Berlinale 2014 - Bulletin (7) - PRAIA DO FUTURO

PRAIA DO FUTURO
Wettbewerb

PRAIA DO FUTURO | Karim Aïnouz | (c) Alexandre Ermel | Berlinale 2014
PRAIA DO FUTURO | Karim Aïnouz | (c) Alexandre Ermel/Berlinale 2014

Motorräder brausen eine Düne hinab. Am Strand angekommen, rennen die beiden Fahrer ins Wasser. Die Kamera beobachtet das Treiben aus der Distanz, gibt dem Auge Raum, um über die Leinwand zu schweifen. Wenige Sekunden später gleitet einer der Männer tot in die Tiefe, während der Andere von einem Rettungsschwimmer aus dem Wasser gezerrt wird. Die erste Begegnung zwischen Donato und Konrad in PRAIA DO FUTURO könnte tragischer nicht sein und sie steht emblematisch für das Verhältnis der Männer in diesem Film. Regisseur Karim Aïnouz, in Brasilien geboren, in Berlin Zuhause, installiert ohne viel Federlesen eine schwule Beziehung zwischen Donato und Konrad. Die setzt sich, kaum das Donato dem geretteten Opfer die Todesnachricht des Freundes überbracht hat, mit hartem Sex im Auto fort. Der Sex ist ein wiederkehrendes Motiv von PRAIA DO FUTURO, dessen Ruppigkeit ebenfalls. Schwuler Sex findet im Kino selten jene Sinnlichkeit, die ihm zu eigen sein kann. Filmemacher, ob selber schwul oder nicht, inszenieren fickende Männer stets als getriebene Kerle. Man kann inzwischen von einem Film-Klischee ausgehen, ähnlich der Sissy im alten Hollywood-Kino. Als Zuschauer darf man Donato als Rettungsschwimmer der Militärfeuerwehr kennenlernen, der sich liebevoll um seinen jüngeren Bruder kümmert. Von Konrad erfährt man, dass er in Afghanistan gedient hat und ansonsten dem Motocross-Sport nachgeht. Schwule (ex-)Soldaten am brasilianischen Strand, Yossi & Jagger lassen grüßen?

Donato folgt Konrad nach Berlin, verlässt wortlos und mutmaßlich der Liebe wegen, den brasilianischen Strand und seine Familie. Ich frage mich, irgendwann im Film, ob es eigentlich auch ansatzweise nicht-heterosexuelle "Berlin-Filme" geben kann, denen zu dieser Stadt andere Motive als das Stroboskop-Licht eines Clubs oder ein Hausdach mit Fernsehturm-Hintergrund einfallen? Wieso käuen Regisseure die immer gleichen Stadtlandschaften wieder? Weshalb musste es überhaupt Berlin sein, als ob es keine andere Stadt in Deutschland geben würde. Wieso exekutieren Karim Aïnouz und sein Drehbuchautor Felipe Bragança meine aufkeimende Erwartungshaltung und lassen die Beziehung zwischen Donato und Konrad scheitern? Schwule Soldaten mutieren zu depressiven Großstadtgespenstern. Erneut darf ich mir ansehen, dass Männer-Liebe in dieser Stadt keine Zukunft hat. Danke, das weiß ich selbst. Wo bleibt der Mut zur kleinen Utopie, das ist hier schließlich Kino? Sinn, Sinnlichkeit, Wärme und Zukunft - kann das nicht-heterosexuelle Kino beim Stichwort Berlin bitte endlich auch an Menschlichkeit und Nähe denken, anstatt an kalte, triebgesteuerte Depression? Und wieso wird diese kinoverliebte Kamera von ihren Darstellern und dem Drehbuch so übel im Stich gelassen? Weshalb gerinnen diese wunderbar durchkomponierten Bilder irgendwann zur Wandtapete? Warum ist diese Kritik voller W-Fragen? Einfache Antwort: PRAIA DO FUTURO wirft all diese Fragen auf und scheitert kläglich daran, auch nur die Möglichkeiten von Antworten zu entwickeln.

PRAIA DO FUTURO
Brasilien/Deutschland 2013
106 Minuten
DCP, Farbe
Regie, Buch: Karim Aïnouz
Buch: Felipe Bragança
Kamera: Ali Olcay Gözcaya

Berlinale 2014 - Bulletin (6) - SHE'S LOST CONTROL - CASSE - FINDING VIVIAN MEIER - LA MARCHE À SUIVRE

Finding Vivian Meier | John Maloof | (c) Vivian Meier/Maloof | Berlinale 2014
FINDING VIVIAN MEIER | John Maloof | (c) Vivian Meier/Maloof/Berlinale 2014

Es gibt weniger spannende Jobs auf der Welt als den des "Surrogatpartners". Glaubt man Wikipedia, dann besteht die Aufgabe dieser besonderen SexarbeiterInnen darin, Menschen mit einer pathologischen Angst vor menschlicher Nähe und Sexualkontakten zu einem funktionierenden Sexualleben zu verhelfen. Ronah ist so eine Surrogatpartnerin. Sie arbeitet an ihrem Master über Verhaltenspsychologie und dieser Job liefert ihr dafür scheinbar die nötigen Erfahrungen. In enger Absprache mit einem Psychologen, begleitet sie männliche Patienten hin zu einem besseren Sexualleben. New York im Heute: Ronah lebt in einem kleinen, spartanischen Appartment, das sie eigentlich lieber gegen eine Eigentumswohnung tauschen möchte, doch dafür reicht das Geld noch nicht. Und im Prinzip würde sie sich über Kinder freuen, aber dem steht ihr spezieller Job entgegen. Ihre Eizellen lässt sie einfrieren - vorerst. SHE'S LOST CONTROL von Anja Marquardt, berichtet im Folgenden über eine Frau, die sich und ihr Leben perfekt unter Kontrolle zu haben scheint und der dann doch alles entgleitet. Zu ihrem neuen Klienten Johnny dringt sie nur mühsam durch und ob sie wirklich dort angekommen ist wo sie hinwollte, zweifelt Ronah selbst. Doch diese Zweifel wischt sie beiseite, denn etwas an ihm zieht sie mehr an, als es ihr der Berufsethos eigentlich erlaubt. In strengen, minimalistische Bildern entwickelt Marquardt ihr Kammerspiel. Die kühle Atmosphäre, ständig verhüllen Vorhänge ein sowieso schon tristes Großstadtgrau, korrespondiert mit ihrer Hauptfigur. Deren Leben scheint ebenso kühl und zielorientiert zu sein. Sie erlaubt sich keine allzu emotionale Tiefe und bleibt am liebsten für sich allein. Darin unterscheidet sie sich defakto nur graduell von ihren Patienten. Anja Marquardt spitzt ihre unaufgeregt erzählte Geschichte vorsichtig nuanciert zu und lässt erst kurz vor Schluss eine Erruption stattfinden, die den Zuschauer dann wiederum nachhaltig verfolgt, selbst wenn er das Kino schon lange verlassen hat. (Forum)

Jazz-Musik, groovige Jazz-Musik tanzt auf der Tonspur. Die Kamera fährt langsam lange Reihen von Schrott-Austos ab. Dazwischen wuseln die unterschiedlichsten Menschen umher, tragen Werkzeuge und Autoteile mit sich. Diese Einstiegsszene setzt den Ton für CASSE - ein dokumentarisches Portrait der Französin Nadège Trebal. Die Menschen auf diesem Autofriedhof irgendwo in Frankreich, holen aus den Karossen alles heraus, was sie brauchen können. Ob kleine Schrauben, Stoßdämpfer oder ganze Motorblöcke - wenn das Teil noch etwas taugt wird es ausgebaut. Diesen Ort umgibt ein phasenweise meditatives Hintergrundrauschen aus Stimmengewirr, dem Hämmern von Metall, dem Klirren von Werkzeugteilen. Ihren Fokus legt Nadège Trebal auf die Menschen an diesem unwirtlichen Ort: Beiläufig erzählen sich die Besucher gegenseitig oder der Kamera ihre Geschichten. Ein Flüchtling aus Zentralafrika berichtet von seiner Odyssey auf dem Mittelmeer, ein älterer Mann erzählt mit freudestrahlenden Augen über seine kleine Enkelin, um die er sich kümmert während die Mutter versucht als Kassiererin über die Runden zu kommen. "Was wird sein, wenn ich nicht mehr bin?", fragt er sich und sein freudestrahlendes Gesicht gibt, nur für einen Augeblick,  einen Ausdruck großer Besorgnis preis. Ein älterer Mann aus dem Magreb blickt zurück auf seine Anfänge in Frankreich, wie man ihn auf dem Bau ausgebeutet und gedrillt hat, sich nicht zu wagen eine Gewerkschaft aufzusuchen. Auf diesem Schrottplatz schrauben jene, die die weiße französische Gesellschaft - wenn überhaupt - nur als Problem wahrnehmen möchte. Der Filmemacherin scheint das erst Recht Ansporn zu sein, diesen Schicksale und Biografien eine Bühne zu geben. Friedlich gleitet ihre Kamera über den Schrottplatz und nimmt die Menschen immer wieder zärtlich in den Blick. Vereinzelt wenden sich die Menschen der Kamera zu, posieren vor ihr, behaupten sich als Individuen. "Seht her, ihr könnt uns nicht übersehen, wir sind ein Teil dieses Landes." - das ist nur eine Lesart dieser Bilder. Was Nadège Trebal hier wie nebenbei auch aufzeigt, sind die Möglichkeiten des Dokumentarfilms. Die Schönheit formaler Strenge und deutlich wahrnehmbare Positionen fügen sich zu einem begeisternden dokumentarischen Essay zusammen. (Forum)

Stellen Sie sich vor, sie gehen auf eine Auktion für herrenlose Gepäckstücke und ersteigern einen unscheinbaren, abgenutzten Koffer für kleines Geld. Zuhause öffnen sie das gute Stück und finden darin - unzählige Fotos. Keine Urlaubsbilder und Familienportraits, sondern Bilder die ein enormes Talent bezeugen. Sie haben keinen Anhaltspunkt, außer dem  Namen einer toten Fotografin der nirgendwohin führt und den nicht einmal Google kennt. In dieser seltenen Situation fand sich der junge Chicagoer Filmemacher und Historiker John Maloof wieder, als er einen Koffer von Vivian Meier ersteigerte. In der Dokumentation FINDING VIVIAN MEIER erzählt er von seiner Spurensuche über einen vergessenen Menschen. Maloof schildert die Ausmaße seines Schicksalsschlags und breitet in seiner Wohnung dutzende Kisten und Koffer aus, die alle randvoll mit Fotos, Negativen, unentwickelten Filmen und vielem mehr sind. Die Zahl der Fotografien geht in die Tausende, zusätzlich noch über Hundert 8mm-Filme und zahllose Tonbandaufzeichnungen. Es folgen 84 Minuten Dedektivarbeit, die den Filmemacher quer durch die USA und bis nach Frankreich führen. Vivian Meier arbeitete ihr ganzes Leben lang als Kindermädchen. Ihre Fotos schoß sie nebenher mit einem kleinen Rolleiflex-Fotoapparat. Maloof besucht die Kinder dieser Nanny und versucht aus ihren Schilderungen eine Skizze der Person zu fertigen. Das gelingt ihm kaum, denn diese Frau hatte viele widerstreitende Facetten und Gesichter. Wo immer er eine Aussage findet, tut sich woanders ein Statement auf, welches das Gegenteil glaubwürdig schildert. Der Filmemacher tut gut daran, diese Aussagen in ihrem Kontext stehen zu lassen. Er versagt sich letztendlich selbst eine deutliche Einordnung. Im Zweifel für den Zweifel - diese Devise durchzieht FINDING VIVIAN MEIER. Damit eröffnet er seinen Zuschauern die Möglichkeit, sich selbst mit dieser Frau auseinanderzusetzen, die einsam und verwirrt starb. Der Zweifel beschleicht Maloof schließlich auch beim Umgang mit dem Werk der Fotografin. Soll er es unter Verschluss halten, wie es Vivian Meier zeitlebens tat, oder soll er die Fotos der Öffentlichkeit zeigen? Maloof entscheidet sich für die Veröffentlichung und für die posthume Ehrung Vivian Meiers. Der Film zieht vorüber, die Gedanken an eine faszinierende Frau mit vielen Gesichtern bleiben. Und mit ihr die großartigen Fotografien, die problemlos selbst neben einem Henry Cartier-Bresson stehen könnte. John Maloof arbeitet in diesem Kontext eine weitere Merkwürdigkeit heraus: Etablierte Museums-Institutionen weigern sich beharrlich, das Werk Vivian Meiers anzuerkennen. So hat John Maloof auf jener denkwürdigen Auktion nicht nur einen Koffer erworben, sondern auch ein faszinierendes fotografisches Oevre. Uns daran teilhaben zu lassen ist eine große Tat. (Panorama)

Ein Jeep kämpft sich durch das Schlammloch eines Waldwegs. Ein junger Mann tritt ins Bild, mit seinem Smartphone filmt er die Szene. Offensichtlich geht es darum, so eindrucksvoll wie möglich durch den Dreck zu heizen. Schnitt. Wir sehen jugendliche Musiker bei der Bandprobe - die Tonspur wird von Krach beherrscht; Death Metal. Schnitt. Panorama-Einstellung, strahlendes Sonnenlicht hebt das hellblaue Gebäude vom Schnee ab, vor dem Komplex laden gelbe Schulbusse ihre Ladung ab, im Hintergrund scheinen Berge die Szenerie in der franko-kanadischen Provinz zu bewachen. Es folgen wiederkerende Beobachtungen von jungen Menschen im Schulgebäude und bei Gesprächen mit Erwachsenen. "Interventionspläne" werden mit Sozialarbeitern geschrieben , Ziele zwischen Schülern und Lehrkräften vereinbart. Probleme sind stets der Anlass für die Begegnung zwischen Erwachsenen und Teenagern. Jean-François Caissy richtet seine Kamera in LA MARCHE À SUIVRE immer auf die Jugendlichen. Wir beobachten ihre Gesichter, ihre Körperhaltungen - merkliche und beinahe unmerkliche Reaktionen auf die Versuche ihrer Disziplinierung mit Worten. Wertungen überlässt Caissy seinen Zuschauern. Ihn fasziniert die Beobachtung des Habitats Schule für pubertierende Menschen und er geht darüber hinaus, folgt den Jugendlichen in ihre Freizeit während der Ferien. Herumklettern auf rostigen Brücken, die Reifen qualmen lassen mit dem ersten Auto. Er rückt seinen Protagonisten nicht auf die Pelle, lässt zwischen ihnen und seiner Kamera stets einen Abstand, der sie in ihrer Umgebung konkretisiert. LA MARCHE À SUIVRE entwickelt sich zu einer unaufgeregten, von einem feinen Rythmus getragenen, Betrachtung dieses besonderen Ausnahmezustands namens Pubertät. (Forum)

Berlinale 2014 - Bulletin (5) - YE - THE NIGHT

YE - THE NIGHT
(Panorama)

YE - THE NIGHT | Zhou Hao | (c) Next Way Studios/Berlinale 2014

Ein junger Mann steht vor einem Badezimmerspiegel, er kontrolliert sein Gesicht auf Makellosigkeit, knöpft sein Hemd zu, zupft es zurecht. Schnitt. Er geht eine kleine Gasse hinab,  die Kamera (es könnte auch eine Handykamera sein) folgt ihm. Wacklige Bilder in Schwarz-Weiß, der funzelige Schein einer Laterne als einzige Lichtquelle.

"Den Blowjob gibts für 100 Yuan (umgerechnet knapp 12€)", sagt der junge Typ in die Kamera. Wir blicken ihn durch die Augen eines Freiers an. "Ich will dir in den Mund spritzen" - "Ok, 50 Yuan (6€) mehr." Die Augen des Freiers folgen ihm auf eine Klappe. YE - The Night, erzählt vom nächtlichen Alltag eines Sexworkers. Wie er wirklich heißt, bleibt unklar. Irgendwann bekommt dieser Einzelgänger aus freiem Willen, einen Spitznamen: "Tuberose" - benannt nach einer Schnittblume (Polianthes tuberosa), die vor allem für ihren lieblichen Duft bekannt ist.

Die Gasse der Einstiegssequenz ist sein Platz, hier trifft er seine Freier und nimmt sie mit - aufs Klo, ins Hotel oder (wenn er Zeit und tatsächlich Lust auf den Freier hat) in den Fluchtgang eines nahegelegenen Autobahntunnels; sein geheimes Paradies aus Beton. Eine junge Prostituierte ("Narzisse") gesellt sich zu ihm oder drängelt sich vielmehr mit in die Gasse. Ihre Geschäfte laufen schlecht, die Männer kommen wegen Tuberose. So auch ein junger Kerl ("Rose"), der nicht so genau weiß, ob er Freier, Stricher oder vielleicht doch eher Liebhaber von Tuberose sein will. Der möchte mit dieser plötzlichen Zuneigung eigentlich gar nichts zu tun haben, doch sein innerer Widerstand bröckelt bald.

YE - THE NIGHT, ist das Langspiel-Debüt des jungen chinesischen Filmstudenten Zhou Hao, der seine Hauptfigur "Tuberose" selbst spielt. Von Studenten einer Medienschule in der chinesischen Großstadt Chongqing realisiert, begeistert dieses Werk auf vielen Ebenen. Die unbeschwerte Selbstverständlichkeit und die Erzählperspektiven verblüffen: Sexworker als selbstbestimmte Charaktere, nicht als Opfer von Ausbeutung oder als vergammelte Gestalten aus der Gosse. In China, wo man SexarbeiterInnen nachwievor in drakonische Umerziehungslager wegsperrt, erscheint das geradezu revolutionär. Allerdings sind solche Perspektiven auch im wohlmeinenden europäischen Kino eher selten. Nicht anders beim freien Umgang mit Sexualitäten: (Schwuler) Sex findet statt, nicht explizit gefilmt, dafür sehr sinnlich und leidenschaftlich.

Tuberose liebt Schlager, vor allem die Werke der Sängerin Teresa Tun aus Taiwan. Der Film ist von ihren Schnulzen durchdrungen, die in blumigsten Metaphern vom Schmerz der Einsamkeit und dem Glück der Liebe erzählen. Die Einsamkeit ist relativ zu sehen. Als kleine Gruppe halten sie zusammen, doch für die Gesellschaft sind sie Ausgestoßene ohne Chance auf eine sittsame Zukunft, wie sie es nennen. Bei aller Verzauberung lässt der Regisseur dann doch die triste Realität stets durchschimmern. Getränkt in das schemenhafte Orange der Straßenbeleuchtung, entwickelt Zhou Hao seinen Film zu einer faszinierend poetischen, zarten Geschichte über die zufällige Freundschaft dreier Einzelgänger an der Schwelle zu einer Ménage à trois. Bei deutschen Nachwuchsfilmern sucht man soviel Wagemut und Poesie seit langem schon vergeblich.

YE - THE NIGHT
VP China 2014
95 Minuten
QuickTime ProRes · Farbe & Schwarz-Weiß
Regie, Buch: Zhou Hao
Kamera: Yang Zhan Wen
Schnitt: Zhou Hao

Berlinale 2014 - Bulletin (4) - THE MONUMENTS MAN - NYMPHOMANIAC 1 - IS THE MAN WHO IS TALL HAPPY?

NYMPHOMANIAC, Lars von Trier; (c) Zentropa/Berlinale 2014
Nymphomaniac - Lars von Trier | (c) Zentropa/Berlinale 2014

Geroge Clooneys Oevre als Regisseur umfasst bisher fünf Filme. Davon ragen drei Werke mit intellektueller Schärfe und Engagement heraus. THE MONUMENTS MAN ist hingegen Clooneys schlechtester Streifen bisher. Die Grundlage der Geschichte, eine Spezialeinheit der US-Army ermittelte und sicherte noch während des laufenden 2. Weltkriegs von den Nazis gestohlende Kunstschätze, ist faszinierend. Aber Clonney gewinnt daraus lediglich ein erschreckend dürres und fahriges Drehbuch, dessen Kernmotive sich auf ehrenhaftes Geflitter honoriger Männer und die Heroisierungen der US-Army beschränken. Dazwischen werden wohlbekannte Klischees aus Hollywoods Nazi-Mottenkiste wiedergekäut. Bis in die Nebenrollen ist THE MONUMENTS MAN fantastisch besetzt, eine Verbindung zu den Figuren entwickelt sich deshalb noch lange nicht. Darsteller wie Cate Blanchett, John Goodmann oder Bill Murray benötigen Charaktere mit Tiefe, um gute Arbeit leisten zu können. Was Clooney ihnen jedoch vorlegt ist banal und führt bei diesen Darstellern sichtbar zur Langeweile. Als Endergebnis steht eine tumpe Militärklamotte auf den Spuren von Quentin Tarantino - lediglich von blutigen Gemetzeln bleibt man verschont. Wenigstens das. (Wettbewerb)

Die Leinwand bleibt zunächst Schwarz, auf der Tonspur tropft und rauscht es regnerisch. Langsam öffnet sich das Bild, die Kamera erkundet einen schäbig-düsteren Hinterhof, schaut Wasser beim Fließen und Tropfen über dreckige Wande und rostiges Metall zu. Friedlich, fast kontemplativ wirkt diese Szenerie. Eine blutverschmierte Hand kommt für einen Augenblick ins Bild, plötzlich bricht die Szene ab und Lärm füllt das Kino aus. Rammstein. In den folgenden 144 Minuten lernen wir Joe kennen. Eine junge Frau, sichtbar geschunden doch wir wissen nicht warum. Ein älterer Mann liest sie aus dem schäbigen Hof auf, bereitet ihr Zuhause Tee und ein Bett. Seligman. Er will wissen was passiert ist, sie warnt vor einer langen Geschichte, was Seligman nicht stört. Sie warnt davor, dass diese Geschichte schmutzig ist und sein Bild von ihr stark verändern wird. Sie sagt, sie sei eine Nymphomanin, ein unmoralisches, verlottertes Wesen. Seligman widerspricht, er will wissen was passiert ist. Die Geschichte beginnt. Es folgen Rückblenden, viele Rückblenden, die Lars von Trier in seinem Werk NYMPHOMANIAC 1 kapitelweise unterteilt und durch Diskussionen zwischen Joe und Seligman unterbricht. Dieser Film ist Erzählkino - wortwörtlich. Lars von Trier geht formal beinahe bieder an die Sache heran und kommt doch zu einem fulminanten Resultat. Immens verwoben mit Metaphern, Querverweisen und Remineszenen scheint NYMPHOMANIAC 1. Man muss diesen Film eigentlich mehrfach sehen, um ihn restlos zu durchdringen. Erstaunlich genug, entsteht dabei aber kein verkopftes Traktat, wie man es bei von Trier auch befürchten könnte. Nein, dieser Film kommt auf frappierende Weise leichtfüßig, unterhaltsam und famos kurzweilig daher, trotz oder gerade ob der menschlichen Abgründe? 145 Minuten - mit einem scheinbaren Handstreich durchlebt. Hier hatte ein Filmemacher spürbar Lust am Entwickeln und Inszenieren seiner Geschichte. Der latent depressive, selbstzerstörerische Habitus früherer Werke scheint bei von Trier - endlich - erledigt. Dafür bleibt ein Regisseur, der mit euphorisierender geistiger Klarheit und Schärfe die menschlichen Abgründe kartografiert, wie es vor ihm seit Jahren niemand mehr geschafft hat. Ein Gewinn! (Wettbewerb)

Spätestens seit POWER AND TERROR. NOAM CHOMSKY. GESPRÄCHE NACH 9/11 (JP 2003)
ist der emeritierte US-Sprachwissenschaftler Noam Chomsky auch dem hiesigen Kinopublikum bekannt. Offen, engagiert und kontrovers nimmt sich Wissenschaftler - insbesondere seit 9/11 - die Politik- und Medienlandschaft der USA vor, was ihm Rennomeé links der politischen Mitte eingebracht hat und viel Kritik von der anderen Seite. Chomsky ist eine schillernde Lichtgestalt des wissenschaftlichen Kosmos. Nicht weniger schillernd sind die Werke des französischen Filmemachers Michel Gondry. IS THE MAN WHO IS TALL HAPPY? bringt beide Figuren sinnbildlich zusammen. Gondry hatte (warum auch immer und wohl vordringlich aufgrund der Befürchtung Chomsky würde zeitnah ableben), das Bedürfnis mit dem Wissenschaftler zu sprechen, präsentiert jedoch das Gegenteil eines biederen Interview-Films. Dieses Werk setzt sich formal aus drei Komponenten zusammen: Kurze Schnipsel von 16mm-Bewegtbild und eine Tonspur ihrer Gespräche. Zudem setzt Michel Gondry Chomskys und seine eigenen Wörter und Gedanken in animierte Sinnbilder um. Die kindlich naive, kritzelnde Form der Animationen korrespondiert mit Gondrys Fragestil, der sich nichtmal ansatzweise die Mühe gibt, mit Chomskys geistiger Schärfe und Klarheit mitzuhalten. Das geht, auch dies bekennt Gondry freimütig, schon ob seines schlechten Englisch nicht. Diese Chuzpe muss man dem Filmemacher dann auch lassen, wie er einem legendären Linguisten mit stammelndem wirren Englich begegnet. Noch etwas ist schnell klar: Gondry kann Chomskys Gedanken im Gespräch nur bedingt folgen. Hier verlassen die Animationen das Level des Stilmittels und helfen konkret zu vermitteln, worum es dem Wissenschaftler eigentlich gehen könnte. So ganz versteht man es dann vielleicht immer noch nicht, doch weiß man sich hier mit dem Regisseur in guter Gesellschaft. Insofern ist IS THE MAN WHO IS... ein spannend gescheitertes Experiment, das es uns ermöglicht zwei einzigartigen Charakteren beim Denken zuzuschauen. (Panorama)

Berlinale 2014 - Bulletin (3) - LOVE IS STRANGE - YA GAN BI HAENG - TEST

TEST, Chris Mason Johnson; (c) Serious Productions Inc./Berlinale 2014
TEST | (c) Serious Productions Inc./Berlinale 2014
New York, Manhattan, Sommer: Es ist der große Tag für George & Benjamin. Seit 39 Jahren sind sie ein Paar, nun endlich heiraten sie. Als Georges Arbeitgeber von dessen spezieller Ehe erfährt, feuert er ihn fristlos. Die plötzliche Arbeitslosigkeit zwingt das bisher wohlsituierte Paar, ihr geliebtes Appartment in Chelsea zu verkaufen und sich auf getrennte Wohnungen von Familie und Freunden  zu verteilen. Obdachlos, frisch verheiratet und doch getrennt. Ira Sachs gelingt mit LOVE IS STRANGE eine große Tat. Selten, vielleicht noch nie, wurde eine langanhaltende, treue schwule Partnerschaft so sprichwörtlich liebevoll und emotional klug im Kino erzählt. Man könnte an dieser Stelle den ewigen Streit zwischen Queerness und Heteronormativität aufmachen, oder es einfach lassen. George & Benjamin sind ein fantastisches Paar. Ihre Darsteller Alfred Molina & John Lithgow erfüllen ihre fabelhaft augearbeiteten Charaktere mit Würde, Charme und einem sympathischen Tick. Eine zärtliche Kamera fängt atmosphärisch dichte, sonnendurchflutete Bilder ein. Ein geerdeter, warmherziger, auch rührender Film zieht letztendlich über die Leinwand und wirkt lange nach.Möglicherweise das Beste, was Ira Sachs bisher in seinem Oevre zustande gebracht hat. [LOVE IS STRANGE | Panorama]

Unstrukturierte Stadtlandschaft mit Gerümpel, Eisenbahnbrücken, Bauzäunen. Ein Zug fährt vorüber, sein Lärm verdeckt nur spärlich die Geräusche einer Schlägerei. Die Kamera folgt dem Oberschüler Hun Gi-woong unter eine Brücke, seine Gang traktiert bereits einen Mitschüler. Gi-woong steckt einen Apfel in eine Skimaske und versetzt dem Opfer den finalen Schlag. Schnitt. Gewalt ist in diesem Film omnipräsent. Ständig wird in YA GAN BI HAENG (Night Flight) jemand geschlagen, getreten, misshandelt, erniedrigt. Ein Regime des Terros, welches seinen Opfern nichts schenkt und den Suizid billigend in Kauf nimmt. Oberschüler in einer koreanischen Großstadt: Der Druck ist unerbittlich, nur die besten Noten bringen einen weiter. Es geht um die Frage, wer einmal Hühnchen bestellen und wer es verkaufen wird - breitet sich ein strenger Lehrer vor seinen Schülern aus. Die kanalisieren den Druck auf ihre Weise und lassen die mutmaßlich Schwächsten der Klasse leiden. Yong-ju ist gut in der Schule, ein Opfer ist er auch nicht, aber trotzdem verbindet ihn mit dem Anführer der Schlägertruppe etwas: Er kennt ihn seit der Grundschule und er ist in ihn verliebt. Regisseur LeeSong Hee-il zeichnet in seinem Film ein beunruhigendes Portrait einer koreanischen Jugend im Heute und verschränkt darin eine Coming-Out-Story. Diese gewagte Mischung funktioniert zwar halbwegs, jedoch dehnt ein kaum nachvollziehbar elegisches Erzähltempo den Plot auf satte 144 Minuten Lauflänge. Was ob des fehlenden Fleischs der Charaktere Längen provoziert. Die Figuren sind schablonenhaft entworfen und ihren Darstellern fehlt das Vermögen, um zu einer glaubwürdigen Tiefe durchzudringen. YA GAN BI HAENG schleppt sich mühsam seinem Finale entgegen, welches absehbar nur in einem noch härteren Gewaltexzess enden kann. Gleichwohl vermeidet der Streifen ein letztes Klischee, in dem er die schwulen Hauptfiguren nicht umbringt. Immerhin. [YA GAN BI HAENG | Panorama]

Vielleicht liegt es an der Geschichte der Sektion Panorama, dass Filme wie TEST in Berlin immer wieder aufs Neue ein Publikum finden dürfen: Der Gründer der Sektion, Manfred Salzgeber starb 1994 aufgrund von AIDS. Seither führt Wieland Speck das Panorama und es scheint, als ob sich damit auch das Trauma der AIDS-Krise der 80er Jahre bis heute fortschreibt, 18 Jahre nach Einführung der HIV-Therapie und dem Anfang vom Ende des Sterbens aufgrund von AIDS. TEST spielt im Jahr 1985 in San Francisco. 1985 war eines der Schlüsseljahre der AIDS-Krise. Zwar wusste man, knapp vier Jahre nach Diagnostizierung der ersten Erkrankungen, immer noch nicht genau wie die Transmission von, wie HIV überhaupt funktioniert, doch erstmals konnte ein HIV-Bluttest veröffentlich werden. Etwas Licht kam ins bedrohliche Dunkel, dessen vier Buchstaben damals zu einer Chiffre für den sicheren Tod binnen kurzer Zeit wurden und die schwule Community in Angst versetzten. Mit dem Tod des Hollywood-Stars Rock Hudson kam die Erkrankung auch im weiten Kosmos der damaligen Massenkultur an. Diese Gemengelage würdigt Regisseur Chris Mason Johnson in seinem Film ausführlich. Seine Hauptfigur, Frankie ist Teil einer Tanzkompanie für Ausdruckstanz. Er ist noch neu, eine Rolle als erster Tänzer in einem Stück fehlt ihm bisher. Wie seine Tanzpartner, ist auch er ziemlich offen schwul. Immer wieder rasselt er mit Todd zusammen, einem der älteren Tänzer der Kompanie. Wie Magneten mit ihren divergierenden Polen, ziehen sie sich ständig an und stoßen sich wieder ab. Frankie, der junge freche Sunnyboy. Und Todd, ein gereifter hedonistischer Kerl um die 30. Chris Mason Johnson entwickelt eine atmosphärisch sehr dicht gewebte, vom Zeitkolorit getränkte Geschichte, die sich zunehmend auf Franki & Todd verengt. Dabei zieht der Regisseur geschickt das angsterfüllte Hintergrundrauschen von AIDS immer stärker in den Vordergrund und konfrontiert seine Charaktere damit. Die Rollenverteilung ist klar: Der Sunnyboy bereut zunehmend seine Eskapaden, untersucht vor dem Spiegel penibel jeden braunen Fleck seines Körpers auf Ähnlichkeiten zum Kaposi-Sarkom und kämpft schließlich mit seinen Ängsten darum, den Test vorzunehmen. Die Angst ist ein Leitmotiv in TEST und es jagt die Sunnyboys bis sie sich der Bedrohung endlich stellen. Derweil verschwinden die düsteren Charaktere von jetzt auf gleich aus der Geschichte, ihr Schicksal ist schließlich klar. Der Regisseur zieht diese Haltung bis zum Ende durch und lässt sein Finale in einem Plädoyer für den Kondomgebrauch enden. An dem, nach allem was man in den 85 Minuten zuvor durchfühlt hat, keine Zweifel bestehen soll. Doch Zweifel ist sehrwohl angebracht an diesem zutiefst regressiven Film. Warum wir, 30 Jahre nach dem Ausbruch und 18 Jahre nach der Rückgewinnung der Kontrolle über die HIV-Epedemie, immer noch blonden Tanzboys beim Durchleiden der AIDS-Angst zuschauen sollen, bleibt das Geheimnis des Regisseurs. Eine Vermutung liegt nahe: Da hat oder will jemand nicht registrieren, dass sich die Zeiten ändern. Diesbezüglich sitzt er mit der Leitung des Berlinale-Panoramas offenkundig im selben Boot.[TEST | Panorama]

Berlinale 2014 - Bulletin (2) - DAS GROßE MUSEUM - BUTTER ON THE LATCH - PAPILIO BUDDHA

Das Grosse Museum, (c) Navigator Film 2014, Berlinale 2014
Das Große Museum | (c) Navigatorfilm 2014/Berlinale

Wie renoviert man ein Museum, das so alt ist wie die Exponate die es beherbergt? Renovieren nicht nur baulichen Sinn, sondern auch habituell und strukturell? DAS GROßE MUSEUM von Johannes Holzhausen beobachtet die Renovierung des legendären Kunsthistorischen Museums der Stadt Wien - die Schatzkammer der Habsburger Dynastie. Während Bauarbeiter mit Spitzhacke und Betonmischer den Kubus einer Revision unterziehen, werkeln Mitarbeiter in den Magazinen mit Pinzette und Pinsel sichtbar liebevoll an der Restaurierung Jahrhunderte alter Truvalien. Ihnen zum Kontrast bemüht sich die Verwaltung des Hauses, das Personal auf eine neue Linie zu trimmen, hin zu Angehörigen eines Kunsttempels, der im weltweiten Wettkampf um Besucher, Geldmittel und Rennomeé mitspielt. Die alterhwürdige Schatzkammer wird auf ihren Marktwert hin evaluiert und in Richtung einer touristischen Vermarktbarkeit umgestylt. Holzhausen nimmt hierbei den Blick eines neutralen Beobachters ein, der in diesem widersprüchlichen Konflikt, zwischen zeitlosen Kunstschätzen und zeitgeistiger Marktfixierung, keine Partei ergreift. Jedoch akkribisch registriert, wie sich diese Neugestaltung des Kunsthistorischen Museums Wien zu einer schmerzhaften Häutung entwickelt. Nicht nur die weniger attraktiven Exponate verschwinden im Depot. Auch eine alte Mitarbeitergeneration, die ihren Beruf noch als Dienst an der Kunst verstand, werden mit honorigen Worten der Politik aus dem Haus und in den Ruhestand geschickt. Schlussendlich wirkt das wiederauferstehende Museum zwar glanz- und prachtvoll. Doch man wird ein Gefühl nicht los, dass diesem Haus auch die Seele ausgetrieben wurde, der es seine Aura des Legendären verdankt. (DAS GROßE MUSEUM | Forum)

Zwei junge Frauen treffen auf einem Musikfestival für Weltmusik irgendwo in einem Wald in den USA zusammen. Sie sind Freundinnen, haben sich allerdings länger nicht gesprochen. Der Faden ist schnell wieder aufgenommen, da beide sich jüngst von Beziehungen trennten. Doch eine der beiden Frauen schleppt auch die Folgen eines Nervenzusammenbruchs oder einer mutmaßlichen Vergewaltigung mit sich herum, offenbar unfähig darüber zu sprechen. Was wirklich geschehen ist, kann man sich als Zuschauer kaum zusammenreimen. Eingelullt in das idyllische Setting des Waldes, zieht die Story von BUTTER ON THE LATCH lange unentschieden Kreise, scheint kein Interesse an einer stringenten Entwicklung zu haben und kommt auf halber Strecken vollends zu einem fragwürdigen Stillstand. Die Kamera fängt Naturportraits ein, während die Hauptdarstellerinnen durchs Grün meandern. Plötzlich darf sich ein Musiker den Frauen annähern, die Dinge geraten wieder in Bewegung und die Frauen in Konkurrenz zu einander. Die Traumatisierung einer der beiden bricht sich unvermittelt in einer tödliche Psychose Bahn. Autorin & Regisseurin Josephine Decker scheitert letztendlich kläglich daran, den Widerspruch von Idylle & Psychose und die Traumatisierung einer der weiblichen Charaktere in eine überzeugende Form zu bringen. Was bleibt, sind schmückende Naturaufnahmen. (BUTTER ON THE LATCH | Forum)

Zwei Männer fangen Schmetterlinge im indischen Nirgendwo. Sie sind Forscher auf der Suche nach dem Papilio Buddha, einer seltenen Schmetterlingsart. Hin und wieder halten sie Händchen miteinander. Während Jack als US-Amerikaner Indien nach Abschluss der Arbeit problemlos verlassen kann, ist Shankaran als Angehöriger der untersten indischen Kaste, der Dialit dazu verurteil, zu bleiben wo er ist. Was Jack nicht versteht, sein Bekannter und dessen Volksgruppe befinden sich mitten in einem erbitterten Kampf um ihre Rechte. Nicht nur werden sie durch höhere Kasten drangsaliert, auch die Polizei demütigt und verfolgt sie. Sie beanspruchen die Region für sich und halten das Land mit friedlichem Protest besetzt. Jack & Shankaran geraten in Haft, die Polizei weißt den Amerikaner als angeblichen Unterstützer von Terroristen aus, für Shankaran beginnt ein Alptraum in den Händen der Polizei. PAPILIO BUDDHA entwirft das brutale Gemälde eines scheinbar hoffnungslosen Kampfs um Anerkennung und fundamentale Menschenrechte. Mit entsättigten, aschfahlen Bildern erzählt Regisseur Jayan Cherian von einem fatalen Strudel der Gewalt. Der Protest der Dialit, wächst sich zu einem blutigen Martyrium aus Folter, Massenvergewaltigung und nicht enden wollender Polizeibrutalität aus. Jayan Cherian tilgt penibel jeglichen Funken Hoffnung aus seinem Film, wenn selbst eine hilfsbereite NGO im Kern die selben niederen Vorurteile gegenüber der Dialit-Kaste in sich trägt, wie die indische Mehrheitsgesellschaft. Die Zukunft der Dilalit ist in diesem Film ein Abgrund aus Missachtung. Und PAPILIO BUDDHA gerinnt zu einem wütenden Traktat mit klar verteilten Rollen, dass jeglichen Ansatz zum Dialog von vornherein zum Scheitern verurteilt. (PAPILIO BUDDHA | Panorama)

Berlinale 2014 - Bulletin (1) - THE GRAND BUDAPEST HOTEL - KUMIKO, THE TREASURE HUNTER - NUOC-2030


Kumiko, The Treasure Hunter; Zellner Bros.; Kumiko LLC; Berlinale 2014Kumiko, The Treasure Hunter; Zellner Bros.; Kumiko LLC; Berlinale 2014
Rinko Kikuchi als Kumiko in KUMIKO, THE TREASURE HUNTER
Ein Film der Zellner Brothers, Berlinale Forum 2014

Der zuckersüße & absurd-komische Filmkosmos des Wes Anderson ist einzigartig. Dies beweißt der Regisseur auch in seinem Werk THE GRAND BUDAPEST HOTEL. Angesiedelt in einem Fantasieland irgendwo zwischen Mittel- und Osteuropa um 1932, führt Anderson die abenteuerliche Geschichte eines höchst distinguierten Concierges und seines treuen Lobby Boys auf, die in einem anachronistisch pompösen Hotel-Palast ihren Dienst tun. Der plötzliche Tod einer langjährigen stinkreichen Besucherin und der drohende Ausbruch des Krieges, stürzen die beiden in ein chaotisches Abenteuer. Ein erfrischend wirres und unterhaltsames Spektakel, das jedoch letztendlich deutlich unter dem überbordenden Ideenreichtum seines Schöpfers leidet, der einfach kein Ende finden will. Ein resoluterer Schnitt hätte Wes Andersons jüngstes Werk zu echter Perfektion gebracht.

Einmal mehr eine klammheimliche Liebeserklärung an die Videokasette, legen die Gebrüder Zellner im diesjährigen Forum vor: KUMIKO, THE TREASURE HUNTER erzählt von der 29-jährigen Kumiko aus Tokio. Sie führt ein zurückgezogenes Leben in einer schäbigen kleinen Wohnung, lediglich begleitet vom Zwergkaninchen Bonzo. Vor ihrem tristen Büro-Job und dem unangenehm aufdringlichen Chef flüchtet sie sich in das penible Studium einer Szene aus dem Kinofilm FARGO (Gebrüder Coen, USA 1996). Darin vergräbt eine Figur einen Koffer voll Geld im Schnee. Kamiko sieht sich den Film auf einer abgenutzten Videokasette an, die sie bei einer rätselhaften Schatzsuche gefunden hat. Die junge Frau spult das Tape endlos vor und zurück, was ihr der Videorekorder irgendwann heimzahlt. Kumikos Chef wird ihr zu aufdringlich, von ihrer Mutter ist sie ob der ständigen Fragerei nach Heiratsanwärtern und möglichen Enkeln entnervt. Sie fliegt in die USA, Fargo in Minnessota ist Kumikos Ziel. Eine neue Schatzsuche beginnt. Den Gebrüdern Zellner gelingt ein grandioses widersinniges Märchen, dessen Hauptfigur sie in ruhigen Einstellungen liebevoll zu einer aberwitzigen Heldin stilisieren. Sie schaffen es nicht, sich dem ansteckenden verqueren Habitus von FARGO zu entziehen, wie auch? Sie wandeln nunmal deutlich auf den Spuren der Gebrüder Coen. Aber sie setzen klar eigene Akzente und etablieren ihre Kumiko als würdige Nachfolgerin von Marge Gunderson.

Ein Mann ertrinkt, in einem dramatisch aufgeladenen Bild sinkt er auf den Meeresgrund. Warum Thi, der Ehemann von Sao unter diesen Umständen stirbt, bleibt rätselhaft. Die Polizei weigert sich zu ermitteln, Sao muss selbst herausfinden was geschehen ist. Dabei stößt sie auf dubiose Machenschaften und eine längst vergessene Liebe. Vietnam im Jahr 2030, der klimabedingt gestiegene Meeresspiegel hat große Teile des Landes verschlungen, die ärmeren Mänschen leben auf Booten und Pfahlbauten entlang der Küste. Die Fischgründe sind leergefegt, Großkonzerne, kaufen überfluteten Grundbesitz ab, um darauf schwimmende Farmen zu verankern. NUOC-2030 entwirft zu Beginn die Dystophie eines versunkenen Landes, dessen Bewohner zusehen müssen wie sie mit der neuen Situation zurecht kommen. Regisseur Nguyen-Vo Nghiem-Minh versucht mit seinem Werk großes Erzählkino im Spannungsfeld verschiedenster Genre, scheitert daran jedoch kläglich. Die Genremuster bleiben blutleer und behauptet. Die zäh entwickelte Geschichte zieht sich langatmig dahin und entnervt den Zuschauer zunehmend durch redundant eingesetzte Sprünge in der Zeit. Als spannende Distophie gestartet, verendet NUOC letztendlich auf dem Niveau einer besseren Telenovela. (NUOC-2030 | Panorama)