Sehnsuchtsmaschine

HOWL


„Manchmal habe ich das Gefühl, ich beherrsche das Schreiben, manchmal nicht.“

Allen Ginsberg, Poet & Literaturwissenschaftler, intellektueller Wegbereiter der Beat-Generation. 1955 las er erstmals eines seiner Werke, sein erstes fertiges Werk, in einem kleinen Club in San Francisco. Damals war er bereits knapp 30.

„Howl“ hieß die kleine Prosa, eine Sammlung von A4-Seiten; dicht getippt auf Schreibmaschine. Was er in „Howl“ verarbeitete war eine Vielzahl von Einflüssen und Erlebnissen in einem engstirnigen, konsumfixierten Amerika: Der Tod seiner Mutter in einer Nervenheilanstalt. Das Schicksal eines verehrten schwulen Literaten – der ebenfalls in der Psychiatrie festsaß. Die enttäuschte Liebe zu einem Mann, der sich nicht zu ihm bekennen wollte. Eine Gesellschaft, die sich selbst hinter einer gutbürgerlichen Fassade aus Konsum verkroch und Freiheit und Offenheit ablehnend gegenüberstand. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Homosexualität, mit dem Sex, seinen Abgründen, Verführungen, Verheißungen.

David Strathairn als Ralph McIntosh | (c) BIld: Pandora Filmverleih

Was „Howl“ auszeichnete, war sein radikal-expliziter Sprachduktus und seine Offenheit. Zudem seine Rhythmik verwurzelt in den Anfängen des Modern Jazz und angelehnt an Werke des Dichters Walt Whitman. Indirekt betrieb Ginsberg damit auch eine Verschmelzung von „weißer“ und „schwarzer“ Kultur. Ein Novum in der damaligen Zeit, Martin Luther King sollte erst einige Jahre später die Diskurse beherrschen. Ein Alleinstellungsmerkmal dieses Werks war seine emotionale Intelligenz, seine „Fühlbarkeit“ für den Leser: „Menschen würden sich nie von jemandem schockieren lassen, der seine Gefühle ausdrückt.“ – sagt der Film-Ginsberg in HOWL. „Howl“ wurde ein bis heute nicht zu überschätzender Teil amerikanischer Gegenwartsliteratur.

- I saw the best minds of my generation destroyed by
madness, starving hysterical naked,
dragging themselves through the negro streets at dawn
looking for an angry fix -

HOWL – das ist der erste Spielfilm des Regie-Duos Jeffrey Friedman und Robert Epstein. Bisher traten die beiden als Dokumentarfilmer und dabei als Chronisten der schwulen Zeitgeschichte auf. THE CELLULOID CLOSET, PRAGRAPH 175, THE TIMES OF HARVEY MILK, COMMON THREADS – für die beiden Letztgenannten gewannen sie den Dokumentarfilm-Oscar.

Spielfilm statt Dok-Film: Friedman und Epstein gelten als Meister ihres Fachs. Ihre Arbeiten begeistern durch Akribie, Klugheit und Emotionalität gleichermaßen. Was macht also die Faszination der beiden Filmemacher für eine Spielfilmfassung des Stoffs aus? In einem Interview merkt Jeffrey Friedman an, dass die ausschließlich dokumentarische Erfassung von „Howl“ und seinem Autor, dem Werk nicht gerecht werden würde. Zu wegweisend war das Werk für eine ganze Generation. Zu alarmierend und aktuell ist auch heute noch der Wert von „Howl“.

(c) Bild: Pandora Filmverleih

Der Film splittet sich in vier miteinander verwobene Erzählebenen auf: Ginsberg im (Selbst-)interview, Reanactments von „Howl“ vor Gericht und „Howl“, erstmals gelesen von seinem Autor. Außerdem noch „Howl“ - in Comic-Sequenzen transformiert. Ginsbergs Selbstinterview sowie die Lesung seines Textes sind dabei unbestreitbare Sternstunde von Hauptdarsteller James Franco: Er interpretiert seinen Ginsberg mit entwaffnender Leinwandpräsenz und unwiderstehlicher Attraktivität. Er verortet seine Figur geschickt zwischen menschgewordener Legende und Zeitzeuge, zwischen wohldosierter Genialität und selbstversunkener Grübelei, zwischen der verunsicherten Introvertiertheit eines jungen Autors. Und einer bebenden sexuellen Hybris. Francos Interpretation vonAllen Ginsberg darf man wohl zweifelsohne zu den unwiderstehlichsten Darstellerleistungen seit Jahren zählen.

Streitbar ist die Comic-Transformation von „Howl“; werktreu und explizit in ihren Bildern. Sie wirft die Frage auf, ob es dieser weiteren Erzählebene bedurft hätte, ob nicht die kammerspielartige Zuspitzung der Spielszenen ebenso „zielführend“ gewesen wäre. Sicherlich, der enorm verdichtete Text von "Howl" bietet, trotz des großartigen Spiels von James Franco, erhebliches Potenzial für eine Überführung ins Kinoformat hat. Friedman und Epstein legen ihre Arbeiten stets so an, dass sie einem breiten Publikum zugänglich sind. Diese Zugänglichkeit zum Text stellen die animierten Sequenzen durchaus sicher. Dramaturgisch wirkt das zuweilen holprig und irritierend. Da hilft auch Carter Burwells hervorragende Filmmusik nicht weiter.

- to recreate the syntax and measure of poor human
prose and stand before you speechless and intel-
ligent and shaking with shame, rejected yet con-
fessing out the soul to conform to the rhythm
of thought in his naked and endless head -

Atmosphärisch hochgradig angereichert, wabert eine alles umnebelnde Aura des Legendären von der Leinwand hinab. Dieses Werk lebt eine Sehnsucht aus; Sehnsucht nach dem Einkuscheln in die Wiege der gesellschaftlichen Totalrevision. Die sich ankündigende Beat-Generation als erster Vorbote eines noch viel größeren Umbruchs. Eine Sehnsucht nach der Zeit vor dem Aufbruch. Dieser Film steckt tief im Sumpf des Gestern, in der Erinnerung, in der Wehmut fest. Er zelebriert die Aura, welche die ferne Chance auf Wandel ausstrahlte. Und sucht diese Chance in der Ehrerbietung von Ginsberg und seinem Werk. Das ist zumindest nachvollziehbar in der heutigen Zeit, scheinen doch negative Entwicklungen in unseren Gesellschaften allzu zementiert. HOWL – dieser Film ist eine Sehnsuchtsmaschine.

James Franco als Allen Ginsberg | (c) Bild: Pandora Filmverleih

Irgendwann wünscht man sich, die beiden Regisseure würden ihr Können und ihren Film mehr für das öffnen, was heute ist, würden – sinnbildlich gesprochen - mit Allen Ginsberg auf die Straße gehen und neugierig schauen, wo "Howl" im Heute anknüpfen könnte. Dass Ginsbergs Gedicht das Potenzial dafür hat, ist unbestreitbar.

Das Potenzial des Films ist hingegen ans Gestern verschenkt worden. Die Gültigkeit ihres Films in unserer Zeit, behaupten Jeffrey Friedman und Robert Epstein, aber überzeugen können sie nicht. Sie haben ein handwerklich perfektes Plastinat ins Kino gestellt. Aber Plastinate haben die schlechte Angewohnheit, Leben lediglich zu illustrieren. Ansonsten sind sie einfach nur tot.

- the madman bum and angel beat in Time, unknown,
yet putting down here what might be left to say
in time come after death,
and rose reincarnate in the ghostly clothes of jazz in
the goldhorn shadow of the band and blew the
suffering of America's naked mind for love into
an eli eli lamma lamma sabacthani saxophone
cry that shivered the cities down to the last radio
with the absolute heart of the poem of life butchered
out of their own bodies good to eat a thousand
years.


HOWL
USA, 2010
90 Minuten
Regie & Buch: Rob Epstein, Jeffrey Friedman
Kamera: Edward Lachman
Schnitt: Jake Pushinsky
Musik: Carter Burwell
Darsteller: James Franco, David Strathairn, Todd Rotondi, Jon Prescott, Jon Hamm, Andrew Rogers

© Bildmaterial: Pandora Filmverleih 2011
© Textzitate aus "Howl": Allen Ginsberg LLC 1956