein Museumsbau in Essen | (c) Bild: Filmgalerie 451 

Die Arbeitsweise von Emigholz lässt sich anhand der, auf der DVD versammelten sieben mittellangen Filme gut erkunden: Simpel formuliert stellt er seine Kamera vor ein Objekt oder in einen Raum und nimmt einfach auf; fotografisches Betrachten mithilfe des Bewegtbildes. Emigholz Blickwinkel wirkt dabei stets etwas entrückt und wortwörtlich schief. In seinen vielfältigen Architekturstudien, von denen sich auf dieser DVD unzählige finden, führt er so den Blick des Zuschauers auf Wesentliches, was mitunter einen immensen Sog erzeugt.

MISCELLANEA V - El Greco in Toledo | (c) Bild: Filmgalerie 451 

„MISCELLANEA I-VII“ ist eine 152-minütige Schule der optischen Wahrnehmung – im besten Sinne. Gleichzeitig wird auch eine Entwicklung im Schaffen von Emigholz erkennbar, handelt es sich bei dieser Sammlung doch auch um Material, das während der Dreharbeiten zu anderen Projekten entstand, wie das kleine Begleitheft informiert. Es finden sich in dieser Film-Sammlung allerdings auch Film-Text-Montagen deren intellektuelle Verkopftheit gleichermaßen abstößt und, in ihrer latent schwulen Grundierung, auch wieder fasziniert. Die unausgesprochene Faszination für das Männliche schreit einen in diesen sieben Filmen aus 24 Jahren förmlich an: „MISCELLANEA I-VII“ – Bewegtbild als schwuler Mindfuck.

MISCELLANEA I-VII
D 1986-2010
152 Minuten
Farbe & s/w | 16:9 & 4:3 | Dolby Digital 5.1 & 2.0
Regie: Heinz Emigholz
erschienen bei Filmgalerie 451

(Text zuerst veröffentlicht im SISSY-Magazin Nr. 10, herausgegeben bei Edition Salzgeber.)

Michael Althen

Michael Althen - 14. Oktober 1962 - 12. Mai 2011

Zusammen mit Helmut Prinzler stellte Michael Althen auf der Berlinale 2008 das gemeinsame Projekt einer filmischen Geschichtsschreibung des deutschen Film vor: AUGE IN AUGE - Eine deutsche Filmgeschichte. Daraus einige der vielen sehenswerten stichwortartigen Montagen...

Raucht hier jemand...




Die Blicke der Frauen...




Hallo - Ich bins...

Platz für den Platz

UTOPIA LTD.

Was sie wollen, das wollen sie. Was sie nicht wollen, das tun sie nicht. Jonas Hinnerkort, Sebastian Muxfeldt und Anton Spielmann – diese Drei sind die Band „1000 Robota“. 2008 standen sie am Beginn ihres Daseins als Musiker und zu diesem Zeitpunkt begann die Regisseurin und Schnittmeisterin Sandra Trostel die drei Jungs mit der Kamera zu begleiten. In ihrer Dokumentation UTOPIA LTD. sind die ersten anderthalb Jahre der Existenz der Band festgehalten.


Warum ausgerechnet diese Jungs das Interesse der Regisseurin geweckt hatten, wird schnell klar: "1000 Robota" sind ein Ereignis. Sie verteidigen ihr Dasein als Künstler schon mit Anfang 20 wie die Löwen. Mit einer bewundernswerten Rotzigkeit und einem erheblichen Selbstbewusstsein pochen sie auf ihren Stil und ihre Ideen. Das, was hier arbeitet, ist jedoch offensichtlich kein krankhafter Ehrgeiz oder der Hunger nach Ruhm, sondern eher das unbändige Verlangen nach freier künstlerischer Entfaltung. Dafür nehmen sie eine schier unerträgliche und zermürbende Leidensphase in Kauf, die man eigentlich auch nur dank jugendlicher Naivität und Unbedarftheit durchhalten kann.

Ihre erste Platte entsteht mit Fördergeldern bei einem mittelständischen Label. Die vorgebliche künstlerische Freiheit endet für die Jungs jedoch schnell und mit dem Totschlagargument, dass ihr Album zur Arbeitsplatzsicherung im Label beitragen muss. Darauf haben „1000 Robota“ einfach keinen Bock. Fortan scheint ein unausgesprochener Krieg zwischen Band und Label zu herrschen, der die Drei bis zur körperlichen und finanziellen Erschöpfung treibt. Sandra Trostels Kamera ist auf erstaunliche Weise überall dabei.


Im krassen Gegensatz zur ihrer Tour über die Dörfer, steht die bizarre mediale Aufmerksamkeit, die der Band zu Teil wird. Und die vor allem dem Sänger Anton Spielmann erheblich zu schaffen macht. Es ist augenscheinlich: „1000 Robota“ polarisieren mit ihrer Musik und ihrer Haltung die Musikpresse. Sie werden gehypt und spielen gleichzeitig vor fast leeren kleinen Hallen, für die sie von ihrem Label gebucht wurden. „Alle sprechen vom Hype, nur wo ist der Hype?“, fragt Anton Spielmann an einer Stelle.

Frappierend intim sind zeitweise die Situationen, in denen Sandra Trostel ihre Protagonisten begleiten darf. Wir erleben Momente der Verletzung, der absoluten Verunsicherung und Überforderung. Momente, in denen sich die Band nur dank ihrer bewundernswerten Einstellung davor bewahrt, sich gegenseitig zu zerfleischen.

Sie pochen auf ihr Recht und nehmen dafür die bereitwillige Kamera als Plattform. Ihr Recht einfach nur Künstler sein zu dürfen, ohne sich irgendeiner Verwertungslogik unterordnen zu müssen. Was beliebig klingt, ist im allgemeinen Musik- und Kulturbetrieb jedoch längst zu einem Standpunkt von Exoten verkommen. Das Denken in marktfähigen Kategorien hat die überhand gewonnen, daran lässt Sandra Trostels Dokumentation keinen Zweifel und präsentiert mit „1000 Robota“ überzeugende und glaubwürdige Kronzeugen.

Lässt man diesen durchaus gangbaren kulturkritischen Impetus beiseite, bei dem sich Kamera und Band gegenseitig befeuern, dann bleibt immer noch ein mitreißendes, beeindruckend persönliches und vertrauensvolles Porträt dreier bemerkenswerter Musiker - und natürlich ihrer Musik. UTOPIA LTD. – eine Geschichte über das Ziel einen Platz zu schaffen, um Platz zu haben.

UTOPIA LTD.
Deutschland 2011
90 Minuten
Dokumentation
HDCAM, Farbe
Regie: Sandra Trostel
Buch: Thies Mynther, Sandra Trostel
Kamera: Sandra Trostel, Lilli Thalgott
Schnitt: Sandra Trostel, Nicolai Hartmann
Sounddesign: Thies Mynther
Mischung: Michael Riedmiller
Musik: 1000 Robota
Produzentinnen: Sandra Trostel, Ilonka Szokola
Berlinale 2011: Perspektive Dt. Kino

(c) Bildmaterial: Sandra Trostel

Aufschrei in der Utopie

NEVER LET ME GO -
Alles was wir geben mussten



Stellen sie sich vor sie, befänden sich genau da, wo sie jetzt auch sind. Zur selben Zeit, mit derselben Kleidung, derselben Wohnung, also 1:1 demselben Leben. Nur mit einem Unterschied: Der medizinische Fortschritt ermöglicht ihnen problemlos eine Lebenserwartung von über 100 Jahren. Denn für jedes kaputte Organ bzw. Körperteil können ihnen die Ärzte schnell den perfekten Ersatz bieten, ganz egal was gebraucht wird.

Der Ersatz stammt aber nicht von irgendwelchen Unfallopfern. Sondern von Menschen, die extra und nur für den einen Zweck der Organspende gezüchtet wurden. Sie sind wortwörtliche Ersatzteilspender, deren Existenz endet sobald sie das letzte lebenswichtige Organ abgegeben haben. Möchten sie in so einer Welt leben, die bis auf diesen einen Unterschied die gleiche Welt ist? Vor diese Frage stellt der Film ALLES WAS WIR GEBEN MUSSTEN bzw. NEVER LET ME GO seine Zuschauer. Regisseur Mark Romanek erzählt, basierend auf dem Roman „Was vom Tage übrig blieb“ von Kazuo Ishiguro, die Geschichte dreier Menschen: Kathy, Ruth und Tommy.

Der Film startet mit einem Prolog und installiert dann einige Grundkonstanten: 1952 und 1967 sind zwei wichtige Jahreszahlen. Dazwischen fanden die Menschen einen Weg, um mehr als 100 Jahre alt zu werden.

Das erste Bild: Ein junge Frau (Carey Mulligan) mit leidvollem Gesicht, eingerahmt von mittellangem, blonden Haar. „Sie sei eine gute Betreuerin“ – sagt sie aus dem Off. In der Spiegelung der Fensterscheibe, vor der sie steht, sieht man schemenhaft einen Operationssaal und wie jemand dort hineingeschoben wird. Es scheint so, als ob die Szene im Heute spielen würde.

„Irgendwann zermürbt es einen“ – erzählt sie weiter. „Man schaut nicht mehr nach vorn, sondern zurück.“ Im Umschnitt sehen wir einen jungen Mann, der für eine OP vorbereitet wird, eine große Narbe klafft an der Seite seines Oberkörpers. Sei Blick geht zu ihr. Szenenwechsel und Zeitsprung.

(c) Bild: 20th Century Fox

„Halsham“ ist eine Schule, die hohen Wert auf die Ausbildung zu geradezu perfekten Kindern bzw. Erwachsenen legt. Die Leiterin des Internats, Miss Emily (Charlotte Rampling), ruft dies ihren jungen Schülern beim Morgenappell ins Gedächtnis: Drei Zigarettenstummel wurden gefunden. „Auch wenn die Kinder vielleicht Erwachsene beim Rauchen beobachtet hätten, so ist es von absoluter Notwendigkeit das sie, die Kinder, nicht rauchen und gesund bleiben.“ – ermahnt sie.

Strenge, aber doch gütige Lehrer, viel Bildung, viel Kunst, viel Sport und Bewegung in einer malerischen Umgebung. „Halsham“, so zeigt es uns der Film in ausgesucht schönen Bildern, scheint ein perfektes Internat zu sein. Die neue Lehrerin der vierten Jahrgangsstufe, Miss Lucy (Sally Hawkins), begegnet dieser Schule mit einem gewissen Argwohn. Etwas stimmt hier nicht, denn die Kinder scheinen das Schulgelände niemals zu verlassen. Sie haben regelrecht Angst vor der Welt außerhalb.

Kathy, ein unscheinbares Mädchen, das sich sehr für den Außenseiter Tommy interessiert. Die beiden werden Freunde und nähern sich auf ihre kindliche Weise einander an. Das beobachtet wiederum Kathys Freundin Ruth, die Tommy irgendwann für sich beansprucht. Das Drehbuch bleibt zunächst beim Leben dieser Drei in der Schule. Bis sie irgendwann von ihrer Lehrerin Miss Lucy etwas erfahren, das sie eigentlich noch nicht erfahren sollten.

(c) Bild: 20th Century Fox

Zeitsprung, die 80er. Aus Kindern sind junge Erwachsene geworden, die das Internat verlassen haben und auf einen malerischen und ebenfalls sonderbar isolierten Bauerhof ziehen. Ruth (Keira Knightley) und Tommy (Andrew Garfield) sind ein festes Paar, Kathy steht außen vor und versucht eine Freundschaft zu beiden zu halten. Im ungefähren Wissen um ihr Schicksal hadern alle drei zunehmend mit ihrem Alltag und mit der Frage nach ihrer Herkunft. Sie haben keine Eltern, das wissen sie. Aber welche Vorbilder sie haben, wissen sie nicht. Dafür hat sich ein neues Wort in den Sprachgebrauch eingeschlichen: „Vollendung“. Vielleicht der brachialste Euphemismus, den ein Kinodrehbuch seit Langem verwendete.

Regisseur Mark Romanek erzählt seinen Film zunächst weiter wie eine klassische Comig-Of-Age-Geschichte. Nur hier und da bekommen wir mit, dass diese Menschen anders sind. Sei es durch ihre Sensorarmbänder, mit denen sie sich stets zu Hause an und abmelden müssen. Oder durch den Lieferwagen, der regelmäßig Nahrungsmittel vorbei bringt und der einzige Kontakt zur Außenwelt überhaupt zu sein scheint. Auf dem Lieferwagen prangt das unscheinbare Logo des „NDP“, des Nationalen Spender Programms. Zwei weitere Begriffe werden wichtig: „Aufschub“ und „Betreuer“.

(c) Bild: 20th Century Fox

Unaufgeregt, ganz und gar konzentriert auf die Dreiecksgeschichte, setzt sich der Film fort. Stück für Stück bricht jedoch etwas in diese scheinbar hermetische Welt ein; etwas Monströses. Was das ist, darauf bekamen wir zwar schon im ersten Bild des Films einen Hinweis. Doch NEVER LET ME GO gibt die eigentliche Tragweite dessen, was hier geschieht nur langsam, aber dafür umso eindrücklicher Preis. Irgendwann sind wir mitten drin in einem menschlichen Alptraum, dessen Stille, dessen gezielt pittoreske Bilder und die geradezu meditative Besinnlichkeit einem die Kehle zuschnüren.

Die Insel, Groß Britannien, ist einmal mehr Schauplatz einer düsteren Utopie im Heute: Alfonso Cuarón hat sich in seinem Endzeitthriller CHILDREN OF MEN ähnlicher Bilder bedient. Unsere heutige Welt kollabiert darin zusehends, weil die Menschheit ihre Fähigkeit zur Fortpflanzung verloren hat und nun ihrem absehbaren Ende entgegensteuert. Alles so sicher Geglaubte ist plötzlich bedeutungslos. Das reanimierte Zombie-Genre geht mit den Thrillern 28 DAYS LATER und 28 WEEKS LATER einen ähnlichen Weg und lässt unsere Zivilisation von jetzt auf gleich im Blutrausch untergehen. In beiden Filmen gibt es letzten Endes aber wenigstens irgendeine Form von Ausweg: Sei es der Versuch der Flucht oder der Freitod.

(c) Bild: 20th Century Fox

In NEVER LET ME GO werden allerdings weder der Zuschauer noch die Figuren durch einen allzu naheliegenden Griff in die dramaturgische Trickkiste erlöst. Nein, nichts dergleichen. Hier gibt es keinen Aufbruch und Ausbruch. Und genauso wenig gibt es Hoffnung. Nur einen entsetzten Aufschrei aus Leibeskräften, als die Ausweglosigkeit der eigenen Existenz endgültig klar ist.

Die Monstrosität einer Menschheit, die Menschen als wehrlose Ersatzteillager züchtet, ist ein durchaus klassischer Kinostoff – jedenfalls für die Kinowelten im Bereich der Science-Fiction. Davon könnte NEVER LET ME GO auch als ausgemachtes Drama kaum weiter weg sein. Alles scheint so normal, alles scheint so nah, alles scheint so möglich. Der einzig nötige Schritt dazu ist offenbar die Entscheidung für Fortschritt und Leben - um ausdrücklich jeden Preis. Zu keinem Zeitpunkt wird das dieser Film dermaßen explizit, und damit auch irgendwie abstrakter formulieren, nur einmal kommt der Begriff Ethik überhaupt zur Sprache. NEVER LET ME GO bleibt immer bei seinen Figuren, fokussiert sich ganz auf den einzelnen Menschen. Nicht die schlechteste Weise, um sich der Romanvorlage und Grundfragen nach den Grenzen von Fortschrittsglaube und unerbittlicher Gesundheitsfixierung anzunähern. Denn so trifft NEVER LET ME GO sein Publikum ins Mark und lässt es auch Tage später noch nicht los.

Original-Plakat



















NEVER LET ME GO
(Alles, was wir geben mussten)
Großbritannien/USA 2010
103 Minuten
35mm, Farbe

Regie: Mark Romanek
Buch: Alex Garland
Buchvorlage: Kazuo Ishiguro
Kamera: Adam Kimmel
Musik: Rachel Portman
Schnitt: Barney Pilling
Darsteller: Carey Mulligan, Andrew Garfield, Keira Knightley, Charlotte Rampling, Sally Hawkins, Nathalie Richard (Madame), Andrea Riseborough, Domhnall Gleeson
Verleih: Twentieth Century Fox

(c) Bilder: 20th Century Fox 2011

Multiple Beunruhigung

UNTER DIR DIE STADT


Roland Cordes ist Banker. Nicht irgendein Banker, sondern der frisch gekürte Banker des Jahres. Er steht ganz oben in Frankfurt, an der Spitze einer einflussreichen, weltweit vernetzten Bank. Trotzdem wirkt er vollkommen ruhig, beinahe uneitel. Unnahbarkeit und natürliche Autorität strahlt er ebenso aus.

Die Bank fädelt einen neuen Deal ein, eine große Übernahme. Ein Team junger Talente wird dazu beauftragt; darunter Oliver. Vor Kurzem holte man ihn für besondere Aufgaben nach Frankfurt. Mit ihm kam seine Frau Svenja. Eine Fotojournalistin. Svenja und Roland Cordes sollen sich in UNTER DIR DIE STADT näher kommen, als es ihnen vielleicht zusteht. Doch zunächst bleibt es bei flüchtigen Begegnungen, die eine grundsätzliche Faszination füreinander aufflackern lassen. Mehr kann sich nicht entwickeln, denn Svenja macht einen Rückzieher.

Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) | (c) Bild: Piffl Medien

Der Banker hat andere Probleme: In Indonesien wurde ein Mitarbeiter bestialisch ermordet. Regisseur Christoph Hochhäusler streut solche Details wie nebenbei ein. In diesem Fall sind es Fotos des Opfers, die Cordes zu einem seltenen Moment der Aufgewühltheit zwingen. Aber nichts in diesem Film ist zufällig. Die Begegnung mit Svenja hat Cordes nachhaltig fasziniert. Auch sie selbst scheint ihn nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen. Aber es ist in dieser Beziehung wie in der großen Wirtschaft: Die Braut ist nicht glücklich. Sie will überzeugt werden – oder vielmehr überlistet.

Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) & Svenja Steve (Nicolette Krebitz) | (c) Bild: Piffl Medien

Oberflächlich verfolgen wir in UNTER DIR DIE STADT die Geschichte einer Affäre im hermetischen Milieu. Ein Milieu, in das die Figur der Svenja genauso plötzlich einbricht und ihre Verheerungen hinterlässt, wie der Tod des Angestellten in Indonesien. Eine Welt, in der Macht, und das Machthaben zugleich auch den ersten Schritt bedeuten, zum Verlust der Macht über die Realität.

Darunter kann man eine lodernde Metapher über das gierige und trickreiche Gebaren großer Wirtschaftseinheiten lesen. Und natürlich bekommt dies in Zeiten der Krise eine besondere Brisanz. Doch diese Brisanz ist nicht der Kern des Films, es ist einfach nur eine Lesart, die durch das Zeitgeschehen während des Filmdrehs geschaffen wurde.

Hochhhäusler und sein Co-Autor Ulrich Peltzer knüpfen ein dichtes Netz aus Verweisen und Andeutungen. Mit kleinen Federstrichen skizzieren sie ihre Figuren, geben lose fiktiv biografische Schnipsel in die Handlung hinein, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Selten in letzter Zeit, wurden Figuren so detailliert und tief greifend gezeichnet, ohne dass sie dabei überladen wirken. Oder zur Fratze mutieren.

Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) & Svenja Steve (Nicolette Krebitz) | (c) Bild: Piffl Medien

„Wer Wissen sammelt, der will es auch verwenden.“ – lässt das Drehbuch die Ehefrau von Cordes sagen. Sie meint damit ihren Ehemann. Der Ehefrau sitzt Svenja gegenüber, die Affäre hat bereits begonnen. Wissen ist Macht, zumindest glauben das einige.

So klar der Fortgang der Affäre zunächst sein mag, so grandios beunruhigend ist dieser Film trotzdem. Es schwingt in UNTER DIR DIE STADT stets auch etwas nicht Greifbares und Bedrohliches mit. Unter den multiplen Oberflächen dieser Welt aus Glas geht es etwas vor sich. Es ist sicherlich nicht nur der Faszination Christoph Hochhäuslers für Kinder vor der Kamera geschuldet, dass Svenja einmal plötzlich mitten in das Versteckspiel dreier Kinder rennt. Aber das ist nur die Möglichkeit einer Lesart. Am Ende steht Svenja in einem Hotelzimmer am Fenster, unter ihr die Stadt. Und nichts scheint mehr so, wie es war.

(c) Bild: Piffl Medien

Dieser Film entfaltet seine ganze Kraft und Dynamik noch Stunden und Tage später. Einmal mehr ist es Christoph Hochhäusler mit UNTER DIE STADT gelungen, die ganze einzigartige und erzählerische Kraft und Energie des Kinos auszuloten. Das Perfide daran, ja der unermessliche Verdienst dieses Films ist es, das er sein Publikum mitten hineinwirft in dieses waghalsige Spiel der Kräfte.


UNTER DIR DIE STADT
Deutschland 2010
110 Minuten
35 mm, Farbe

Regie: Christoph Hochhäusler
Buch: Ulrich Peltzer, Christoph Hochhäusler
Kamera: Bernhard Keller
Schnitt: Stephan Stabenow
Musik: Benedikt Schiefer
Darsteller: Nicolette Krebitz, Robert Hunger-Bühler, Mark Waschke, Corinna Kirchhoff, Wolfgang Böck
Verleih: Piffl Medien


(c) Bildmaterial: Piffl Medien

BERLINALE 2011

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Day Is Done | (c) Bild: Berlinale 2011
Unvergesslich
Submarine - Richard Ayoade | FORUM
Bombay Beach - Alma Har'el | PANO
Day Is Done -  Thomas Imbach | FORUM



BRASCH - Das Wünschen und das Fürchten | (c) Bild: Kordula Rüter
Elementar
Scenes From The Suburbs - Spike Jonze | Short
BRASCH - Das Wünschen und das Fürchten - Christoph Rüter | PANO
Die Jungs vom Bahnhof Zoo - Rosa von Praunheim | PANO
The Black Power Mixtape 1967-1975 - Göran Hugo Olsson | PANO
Fjellet | The Mountain - Ole Giæver
Etwas Besseres als den Tod - Christian Petzold – DREILEBEN | FORUM
Komm mir nicht nach - Dominik Graf – DREILEBEN | FORUM
Eine Minute Dunkel - Christoph Hochhäusler – DREILEBEN | FORUM
Unter Kontrolle - Volker Sattel | FORUM
Poo kor karn rai | The Terrorists - Thunska Pansittivorakul | FORUM
Sleepless Nights Stories - Jonas Mekas | FORUM
Twenty Cigarettes - James Benning | FOURMexpanded
Führung - René Frölke | FORUMexpanded
Utopia Ltd. - Sandra Trostel | PDK
Vaterlandsverräter - Annekatrin Hendel | PDK



How Are You | (c) Bild: Berlinale 2011
Hoffnungsschimmer
Stick Climbing - Daniel Zimmermann | Shorts
homo@lv - Kaspars Goba | PANO
How Are You - Jannik Splidsboel | PANO
Stadt Land Fluss - Benjamin Cantu | GENERATION
Amnistia | Amnesty - Bujar Alimani | FORUM
Auf der Suche - Jan Krüger | FORUM
Cheonggyecheon Medley - Kelvin Kyung Kun Park | FORUM
De Engel van Doel | An Angel in Doel - Tom Fassaert | FORUM
Swans - Hugo Vieira da Silva | FORUM
The Ballad of Genesis and Lady Jaye - Marie Losier | FORUM
National Motives | National Motives - Raphaël Grisey | FORUMexpanded
NO, Global Tour | NO, Global Tou - Santiago Sierra | FORUMexpanded
Surface Noise - Paul Rowley, David Phillips, Tim Blue | FORUMexpanded



Im Himmel, Unter Der Erde | (c) Bild: Edition Salzgeber
Solide
Im Himmel, Unter der Erde. - Britta Wauer | PANO
The Advocate For Fagdom - Angélique Bosio | PANO
The Big Eden - Peter Dörfler | PANO
Spring | Frühling - Hong Khaou | PANO
Eine Serie von Gedanken - Heinz Emigholz | FORUM
Nesvatbov | Matchmaking Mayor - Erika Hníková | FORUM
Utopians - Zbigniew Bzymek | FORUM
Ghosts#9 - Genesis Breyer P-Orridge | FORUMexpanded
Pigs - Pawel Wojtasik | FORUMexpanded
Prufrock Back In America - Eva Heldmann | FORUMexpanded
The Dynamiter - Matthew Gordon | GENERATION



House Of Shame | (c) Bild: Berlinale 2011
Medioker
Cave Of Forgotten Dreams - Werner Herzog | WB
Leicht muss man sein, Fliegen muss man können - Annette Frick | PANO
Mondo Lux - Elfi Mikesch | PANO
Porno Melodrama - Romas Zabarauskas | PANO
OFF BEAT - Jan Gassmann | PANO
House Of Shame / Chantal All Night Long - Johanna Jackie Baier | PANO
Jagadangchak: (...) | Self Referential Traverse - Kim Sun | FORUM
Silver Bullets | Silver Bullets - Joe Swanberg | FORUM
Art History | Art History - Joe Swanberg | FORUM
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Our Grand Despair | (c) Bild: Berlinale 2011
Hoffnungslos
Bizim Büyük Çaresizligimiz | Our Grand Despair - Seyfi Teoman | WB
Les contes de la nuit | Tales Of The Night - Michel Ocelot | WB
Wer, wenn nicht wir - Andres Veiel | WB
Romeos - Sabine Bernardi | PANO
Tomboy - Céline Sciamma | PANO
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Os residentes | The Residents - Tiago Mata Machado | Forum



Brownian Movement | (c) Bild: Berlinale 2011
Abgrund
Lo Roim Alaich | Invisibel - Michal Aviad | PANO
Sala samobójców | Suicide Room - Jan Komasa | PANO
Ausente | Absent - Marco Berger | FORUM
Brownian Movement - Nanouk Leopold | FORUM
Patang | The Kite - Prashant Bhargava | FORUM


Glossar:
WB - Wettbewerb/Berlinale-Special
FORUM - Int. Forum des Jungen Films
PDK - Perspektive Deutsches Kino
GENERATION - Generation14+
Shorts - Kurzfilmwettbewerb
PANO - Panorama

Am Rand aller Ränder

BOMBAY BEACH
Berlinale 2011 - Panorama


"Bombay Beach" – so heißt eine kleine Siedlung im südlichen Kalifornien. An den Ufern des Saltonsees gelegen, besteht dieser Ort aus einer Aneinanderreihung von heruntergekommenen Häusern und Wohnwagen. Der Saltonsee verdankt seine Existenz einem Dammbruch vor gut 100 Jahren; lange Zeit war er ein wirtschaftlich aufstrebendes und beliebtes Ausflugsziel. Inzwischen ist der See längst umgekippt und versalzen, da ihm jeder Zufluss fehlt. Früher ein Touristenmagnet, heute ein Fischfriedhof. Rund 100 Menschen leben heute noch in der kleinen Ortschaft "Bombay Beach".

Unter ihnen der sechsjährige und manisch-depressive Junge Benny. Mit seinen waffenvernarrten Eltern und seinen drei Geschwistern lebt er aus entfernter Sicht im Elend. Die Waffenliebe von Bennys Eltern rief bereits Polizei und Jugendfürsorge auf den Plan und brachte die beiden Erwachsenen ins Gefängnis. Doch was auf den ersten Blick den Anschein einer völlig verwahrlosten Sippschaft macht, entpuppt sich als eine durchaus liebevolle und zumindest menschlich reiche kleine Familie.



Die Eltern sind sichtlich bemüht, ihr persönliches und gescheitertes Schicksal nicht an die Kinder weiterzugeben. Dabei sticht die Fürsorge, die die Mutter für ihren jüngste Sohn Benny aufbringt, besonders heraus. Von den Ärzten wurde der aufbrausende und hyperaktive Grundschüler auf Retalin und andere starke Psychopharmaka gesetzt. Regisseurin Alma Har’el begleitet Mutter und Sohn zu den Ärzten und bei Spaziergängen. Sie entdeckt eine Frau, die zunehmend skeptisch und sorgenvoll auf ihren zugedröhnten Sohn blickt.

Zwei weitere Charaktere stechen hervor: Der schwarze Jugendliche CeeJay, der aus Los Angeles in das Nirgendwo von "Bombay Beach" geflohen ist, nachdem sein jüngerer Cousin einer Schießerei unter rivalisierenden Banden zum Opfer viel. Und der alte, knorrige Rentner Red, der immer einen geladenen Revolver im Wohnwagen liegen hat. Einstmals Ölarbeiter und verheiratet, schlägt er sich heute allein mit kleinen Zigarettenverkäufen und einer Flasche Schnaps durch den Tag. Alma Har’el pendelt in ihrem Film zwischen den Leben dieser sehr unterschiedlichen Menschen. Bennys Alltag mit Pillen und seinen Tagträumen davon, einmal Feuerwehrmann zu werden. Red, der mit einem Beachbuggy durch die nahe Wüste braust, bis ihn ein Schlaganfall ereilt. Und CeeJay, der von einer Karriere als Football-Spieler träumt, und dafür wie ein Wahnsinniger trainiert.



Das Beeindruckende an BOMBAY BEACH ist die erhebliche menschliche Wärme, die Alma Har’el in ihrem Film ausfindig macht. Trotz der verarmten, bisweilen tragischen Zustände und des rauen Umgangstons, ist dieses kleine Nest offenbar eng zusammengeschweißt. BOMBAY BEACH findet dort, wo die allgemeinen Klischees Verwahrlosung und Abschaum sehen wollen, vor allem eines: Menschlichkeit. Dass dies sosehr auffällt, ist vielleicht weniger das "Verdienst" des Films. Sondern, eher "Schuld" des Zuschauers und seiner Erwartungshaltungen. Die Doku versucht der vermeintlichen Endgültigkeit der Aussichtslosigkeit eine andere Sicht entgegen zustellen und seinen Protagonisten ein Stück weit ihre Selbstbestimmung und schlussendlich Würde zurück zugeben.

Immer wieder bricht Alma Har’el in ihrem Werk das Dokumentarische auf, greift narrativ ein, schafft Möglichkeiten in der Hoffnungslosigkeit. So inszeniert sie bspw. für die Bewohner kleine Tanzsequenzen, die diese dankbar aufgreifen und mit Leben erfüllen. Das leicht diffus gefilterte und weich gezeichnete Bild, dessen ausdrücklich schöne Optik sehr stark an die Musikvideoästhetik angelehnt ist, sorgt hier auch formal für eine zusätzliche Herauslösung aus dem dokumentarischen Kontext. BOMBAY BEACH wächst zu einer transzendierenden, fast surrealen Traumlandschaft. Der gezielte Einsatz von Songs von Bob Dylan und der Band Beirut tut sein Übriges dazu. Selten ist der Umstieg vom Musikvideo auf die lange filmische Form so sehr geglückt, wie bei der Filmemacherin Alma Har’el.


Diese Dokumentation entpuppt sich als frappierend großartiges, bildstarkes Porträt über Menschen am wortwörtlichen Rand aller gesellschaftlichen Ränder westlicher Gesellschaften. Teheran ist weit weg, aber Orte, ähnlich wie "Bombay Beach", finden sich in allen westlichen Industriestaaten unzählige. Und mitten in einem Filmfestival von 385 Filmen, findet sich mit Alma Har’els BOMBAY BEACH plötzlich ein filmisches Juwel, dessen Strahlkraft und Nachhaltigkeit einen Großteil der Berlinale in diesem und der letzten Jahre völlig vergessen macht.



BOMBAY BEACH
USA 2011
Dokumentation
80 Minuten
HDCAM, Farbe
Regie, Buch, Kamera: Alma Har'el
Zusatzkamera: Matthias Koenigswieser
Koreographien: Paula Present
Schnitt: Joe Lindquist & Alma Har'el
Score: Zach Condon
Musik: Beirut, Bob Dylan
Produktion: Alma Har'el, Boaz Yakin, Rafael Marmor

(c) Bildmaterial: Bombay Beach Film

Nacht/Fragment

SLEEPLESS NIGHTS STORIES
Berlinale 2011 - Forum


„I’m sleepless“ sagt ein reichlich zerknautscht wirkender Jonas Mekas in seine kleine Handkamera; „It’s a Jetlag.“ Mekas trägt sein Nachthemd, schwenkt mit der Kamera durch seine Wohnung. Er ist frisch eingezogen, es herrscht noch kistenweise Chaos. Schlaflosigkeit und Menschen-Neugier sind Grundantriebe in dieser Mischung aus Kurzfilm-Montage, Essay und filmischem Tagebuch.

Der dramaturgische rote Faden, so man ihn überhaupt formulieren möchte, ist die Geschichte von 1001 Nacht, Mekas hatte die Geschichte zufällig kurz vorher gelesen. Auf Schreibmaschine getippte Zwischentitel erzählen ihre eigene Geschichte, die Mekas’ seinen kurzen Filmen vorangestellt hat. Jedes der kleinen Werke hat dabei eigene Titel: „The Story of Greenpoint“, „“The Story of Lefty“, „The Story of Marie Menken“, „The Story of Amy, or why singing normal people in middleclass voices“.

Das Atemberaubende an diesen Filmen im Film sind ihre unzähligen Geschichten und Protagonisten. 114 Minuten lang blicken wir in einen Mikrokosmos New Yorker Wohnzimmer, Clubs und Galerien. Allgemein bekannte und unbekannte Gesichter erleben wir, wie sie mit Jonas Mekas zusammen oder zumindest in der Anwesenheit seiner kleinen Kamera fabulieren; Joko Ono, Patti Smith, Björk und Ben Northover. Doch sie zu identifizieren ist unnötig, sie sind auf interessante Weise völlig unwichtig. Alkohol ist wichtiger, er scheint stets irgendwie anwesend zu sein. Gesoffen wird viel in SLEEPLESS NIGHTS STORIES; selbstverständlich. Wein vor allem, Jonas Mekas ist ein Weinliebhaber.

Jonas Mekas

Zeit spielt keine Rolle in diesem Film. Wozu auch? Wer schlaflos unterwegs ist, wer nachts lebt, wer außerhalb gängiger Verhaltensmuster lebt, für den ist Zeit per se unerheblich. Ausschnitte, Fragmente von Nächten und Tagen, Zusammenkünften und einsamen Momenten, Reisen und Ausflügen prägen die Leinwand. Somnambul scheinen die Kamera und ihr Besitzer gelegentlich unterwegs zu sein. Surreal mutet dieses Beisammensein mitunter auch an. Jonas Mekas SLEEPLESS NIGHTS STORIES ist vielleicht der verträumtest-wundersamste und auch intimste Film der Berlinale 2011. Kino pur - irgendwie.


SLEEPLESS NIGHTS STORIES
USA 2011
114 Minuten
DigiBeta, Farbe, Englisch
Regie: Jonas Mekas
Produktion: Jonas Mekas
Zusätzliche Kamera: Thomas Boujut, Jonas Lozoraitis, Benn Northover, Louis Garrel

Vorführungen im Festival:
18.02. 20:00 OF Kino Arsenal 1 (WP)
20.02. 16:30 OF Delphi Filmpalast

(c) Bild: (Berlinale 2011) Jonas Mekas

Psychedelischer Budenzauber

LES CONTES DE LA NUIT –
TALES OF THE NIGHT
Berlinale 2011 - Wettbewerb 

Ein Abenteurer klettert eine Höhle auf einer Südseeinsel hinab und findet sich plötzlich in der Welt der Toten wieder. Dort verspricht ihm ein alter weiser Mann, der einzige Lebende unter Toten, dass der König der Unterwelt eine wunderschöne Tochter hat. Um sie zu bekommen, muss er drei Ungeheuer besiegen. Dafür braucht er drei besondere Gegenstände. Natürlich sind die Gegenstände schnell parat und auch die Monster sind problemlos beseitigt. Als der junge Abenteurer jedoch beim König vorspricht, nimmt dieser ihn gefangen und stellt ihm drei eigentlich unlösbare Aufgaben. Scheitert er, dann wird er von zwei großen Hackbeilen zerkleinert – zum Amüsement der Königstöchter, denn es gibt drei Königstöchter, die allesamt identisch aussehen.


Das ist der Plot einer Geschichte, die sich ein junger Mann, eine junge Frau und ein alter Techniker in einem geschlossenen Kino in einer französischen Stadt ausdenken. Diese Geschichte, dieses kleine Märchen setzen sie mithilfe ihrer Fantasie und einer rätselhaften Maschine sofort in eine Form von Realität um.

LES CONTES DE LA NUIT – TALES OF THE NIGHT heißt der französische Märchen-Episodenfilm des Regisseurs Michel Ocelot. Das bestechende dieses Werks liegt in seiner Form. Der Film ist in 3D realisiert. Und er benutzt ausschließlich die Silhouettentechnik, also den Scherenschnitt. Scherenschnitt trifft auf 3D.

Auf der Leinwand entfaltet der 3D-Effekt eine optische Raumgebung der eigentlich eher raumlosen Scherenschnitte. Das sieht einigermaßen verwunderlich und auch wunderschön aus. Kombiniert und ausstaffiert werden die Silhouetten, also die Kulissen mit höchst knalligen, bunten Farben, womit TALES OF THE NIGHT zu einem psychedelischen Streifen mutiert. Das funktioniert als Schauwert und optisches Event für eine gewisse Zeit. Allerdings erschöpfen sich die formalen Konzepte recht schnell. Was über 80 Minuten läuft, ist tatsächlich schon nach einer dreiviertel Stunde völlig abgehackt.

Geschichten von Königen, Helden, Prinzen, Prinzessinnen, von Trommlern und Bergen, von Fabelwesen und dem Totenreich. LES CONTES DE LA NUIT reizt die Klaviatur der Märchen gänzlich aus, was zwei weitere Probleme aufwirft: Die uninspirierte Abfolge der Episoden ermüdet erheblich. Und die Inhalte der Episoden wirken reichlich angegilbt und verstaubt. Die anachronistische Geschlechter- und Heteronormativität alter Märchen wird größtenteils völlig ungebrochen übernommen. Diese Ballung inhaltlicher und dramaturgischer Unzulänglichkeiten lässt dieses Werk zu einem enervierenden Stück Film gerinnen. Viel zu spät und viel zu selten bricht Regisseur Michel Ocelot diesen ärgerlichen Reigen durch einen Hauch von Ironie auf. Der Bilderzauber ist da schon längst verpufft.

LES CONTES DE LA NUIT – TALES OF THE NIGHT
Frankreich, 2011
84 Minuten
3D, Französisch
Regie: Michel Ocelot

© 2011, Nord-ouest Films - Studio O - StudioCanal