2013

Kinofilm 2013
Shortlist

Zehn Werke, die dem Kinojahr 2013 in Deutschland 
Relevanz verschafft haben.

LEVIATHAN | Arsenal Distribution

Erweckung _ LEVIATHAN _ Castaing-Taylor/Paravel
Arsenal Distribution

Konsequenz _ OSLO 31. AUGUST _ Trier
Peripher Filmverleih


OSLO 31. AUGUST | Peripher Filmverleih

Schmerz _ LAURENCE ANYWAYS _ Dolan
NFP

Dazugehören _ WERDEN SIE DEUTSCHER _ Beyer
Im Film

Ausgeschlossen _ ZWEI MÜTTER _ Berrached
Salzgeber Filmverleih

WERDEN SIE DEUTSCHER | Im Film Verleih

Einsamkeit _ BOVEN IS HET STILL _ Leopold
Salzgeber Filmverleih

Gefährten _ JAURES _ Dieutre
Arsenal Distribution

Aufopferung _ BLUE JASMINE _ Allen
Warner Bros. Germany

INSIDE LLEWYN DAVIS | Studio Canal Filmverleih

Solidarität _ AM ENDE DER MILCHSTRASSE _ Grün/Uhlig
Neue Visionen

Rumtigern _ INSIDE LLEWYN DAVIS _ Coen/Coen
Studiocanal

Vaginal Davis und der doppelte John Abraham

RISING STARS FALLING STARS
WE MUST HAVE MUSIC!
EIN ESEL IM BRAHMANENDORF | John Abraham



RISING STARS, FALLING STARS - die Filmshow im Kino Arsenal
Kuratiert von Vaginal Davis & Daniel Hendrickson mit Filmen des "Arsenal Institut für Film & Videokunst".

AGRAHARATHIL KAZHUTHAI - EIN ESEL IM BRAHMANENDORF 
(IND 1977, 35mm, OmdU, 96')
Sonntag, 22.09.2013, 20 Uhr, Arsenal 2

Im September 2013: Ein Esel & zwei John Abrahams - Vaginal Davis & Daniel Hendrickson im Gespräch über tragisches Sterben, Ähnlichkeiten zu Cat Stevens, den Penis von Jesus und Geschenke des Indischen Volkes ans Deutsche Volk. 

John Abraham - der Regisseur
(11.8.1937 – 31.5.1987)
[(c) mubi.com]

John Abraham - der Schauspieler 
(17.12.1972) 
[(c) wakpaper.com]
Noch mehr Infos:
www.arsenal-berlin.de
www.vaginaldavis.com

Sprecher: Vaginal Davis, Daniel Hendrickson, Manuel Schubert
Musikauswahl & Produktion: Manuel Schubert

Alle Musikstücke sind dem Film AGRAHARATHIL KAZHUTHAI entnommen, mit Ausnahme der ersten zwei Titel: (1) Rhapsody In Blue - New York Philharmonic & Zubin Mehta; (2) The Second Dance Of The Harem Mongos (excerpt) - Jack Smith

Variationen vom Western

Notizen zu
Arslans GOLD & Reichardts MEEK'S CUTOFF

Deutsche und amerikanische Autorenfilmer teilen seit einiger Zeit eine Neugierde für Genre-Filme. Krimis und Thriller werden probiert. Auch der Western rückt zunehmend in den Fokus. Obwohl gerade der Western in seinen Genrekonventionen häufig erstarrt und kaum innovativ wirkt, was das Genre für die Bearbeitung durch Autorenfilmer wenig geeignet erscheinen lässt. Denn selbst größere Hollywood-Produktionen wie DANCES WITH WOLVES oder THE ASSASSINATION OF JESSE JAMES BY THE COWARD ROBERT FORD ist es nicht gelungen, eine dauerhafte Weiterentwicklung des Western loszutreten. Sie blieben singuläre Erscheinungen und wurden im Fall von THE ASSASSINATION OF JESSE JAMES sogar zum veritablen Flop an den Kinokassen.

2010 drehte die US-Amerikanerin Kelly Reichardt, die mit ihren Werke OLD JOY und WENDY AND LUCY Aufsehen erregte, MEEK'S CUTOFF. In der Hauptrolle gespielt von Michelle Williams. Interessanterweise erschien das Werk im selben Jahr wie TRUE GRIT von den Gebrüder Coen, welche die Genrekonventionen defakto zum Kult erklärten und sie mit lustvollem Ernst auskosteten. Rückblickend betrachtet, wirkt Kelly Reichardts Film wie die Antithese zur Arbeit der Coen-Brüder. MEEK'S CUTOFF erzählt von Siedlern, die um 1845 westwärts nach Oregon ziehen, um neues Land zu erschließen. Doch ihr Trapper verirrt sich, sie landen orientierungslos im Nirgendwo, die Vorräte sind erschöpft. Plötzlich steht die Gruppe vor der Frage, ob sie ihrem Trapper noch vertrauen können, oder sich auf die Führung durch einen eigentlich zutiefst verhassten Indianer einlassen sollen? Reichardts Film bedient sich zunächst nicht nur im Erzählmodus an Erwartungshaltungen, sondern auch am optischen Vokabular des Genres: Fragile Planwagen quietschen, Pferde und Ochsen ächzen unter ihrer Last und die duldsamen Frauen tragen umständliche Kleider, während die kauzigen Männer in Filzhosen, Hosenträgern und verschwitzten Hemden gekleidet sind. Und auch die Indianer sind genregetreu stumm, dunkelhäutig und bemalt. Dabei liegen die Gewehre stets griffbereit und die Landschaft ist so karg wie sie endlos ist.

GOLD | (c) Schramm Film
GOLD | (c) Schramm Film
MEEK'S CUTOFF | (c) Peripher Film
MEEK'S CUTOFF | (c) Peripher Film

Kelly Reichardt hat ihre Geschichte anhand von Tagebüchern entwickelt, die die Frauen der vielen Siedler-Trecks schrieben. Reichardts Perspektive ist die der Frauen und ihrer schier endlosen, eintönigen Strapazen. Diesen tagtäglichen Qualen, die zunächst von Zuversicht ja sogar Vergnügen geprägt sind, folgt Reichardt mit disziplinierter Akribie. Fast nebenbei und nahezu still verdichtet sie die Konfliktlage, zieht eine Schlinge der Ausweglosigkeit um die Siedler. Solange, bis sich schließlich auch der Zuschauer der förmlich greifbaren Hoffnungslosigkeit ergibt, tief hinein gesogen in dieses dichte Kammerspiel vor immenser Naturkulissen. Verirrt und überfordert, enttäuscht und verzweifelt sind die Siedler, Skeptisch und misstrauisch begegnen sie dem vielleicht letzten Funken Hoffnung, der sie vor dem elenden Tod retten könnte. Dabei ist Reichardts weiblicher Blick eine gelungene Studie starker, greifbarer Charaktere, die zudem von einem herausragenden Ensemble mit intensiver Körperlichkeit ausgefüllt werden.

Der Deutsche Thomas Arslan erzählt  mit GOLD hingegen einen nahezu klassischen Stoff: Nordwest-Kanada um 1898, der Goldrausch ist in vollem Gange. Zig Tausende nehmen den gefährlichen Weg zum Klondike-River auf sich, um ihren Traum vom goldenen Reichtum zu erfüllen. Auch ein kleiner Tross deutscher Einwanderer versucht sein Glück, darunter Emily Meyer (Nina Hoss). Eine gebürtige Bremerin, die Chicago ohne Arbeit und frisch geschieden verlassen hat. Schnell wird klar, dass es ein beschwerlicher Ritt durch dichte Wälder und über steile Pässe ist. Die versprochene angenehme Reise entpuppt sich als Tour de Force, der die Gruppe nicht gewachsen ist. Stück für Stück dekliniert das Drehbuch jede Zumutung durch und ist sich, mit dem Einsatz, der berüchtigte Bärenfalle, für keinen noch so trivialen Gemeinplatz zu schade. Menschen wie Pferde sterben gleichermaßen wie die Fliegen und ihr Tod scheint die Passage nur noch mehr in die Länge zu ziehen. Über all dem droht dem Tross noch eine weitere Gefahr verkörpert durch zwei namenlose Männer, die einen Mord rächen wollen.

GOLD | (c) Schramm Film
GOLD | (c) Schramm Film

GOLD wirkt wie eine endlose Kaffeefahrt, die routiniert an jeder (dramaturgischen) Sehenswürdigkeit stoppt und den Zuschauer kurz aufschreckt. Die Busfahrt selbst bleibt Langeweile. Jeder der Fahrgäste treibt etwas Anderes und ist mit sich selbst beschäftigt. Aus dem Fenster gucken, Mitreisende beobachten, etwas Lesen, teilnahmslos Warten bis die eigene dramatisch dramaturgische Haltestelle erreicht wird. Zu keinem Zeitpunkt erreicht dieses Werk eine Qualität, die eine mögliche Studie über gebrochene Träume auch nur erahnen ließe. Stattdessen werden uns sauertöpfisch dreinblickende, schmallippige und tumbe Deutsche vorgeführt, die duldsam und leidensfähig ihres Weges gehen – wohin genau wissen sie eigentlich nicht mehr. Derweil sucht die Kamera in wiederkehrenden Cinemascope-Panoramaaufnahmen verzweifelt nach Rettung, wie auch Thomas Arslan sein eigenes(!) Drehbuch einigermaßen ratlos zu befragen scheint. In der Hoffnung darin irgendetwas zu finden, das greifbar, beständig und glaubwürdig ist. Er bleibt genauso erfolglos wie seine Figuren. Denn dieses Drehbuch bringt nichts Anderes hervor als eine endlose Collage von Genre-Versatzstücken, nicht einmal Empathie.

MEEK'S CUTOFF | (c) Peripher Film
MEEK'S CUTOFF | (c) Peripher Film

Thomas Arslan scheitert furios und mit ihm seine Hauptdarstellerin. Nina Hoss mäandert mit versteinerter Miene durch dieses Werk, unschlüssig, was das alles mit ihr zu tun haben könnte. Unwillkürlich drängt sich da der bleibende Eindruck von Michelle Williams' „Emily Tetherow“ in MEEK'S CUTOFF in den Kopf. Auch sie startet zuversichtlich aber skeptisch in eine unbekannte Zukunft. Doch Stück für Stück zerbricht sie an der Realität, die in ihr die Zuversicht abtötet. Es bleiben unterdrückte Wut, Fassungslosigkeit und schiere Angst. Die weiblichen Charaktere in MEEK'S CUTOFF tragen stille Kämpfe gegen den Drang aus, der gescheiterten Führerschaft der Männer entgegen zu treten und auf ihre letzte Chance, die sie selbst wären, zu vertrauen. Regisseurin Kelly Reichardt bereicherte das Western-Genre um den feministischen Kampf des Subjekts und etablierte mit MEEK'S CUTOFF im Jahr 2010 einen Maßstab, hinter den zukünftige Genrewerke kaum zurückfallen können, wollen sie nicht als vergilbt und regressiv angesehen werden. Schaut man sich GOLD an, wird offensichtlich, dass Thomas Arslan und Nina Hoss MEEK'S CUTOFF wohl nie gesehen haben.

GOLD
D/CAN 2013
101 Min., Farbe, DCP/Cinemascope 1:2,35
Buch, Regie: Thomas Arslan
Kamera: Patrick Orth
Montage: Bettina Böhler
Musik: Dylan Carlson
Darsteller: Nina Hoss, Marko Mandić, Peter Kurth, Uwe Bohm
Verleih: Piffl Medien 2013

MEEK'S CUTOFF
USA 2010
102 Minuten, Farbe, 1:1,37
Regie: Kelly Reichardt
Buch: Jon Raymond
Kamera: Christopher Blauvelt
Schnitt: Kelly Reichardt
Musik: Jeff Grace
Darsteller: Michelle Williams, Bruce Greenwood, Will Patton, Zoe Kazan, Paul Dano
Verleih: Peripher Film 2011

Überarbeitung des Textes: Andreas Heimann, Manuel Schubert

Teenager contra Realität

THE BLING RING

Es gibt in THE BLING RING eine Schlüsselszene. Überhaupt besteht dieser Film aus einigen Schlüsselszenen und überraschend viel Rauschen dazwischen. Die Sequenz zeigt eine gläserne, mittelgroße Villa in den Hollywood Hills. Es ist Nacht, wir sehen das leere Haus und seinen leuchtenden Pool aus der Distanz. Im Hintergrund funkelt das nächtliche Los Angeles und macht aus dem Dunkel der Nacht dieses, für Großstädte so typische, dunkel-orange Geflimmer. Die Tonspur verzeichnet zirpende Grillen, in der Ferne heult eine Polizeisirene und knattert ein Hubschrauber. Zwei Gestalten betreten das Grundstück von links, suchen nach einer offenen Terrassentür, finden sie, gehen ins Haus. Die Gestalten eilen durch die Räume, Zimmerbeleuchtung geht an, Dinge werden gegriffen und in Taschen geschmissen, Zimmerbeleuchtung geht wieder aus. Die Gestalten verlassen das Anwesen. Diese ungeschnittene Szene dauert vielleicht zwei Minuten.


Die Täter: Ein Duo von Teenagern und deren Freunde. Rebecca interpretiert den Eigentumsbegriff eher vage und betrachtet nicht abgeschlossene Autos oder Häuser als Einladung. "Let's check some cars.", sagt sie zu Marc, kaum das Er dank ihr seine erste L.A.-Teenagerparty gemeistert hat. Marc ist neu an der Schule und Rebecca hilft dem eher unscheinbaren, schlaksigen Kerl, Anschluss an die It-Group der Schule zu finden. Dieses "Check some cars" geht ziemlich einfach. Das kann jeder, sofern man mutig genug ist. Einfach an geparkten Autos entlang gehen und testen, welcher Wagen nicht abgeschlossen ist. Findet sich ein offenes Auto, schaut man darin nach Wertgegenständen, Handtaschen, Geldbeuteln, Drogen usw. Das Glück ist mit dem tüchtigen Sucher und Rebecca ist tüchtig!

Jumping the Gate with John Blue & Vaginal Davis

LIVING ARCHIVE FINALE
RISING STARS FALLING STARS
WE MUST HAVE MUSIC!
On a Clear Day You Can See Forever | Vincente Minnelli

THE DEVIL'S BLIND SPOT
Jumping the Gate | John Blue, Axel Scheele, Daniel Grinstead



RISING STARS, FALLING STARS - die Filmshow im Kino Arsenal

Kuratiert von Vaginal Davis & Daniel Hendrickson mit Filmen des "Arsenal Institut für Film & Videokunst" im Rahmen des "Living Archive Projekt".

Im Juni 2013: Rising Stars, Falling Stars meets John Blue & The Devil's Blind Spot

ON A CLEAR DAY YOU CAN SEE FOREVER (Film) & JUMPING THE GATE (Concert)

John Blue und Vaginal Davis sind Teilnehmer des Living Archive-Projekts im Arsenal Institut für Film & Videokunst. Nach zwei Jahren Laufzeit mündet dieses Pojekt nun in einem großen Finale. Während Vaginal Davis der Diva Barbara Streisand eine Bühne einräumt, hat John Blue aus unzähligen Filmen des Arsenal-Archivs Klangfragmente gesammelt. Im Rahmen eines Konzerts im Grünen Salon, werden John Blue und seine Band THE DEVIL'S BLIND SPOT ihre Kompositionen aus Musik & Klangfragmenten live aufführen.

Mehr über Mister Blue und Miss Davis, über die Arbeit mit und im Arsenal-Archiv, über das Komponieren von Musik bzw. dem Herstellen von Sinn in einem Wust aus Klängen, und einen merkwürdigen Tanz namens TWERKING in diesem besonderen Audio-Feature.

Living Archive - Das Finale
THE DEVIL'S BLIND SPOT: Jumping the Gate (Konzert)
Volksbühne/Grüner Salon - 29.06.13 - 22h

RISING STARS, FALLING STARS: On A Clear Day You Can See Forever (Film)
Vincente Minelli (USA 1970, 16 mm, OF, 107')
Kino Arsenal - 30.06.13 - 21.30h

www.arsenal-berlin.de
thedevilsblindspot.com
vaginaldavis.com
filmanzeiger.de

Playlist:
New York Philharmonic & Zubin Mehta - Rhapsody In Blue
The Devil's Blind Spot - Keys Monkeys - Trained To See Red
John Blue - Lupins - As Láthair
John Blue - [Untitled - from Jumping The Gate-Project]
The Devil's Blind Spot - Trained To See Red - Trained To See Red
The Devil's Blind Spot - Floatation Devices - Trained To See Red
Vaginal Davis - Black Girl
The Devil's Blind Spot - The Singing Wheels of Babylon - Trained To See Red
The Devil's Blind Spot - Consumed by the Disappearance of... - Trained To See Red
John Blue - [Untitled - from Jumping The Gate-Project]
Pixie Kitchen & Blind Lemon Pledge - Fear Drifts Like Snow - Some Americans

Das Album TRAINED TO SEE RED von The Devil's Blind Spot kann via Bandcamp gekauft werden.

Sprecher: Vaginal Davis, John Blue, Manuel Schubert
Musikauswahl & Produktion: Manuel Schubert
Bild: The Devil's Blind Spot/Arsenal

17. Juni 1953 - Brecht, Müller und die Arbeiter von Ost-Berlin

"Fanatische, hagere, glühende Gesichter"

1987 traf der Schauspieler, Regisseur, Verleger Hans Zischler den Dramatiker, Essayisten, Prosa-Autor und Theater-Regisseur Heiner Müller zu einem Gespräch in West-Berlin. Zischler schnitt das Gespräch zu privaten Zwecken auf Video mit.

Mehr oder minder aus Anlass der bevorstehende 750 Jahr-Feier der Stadt Berlin, gab Müller in dem Gespräch Auskunft über seine Wahrnehmungen von Berlin im Zuge der Jahrzehnte. Angefangen von seinem illegalen Umzug nach Ost-Berlin 1951 bis zu seiner Begleitung von Berthold Brecht und dessen Wirken & Wirkung am Berliner Ensemble.

[flickr/jwpriebe (CC BY-NC 2.0)]

Im Gespräch nimmt der 17. Juni 1953 einen prägnanten Platz ein, haben doch sowohl Müller als auch Brecht die sog. Arbeiteraufstände in Ost-Berlin vor Ort miterlebt. Doch beide teilten offenbar eine völlig andere Wahrnehmung dieser Aufstände, als sie heute von der gesamtdeutschen (also defakto westdeutschen) Erinnerungskultur gepflegt wird.

Im folgenden das Transkript der Gesprächspassagen zum 17. Juni 1953. Entnommen habe ich dieses Gespräch dem äußerst empfehlenswerten mp3-Sammelband "Müller MP3 - Heiner Müller Tondokumente 1927 -1995", erschienen im Alexander Verlag Berlin/Köln 2011.

"Genuß der Entwurzelung" - Heiner Müller und Hans Zischler im Gespräch (Auszug)

...über die illusorischen Wunschvorstellungen Brechts von der Arbeiterklasse und das Erleben des 17. Juni 1953...

Zischler: Die Klasse formiert sich entweder auf eine Weise, die unvorhersehbar ist, bspw. in einer militärischen Maskierung wie 1918/19. Oder sie wird verheizt wie 1939 - 1945 - als Klasse. Oder sie taucht nicht mehr auf, also die Gewerkschaft repräsentiert sie ja nur in dem Maße, wie eine Stellvertretung überhaupt möglich sein kann. Wenn also die einzelnen Arbeiter ausgeblieben sind [zu Aufführungen im BE, die Brecht extra für Arbeiter reservierte und zu denen dann kaum ein Arbeiter erschien.] hatte das sicher unmittelbar einleuchtende Gründe. War denn der Wunsch Brechts einfach nur wirklichkeitsfern oder was drückte der Wunsch aus, oder was verkannte dieser Wunsch Brechts?

Eleanor Powell vs. Fred Astaire

RISING STARS FALLING STARS
WE MUST HAVE MUSIC!
BROADWAY MELODY OF 1940 | Norman Taurog


Rising Stars Falling Stars - with Vaginal Davis & Eleanor Powell - May 2013 by Filmanzeiger on Mixcloud

RISING STARS, FALLING STARS - die Filmshow im Kino Arsenal

Kuratiert von Vaginal Davis & Daniel Hendrickson mit Filmen des "Arsenal Institut für Film & Videokunst" im Rahmen des "Living Archive Projekt".

Im Mai 2013: BROADWAY MELODY OF 1940 von Norman Taurog

(Auch: BROADWAY MUSICAL 1940, BROADWAY MELODY 1940, BROADWAY MELODY FROM 1940)

BROADWAY MELODY war eines der ersten großen Kino-Sequels Hollywoods. Zwischen 1929 und 1944 enstanden fünf Filme nach demselben Rezept: Stars, Musik & Tanz. Leichte Unterhaltung & saichte Gefühle. Dabei nimmt sich die Folge von 1940 doch besonders aus: Zum ersten und einzigen Mal standen Eleanor Powell und Fred Astaire zusammen vor der Kamera. Nach Aussagen von Vaginal Davis, war sie einfach die bessere Tänzerin. Vielleicht war sie sogar die beste Steptänzerin ihrer Zeit. Aber Miss Vaginal Davis weiß über diese besondere Frau auch einige sehr private Gerüchte zu erzählen: The Golden Age of Hollywood - ein Paradies für lesbische und schwule Liebschaften und Affairen.

Die verwendete Musik entstammt vollständig dem Soundtrack zu BROADWAY MELODY OF 1940, ausgenommen das Rhapsody in Blue-Intro.

Sprecher: Vaginal Davis, Manuel Schubert
Musikauswahl & Produktion: Manuel Schubert

Oscar Wilde loves Vaginal Davis!

RISING STARS FALLING STARS 
WE MUST HAVE MUSIC!
SALOME'S LAST DANCE | Ken Russel


RISING STARS, FALLING STARS - die Filmshow im Kino Arsenal

Kuratiert von Vaginal Davis & Daniel Hendrickson mit Filmen des "Arsenal Institut für Film & Videokunst" im Rahmen des "Living Archive Projekt".

Im April 2013: SALOME'S LAST DANCE von Ken Russel (GB 1988) - frei nach Oscar Wilde

Diesmal widmet Miss Davis ihre Filmshow einem der berühmtesten und umstrittensten Männer der Literaturgeschichte: Oscar Wilde. Ok, Oscar Wilde ist jetzt kein Unbekannter für die 'Rising Stars...'. Bereits 2012 zeigte Vaginal Davis den Stummfilm SALOME frei nach Oscar Wilde, mit der unbeschreiblichen Alla Nazimova in der Hauptrolle.

Ken Russels Tonfilm SALOME'S LAST DANCE, versammelt ebenfalls eine ganze Gruppe herausragender Darsteller. Allen voran die zweifache Oscargewinnerin Glenda Jackson. Als Schauspielerin arbeitet Jackson schon lange nicht mehr. Obwohl ihre Talente für ihren heutigen Job sehr nützlich sein können, wie sie jüngst in einer fulminanten Rede im britischen Parlament belegte. Glenda Jackson ist Abgeordnete der Labour Party und sorgte in der parlamentarischen Gedenkstunde anlässlich des Todes von Maggi Thatcher für tumultartige Zustände, lag es ihr doch mehr als fern die Verstorbene in guter Erinnerung zu behalten. 

SALOME'S LAST DANCE regte Vaginal Davis und ihre frühere Performance-Kompanie die "Afro Sisters" übrigens zu einer ganz eigenen Version des Stoffs von Oscar Wilde an. Damals, in L.A. hieß das Stück allerdings "Fertile's Last Dance". Doch genau diese Show ruft bei Miss Davis auch traurige Erinnerungen wach. Mehr dazu im Gespräch. Zu hören gibt es ein "saftiges" Audio-Feature im Geiste Oscar Wildes...



Playlist
New York Philharmonic & Zubin Mehta - Rhapsody In Blue
Kim Wilde - House Of Salome
Royal Philharmonic Orchestra, Sir Thomas Beecham -  Scheherezade, II. The Story of the Kalendar
Virginia O'Brien - Salome
Erik Satie - Gymnopedie No. 3
Big John Bates - Salome's Last Dance
Erik Satie & Debussy - Claire De Lune
WDR Sinfonieorchester Köln, Eivind Aadland - Peer Gynt Suite No. 1, Op. 46, In the Hall of the Mountain King
Detroit Symphony Orchestra, Paul Paray - Ibert's Escales Rome: Palermo
T.Rex - Cosmic Dancer

Sprecher: Vaginal Davis, Manuel Schubert
Musikauswahl & Produktion: Manuel Schubert
Bild: Vestron

Der Faschismus der Makellosigkeit

Interview mit Bruce LaBruce

Anlässlich seines kommenden Kinofilms GERONTOPHILIA, sprach ich für das "DE:BUG"-Magazin mit dem kanadischen Filmemacher und Künstler Bruce LaBruce über die Natur des Fetisch, den Faschismus digitaler Bilder, den Zombie als Vorkämpfer gegen eine intollerante Gesellschaft, die Lust am Sex im Alter und die neue Spießigkeit der Schwulen.

Jey Crisfar als Zombi in OTTO; OR, UP WITH DEAD PEOPLE | (c) GMfilms Filmverleih

[filmanzeiger] Bruce, Du wirst heute vor allem über deine beiden schwulen Zombie-Filme OTTO; OR, UP WITH DEAD PEOPLE sowie L.A. ZOMBIE wahrgenommen. Was interessierte dich daran, schwule Charaktere durch Zombies zu erzählen?
[Bruce LaBruce] Mein Eindruck war, daß schwule Lebensweisen in ihrer bisherigen Form ausstarben. Unzählige Cruisingclubs und Saunas machten dicht, öffentlicher Sex verschwand. Die Schwulen suchten den Weg in die Assimilation mit dem Hetero-Mainstream. Die früher vielfältige und radikale schwule Kultur wurde zu einem Zombie. Und Sex in Cruisingareas hat etwas Zombihaftes, Körper und Körperteile wimmeln im dunklen Zwielicht umher. Es versprüht eine Aura des Horroresken und Gefährlichen. Das ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Es ist sehr Aufregend, hat fast filmische Qualitäten. Ich wollte die letzten Reste dessen festhalten, bevor sie vollständig verschwinden.
Außerdem habe ich vor Kurzem meinen Ehemann geheiratet. Als Asylsuchender aus Kuba, durfte er hier in Kanada nicht richtig leben. Konnte aber auch nicht nach Kuba zurück. Alles war in der Schwebe. Er war wie ein Alien, wie ein Zombie, nirgendwo willkommen. Der Zombie ist der neue Aussätzige. Dieses Paradigma wollte ich umkehren, ihn zum subversiven Akteur machen. Er ist derjenige, der sich dagegen wehrt, von der Gesellschaft zum Aussätzigen gemacht zu werden.
OTTO und L.A. ZOMBIE, zelebrieren Blut in mehreren Sequenzen. Innerhalb der schwulen Matrix und seit dem Aufkommen von HIV, gilt Blut als gefährliche Bedrohung, genauso wie Sperma und kondomfreier Sex. Wie liest Du diese Blutbäder, im Kontext von HIV?
In der Hardcore-Version von L.A. ZOMBIE kann man erkennen, wie der Hauptdarsteller Francois Sagant ein Kondom trägt. So wie er es bei seiner Arbeit immer tut. Aber das ist nicht der Punkt. Im Kontext von HIV/AIDS, gerade zu Beginn der Epidemie, wurde schwuler Sex zu etwas Bedrohlichem. Und damit auch die HIV-Positiven. In meinen Filmen geht es ja nicht um Sperma als bedrohliche Flüssigkeit, es ist das Blut selbst. Wenn man so will, ist es der Versuch diese Idee des giftigen schwulen Sex mit Unmengen an Blut zu überfluten.

Irrelevanter Anti-Drifter

OSLO, 31. AUGUST

Es beginnt mit 16mm-Foundfootage - Stadtansichten Oslos aus der Vergangenheit. Im Off erzählen Menschen von ihrer ersten Begegnung mit der Stadt. Faszinierend, lebendig, aber auch überraschend klein empfanden sie Norwegens Hauptstadt. Damals. Die Montage kulminiert in den Videoaufnahmen der Sprengung eines markanten Hochhauses. Schnitt. Er. Er sitzt nackt auf einem Bett, gebeugt, der Kopf stützt sich fast auf die Hände. Er wirkt Gedanken-verloren und allein. Die Kamera lässt eine Frau neben ihm erkennen, sie erwacht aus dem Schlaf, nackt. Sie lächelt ihn kurz an und lässt dann das Lächeln versiegen. Schnitt. Er geht aus dem, was ein Motel an der Autobahn gewesen sein muss und läuft in den nahen Wald. Ziellos scheint er zu sein und kommt dann doch an einem See an. Er zieht seine Jacke aus, zieht sie wieder an, stopft Steine in die Jackentaschen, hebt einen größeren Stein aus dem Uferbereich, geht ins Wasser, taucht ab. Für eine Weile verharrt die Kamera auf der Stelle seines Untergangs. Luftblasen steigen vereinzelt auf. Schließlich ein lautes Prusten, das eher einem hysterischen Weinen gleicht. Er kriecht ans Ufer und torkelt zurück in den Wald. Anders.


OSLO, 31. AUGUST - einen Tag zuvor darf Anders, ein attraktiver, schlaksiger junger Mann Anfang 30, auf Freigang. Die letzten Monate hat er in einer Klinik für Drogenabhängige verbracht, weit außerhalb. Anders ist oder war Junkie. Er hat alles durch inklusive Heroin. Heute ist er clean. Seit 10 Monaten hat er nicht mal mehr ein Bier getrunken. Sein erster Ausflug führt in zurück nach Oslo. Ein Bewerbungsgespräch steht an. Anders war mal freier Schreiber. Doch das ist sechs Jahre her. Dann verlor er sich in den Clubs von Oslo und in den Drogen. Dies ist auch beinahe alles, was wir über Anders lernen. Es gab das Leben vor dem Entzug. Und es gibt heute, diesen einen Tag. Vorher gab es ein mutmaßlich wildes Leben, eine große, an den Drogen gescheiterte Liebe. Und ein liberales, gut situiertes Elternhaus, dass an den Spätfolgen von Anders Absturz zu leiden scheint. Aber auch das können wir nur aus einigen Indizien lesen, die uns das Drehbuch, auf Anders' Weg durch ein spätsommerliches Oslo, hier und dort reicht. Nicht selten erscheint OSLO, 31. AUGUST wie eine Forterzählung von Joachim Triers 2006er Debüt REPRISE. Nicht nur, ob desselben großartigen Hauptdarstellers. In REPRISE, erleben wir zwei angehende Schriftsteller bei ihrem Streben nach einem Platz im Leben und in der Liebe. Ebenfalls angesiedelt im Oslo der Gegenwart, hat sich die verspielte Energie von Film und Figuren in REPRISE zu ernsthaften Selbstzweifeln und Depression in OSLO, 31. AUGUST gewandelt. Die beiden Jungs sind zu Männern geworden. Und einer von beiden ist irgendwann abgestürzt.

Panorama 2013 - Diffuse Mittelmäßigkeit

27. Panorama
Berlinale 2013

Das Panorama der Berlinale fällt bereits seit Jahren durch eine mediokere Grundhaltung auf. Das mag an der diffusen Selbstbeschreibung der Sektion liegen, die sich dann auch in der mitunter wahllos erscheinenden Kuratierung der Filmauswahl widerspiegelt. Kommerzielles Arthouse-Kino trifft auf Dokumentarfilm unterschiedlichster formaler wie inhaltlicher Herangehensweisen. Trifft auf ausschließlich inhaltsbasierte zeitgenössische Filme des nicht-heterosexuellen Spektrums, die ohne jeglichen kinematografischen Anspruch daher kommen. Alles legitim, doch auf Dauer und in der Quantität enervierend. So kann man beim Panorama generell weniger von guten oder schlechten Jahrgängen sprechen. Die qualitative Grundtendenz der Sektion ist generell eher indiskutabel. Gleichwohl stechen immer wieder Höhepunkte, wie auch erhebliche Tiefschläge, aus dem überladenen Sektionsprogramm heraus. Für den Sektions-Jahrgang 2013 gilt dies uneingeschränkt. Eine kompakte Besprechung der gesichteten Filme des Panoramas 2013.

FRANCES HA | © Copyright MFA+ FilmDistribuion e.K.

Panorama | Eine Frau Ende zwanzig, ihre Wunschkarriere als Tänzerin scheint nicht mehr so richtig in die Gänge zu kommen. Ihre beste Freundin verlässt die gemeinsame WG für Ehe und Familie. New York, 2012. Noah Baumbachs Dramödie FRANCES HA erzählt von einer Art verspätetem Coming-of-Age. Von Menschen, die mitten im Leben stehen, aber eigentlich nicht richtig wissen bzw. wissen wollen wo hin mit sich. Vor dem Hintergrund eines New Yorks, in welchem Geld über die Zugehörigkeit und den Status entscheidet, lauern Existenzängste an jeder Ecke. Zeitgeistkritisch entwickelt Noah Baumbach seinen Film und schickt seine Hauptfigur auf eine herausfordernde Suche nach einem Platz im Leben. Zärtlich und melancholisch, zugleich auch sehr unterhaltsam und kurzweilig, zeigt sich FRANCES HA als einer der Höhepunkte im Arthouse-Segment des diesjährigen Panoramas.

Panorama-Dokumente | NAKED OPERA, Angela Christliebs mockumentarisches Porträt eines schwulen luxemburgischen und angeblich sterbenskranken Lebemanns, begeistert durch die messerscharfe und geradezu philosophische Wortgewandtheit des Hauptprotagonisten. Faszinierender gestaltet sich jedoch der Kampf zwischen Filmteam und Protagonist über die Entwicklung, die Absichten und Ziele dieses Filmprojekts.

BOVEN IS HET STILL | © Salzgeber Filmverleih

Panorama | Nanouk Leopolds atmosphärischer Film BOVEN IS HET STILL begleitet einen vereinsamten mittelalten Bauern durch seinen Alltag mit seinem bettlägerigen Vater. Unvermittelt bricht ein junger Knecht in den deprimierenden Lauf der Dinge ein und rüttelt an tief verborgenen Begierden des Mannes. Leopold gründet ihr Werk narrativ wie visuell fast ausschließlich auf einer Sprache der Berührungen und Blicke. Dies ergibt einen optisch reizvollen Film, der jedoch zu viele dramaturgische Leerstellen produziert, um sein Publikum über die gesamte Lauflänge an sich zu binden.

Panorama | CONCUSSION -> siehe ausführliche Besprechung hier: THE ADVANTAGE OF BEEING A WOMAN

Panorama Dokumente | Sebastian Liefshitz mittellanges Portrait BAMBI räumt vor allem seiner Protagonistin Marie-Pierre Pruvot Raum für persönliches Erzählen ein. Liefshitz verwebt ihre Reflexionen mit alten Fotos und Filmaufnahmen von Spaziergängen Bambis durch Alger in jüngerer Zeit. Es entwickelt sich eine intensive wie lebendige Geschichte, die wesentlich mehr vermittelt als "nur" das Leben eines faszinierenden Menschen.

Panorama | Ein Sommer-Nachmittag in einem Schwimmbad am Strand. Der tägliche Schwimmkurs für behinderte Jugendliche versammelt fünf höchst unterschiedliche Charaktere. Derweil hängen Regen- und Gewitterwolken am Himmel und drohen stetig mit Abkühlung von oben. Am Ende fahren alle wieder nach Hause. Ein Nachmittag und einige Schauer sind vorübergezogen. Vernarrt in Genre- & Filmreferenzen, verspielt in der Entwicklung seiner Geschichte und in verträumte Bilder gefasst, fasziniert der mittellange argentinische Film LA PISCINA.

BELLEVILLE BABY | © Mia Engberg

Panorama-Dokumente | Nach zehn Jahren Funkstille, tritt unvermittelt ein Mann in Mia Engbergs Leben, von dem sie nie wieder zu hören glaubte. Erinnerungen brechen auf und kollidieren mit dem Leben, das in der Zwischenzeit stattgefunden hat. Engberg verarbeitet in ihrem dokumentarischen Streifzug BELLEVILLE BABY dieses unvermittelte Wiedersehen und schafft dabei eine herausfordernde Erzählung über die Möglichkeiten eigentlich unmöglicher Liebesbeziehungen. Hier die junge, angehende Filmstudentin aus Schweden, dort der junge Kriminelle ohne Elternhaus aus einem Pariser Vorort. Dabei findet sie nicht nur narrativ, sondern auch filmisch eine atmosphärisch dichte wie ausdrücklich kinoaffine Form.

Panorama-Dokumente | LA MAISON DE LA RADIO präsentiert sich als gleichsam konzentrierte wie anziehende Untersuchung dessen, was Sprechen und Reden als Kommunikationsmittel eigentlich bedeuten. Der Untersuchungsgegenstand "Radio France" (Deutschlandfunk auf Französisch) hätte dabei nicht besser gewählt sein können.

Panorama-Dokumente | Die Bearbeitung der Geschichte nicht-heterosexuellen Lebens in der DDR bleibt glücklicherweise weiterhin Thema im Panorama. Jochen Hicks Beitrag OUT IN OST-BERLIN profitiert vor allem von den Geschichten seiner Protagonisten. Diese reichen von der Suche nach dem kleinen Glück bis zum Mut, sich dem Konflikt mit dem rigiden DDR-Regime zu stellen. Dabei verändern ihre Erzählungen nachhaltig das Bild vom einzigen sozialistischen Staat auf deutschem Boden. Gleichwohl bleibt die Dokumentation formal weit hinter ihren Möglichkeiten zurück und enttäuscht insbesondere beim Umgang mit Archivmaterial.

Panorama-Dokumente | Musik-Dokumentationen waren einmal die Stärke des Panoramas. Doch SING ME THE SONGS THAT SAY I LOVE YOU beweist nachdrücklich, dass die Kuratoren der Sektion bei dieser Gattung des dokumentarischen Films jegliches Gefühl verloren haben. Lian Lunson liefert eine uninspiriert hingeworfene Konzert-Doku ab, in der sich Kitsch, schlechte Fotografie und ungenügende Ton-Abmischung darum streiten, was das größte Ärgernis an diesem Werk ist.

Panorama | Die mutmaßliche Geschichte des berühmtesten heterosexuellen Pornos im 20. Jahrhundert, "Deep Throat", entwickeln Rob Epstein & Jeffrey Friedman in LOVELACE als prüdes Melodrama über die körperliche Ausbeutung einer naiven jungen Frau. Übersättigt mit Zeitkolorit, scheitert dieser Film von vornherein an seinem allzu eindimensionalen und durchgehend erwartbaren Drehbuch.

INTERIOR. LEATHER. BAR. | © Franco/Matthews/Berlinale 2013

Panorama | INTERIOR. LEATHER BAR., reizvolle filmische Versuchsanordnung, deren Funke jedoch nur allmählich überspringen will und die erst kurz vor Abspann wirklichen Drive entwickelt. Entgegen der naheliegenden Vermutung interessiert sich das Werk nur wenig dafür, was und wie viel an der Legende der angeblich verschwundenen 40 Minuten CRUISING wirklich stimmen könnte. Stattdessen provoziert INTERIOR. LEATHER BAR. unwillkürlich die Frage, wer von den beiden Regisseuren, James Franco & Travis Matthews, den jeweils Anderen wofür benutzt?

Panorama | In MALADIES fehlen mir einige Minuten, in denen ich wegen Schlafmangel eingenickt bin. Dem Film tut das keinen Abbruch. Mein Erleben in Versatzstücken korrespondiert auf interessante Weise mit diesem Werk. Dessen innere Ziellosigkeit gibt den Figuren den notwendigen Freiraum, um die eigene Zerrissenheit auszuhalten. Ein im besten Sinne verschrobenes, rätselhaftes Stück Film.

Panorama | WILL YOU STILL LOVE ME TOMORROW - romantische Komödie um einen verheirateten schwulen Optiker, dessen wohlgeordnetes Hetero-Leben aus den Fugen gerät, als ihm DER Richtige über den Weg läuft. Warmherzig in Szene gesetztes Genrestück, das die Last der reichlich verwendeten homo- und heteronormativen Klischees jedoch kaum tragen kann.

LOSE YOUR HEAD | © Mutter Film 

Panorama | LOSE YOUR HEAD ist vielleicht einer der verzichtbarsten Streifen in diesem Jahr: Die zentral problematischen Stellen liegen bereits in Geschichte und Drehbuch begründet, welche nie hätten realisiert werden dürfen: Ein junger, schwuler, spanischer Easyjet-Partytourist (!) verstrickt sich im Berliner Nachtleben in Abgründe aus Drogen und vermeintlichem Verbrechen (sic!). Dabei findet das Werk keinerlei filmische Mittel, um eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen. Stattdessen werden sattsam bekannte Berlin-Klischees in dramaturgisch vollkommen unausgewogenen Genre-Behauptungen reproduziert. Ärgerlich.

Panorama | Kann man per Webcam und Skype Regie führen, während man einen Ozean weit entfernt vom
Filmset sitzt? BEHIND THE CAMERA geht dieser Frage auf angenehm unterhaltsame Art nach und verwickelt den Zuschauer in eine fantastisch absurde Film-im Film-im Film-Geschichte. Gemeinsam verlieren hier irgendwann Zuschauer und Filmfiguren den Überblick. Der Weg zurück ist ein kurzweiliger kleiner Film.

Panorama-Dokumente | TPB AFK - The Pirate Bay away from keyboard: Handzahme Doku, die die Materie kaum nennenswert durchdringt und sich eher darin gefällt, die Protagonisten zu Antihelden des digitalen Zeitalters zu stilisieren.

ROLAND KLICK - THE HEART IS A HUNGRY HUNTER | © Filmgalerie 451

Panorama-Dokumente | ROLAND KLICK - THE HEART IS A HUNGRY HUNTER - Sandra Prechtels ruhig und konzentriert zusammengesetzte Doku setzt ausschließlich auf die begeisternde Erzählkraft ihres Protagonisten. Hinterfragt wird hier nichts, es geht ausschließlich um die Herstellung eines Epitaph nach den Wünschen Roland Klicks.

Panorama-Dokumente | STATE 194 - typisch US-amerikanische Bewegungs-Doku mit ausdrücklicher Intention. Dabei werden die Vorgänge um den gescheiterten Anerkennungsprozess Palästinas als Vollmitglied der UN nachgezeichnet und der palästinensischen Ministerpräsidenten Fayyad zum großen Hoffnungsbringer aufbaut.

Vaginal Davis goes Egypt!

RISING STARS, FALLING STARS - die Filmshow im Kino Arsenal
Kuratiert von Vaginal Davis & Daniel Hendrickson mit Filmen des "Arsenal Institut für Film & Videokunst" im Rahmen des "Living Archive Projekt".

Im März: ZEINAB (Ägypten 1950) von Muhammad Karim.

1930 drehte der ägyptische Regisseur Muhammad Karim den Stummfilm ZEINAB über eine Bauerntochter, die zwischen den Familienverpflichtungen einerseits und ihren eigenen Wünschen andererseits gefangen ist. Zwanzig Jahre später drehte Muhammad Karim diesen Film erneut, diesmal als Tonfilm und mit viel Musik, nicht unähnlich indischen Bollywood-Produktionen.

60 Jahre nach der Produktion des Films brodelt es in Ägypten und der arabische Frühling fegt das alte Regime hinweg. Was das mediale Geschrei des arabischen Frühlings nicht wahrnimmt, ist das langsame Erwachen einer freien Kultur- und Filmszene. In Kairo hat sich vor knapp einem Jahr eine Cinematheque konstituiert, die freien Filmemachern bei der Produktion und Präsentation hilft. LABOR BERLIN und Michel Balagué unterstützen diese Cinematheque ganz praktisch mit einer ANALOGE ZONE, in der sie das Filmemachen auf Super8 und 16mm-Film vermitteln.

Zum Gespräch trafen wir Michel im Studio von Vaginal Davis auf der "Roten Insel", Berlin.


Rising Stars Falling Stars - with Vaginal Davis & Michel Balagué - March 2013 by Filmanzeiger on Mixcloud

Playlist:
New York Philharmonic & Zubin Mehta - Rhapsody In Blue
Mashrou' Leila - El Hal Romancy (Libanon)
Maher Kamal - [Egyptian Folk Musik Live]
Maryam Saleh - Nixon Baba (Ägypten)
Mashrou' Leila - Inni Mneeh (Libanon)
Black Theama - Hor (Ägypten)
Maii Waleed - Moga (Ägypten)

Sprecher: Vaginal Davis, Manuel Schubert, Michel Balagué
Musikauswahl & Produktion: Manuel Schubert
Bild: Arsenal

Forum 2013 - Merkwürdigkeiten & Erweckungserlebnisse

43. Internationales Forum des Jungen Films
8. Forum Expanded
Berlinale 2013

Nach einem sehr dürftigen Jahrgang 2012, gab es im Forum 2013 viele starke Momente. Doch es überwog der Eindruck einer zunehmenden Konformität bei den ausgewählten Filmen. Erweckungserlebnisse fanden einmal mehr im Forum Expanded statt. Dass das Forum Expanded immer mehr zur Spielstätte für jene Experimente und Außergewöhnlichkeiten wird, die vor ein paar Jahren noch selbstverständlich im Forum gelaufen wären, ist inzwischen evident. Im Folgenden einige Gedanken und Besprechungen zu den gesichteten Filmen der Sektion.

A Single Shot | (c) A SINGLE SHOT LLC.

Forum | Angesiedelt im urwüchsigen Nirgendwo zwischen den USA und Kanada, zeigt sich A SINGLE SHOT als visuell atemberaubender wie auch klaustrophobischer Film. David M. Rosenthal entwickelt die Geschichte eines verarmten, verlassenen Ex-Bauernsohns zu einem fiesen und beunruhigenden Thriller. Aufopfernd gespielt von einem überragenden Sam Rockwell. Was diesen Film speziell für das Forum qualifiziert, erschließt sich jedoch nicht.

Forum | Als eine Abhandlung über Existenzbedrohung auf allen Ebenen entfaltet sich CHAR… THE NO MAN'S ISLAND von Sourav Sarangi. Char ist eine kleine Insel im Grenzfluss zwischen Indien und Bangladesch. Die zumeist staatenlosen Bewohner dieses Eilands versuchen ihr karges Leben mit Schmuggel zu bestreiten. Doch neben der rigiden Grenzpolizei sehen sie sich vor allem von der konstanten Erosion der Insel bedroht, die der Fluss fortspült und anderer Stelle wieder freigibt. Eine chaotische Handkamera folgt dem harten Alltag der Bewohner, die Nachtkamera schaut den Grenzern bei ihrer Arbeit zu, während statische Aufnahmen ungläubig den stetigen Abbruch der Insel verfolgen. Eine verstörende Dokumentation.

DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN | (c) Alexander Haßkerl

Forum | Ein Nachmittag, eine Altbauwohnung, eine Familie, eine Katze, ein Hund - Ramon Zürcher braucht für seinen Film DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN nicht viel und doch ist dieses reizvolle Werk randvoll. Der Alltag - mit seinen unzähligen kleinen und größeren Vorkommnissen, Haupt- und Nebensächlichkeiten - wird zum fesselnden Narrativ. Das Drehbuch wagt hier und da den Einschub kleiner Manierismen. Die neugierige Kamera fängt mit Argusaugen jede Bewegung, jede Geste ein. Vielleicht einer der faszinierendsten Filme im diesjährigen Forum.

Forum | Verschlossen gibt sich ECHOLOT bis zum Schluss. Mit abrupten Rhythmuswechseln, und dramaturgischen Manierismen entzieht Athanasios Karanikolas seinen Film konsequent dem Bedürfnis des Zuschauers nach Zugang. So verschlossen und komplex, wie sich das abgebildete Gruppengefüge darstellt, läuft auch dieser Film ab. Der aber gerade in dieser konsequenten Verweigerung einen irritierenden Reiz entwickelt und länger nachwirkt.

Forum | За Маркса... - FOR MARX... -> Besprechung hier...

Forum | Was dabei herauskommt, wenn die Grundideen hinter der sog. "Berliner Schule" nicht weitergedacht werden und auf die saturierte Langeweile des Filmemachers stoßen, lässt sich an HALBSCHATTEN leider sehr exemplarisch studieren.


I USED TO BE DARKER | (c) Andrew Laumann/Image.net

Forum | I USED TO BE DARKER -> Besprechung hier...

Forum Expanded | Constanze Ruhms und Christine Langs Werk 
KALTE PROBE zeigt sich zunächst als irritierender Film, um sich alsbald zu etwas völlig unvorhersehbarem zu wandeln. Zahllose Zitate aus Werken der Philosophie, Psychologie und des Films durchdringen die Grundgeschichte wie auch die gezeigten Bilder und verdichten das Werk zu einer gleichzeitig wunderbar absurden wie faszinierend experimentellen filmischen Farce.

KALTE PROBE | (c) Constanze Ruhms & Christine Lang

Forum | Ein schwüler Sommer, drei Freunde, ein verschwundener Bruder - Keiko Tsuruoka versucht sich mit ihrer Erzählung KUJIRA NO MACHI an einer Variation der Ménage-à-trois. Ausgangspunkt ist die Suche nach einem verschwundenen Menschen im Tokioter Großstadtdickicht. Phasenweise wirkt das alles etwas zu bemüht und sieht zu stark nach Abschlussarbeit aus. Trotzdem entwickelt sich hier ein reizvoller kleiner Film, dessen Ruhe und Ausgeglichenheit länger nachwirken.

Forum | Ein kleiner Junge bricht aus der Tristess eines palästinensichen Flüchtlingslagers in Jordanien aus, um zu seinem Vater ins besetzte Westjordanland zurück zukehren. In der Hoffnung, bald Nachhause kommen zu können, schließt er sich einem Kommando der Fedayeen an. 
LAMMA SHOFTAK entpuppt sich - formal hochglänzend - als regressives Arthouse-Drama, dass sich an den Zuschauer ranschmeißt und aufsässig Anteilnahme einfordert. Was dieses Werk für die Sektion Forum qualifiziert, ist während des gesamten Films nicht ersichtlich. Nich nur ob seiner einseitig pro-palästinensichen Konnotation, wäre dieser Film im Panorama weitaus besser aufgehoben gewesen.


LEVIATHAN |  (c)  Lucien Castaing-Taylor & Véréna Paravel

Forum Expanded | Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel begleiten in ihrem Werk LEVIATHAN die Crew eines Fisch-Trawlers bei ihrer Arbeit auf hoher See. Was nach einem klassischen dokumentarischen Werk klingt, entpuppt sich als kinematografisches Erweckungserlebnis. Der Einsatz kleinster Kameras ermöglicht eine unbeschreibliche Variabilität der Perspektiven. Durch den virtuosen Schnitt dieser schier unglaublichen Bilder werden dem Zuschauer schnell jegliche Orientierung in Zeit und Raum entrissen. Ein dämonisches Sounddesign verstärkt den Eindruck zusätzlich. LEVIATHAN formt sich zu einem gleichsam infernalischen, wie gespenstischen wie auch spirituellen Kino-Trip. Einzigartig! Wegweisend.

Forum | LE MÉTÉORE beginnt reizvoll. Die Montage aus scheinbar unbeteiligten Bildern und Stimmen aus dem Off, verschließt sich jedem einfachen Zugang zum Film. Man ist gezwungen, sich diesem Strom aus Ton und Bild auszuliefern. Doch kommt dann nichts weiter. Das Werk plätschert als maniriertes und sinnentleertes Konstrukt dahin, welches seinen selbstbehaupteten Tiefgang nicht einlösen kann.

Forum |  Seit fast 50 Jahre dient ein Gelände auf Sardinien den Raketen- und Munitionsversuchen des Militärs. Massimo D'Anolfi und Martina Parenti betreiben mit ihrer Kamera eine Archäologie der Folgeschäden für die Landschaft, die Natur und die Menschen. Sie verweigern dabei in ihrem Werk MATERIA OSCURA jegliche detailliertere Erläuterung. Stattdessen werden unzählige Archivaufnahmen von militärischen Testreihen mit dokumentarischen Beobachtungen zu einem bedrückenden Gesamtbild kompiliert, das eine durch und durch verseuchte Landschaft beschreibt.

SENZO NI NARU | (c) Hiroko Masuike

Forum | Naoshi ist fast 80 Jahre alt als Erdbeben & Tsunami seine Heimatstadt an der japanischen Pazifikküste in ein Trümmerfeld verwandeln und seinen Sohn umbringen. Nur Ehefrau und Schwiegertochter überleben. Doch der alte Mann zerbricht an diesem Unglück nicht. Er weigert sich, mit seiner Familie in eine Notunterkunft umzuziehen und sein Zuhause zu verlassen. Stattdessen setzt er alles daran, sein baufällig gewordenes Haus am selben Platz neu aufzubauen. Ganz egal, welche Zumutungen ihm durch die Behörden, seine Familie und nicht zuletzt seinen krebskranken Körper entstehen. Kaoru Ikeyas faszinierend ruhige und konzentrierte Dokumentation 
SENZO NI NARU porträtiert einen einfachen, aber altersweisen und bewundernswerten Mann. Der dem Elend und der Verzweiflung im Angesicht der Katastrophe stoisches Beharrungsvermögen, begeisternde Entschlossenheit und liebenswürdige Herzenswärme entgegensetzt. Das einzige was Naoshi stoppen könnte, ist der Tod. Doch selbst dem scheint er mit seiner aufopferungsvollen Hingabe Respekt eingeflößt zu haben. Einer der dokumentarischen Höhepunkte im diesjährigen Forum.

Forum | James Benning gehört zu den Legenden der Sektion Forum und fasziniert von Werk zu Werk aufs Neue. Sein Festivalbeitrag 
STEMPLE PASS konstituiert sich aus vier Einstellungen von jeweils 30 Minuten Länge, die ein malerisches Tal samt einer kleinen Hütte im Wandel der Jahreszeiten beobachten. Überlagert werden die meditativen Bilder durch eine Klangmontage aus Zivilisationslärm und Voice-Over, in welchem Benning aus Tagebüchern und Manifesten des Terroristen Ted Kaczynski liest. Kaczynski, der als "Unabomber" einen der blutigsten Bombenanschläge der US-Geschichte verübte, lebte bis zuletzt in einer kleinen Hütte in einem ähnlich entlegenen Tal, wie es uns Benning hier zeigt. STEMPLE PASS entwickelt sich durch diese Kombination von Bild und Ton zu einem irritierenden und herausfordernden Kinoerlebnis.


Stemple Pass - James Benning | (c) James Benning

Forum Expanded | Zutiefst faszinierend, im besten Sinne gespenstisch und schlicht wunderschön läuft das filmische Kleinod YUMEN über die Leinwand und erkundet mit ansteckender Freude die Ruinenlandschaft einer verlassenen chinesischen Öl-Arbeiterstadt.

THE ADVANTAGE OF BEEING A WOMAN

CONCUSSION
Berlinale 2013_Panorama

"I don't want to clean-up two houses!" - faucht Abby ihren jungen Kompagnon Justin irgendwann im Film an. Abby, Anfang 40, lesbisch-verheiratet, Mutter zweier Kinder, Hausfrau. Sie und Justin bringen ein heruntergekommenes Loft auf Vordermann. Abby hat die Räume gekauft, um wieder etwas zu arbeiten. Justin lässt achtlos leere Pizza-Kartons liegen und raucht auf der Baustelle. Das kann Abby, die eine Art perfekte Haufrau abgibt, überhaupt nicht leiden. Zurück zum Anfang: Der Film beginnt mit einem akustischen Rauschen. Wortfetzen, Gespräche über Fitness, Familie, Frauenprobleme. Das Bild öffnet sich, wir sehen lauter Frauen jenseits der Mitte 30 auf Steppern und Laufbändern bei ihrem Work-Out. CONCUSSION.

CONCUSSION | (c) David Kruta

Concussion, meint übersetzt eine Erschütterung bzw. Gehirnerschütterung. Die findet in diesem Film wortwörtlich statt, wenn Abby gleich zu Beginn von ihrem jungen Sohn ein Baseball an den Schädel geworfen wird. Stark blutend und wutentbrannt fluchend wird sie von ihrer Frau und den Kindern ins Krankenhaus gebracht: "I dont want this!" Die langjährige Ehe zwischen Abby und ihrer Frau Kate ist irgendwie in der Alltagsroutine ertrunken: Kate arbeitet als Anwältin, Abby kümmert sich um das Haus und die Kinder im Grundschulalter. Oder sie geht zum Fitnesstraining. Abends sitzt man bei Tisch, isst Bio-Abendessen und die Kinder fragen höflich, bevor sie den Tisch nach dem Essen wieder verlassen dürfen. Wohlsituiert ist das hier alles. Das Haus, das Auto, die Kinder, die Nachbarschaft. Wirkliche Probleme bereitet allenfalls eine aufgeschreckte Schullehrerin, die aus Angst vor dem Verklagtwerden, lieber erst fragt, ob die Familie denn auch solche Dinge wie Halloween feiert. Ja, tut sie.

Utopie vs. Kapitalismus

THE SPIRIT OF '45
Berlinale_Special

Die Berlinale verzeichnet in fast allen Sektionen Bewegungs-Dokus. Dokumentarische Arbeiten, die uns  Zuschauer aktivieren oder zumindest agitieren wollen, damit wir uns irgendeiner Sache anschließen oder zumindest den Standpunkt dafür einnehmen. Der Gutmensch als Zielgruppe. In der Mehrzahl der Fälle, gehen diese Filme furchtbar schief, denn die Filmemacher unterschätzen ihr Publikum und versuchen es auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner anzusprechen. Andere ignorieren jeglichen formalen Anspruch und die Anforderungen des Mediums Kino. Häufig mixt sich beides zu einer unerfreulichen Farce. Wie man es anders und besser machen kann, beweist Ken Loach in seinem neuen Werk THE SPIRIT OF '45.

THE SPIRIT OF 45' | (c) BBC
THE SPIRIT OF '45 | (c) BBC/Berlinale 2013

Zusammen mit dem Britisch Film Institute und der BBC, zeichnet Loach den Kampf um die Begründung des britischen Sozialstaats nach 1945 nach. Er greift auf faszinierendes historisches Filmmaterial aller Dekaden zurück und schneidet es mit eigenen Interviews von Augenzeugen bzw. deren Kindern gegen. Kriegsbedingte Massenarmut und Massenarbeitslosigkeit, Ausbeutung der Arbeiter, sowie akuter Mangel an allen öffentlichen Gütern, bringen der damals noch sozialistisch geprägten Labour-Party 1945 einen Erdrutsch-Wahlsieg und beenden die Ära des konservativen Premierministers Winston Churchill. Sein Nachfolger, Clement Attlee, setzt anschließend eine vollkommen neue, sozialistisch geprägte Politik um. In deren Folge werden alle zentralen Institutionen der Versorgung, Transport und Industrie verstaatlicht oder reguliert. Arbeiter bekommen faire Löhne und Arbeitsbedingungen, ein nationales Gesundheitssystem wird etabliert, um grassierende Armutserkrankungen in den Griff zu bekommen. Ein gigantisches Hausbau-Programm schafft Tausende neuer Wohnungen für Familien und beendet die slumartigen Zustände in vielen britischen Städten. Ein beispielloser Boom und ein weitreichender gesellschaftlicher Wohlstand sind das Ergebnis. Eine Utopie wird Realität - ausgerechnet im Mutterland des Kapitalismus.

Ken Loach hört hier nicht auf. Er fragt sich, ob diese Utopie heute noch Bestand hat bzw. ob sie wiederauferstehen oder neu entwickelt werden kann. Er geht deutlich mit der Ära Thatcher ins Gericht, unter deren Führung der britische Wohlfahrtsstaat fast vollständig reprivatisiert wurde. Mit altbekannten Folgen und einer Zerrüttung der Gesellschaft, die bis heute spürbar ist. Das fatalistische Ist-jetzt-eben-so macht sich Loach nicht zu eigen. Er lässt erneut die Alten sprechen. Wir erleben eine Generation auf der Kinoleinwand, die kein Stück altersmüde geworden ist. Anstatt ihren Nachfahren zur Last zu fallen, sehen sie es als ihre Pflicht an, den jungen Briten bei ihrem Kampf für eine bessere Zukunft zu helfen. Die Utopie lebt. Und Ken Loach macht deutlich, dass Groß Britannien diese Utopie schon einmal erfolgreich zum Leben erweckt hat. Es ist alles eine Frage des Zusammenhalts. THE SPIRIT OF '45 - eine Bewegungs-Doku im klassischen Sinn, die ein aufgerütteltes, enthusiastisches Publikum aus dem Kino entlässt. Schade, dass das Festival diesen Film ausgerechnet in der unterbelichteten Sondersektion Berlinale Special ablaufen lässt.

THE SPIRIT OF '45
Dokumentation
Großbritannien 2013
94 Minuten
DCP, Schwarzweiß & Farbe
Regie: Ken Loach
Recherche: Izzy Charman
Filmarchivar: Jim Anderson
Kamera: Steve Standen
Schnitt: Jonathan Morris
Musik George Fenton
Produzentinnen: Rebecca o‘Brien,
Kate Ogborn, Lisa Marie Russo


Silberne Zungen

PROMISED LAND
Berlinale 2013_Wettbewerb (AK)

Gus van Sant und der Himmel - in jedem seiner Filme gibt es eine Einstellung, die nichts weiter als Himmel, blauen Himmel ins Bild nimmt. Am prominentesten kommt dies in ELEPHANT zur Geltung. Dort bildet Himmel die Folie, auf welcher der Vorspann abläuft. Und es ist gleichzeitig die einzige Sequenz, die dem Zuschauer einen Moment der Sicherheit bietet, bevor das Unsägliche seinen Lauf nimmt. Der Himmel ist die konkreteste Verbindung zwischen Gus van Sants früheren Werken und seinen jüngsten Arbeiten. Seit MILK dreht er sozusagen eine Liga weiter oben. Statt Independent-Kino gibt es herausgeputzte Hollywood-Ware. Nicht selten bleibt dabei seine zweifelsohne vorhandene filmische Virtuosität auf der Strecke. Seine Arbeiten präsentieren sich seither als makelloses, aber irgendwie totes Handwerk.


PROMISED LAND zeigt sich auf den ersten Blick ebenfalls als eine Hochglanz-Hollywoodproduktion. Die Klarheit der Bilder kann man mit filmischen Mitteln kaum noch toppen. Unwillkürlich drängt sich der Gedanke in den Kopf, dass selbst Film als Trägermedium der Bilder nie eine solche Reinheit erlangen konnte. Film war immer von einer anderen Textur, dementsprechend die Wiedergabe der Bilder verändert. Digitale Aufnahme und Wiedergabe lassen hier keinerlei Zweifel mehr aufscheinen. Clean as Clean can be. Gus van Sants PROMISED LAND ist eine aseptische Bilderwelt, Sauberkeit, die glasklare Reinheit, das zentrale Motiv. Es ist quasi die Religion dieses Films bzw. seiner Geschichte. Die Menschen sind zutiefst ehrliche, unverfälschte Charaktere in einer unberührten Farm-Idylle. Kleinstadt. Ein Sheriff. Eine Bar. Eine High-Shool. Ein Motel. Ehrlichkeit und Redlichkeit als Basis allen Handelns. Wie Parasiten wirken die beiden Mitarbeiter eines großen Gasförder-Konzerns, die hier neue Claims abstecken wollen.

Dziga Vertovs Erben

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Berlinale_Forum

Männer sammeln sich auf der Straße, reden über dies und das. Ein kleiner Bus fährt vor, sie steigen ein. Im Bus gehen ihre Unterhaltungen nahtlos weiter. Ein alter Mann, im Rentenalter, erzählt von Naturfilmen im Fernsehen. Die Bisons sind in Russland vom Aussterben bedroht. Ein anderer Mann lacht halb höhnisch: "Du gehörst auch auf die rote Liste, Onkel Kolja!" Arbeiter auf dem Weg in die Fabrik. Der Bus stoppt, ein weiterer Mann steigt zu. Kaum losgefahren, beginnt dieser über die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft zu sprechen. Seine Kollegen scheinen skeptisch. Die Stimmung im Bus kippt schlagartig von lockerem Beisammensein zu stiller Anspannung. "Wir müssen zusammenhalten, uns zusammenschließen." In diesem Mikrokosmos des Busses scheint nichts weiter entfernt als das.


Dieser Film will sich zunächst nicht so recht erschließen. Die ersten knapp 15 Minuten folgt die Handkamera den Männern an ihre Arbeitsplätze. Drecksarbeit im Wortsinne, in einer anachronistischen Stahlkocherei. Industrielle Vorhölle. Menschen als fragile Kleinstorganismen in einem infernalischen Labyrinth. Die Analogien zur Hölle drängeln sich regelrecht in den Kopf. Plötzlich, Umschnitt. Eine aseptische Büroetage, die Kamera nimmt an einem großen Verhandlungstisch Platz. Zwei gestriegelte jüngere Männer im Business-Anzug sitzen an der Spitze des Tisches. Einer spielt hyperaktiv mit seinem Mobiltelefon, ein Chef. Der Andere, ein Assistent, hat die Papiere unterm Arm. Demutsgesten und schmallippiges Aufzählen von Problemen im Werksalltag: Radioaktiv verseuchter Müll des russischen Militärs braucht eine Ausfuhrgenehmigung. Dafür sind Papiere nötig, die natürlich nicht existieren. Den schnöseligen Boss, die simple Bezeichnung "Boss" passt auf diesen Charakter perfekt, interessiert das alles nur am Rande. Sein Interesse gilt einer anstehenden Auktion von Kunstgemälden in London. Avantgarde. Er braucht Geld für die Auktion. Teure Kunst bedeutet Status, Status bedeutet Macht. Demnächst kommen "die Deutschen" zu Besuch, ein teurer Deal soll abgeschlossen werden. Der Konferenzraum braucht mehr Gemälde. Eine einfache Gleichung. Plakativer Populismus, der zunächst so gar nicht zur vorher erlebten Welt der Arbeiter passen will.