"Phillip!"

STADT LAND FLUSS

Lukas Steltner als Marko und Kai-Michael Müller als Jacob  |  (c) Bild: Edition Salzgeber 2011

130 Kilometer trennen beide Ortschaften voneinander: Golzow im Oderbruch, östlich Berlins. Und Jänickendorf im Nuthe-Urtstromtal, südlich Berlins. Beide Orte scheinen auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär zu sein, sieht man von dem Phänomen ab das deren Einwohner allmählich aussterben. Es sind Ortschaften, wie man sie überall in Brandenburg finden kann; bunt verstreute Ansammlungen von kleinen Wohnhäusern und ein Ortskern entlang einer asphaltierten Landstraße. Größter Arbeitgeber ist der örtliche Landwirtschaftsbetrieb, der die Ackerflächen der Umgebung bestellt. Der spröde Charme der verblichenen LPG geht von diesen Betrieben aus. Grau verputzte Häuser, große Betonplatten anstatt Straßen, Hallen in Leichtbauweise, deren Bewohner wahlweise Schweine, Rinder oder Berge von Rüben sind; ein funktionaler Mikrokosmos mit Ausblick auf den Acker.

Mindfuck


Heinz Emigholz - MISCELLANEA I-VII
DVD-Besprechung
MISCELLANEA VII - An Bord der USS Ticonderoga | (c) Bild: Filmgalerie 451 

„Es gibt ja Leute, die behaupten, die Geschichte des Kinos ist länger als die Geschichte der Menschen.“ – formuliert der Journalist Stefan Grisseman in einem Interview mit dem Filmemacher Heinz Emigholz. Dieses Interview hat mit der DVD „MISCELLANEA I-VII“ erst mal nichts zu tun. Aber das Interview findet sich auf der Homepage von Heinz Emigholz’ Produktionsfirma „PYM“. Emigholz produziert seine Filme stets selbst, die „PYM“ ist so über die Jahrzehnte (Emigholz’ Filmografie reicht bis ins Jahr 1972) zu einem Logo geworden für etwas, das im heutigen Kino einzigartig zu sein scheint: die Wahrnehmung von Orten, Räumen und Objekten, sowie ihrer Umgebung und ihrer Details als Kern filmischen Erzählens.

MISCELLANEA III | (c) Bild: Filmgalerie 451 
MISCELLANEA IV - Ein Museumsbau in Essen | (c) Bild: Filmgalerie 451 

Die Arbeitsweise von Emigholz lässt sich anhand der, auf der DVD versammelten sieben mittellangen Filme gut erkunden: Simpel formuliert stellt er seine Kamera vor ein Objekt oder in einen Raum und nimmt einfach auf; fotografisches Betrachten mithilfe des Bewegtbildes. Emigholz Blickwinkel wirkt dabei stets etwas entrückt und wortwörtlich schief. In seinen vielfältigen Architekturstudien, von denen sich auf dieser DVD unzählige finden, führt er so den Blick des Zuschauers auf Wesentliches, was mitunter einen immensen Sog erzeugt.

MISCELLANEA V - El Greco in Toledo | (c) Bild: Filmgalerie 451 

„MISCELLANEA I-VII“ ist eine 152-minütige Schule der optischen Wahrnehmung – im besten Sinne. Gleichzeitig wird auch eine Entwicklung im Schaffen von Emigholz erkennbar, handelt es sich bei dieser Sammlung doch auch um Material, das während der Dreharbeiten zu anderen Projekten entstand, wie das kleine Begleitheft informiert. Es finden sich in dieser Film-Sammlung allerdings auch Film-Text-Montagen deren intellektuelle Verkopftheit gleichermaßen abstößt und, in ihrer latent schwulen Grundierung, auch wieder fasziniert. Die unausgesprochene Faszination für das Männliche schreit einen in diesen sieben Filmen aus 24 Jahren förmlich an: „MISCELLANEA I-VII“ – Bewegtbild als schwuler Mindfuck.

MISCELLANEA I-VII
D 1986-2010
152 Minuten
Farbe & s/w | 16:9 & 4:3 | Dolby Digital 5.1 & 2.0
Regie: Heinz Emigholz
erschienen bei Filmgalerie 451

(Text zuerst veröffentlicht im SISSY-Magazin Nr. 10, herausgegeben bei Edition Salzgeber.)

Michael Althen

Michael Althen - 14. Oktober 1962 - 12. Mai 2011

Zusammen mit Helmut Prinzler stellte Michael Althen auf der Berlinale 2008 das gemeinsame Projekt einer filmischen Geschichtsschreibung des deutschen Film vor: AUGE IN AUGE - Eine deutsche Filmgeschichte. Daraus einige der vielen sehenswerten stichwortartigen Montagen...

Raucht hier jemand...




Die Blicke der Frauen...




Hallo - Ich bins...

Platz für den Platz

UTOPIA LTD.

Was sie wollen, das wollen sie. Was sie nicht wollen, das tun sie nicht. Jonas Hinnerkort, Sebastian Muxfeldt und Anton Spielmann – diese Drei sind die Band „1000 Robota“. 2008 standen sie am Beginn ihres Daseins als Musiker und zu diesem Zeitpunkt begann die Regisseurin und Schnittmeisterin Sandra Trostel die drei Jungs mit der Kamera zu begleiten. In ihrer Dokumentation UTOPIA LTD. sind die ersten anderthalb Jahre der Existenz der Band festgehalten.


Warum ausgerechnet diese Jungs das Interesse der Regisseurin geweckt hatten, wird schnell klar: "1000 Robota" sind ein Ereignis. Sie verteidigen ihr Dasein als Künstler schon mit Anfang 20 wie die Löwen. Mit einer bewundernswerten Rotzigkeit und einem erheblichen Selbstbewusstsein pochen sie auf ihren Stil und ihre Ideen. Das, was hier arbeitet, ist jedoch offensichtlich kein krankhafter Ehrgeiz oder der Hunger nach Ruhm, sondern eher das unbändige Verlangen nach freier künstlerischer Entfaltung. Dafür nehmen sie eine schier unerträgliche und zermürbende Leidensphase in Kauf, die man eigentlich auch nur dank jugendlicher Naivität und Unbedarftheit durchhalten kann.

Ihre erste Platte entsteht mit Fördergeldern bei einem mittelständischen Label. Die vorgebliche künstlerische Freiheit endet für die Jungs jedoch schnell und mit dem Totschlagargument, dass ihr Album zur Arbeitsplatzsicherung im Label beitragen muss. Darauf haben „1000 Robota“ einfach keinen Bock. Fortan scheint ein unausgesprochener Krieg zwischen Band und Label zu herrschen, der die Drei bis zur körperlichen und finanziellen Erschöpfung treibt. Sandra Trostels Kamera ist auf erstaunliche Weise überall dabei.


Im krassen Gegensatz zur ihrer Tour über die Dörfer, steht die bizarre mediale Aufmerksamkeit, die der Band zu Teil wird. Und die vor allem dem Sänger Anton Spielmann erheblich zu schaffen macht. Es ist augenscheinlich: „1000 Robota“ polarisieren mit ihrer Musik und ihrer Haltung die Musikpresse. Sie werden gehypt und spielen gleichzeitig vor fast leeren kleinen Hallen, für die sie von ihrem Label gebucht wurden. „Alle sprechen vom Hype, nur wo ist der Hype?“, fragt Anton Spielmann an einer Stelle.

Frappierend intim sind zeitweise die Situationen, in denen Sandra Trostel ihre Protagonisten begleiten darf. Wir erleben Momente der Verletzung, der absoluten Verunsicherung und Überforderung. Momente, in denen sich die Band nur dank ihrer bewundernswerten Einstellung davor bewahrt, sich gegenseitig zu zerfleischen.

Sie pochen auf ihr Recht und nehmen dafür die bereitwillige Kamera als Plattform. Ihr Recht einfach nur Künstler sein zu dürfen, ohne sich irgendeiner Verwertungslogik unterordnen zu müssen. Was beliebig klingt, ist im allgemeinen Musik- und Kulturbetrieb jedoch längst zu einem Standpunkt von Exoten verkommen. Das Denken in marktfähigen Kategorien hat die überhand gewonnen, daran lässt Sandra Trostels Dokumentation keinen Zweifel und präsentiert mit „1000 Robota“ überzeugende und glaubwürdige Kronzeugen.

Lässt man diesen durchaus gangbaren kulturkritischen Impetus beiseite, bei dem sich Kamera und Band gegenseitig befeuern, dann bleibt immer noch ein mitreißendes, beeindruckend persönliches und vertrauensvolles Porträt dreier bemerkenswerter Musiker - und natürlich ihrer Musik. UTOPIA LTD. – eine Geschichte über das Ziel einen Platz zu schaffen, um Platz zu haben.

UTOPIA LTD.
Deutschland 2011
90 Minuten
Dokumentation
HDCAM, Farbe
Regie: Sandra Trostel
Buch: Thies Mynther, Sandra Trostel
Kamera: Sandra Trostel, Lilli Thalgott
Schnitt: Sandra Trostel, Nicolai Hartmann
Sounddesign: Thies Mynther
Mischung: Michael Riedmiller
Musik: 1000 Robota
Produzentinnen: Sandra Trostel, Ilonka Szokola
Berlinale 2011: Perspektive Dt. Kino

(c) Bildmaterial: Sandra Trostel