Berlinale 2015 - Bulletin (10) - NUCLEAR NATION 2

Ein Mann sitzt an seinem kleinen Küchentisch, er skizziert auf einem Blatt Papier mit Kugelschreiber in einfachen Strichen die Situation. Eigentlich ist es ein Kreislauf mit zwei Reservoirs: Ein Reservoir für frisches Kühlwasser, eines für Gebrauchtes. In der Mitte das Herz, die Brennstäbe für die Kernreaktion, deren ununterbrochene Kühlung dafür sorgt, dass diese keine Gefahr darstellen

© 2014 Documentary Japan, Big River Films

Für den Vater dieses Mannes war dies ein hochsicheres System. Er war einer der Ingenieure, die die Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi konzipiert und aufgebaut hatten. Dieser Mann war stolz auf sein Lebenswerk und von dessen Unzerstörbarkeit überzeugt.

Berlinale 2015 - Bulletin (9) - MOT NATUREN

Martin fantasiert: Die sexy Verkäuferin aus dem Outdoorshop streift um seinen Körper, fragt ihn flüsternd, ob er sie nicht von hinten nehmen wolle, oder ob sie ihm einen lutschen solle. Er sieht, wie sie vor ihm kniet, er ist kurz vor dem Höhepunkt, wichst intensiv seinen Penis - dann hört er eine Stimme rufen und stoppt blitzartig

(c) Mer Film/IFB 2015

Martin, ein Mann Mitte dreißig, der einem unbedeutenden Bürojob in einer norwegischen Kleinstadt nachgeht, und mit Frau und Sohn in einem unauffälligen Haus wohnt. Seine einzige wirkliche Freude im Leben sind die Wanderungen in die nahegelegenen Berge. Hier kann er ganz er selbst sein, zu Kräften kommen und sich auch mal mitten in der unberührten Natur einen runterholen - wenn ihn nicht gerade ein Jäger und dessen Hund dabei inflagranti erwischen.

Berlinale 2015 - Bulletin (8) - I AM MICHAEL

"God gave us truth for a reason. It exists so we could be ourselves. It exists so we could share that perfect self with the world, to make the perfect world. These are not fanciful schemes or strange ideals – these are the Truth."

Dieses Zitat stammt aus einem Text, den Michael Glatze im Jahr 2007 schrieb. Glatze war einmal Mitherausgeber des legendären schwulen US-Jugendmagazins XY, ebenso gründete und gab er das Heft YoungGayAmerica heraus, und drehte eine Dokumentation über das Leben schwuler und lesbischer Jugendlicher in den USA in den frühen 2000ern. Es war die Zeit, in der Matthew Shepard qualvoll ermordet wurde, als an Homo-Ehe weder in Europa und schon gar nicht in den USA zu denken war. Von sozialen Netzwerken und Dating-Apps ganz zu schweigen.

(c) Cara Howe/IFB2015

Wer nicht das Privileg hatte, in den großen Metropolen der USA aufzuwachsen, wer mit Pubertät und Coming-Out im ländlich-kleinbürgerlichen Amerika beschäftigt war, der hatte wenig Hoffnung in seinem Sein von seiner Umgebung angenommen zuwerden. Genau für diese jungen Menschen arbeitete Michael Glatze, ermöglichte ihnen eine Perspektive und half, sich selbst zu finden in ihrer Identität. Kurz: Er war ein waschechter Homo-Aktivist.

Berlinale 2015 - Bulletin (7) - SUPERWELT

Wer schon mal in einem x-beliebigen Discount-Supermarkt an der Kasse stand, kennt diese Frauen: Mittleren Alters und darüber hinaus, unscheinbares Äußeres, eher korpulenterer Figur, mechanisch in den Handgriffen, monoton in der Stimmlage.

Stellen Sie sich solch eine Frau vor. Und fügen Sie dieser Vorstellung ein paar weitere Punkte hinzu: Hochsommer. Hitze. Eine Provinzstadt im niederösterreichischen Nirgendwo. Ein schmuckloser Supermarkt: Die Welt der Gabi Kovanda.

(c) epo Film

Ein Arbeitstag, wie scheinbar jeder andere auch, geht zu Ende: Sie schließt die Kassa (Österreichisch für Kasse), legt ihren Kittel ab, verlässt den Laden durch die Hintertür, geht zu ihrem Kleinwagen, der sichtbar etwas in die Jahre gekommen ist und auf dem ganz und gar zweckmäßig angelegten Parkplatz in der brütenden Abendsonne steht. Jemand schaut ihr zu.

Berlinale 2015 - Bulletin (6) - NASTY BABY

"It's just such a selfisch attitude." - Freddy bespricht mit seinem Galeristen sein nächstes Projekt. Eine Videoinstallation soll es werden, bei der er, ein erwachsener Mann Ende 30, sich als Baby geriert. Glucksend, sabbelnd, zappelnd, nackt. Er will diesen Spleen, seinen Spleen thematisieren, unbedingt ein Baby zu bekommen. Er, ein schwuler Performancekünstler, der mit seinem Partner in New York lebt. Er, der mit seiner besten Freundin diesen sehnlichen Wunsch teilt, zusammen ein Baby zu haben, Familie zu sein.

(c) Versatile Films/Funny Balloon Films/IFB 2015

"I wanna have such a cute little thing", sagt die Freundin Polly später im Film zu den beiden Männern, als sie die Kinderfotos von Mo durchblättert, Freddys etwas jüngerem Partner. Mo ist ein Afroamerikaner, groß, männlich, Vollbart. Freddy ist eher hager, markante Nase, weiß, Bart. Polly stellt sich vor, mit Mo's Sperma ein Baby zu machen, damit sie auch ein tolles hellbraunes Kind bekommen kann - so wie es gerade total im Trend liegt im Big Apple.

Berlinale 2015 - Bulletin (5) - QUEEN OF EARTH

Eine junge Frau spricht verheult und aufgelöst in die Kamera: "Warum tust Du mir das an, ich brauche dich!" Aus dem Off antwortet eine Männerstimme: "Warum? Weil deine Abhängigkeit mich erstickt." Sie brüllt ins Off: "Verschwinde, lass mich in Ruhe!" Schnitt.



Auf der Tonspur folgt ein Score wie aus einem Thriller, bei dem jeden Moment jemand sein Leben lassen muss. Diese musikalische Tonlage setzt sich in QUEEN OF EARTH fort. Und auch wenn sie im ersten Drittel des Films noch reichlich affektiert wirkt, wird im Lauf der Erzählung deutlich, dass die Musik hier etwas vorwegnahm.

Berlinale 2015 - Bulletin (4) - COBAIN: MONTAGE OF HECK

Wer seit Längerem der Berlinale-Sektion Panorama folgt, hat irgendwann (leidvoll) gelernt bei der persönlichen Programmzusammenstellung auf bestimmte Alarmsignale im Filmangebot zu achten. Die Daten zu COBAIN: MONTAGE OF HECK, versammeln gleich diverse Warnsignale für einen höchst ärgerlichen Film. Das Thema: ein toter Rockstar. Die Länge: 132 Minuten. Das Produktionsland: USA. Die Amerikaner können filmisch viel, doch die dokumentarische Form zählt nicht zu ihren Stärken - wenn man von wenigen Namen absieht (Benning, Wiseman bspw., die jedoch vom Auswahlgremium des Panoramas nie berücksichtigt werden würden).

(c) End Of Music LLC/IFB 2015

Das Panorama, wir wissen es, programmiert traditionell eher nach Themen und lässt das Formale eines Films (Basisfrage: Eignet sich das Werk überhaupt für eine Kinovorführung?) allzu oft unberücksichtigt. Leider. Im Fall der US-Dokus bedeutet dies stets eine - gefühlt endlose - Aneinanderreihung sprechender Köpfe vor dunklem Hintergrund plus alte Fotos, in die fortwährend hinein und heraus gezoomt wird. Je nach Thema kann vor der Kamera auch noch geweint werden. Addiert man also diese Warnsignale zusammen, hätte COBAIN: MONTAGE OF HECK nichts im persönlichen Programmlaner zu suchen. Eigentlich.

Berlinale 2015 - Bulletin (3) - BEIRA-MAR

Der spannendste, weil glaubwürdigste Augenblick dieses Films kommt früh, nach kaum fünfzehn Minuten Laufzeit: Tomaz geht auf einer Raststätte pissen, die Kamera schaut ihm von hinten zu. Er spült, knallt den Klodeckel mit den Füßen runter, setzt sich, kramt einen Stift raus und malt ein Gesicht an die Kabinenwand. Ein Gesicht eines Jungen - ohne Mund. Tomaz schmiert nicht einfach irgendwas an die Wand, er kann zeichnen. Stift und Notizbuch trägt er immer bei sich.

Mateus Almada (Martin) & Maurício José Barcellos (Tomaz) | (c) Avante Filmes/IFB2015

Auf diesen Charakter eingestimmt, der ein eigenbrötlerisch-anarchisch postpubertierender Grübler sein könnte, wird man in den verbleibenden 68 Minuten ziemlich enttäuscht. Was die Regisseure Filipe Matzembacher und Marcio Reolon in ihrem Werk BEIRA-MAR zusammenbauen, überzeugt wenig. Es fängt bei den Darstellern an, die irritierend jung sind, verglichen mit den Figuren, die sie verkörpern sollen: Tomaz und Martin. Sie sind beste Freunde und fahren auf ein Wochenende an die See und in irgendeine Küstenstadt, die im brasilianischen Winter liegt, der semi-kalt und vor allem windig ist.

Berlinale 2015 - Bulletin (2) - HISTOIRE DE JUDAS

Ob Noah, die Bibel an sich, die Todsünden, die Kreuzigung Jesu - das Kino hat alles schon durchgespielt, was der Mythen- und Glaubenskosmos des Christentums zu bieten hat; mehrfach. Man könnte auch sagen: Dieser Stoff wird einfach nicht alt. Aber irgendwie ist er es doch mit jedem Film mehr, denn ob Staub wirbelnder Sandalenstreifen oder Effektgewitter aus Hollywood - wirklich neue Aspekte sind dem ganzen nicht mehr abzugewinnen. Allenfalls wird eine andere Lesart möglich, die wiederum auch (nur) in ihrem Zeitgeist verwurzelt ist.

Jesus, auf Judas Rücken getragen. | (c) Sarrazink Productions - Arte France Cinéma

Filmemacher Rabah Ameur-Zaïmeche findet in seinem HISTOIRE DE JUDAS genau genommen auch nur eine andere Lesart. Doch zugleich gelingt ihm etwas Beeindruckendes: Stellen wir uns Jesus als jungen, gut aussehenden und vor allem sehr charismatischen Mann vor (Nabil Djedouani). Jemand, der die Menschen um sich herum sofort verzaubert. Jemand, der alle Widerstände sofort bricht, allein weil er anwesend ist, weil er sitzt, kniet, sich beim Nachdenken zuschauen lässt.

Berlinale 2015 - Bulletin (1) - THE FORBIDDEN ROOM

Der kanadische Filmemacher Guy Maddin ist ein Genre für sich. Wenn man beschreiben will, was seine Filme ausmacht, wäre der Begriff des Märchenhaften wohl am passendsten. Nicht nur erzählerisch, sondern auch visuell. Seine Bilder sind stets überbordend in ihrer Gestalt, eine nicht enden wollende Collage aus Bewegtbild, Comic und Tricktechnik alter Schule. Traumwandlerisch wäre ein weiteres Adjektiv, das hier passt. Bei THE FORBIDDEN ROOM ist es nicht anders.



Erzählt wird die (Grusel-)Geschichte des Waldarbeiters Cesare, der eher zufällig auf ein zum Untergang verurteiltes U-Boot gerät. Eigentlich ist dieser Typ dabei, die schöne Margot aus den Fängen der blutrünstigen Meute der roten Wölfe zu retten. Aber irgendwie ist er jetzt eben auf diesem U-Boot. Dessen schrullige Crew seit Jahren ihren Kapitän nicht mehr gesehen hat und deren Sauerstoffvorrat stündlich sinkt.