Loop des Unerträglichen

REVISION
Berlinale 2012 _ Forum

Wenn etwas durchgesehen, nachkontrolliert, nachgeprüft wird, kann dies zwei Gründe haben. Entweder ist es Routine - die Mängelfreiheit einer Sache soll erneut bestätigt werden. Oder es gibt einen konkreten Anlass, einen Zweifel an etwas oder jemandem; Revision.


Nadrensee, Mecklenburg-Vorpommern. Ein kleines Dorf im Städte-Dreieck Schwedt - Szczecin - Prenzlau – in Sichtweite befindet sich die Grenze zu Polen. Heute ist dieses Dorf ein Teil Kerneuropas, 1992 war es ein letzter Außenposten oder umgekehrt betrachtet, die erste Ortschaft auf EU-Land. Am 29.06.1992 kamen auf einem Feld unweit der Ortschaft Nadrensee zwei Menschen ums Leben. Sie wurden erschossen.

Stummfilm-Anzeiger März 2012

KÄMPFENDE HERZEN
Stummfilm-Anzeiger Berlin-Brandenburg
Ausgabe März 2012


Das Zeughauskino, das Kino Arsenal und das Filmmuseum Potsdam zeigen im März Werke der Stummfilm-Ära. Dabei kommen im Kino Arsenal Klassiker wie PANZERKREUZER POTEMKIN oder BERLIN. SINFONIE DER GROßSTADT im Kontext der "Magical History Tour" auf die Leinwand.

Im Zeughauskino sind stumme Dokumentarfilme aus dem Berlin der 20er zu erleben, so bspw. Robert Siodmaks MENSCHEN AM SONNTAG. Die Fritz Lang-Retrospektive des Zeughauskinos verzeichnet Langs frühe Arbeiten aus den 20er Jahren. Und das Filmmuseum Potsdam macht sich auf die Spuren von Asta Nielsens Schaffen im Babelsberg der 10er Jahre.

Vaginal Davis, Berlins Königin des Stummfilms, nimmt ihre Filmreihe RISING STARS, FALLING STARS nach zwei Monaten Pause wieder auf - im neuen Gewand und in einer Kooperation mit dem kommenden CAMP/ANTI-CAMP-Festival im HAU.

Fast alle Vorführungen im März werden mit dem Klavier begleitet. Zu erleben sind dabei Eunice Martins, Stephan von Bothmer, Peter Gotthardt und Günter A. Buchwald. Im Filmmuseum Potsdam lässt Helmut Schulte die denkmalgeschützte Welte-Kinoorgel erklingen. Und die elektro-akustischen Klangkünstler John & Tim Blue bauen ihr Set anlässlich der Vorstellung des Films SALOME im Kino Arsenal auf.


Das Programm:

4. März | 20 Uhr | Arsenal 2
BRONENOSEZ POTEMKIN
Panzerkreuzer Potemkin
Sergej Eisenstein
UdSSR 1925
35 mm, dt. Zwischentitel
70 Minuten
Klavier: Eunice Martins
Kontext: Magical History Tour – Montage


9. März | 20 Uhr | Arsenal 2
BRONENOSEZ POTEMKIN
Panzerkreuzer Potemkin
Sergej Eisenstein
UdSSR 1925
35 mm, dt. Zwischentitel
70 Minuten
Klavier: Eunice Martins
Kontext: Magical History Tour – Montage


11. März | 18.30 Uhr | Zeughauskino
DIE SPINNEN
Teil II: Das Brillantenschiff
D 1920
Fritz Lang,
35mm, restaurierte Fassung, tschech. + dt. Zwischentitel
110 Minuten
Klavier: Stephan von Bothmer
Kontext: Retrospektive Fritz Lang

Asta Nielsen in "Das Mädchen ohne Vaterland."

15. März | 20 Uhr | Filmmuseum Potsdam
ABGRÜNDE
Afgrunden
DK 1910
Urban Gad
35mm, Zwischentitel
37 Minuten

DAS MÄDCHEN OHNE VATERLAND
Eine Episode aus dem Balkankrieg
D 1912
Urban Gad
35mm
27 Minuten

Welte-Kinoorgel: Helmut Schulte 
Kontext: 1912 - ASTA NIELSEN IN BABELSBERG


17. März | 19 Uhr | Zeughauskino
DAS WANDERNDE BILD
D 1920,
Fritz Lang
35mm
66 Minuten
Klavier: Eunice Martins
Kontext: Retrospektive Fritz Lang


18. März | 19 Uhr | Zeughauskino
KÄMPFENDE HERZEN /
DIE VIER UM DIE FRAU

D 1921
Fritz Lang
35mm
78 Minuten
Klavier: Peter Gotthardt
Kontext: Retrospektive Fritz Lang


22. März | 20 Uhr | Arsenal 2
BERLIN. DIE SINFONIE DER GROßSTADT
Walter Ruttmann
Deutschland 1927
35 mm
65 Minuten
Am Klavier: Eunice Martins
Kontext: Magical History Tour – Montage

Charles Bryants SALOME

23. März | 20 Uhr | Arsenal 2
SALOME
Charles Bryant
USA 1922
35 mm
67 Minuten
Improviserte Live-Musik: John und Tim Blue
Einführung: Vaginal Davis, Susanne Sachsse, Marc Siegel
Kontext: Rising Stars, Falling Stars meets Camp/Anti-Camp


21. März | 20 Uhr | Zeughauskino
BERLIN.DOKUMENT - Berlin in den 20ern
Programm 3

JAGD AUF DICH.
Filmdarsteller aus dem Kinopublikum
D 1930
Ernst Angel
35mm, niederländische Zwischentitel
42 Minuten

MENSCHEN AM SONNTAG.
Ein Film ohne Schauspieler
D 1930
Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer
35mm
67 Minuten

Klavierbegleitung: Eunice Martins
Einführung: Jeanpaul Goergen
Kontext: BERLIN.DOKUMENT – dokumentarischen Aufnahmen von Berlin


23. März | 18 Uhr | Zeughauskino
BERLIN.DOKUMENT - Berlin in den 20ern
Programm 3

JAGD AUF DICH.
Filmdarsteller aus dem Kinopublikum
D 1930
Ernst Angel
35mm, niederländische Zwischentitel
42 Minuten

MENSCHEN AM SONNTAG.
Ein Film ohne Schauspieler
D 1930
Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer
35mm
67 Minuten

Klavier: Eunice Martins
Einführung: Jeanpaul Goergen
Kontext: BERLIN.DOKUMENT – dokumentarischen Aufnahmen von Berlin


24. März | 18 Uhr | Zeughauskino
DIE NIBELUNGEN
Teil I: Siegfried
D 1924
Fritz Lang
35mm, restaurierte Fassung
142 Minuten
Klavier: Günter A. Buchwald
Kontext: Retrospektive Fritz Lang


25. März | 17 Uhr | Arsenal 1
BERLIN. DIE SINFONIE DER GROßSTADT
Walter Ruttmann
Deutschland 1927
35 mm
65 Minuten
Am Klavier: Eunice Martins
Kontext: Magical History Tour – Montage


25. März | 18 Uhr | Zeughauskino
DIE NIBELUNGEN
Teil I: Krimhilds Rache
D 1924
Fritz Lang
35mm, restaurierte Fassung
151 Minuten
Klavier: Günter A. Buchwald
Kontext: Retrospektive Fritz Lang


27. März | 20 Uhr | Zeughauskino
DER MÜDE TOD
D 1921
Fritz Lang
35mm
94 Minuten
Klavier: Günter Buchwald
Kontext: Retrospektive Fritz Lang



Potsdamer Straße 2
10785 Berlin
R+S+U: Potsdamer Platz
Bus: Varian-Fry-Str.
Eintritt: 6,50€/4,50€/3,00€
Marstall am Lustgarten 
Breite Straße 1 A
14467 Potsdam
R+S: Potsdam Hauptbahnhof
Tram & Bus: Alter Markt
Eintritt: 6€/5€

Zeughauskino
Unter den Linden 2
10117 Berlin
Tram: Am Kupfergraben
Bus: Staatsoper
Eintritt: 5€

Achtung: Eintritt zu allen Vorstellungen zzgl. Zuschlag für die Musikbegleitung. 

Alle Angaben ohne Gewähr. 

Undecodierbarkeiten

WESTERLAND
Berlinale 2012 _ Perspektive Deutsches Kino

Sylt, im Winter, die Küste, stürmischer Wind. Am Strand türmen sich Eisschollen zu einem unwirtlichen Gebilde. Ein junger Mann balanciert über diesen Eispanzer. Blondes Haar, blasse Haut, schmales Gesicht. Jesús. Die Kamera spielt mit der Brennweite: Jesús scheint weit und breit verloren in diesem eisigen Nichts. Nächstes Bild: Jesús sitzt auf einer Bank, hat eine Tüte über dem Kopf. Es sieht wie ein schlechter Selbstmordversuch aus. Ein zweiter Typ kommt hinzu. Cem. Jesús nimmt die Tüte vom Kopf, die Geschichte beginnt.

WESTERLAND heißt der Debütfilm von Tim Staffel, er basiert auf seinem Roman „Jesús und Muhammed“. Cem arbeitet für das Ordnungsamt, ist strebsam, macht sein Abi nach, plant Landschaftsarchitektur zu studieren. Jesús macht gar nichts. Angeblich will er Schauspieler werden, doch seine Ambitionen sind sichtbar gering. Er kommt aus dem Nirgendwo, lebt in den Tag hinein, aber vor allem kifft er viel. Cem raucht und trinkt nicht. Die Story kreist um diese beiden jungen Männer, die Stück für Stück in eine enge Beziehung einsinken.



Tim Staffel hält seinen Film lange in einem Zustand der Undecodierbarkeit. In welchem Verhältnis stehen Cem und Jesús zueinander? Körperliches findet nicht statt, Zärtlichkeit auch nicht. Nicht sichtbar jedenfalls. Staffel widersteht nachhaltig dem normativen Druck, seinem Publikum Erklärungen für seine Figuren und deren Motivationen anzubieten. Konstant läuft in diesem eigenbrötlerischen Film die Deutungsmaschine des Zuschauers. Und mit dem Fortgang der Geschichte werden auch diese Deutungen neu geschrieben. Das macht WESTERLAND zu einem enorm fesselnden Werk.

 

Cem und Jesús steuern in die eigene Selbstzerstörung. Die Dynamik des Ganzen beschleunigt sich dabei auf eine Art, die ein Entkommen fast unmöglich erscheinen lässt. Eine beklemmende Tonspur macht hierbei den kalten Nordsee-Wind, wenn man so will, zum einzigen Zeugen dieses abgründigen Kammerspiels. WESTERLAND entpuppt sich als subtiler Psychothriller, der einen noch Tage später verfolgt.

WESTERLAND
Deutschland 2012
88 Minuten
DCP, Farbe
Regie, Buch, Vorlage: Tim Staffel
Kamera: Fabian Spuck
Schnitt: Ute Schall
Ton Samuel Schmidt
Sounddesign Jochen Jezussek
Produzent Björn Koll
Darsteller: Wolfram Schorlemmer, Burak Yigit, Muri Seven, Jule Böwe
Festival: Berlinale 2012-Perspektive Deutsches Kino
Verleih: Edition Salzgeber
(c) Bilder: Edition Salzgeber

Leuchtende Dunkelheit

GNADE
Berlinale 2012 _ Wettbewerb

Eine Familie zieht um - von Deutschland nach Hammerfest, in Nord-Norwegen. Dort oben, weit über dem Polarkreis, sehen die Sommer keine Nächte und die Winter keine Tage. Die Stadt schmiegt sich in einen kleinen Streifen zwischen weiten Hügellandschaften und der schroffen Küste des Polarmeers. Hier bekommt Niels einen Job als Ingenieur in der Montanindustrie. Dieses Mal nimmt er seine Frau und seinen Sohn mit, es ist nicht nur eine Reise auf Montage. Es ist ein Umzug, eine umfassende Veränderung des Lebens der Drei. In den ersten 30 Minuten verfolgen wir, wie sie sich allmählich einleben. Und wir können beobachten, dass es in der Ehe von Niels und seiner Frau Maria kriselt. Niels fängt eine Affäre mit einer Arbeitskollegin an, Maria verkriecht sich in Doppelschichten. Sie arbeitet als Sterbebegleiterin im örtlichen Krankenhaus.


Es ist arktische Nacht, Polarlichter stehen am Himmel, Maria fährt allein nach Hause, links und rechts türmt sich der Schnee, plötzlich ein lauter Rums. Maria stoppt, blickt in den Rückspiegel, nichts zu sehen. Sie fährt weiter. Zu Hause angekommen ist sie völlig aufgelöst: Hat sie einen Hund angefahren? Vielleicht sogar einen Menschen?

Leise Kauzigkeit

FOR ELLEN
Berlinale 2012_Forum

Das erste Bild, ein Straßenschild mit einem Pfeil nach links und rechts, steht stellvertretend für das ganze Dilemma im Leben von Joby Taylor. Der junge Kerl, irgendwas um Mitte 20, fährt mit seinem Wagen durch eine winterliche Landschaft. Er hat es eilig, warum wissen wir noch nicht. Auf der glatten Fahrbahn gerät er ins Schleudern, dreht sich in eine Schneewehe. Fluchen, bis der Abschleppwagen kommt.


Joby ist Rockmusiker. Der ganz große Erfolg scheint sich bisher nicht eingestellt zu haben, oder liegt schon länger zurück. Sein Wagen sieht nicht danach aus, als ob er viel Geld hätte. Angespannt und abgekämpft zugleich wirkt Joby, irgendwie auch verloren. Bald wissen wir, er ist auf dem Weg zu seinem Anwalt. Die Scheidungspapiere mit seiner Ex-Frau sollen unterschrieben werden. Doch eigentlich will Joby das alles gar nicht, er versucht lieber mit seiner Ex zu sprechen. Die blockt ihn ab: „Wenn Du etwas willst, wende dich an meinem Anwalt.“ Scheinbar zum ersten Mal überhaupt interessiert sich der junge Mann plötzlich dafür, was hier gerade passiert. Und zum ersten Mal bemerkt er, was in diesen Scheidungspapieren drin steht: Er bekommt das Haus, sie das alleinige Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Ellen. Wut.


Regisseurin So Yong Kim zeichnet mit Joby Taylor einen eigenbrötlerischen, introvertierten Charakter. Er bekommt selten den Mund auf und wenn, dann sind das eher Gedankenfetzen, die er versehentlich laut ausspricht. Irgendwie ist dieser Typ ein Rock’n Roll-Klischee und er hat ein Alkoholproblem. Wenn er trinkt, trinkt er viel. Hier ist ein Mensch seit langer Zeit auf der Flucht. Wovor? Das bleibt Spekulation. Flucht vor Verantwortung? Flucht vor der Konfrontation mit seiner Ex, mit seinem bisherigen Leben, mit seiner Zukunft? Dass ihm nun dauerhaft die Tochter entzogen werden soll, schlägt in diesem Leben ein wie ein Blitz. Wir werden Zeuge einer Häutung, der Flüchtling vor dem eigenen Leben kämpft plötzlich mit sich selbst. Joby will seine Tochter, um die er sich sonst nie gekümmert hat, nicht verlieren.


FOR ELLEN gleicht sich als Film seinem Protagonisten auf interessante Weise an. Wunderbar ziellos und leise kauzig verlaufen diese 94 Minuten, nehmen sich kurze Auszeiten von der Geschichte oder verharren länger in einer Szene. Einen wirklichen Rhythmus besitzt dieser Film nicht, aber das ist auch nicht zwingend. Hauptdarsteller Paul Dano trägt dieses Werk, trägt diesen Joby Taylor. Ihm in seinem Kampf um sich selbst und seine Tochter zuzuschauen ist einer der stillen, kleinen Höhepunkte im aktuellen unabhängigen US-Kino.

FOR ELLEN
USA 2012
94 Minuten
HDCAM, Farbe
Regie, Buch: So Yong Kim
Kamera: Reed Morano Walker
Schnitt: So Yong Kim, Bradley Rust Gray
Musik: Johann Johansson
Produzenten: Jen Gatien, Bradley Rust Gray,
So Yong Kim
Darsteller: Paul Dano, Jon Heder, Shaylena Mandigo
Festival: Sundance 2012, Berlinale-Forum 2012
(c) Bilder: Carolyn Drake/Berlinale 2012/Sundance 2012

Die doppelte Witwe

KUMA
Berlinale 2012_Panorama

Eine Frau übergibt sich, man hört es nur, im Bild ist ein kleiner Spiegel. Schließlich taucht ihr Gesicht in dem Spiegel auf. Sie ist älter, wirkt kränklich und blass. Ihr Gesicht ist eng von einem Kopftuch eingerahmt, sie zupft es zurecht. Zwei weitere Frauen kommen in den Raum, der sich als kleine, spartanische Hütte herausstellt. Sie reden aufgeregt auf Türkisch. Eine von ihnen ist in ein wunderschönes Hochzeitsgewand gekleidet. Ayşe heiratet, anschließend wird sie ihr Heimatdorf in der türkischen Provinz verlassen und zu ihrem neuen, kaum älteren Mann nach Wien ziehen. Ayşe kann kein Wort Deutsch. Im Folgenden sei die weitere Handlung des Films skizziert:


Wovon Ayşes Familie keine Ahnung hat: Ihre Tochter heiratet nicht den Mann, für den die Hochzeit ausgerichtet wird. Ayşe geht als Zweitfrau nach Wien. In Wirklichkeit hat sie den Vater des jungen Mannes geheiratet: Mustafa. Zum Leidwesen von Mustafas mitunter wesentlich älteren Kindern, die die „Neue“ rundheraus ablehnen. Diese Heirat fand nicht auf Wunsch des Bräutigams statt. Es war die Bitte seiner ersten Ehefrau Fatma, ihm eine zweite Frau an die Seite zu geben. Fatma ist schwer an Krebs erkrankt, alles scheint auf ihren Tod hinaus zu laufen. Sie will in dem Wissen sterben, dass eine würdige Nachfolgerin ihren Platz eingenommen hat.

Omnipräsent Abwesend

TEPENİN ARDI - BEYOND THE HILL
Berlinale 2012_Forum

Es beginnt mit Landschaft, aufgenommen in Cinemascope. Landschaft wird in diesem Film zum alles bestimmenden Element. Und dieser ganz spezielle Landstrich in der Türkei, der namenlos bleiben wird, ist besonders speziell. Ein traumwandlerisches, lang gezogenes Tal, umsäumt von Felsen, deren Schroffheit einen einfachen Aufstieg unmöglich macht. Es ist Sommer, die satten Wiesen sind zu vergilbtem Gestrüpp geworden, dessen Farbe fast goldgleich in die Kamera strahlt. Einzelne Bäume und kleine Wälder säumen einen schmalen Fluss, wechseln sich ab mit dichterem Wald. Inmitten dieser malerischen Landschaft liegt das spartanische Haus des pensionierten Forstverwalters Faik. Er lebt hier auf archaische Weise zusammen mit seinem Bruder und dessen Familie, Ehefrau, kleine Tochter, fast erwachsener Sohn. Sie leben isoliert von allem. Kein Telefon. Kein Strom. Sie bekommen Besuch, erwarteten und Ungebetenen. Aus der fernen Stadt ist Nusret angereist, Faiks Sohn, in Begleitung seiner beiden Nachkommen. Einer der beiden, der ältere, wirkt seltsam verschlossen. Sein jüngerer Bruder ist hingegen von pubertierender Unruhe getrieben und erpicht darauf, das Gewehr des Großvaters in die Hände zu bekommen.


Die Stimmung, oberflächlich sommerlich entspannt, scheint unterschwellig von einem Gefühl der Bedrohung durchsetzt. Schnell zeigt sich, Faik fürchtet die Nomaden der Gegend. Die wollen nicht einsehen, dass dies sein Land ist, und zerstören deshalb seine jungen Baumpflanzen, das behauptet er zumindest. Seine zunehmend paranoide Unruhe steckt die anderen an. Die jungen Pflanzen werden tatsächlich zerstört, doch der Täter ist augenscheinlich jemand anderes.

Mosaik der Erinnerungen

LE SOMMEIL D’OR-GOLDEN SLUMBER 
Kambodschas verlorenes Filmerbe
Berlinale 2012_Forum

Es sind nur ein paar nüchterne Zahlen, doch dahinter verbirgt sich das Schicksal eines ganzen Volkes - und seine tragische Rolle in der Geschichte des Weltkinos: Etwa 400 Filme sind in 15 Jahren entstanden, etwa 180 Menschen überlebten aus einem Dorf, welches einmal Tausende Menschen bevölkerten. Kambodscha. Seine Geschichte. Seine Filmgeschichte. Anfang der 60er begann ein regelrechter Filmboom in Kambodscha, genauer in Phnom Penh, das Kino war höchst populär und in der Hauptstadt gab es Anfang der 70er über 30 Kinos, teils in prachtvollen, riesigen Bauten. Die Filme waren meist Dramödien und Märchen. Herzschmerz. Pathos. Helden. Mythen. Ein Bisschen erinnern sie aus heutiger Sicht an das Bollywood-Kino. Mit Beginn des Bürgerkriegs, in den frühen 70er Jahren, brach die eigentliche Blütezeit im kambodschanischen Filmschaffen an, denn einmal mehr bewies die Gleichung ihre Gültigkeit, dass die Menschen in Krisenzeiten nach Unterhaltung suchen. 1975 sollte es damit schlagartig vorbei sein, von der quirligen Filmkultur ist fast nichts geblieben.



GOLDEN SLUMBER. Wir fahren eine Straße entlang, Dämmerung, eine ländliche Umgebung. Mit dem zweiten Hinschauen bemerken wir, dass die Aufnahme rückwärts abläuft. Eine Versinnbildlichung als Start, eine Reise zurück in eine größtenteils vergessene Geschichte. In den folgenden Bildern lernen wir einzelne Protagonisten kennen. Die Tochter eines Produzenten, eine Schauspielerin, zwei Regisseure, zwei Cineasten. Ihre Erzählungen kreisen um dasselbe: Film & Kino. Sie erzählen in ihren Worten von ihren Erinnerungen an etwas, für das es keine Bilder (mehr) gibt. Die Kamera rückt Orte ins Bild, die stumme Auskunft über das geben, was hier einst stattfand. Großes Kino. Diese Erzählungen sind erstaunlich lebendig, voll von Anekdoten. GOLDEN SLUMBER fällt hier durch seine liebevolle und auch verspielte Inszenierung auf. Eine verlorene Filmwelt, die reich und bunt gewesen sein muss, scheint in den wenigen noch lebenden Protagonisten und deren Nachfahren weiterzuleben.