Mosaik der Erinnerungen

LE SOMMEIL D’OR-GOLDEN SLUMBER 
Kambodschas verlorenes Filmerbe
Berlinale 2012_Forum

Es sind nur ein paar nüchterne Zahlen, doch dahinter verbirgt sich das Schicksal eines ganzen Volkes - und seine tragische Rolle in der Geschichte des Weltkinos: Etwa 400 Filme sind in 15 Jahren entstanden, etwa 180 Menschen überlebten aus einem Dorf, welches einmal Tausende Menschen bevölkerten. Kambodscha. Seine Geschichte. Seine Filmgeschichte. Anfang der 60er begann ein regelrechter Filmboom in Kambodscha, genauer in Phnom Penh, das Kino war höchst populär und in der Hauptstadt gab es Anfang der 70er über 30 Kinos, teils in prachtvollen, riesigen Bauten. Die Filme waren meist Dramödien und Märchen. Herzschmerz. Pathos. Helden. Mythen. Ein Bisschen erinnern sie aus heutiger Sicht an das Bollywood-Kino. Mit Beginn des Bürgerkriegs, in den frühen 70er Jahren, brach die eigentliche Blütezeit im kambodschanischen Filmschaffen an, denn einmal mehr bewies die Gleichung ihre Gültigkeit, dass die Menschen in Krisenzeiten nach Unterhaltung suchen. 1975 sollte es damit schlagartig vorbei sein, von der quirligen Filmkultur ist fast nichts geblieben.



GOLDEN SLUMBER. Wir fahren eine Straße entlang, Dämmerung, eine ländliche Umgebung. Mit dem zweiten Hinschauen bemerken wir, dass die Aufnahme rückwärts abläuft. Eine Versinnbildlichung als Start, eine Reise zurück in eine größtenteils vergessene Geschichte. In den folgenden Bildern lernen wir einzelne Protagonisten kennen. Die Tochter eines Produzenten, eine Schauspielerin, zwei Regisseure, zwei Cineasten. Ihre Erzählungen kreisen um dasselbe: Film & Kino. Sie erzählen in ihren Worten von ihren Erinnerungen an etwas, für das es keine Bilder (mehr) gibt. Die Kamera rückt Orte ins Bild, die stumme Auskunft über das geben, was hier einst stattfand. Großes Kino. Diese Erzählungen sind erstaunlich lebendig, voll von Anekdoten. GOLDEN SLUMBER fällt hier durch seine liebevolle und auch verspielte Inszenierung auf. Eine verlorene Filmwelt, die reich und bunt gewesen sein muss, scheint in den wenigen noch lebenden Protagonisten und deren Nachfahren weiterzuleben.

Menschen als lebende Archive, wo die Zeugnisse ihrer Arbeit durch die Roten Khmer und die Zeit zerstört wurden. „11 Fotos sind alles was ich noch habe“, sagt die Tochter eines ermordeten Produzenten, dessen Filme Kassenschlager waren, nichts ist von seinen Werken übrig geblieben. Auch die Schauspielerin verweist immer wieder auf ihre wenigen Fotos, die ihr helfen die Erinnerungen frisch zu halten.

Als Pol Pot die kambodschanische Hauptstadt eroberte und deren Bevölkerung anschließend deportieren ließ, verschwand auch die Filmindustrie über Nacht und nahezu komplett. Kino galt den Roten Khmer als dekadent, gezielt beschossen sie im Bürgerkrieg die Filmtheater von Phnom Penh mit Granaten, was Kinobesitzer und Produzenten aber bis zum letzten Augenblick nicht davon abhielt, weiter zu spielen. Wenigen von ihnen gelang die Flucht ins Ausland, noch weniger überlebten die Deportationen und den Genozid, mit ihnen ganze 30 Filme. Heute, so zeigt es uns Davy Chou, dienen die früheren Kinopaläste als Zuhause hunderter armer Menschen. Oder wurden zu Karaokeclubs umgebaut; Karaoke ist Volkssport. Die gefeierte Schauspielerin von früher gibt Tanzunterricht, die alten Regisseure sind adrette Senioren, deren Erinnerungen beim Spaziergang durch eine Straße oder einen Park geradezu übersprudeln. Und die nichts glücklicher zu machen scheint, als wenn sich ältere Passanten an ihre Filme und deren Dreharbeiten erinnern. Doch sobald sie auf jene Gräuel zu sprechen kommen, die sie wegen Pol Pot durchleben mussten, werden sie schnell leise oder verstummen ganz. In den Überlebenden scheint ein stiller Kampf der Erinnerungen abzulaufen; Blütejahre gegen Hölle. Und jedes Detail ist willkommen, um die Gedanken an die schöne Zeit wach zu halten und auszubauen. Damit gibt GOLDEN SLUMBER auch Auskunft über den Stand der kollektiven wie der individuellen Bewältigung des kambodschanischen Traumas.

Kambodschas erstaunliche Filmgeschichte mag bis auf wenige Reste materiell ausgelöscht worden sein, doch als Erinnerung leben diese Filme sichtbar in den Menschen weiter, werden gar durch gezieltes Reanactment von Filmstudenten am Leben gehalten - und durch Youtube. Auf der Videoplattform, auch das zeigt GOLDEN SLUMBER, haben kambodschanische Filmfans Soundtracks, O-Töne und Filmschnipsel der verlorenen Werke zusammengetragen. Mit seiner Dokumentation LE SOMMEIL D’OR (GOLDEN SLUMBER) ist es Filmemacher Davy Chou gelungen, diesem Mosaik der Erinnerungen einen weiteren entscheidenden Teil hinzuzufügen.

LE SOMMEIL D’OR (GOLDEN SLUMBER)
Kambodscha/Frankreich 2012
97 Minuten
HDCam, Farbe
Dokumentation
Regie: Davy Chou
(c) Bild: Davy Chou/Berlinale 2012

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