Berlinale 2017 – Ranking

Das Ranking: 51 Werke konnten zwischen dem 9. und 19. Februar gesichtet werden, sie seinem im Folgenden wertend kategorisiert:

# Schimmernd

Casa Roshell | Forum

Streetscapes [Dialogue] | Forum

The Misandrists | Panorama

Streetscapes [Dialogue] | (c) Bild: Heinz Emigholz/Filmgalerie 451/Berlinale 2017

# Zeitlos

Aus einem Jahr der Nichtereignisse | Forum

Blade Runner | Retrospektive

Dieste [Uruguay] | Forum

Le cinquième élément – Das fünfte Element | Retrospektive

Tahqiq fel djenna – Investigating Paradise | Panorama

Ulysses in the Subway | Forum expanded

Berlinale 2017: Bulletin (7) – Panorama-Mix 3: DENK ICH AN DEUTSCHLAND... | BONES OF CONTENTION | MEIN WUNDERBARES WEST-BERLIN

Ein kleiner Raum, zugestellt mit Tontechnik bis unter die Zimmerdecke, es mutet eher an wie eine wilde Ansammlung von Elektroschrott, denn wie ein Ort zum Arbeiten. Mitten in diesem Chaos sitzt der DJ Ricardo Villalobos. Für ihn ist es ein Refugium, in dem er neue Sounds entdeckt oder selber kreiert: DENK ICH AN DEUTSCHLAND IN DER NACHT – Heinrich Heine ist in seinem gleichnamigen Gedicht noch um den Schlaf gebracht, ob seines Sinnierens über Deutschland (und seine Mutter).

(c) Foto: Arden Film

Die ProtagonistInnen in Romuald Karmakars Dokumentation arbeiten hingegen dafür, dass Menschen in Deutschland und weltweit möglichst überhaupt nicht müde werden, sondern ekstatisch die Nacht durchmachen. Karmakar präsentiert uns die DJs Ricardo Villalobos, Sonja Moonear, Roman Flügel, Ata und Move D. Vor seiner Kamera denken sie über ihre eigene Arbeit nach, über das Leben als DJ im Allgemeinen, über die Entwicklung und Bedeutung elektronischer Musik, über das Verhältnis von Religionen zu Ekstase und Musik – und über die Möglichkeiten und Grenzen von Klubkultur in Zeiten von Terror.

Berlinale 2017: Bulletin (6) – Forum-Mix 1: FOR AHKEEM, EL MAR LA MAR, CASA ROSHELL

Winter 2013: „Make it with me, or you won't make it at all.“ – der Richter am Jugendgericht in St. Louis, Missouri ist deutlich mit Daje. Soeben hat er die 17-Jährige dazu verurteilt, auf eine Art Sonderschule zu gehen, weil sie wegen Aufsässigkeit von der regulären Schule geflogen ist. Ein schwarzes Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsensein, vielleicht etwas stärker durchgeschüttelt von der Pubertät, aber sonst kaum auffällig – möchte man meinen. Doch die Dinge sind komplizierter, wie sich in der Dokumentation FOR AHKEEM von Jeremy S. Levine und Landon Van Soest bald zeigen soll. Daje und ihre Mutter leben in ärmlichen Verhältnissen in einem Stadtteil, der nicht weit entfernt liegt von der Nachbargemeinde Ferguson.

Daje im Klassenraum | (c) Berlinale 2017
 
Ferguson – jener Ort, in dem am 9. August 2014 der schwarze Jugendliche Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen wurde, obwohl er sich eindeutig ergab. Der Fall Michael Brown trat einen Proteststurm gegen rassistische Polizeigewalt in den USA los und hob das Thema auf die Bühne der Weltöffentlichkeit. Für die junge Daje hingegen ist das sinnlose Sterben schwarzer US-AmerikanerInnen Alltag. Auf ihrer Schulmappe hat sie die Namen von Freunden und Bekannten gekritzelt, die erschossen wurden. Und es sind viele Namen.

Berlinale 2017: Bulletin (5) - Panorama Mix 2: CASTING JONBENET, DISCREET, THE TASTE OF BETEL NUT

Die Kinderschönheitskönigin JonBonet Ramsey wurde nur sechs Jahre alt, sie starb am 25. Dezember 1996 im Haus ihrer Eltern in Boulder, Colorado, USA. Ein Mordfall, hierzulande weitgehend unbekannt. Die US-Öffentlichkeit beschäftigt dieser Fall bis heute, denn wer der oder die TäterIn war, liegt bis heute im Dunkeln? Die australische Filmemacherin Kitty Green wagt mit ihrer (für das VOD-Portal Netflix produzierten) Dokumentation CASTING JONBENET eine Annäherung an diesen Fall. Doch Green macht etwas komplett anders, als man es sonst von US-Dokus im Berlinale Panorama gewohnt ist. Sie wählt einen formal experimentelleren Ansatz, benutzt keinerlei Archivmaterial und verzichtet auf die schier obligatorisch gewordenen Zeitzeugen. Vielmehr werden wir als Zuschauer zu Zeugen gemacht: Wir sehen Castings für Rollen eines fiktionalen Films über diesen Fall. Kitty Green sucht DarstellerInnen für die Mutter, den Vater, den Bruder, die Ermittler, einen weiteren Tatverdächtigen – und für JonBonet Ramsey.

Casting JonBenet Ramsey | (c) Foto: image.net
 
Vor der Kamera berichten diese CastingkandidatInnen von der Motivation für die Bewerbung auf ihre jeweilige Rolle und wie sie diese anlegen würden. Oder wir schauen – im Fall des Castings für den etwas älteren Bruder – 10-jährigen Jungen dabei zu, wie sie mit einer Taschenlampe aus Wassermelonen einschlagen. Fast beiläufig wird in den Gesprächen mit den BewerberInnen der Hergang der damaligen Ereignisse nachgezeichnet: Am Anfang des Mordfalls stand eine (angebliche) Entführung und ein Erpresserbrief, den die Mutter Patsy Ramsey statt ihrer Tochter im Haus auffand, woraufhin sie die Polizei alarmierte.

Berlinale 2017: Bulletin (4) - Panorama Mix 1: ERASE AND FORGET, THE WOUND, CHAVELA, IN THE INTENSE NOW

„De opresso liber“ – Die Unterdrückten befreien, ein Siegelspruch der Special Forces des US-Militärs. Diese Truppen wurden (und werden) durch die USA eingesetzt, während das Weiße Haus über den offiziellen Einsatz „gewöhnlicher“ Soldaten noch diskutierte. Ihre Einsatzgebiete: Korea, Vietnam, Südamerika – überall. Ihr Auftrag: alternative Kriegsführung. James Gordon ‘Bo’ Gritz war einer dieser besonderen Kämpfer und er wurde darüber zur Legende, welche alles erhielt, was die USA an Verdienstorden zu bieten hatten: „We were bulletproof and we kind of really were it.“

‘Bo’ Gritz als Kind, 1942 | (c) Bo Gritz/Berlinale 2017

Die britische Filmemacherin Andrea Luka Zimmerman widmet diesem Mann ihr dokumentarisches Porträt ERASE AND FORGET. Dieser Typ, der heute mit Silbermähne und gepflegtem Bart über Waffenmessen tingelt, um sich selbst zu vermarkten, ist, wie sich in diesem Film schnell lernen lässt, ein außergewöhnlicher und außergewöhnlich zwiespältiger Charakter. Er war die Blaupause für die Filmfigur Rambo, er reflektiert ziemlich gelassen darüber, dass er um die 400 Menschen in seiner aktiven Dienstzeit getötet hat, er ist ein Waffennarr und ein Aktivist für die psychische Gesundheit von Kriegsveteranen. Die politische Rechte, die Patrioten und Verschwörungstheoretiker verehren ihn, jungen Bewunderern und deren Faszination für Krieg steht er wiederum skeptisch gegenüber.

Berlinale 2017: Bulletin (3): THE MISANDRISTS

Am Ende dieses Films, soviel vorwegzunehmen ist erlaubt, wird es einen Penis weniger auf der Welt geben, allerdings stirbt deshalb niemand. Vielmehr entsteht Neues. Bruce LaBruces THE MISANDRISTS erzählt die Geschichte einer katholischen Mädchenschule irgendwo im Märkischen nirgendwo, Ger-wo-many 1999. Das kleine Internat hat acht Schülerinnen und vier Lehrerinnen – oder, wie man es genau genommen schreiben müsste: Schüler*innen und Lehrer*innen.

Drei der acht Mädchen, mittig: Isolde | (c) Foto: Bruce LaBruce/Jürgen Brüning Filmproduktion 2017

Doch selbst „Big Mother“, die Hausherrin (hinreißend überzeichnet gespielt von Susanne Sachsse), würde es so nicht schreiben, denn in ihrem Haus gibt es ausschließlich biologische Frauen – also mit naturgegebenen Mösen, dies glaubt sie zumindest. Penisse respektive Männer, so lautet ihre erste Hausregel, sind nicht erlaubt. Aber noch bevor das Abendessen serviert ist, hat sich bereits heimlich ein Mann ins Haus geschlichen oder vielmehr wurde er von einer der Schülerinnen ins Haus gebracht.

Berlinale 2017: Bulletin (2): MENASHE

„Du respektierst dich nicht, warum sollte ich dich respektieren?“
Menashes älterer Bruder* geht hart mit ihm ins Gericht. Man könnte auch sagen, er ist fies und ungerecht. Denn Menashes Leben ist einfach ziemlich aus den Fugen geraten, seit seine Frau vor einem Jahr starb.

Menashe (Menashe Lustig) und Rieven (Ruben Niborski) / Foto: Federica Valabrega

Menashe lebt in Brooklyn, New York. Genauer in Borough Park, einem Stadtviertel, das vor allem durch seine jüdisch-orthodoxen BewohnerInnen geprägt wird. Schon die dokumentarisch anmutende Einstiegssequenz illustriert dies eindrucksvoll. Die örtliche Geschäftsstraße ist dicht bevölkert von den chassidischen Männern in ihren charakteristischen schwarzen Mänteln und Hüten, mit langen Bärten und Schläfenlocken. Für einige Momente steht die Kamera in diesem Getümmel, scheinbar unbemerkt von den Vorbeigehenden. Schließlich schält sich ein Mann aus der Menge heraus, zieht den Blick auf sich. Korpulent ist er, der Bart wirkt ungepflegt, die Schläfenlocken sind hinter die Ohren geklemmt, statt Mantel und Hut trägt er eine unvorteilhaft wirkende Kombination aus traditionellem Gewand, Weste und Hemd: Menashe.