Berlinale 2018: Bulletin (6) - Der Krieg und die Männer: TEATRO DE GUERRA & Až PřIJDE VÁLKA

Eine Gruppe junger Soldaten liegt im Wald. Sie halten Rast, sitzen um ein Lagerfeuer herum, reinigen ihre Waffen, singen anzügliche Lieder über ihren Penis und eine Frau. Gelächter. Schnitt.

Mehrere alte Männer spielen im Wald eine Gefechtsszene nach: einer der Männer gestikuliert den Gebrauch seiner MP, zwei Männer gehen zu Boden. Der Schütze kniet sich zu den am Boden liegenden Körpern. Einer tot, der andere noch lebend. Er nimmt den Oberkörper des Verletzten in seinen Schoß, versucht seine Wunde zu versorgen, doch dieser Mensch stirbt. Der Schütze schließt ihm die Augen und legt ihn zurück auf den Boden. Junge Männer betrachten das Schauspiel der Alten. Dann stehen sie nach und nach auf und tauschen mit den alten Männern die Rollen. Schließlich liegen zwei tote Männer, die kaum aus dem Teenager-Alter raus sind, am Boden und ein junger Schütze steht neben seinen Opfern. Schnitt.

(c) Bild: Stanislav Krupař /IFB 2018

Zwei Sequenzen aus zwei höchst unterschiedlichen Dokumentationen, die doch auf irritierende Weise miteinander in Kommunikation treten. Die Filmemacherin Lola Arias stellt uns in ihrem TEATRO DE GUERRA (Theatre of War) Veteranen des Krieges um die Falkland-Inseln vor. Ehemalige britische und argentinische Soldaten, welche durch den 72 Tägigen Krieg um die Inselgruppe nachhaltig geprägt wurde, treten dabei in Dialog  miteinander. Der Filmemacher Jan Gebert verfolgt in seiner Arbeit Až PřIJDE VÁLKA (When the War Comes) das Treiben slowakische Paramilitärs, den „Slovenskí Branci“ (slowakische Rekruten).

Berlinale 2018: Bulletin (5) - Doku-Mixtape: AL GAMI'YA, INTERCHANGE, MINATOMACHI

Es ist eng, sehr eng, in dem Haus von Um Ghareeb irgendwo im Stadtteil Rod El Farag, einem der ärmsten Viertel Kairos. Die Enge im inneren setzt sich draußen mit schmalen Gassen, und Treppen fort. Mittendurch führt eine vermüllte Eisenbahnstrecke die von hohen Mauern ebenfalls eng eingerahmt ist. Schäbig wirkt hier alles, doch Um Ghareeb sagt, es sei ein schöner Ort mit vielen Qualitäten, denn die Nachbarn helfen sich. In Reem Salehs dokumenatrischem Film AL GAMI'YA (What Comes Around) lernen wir schnell, dass die resolute Um Ghareeb nicht nur von einfacher Nachbarschaftshilfe im Alltag spricht. Die Bewohner*innen des Viertels helfen sich auch finanziell, sie betreiben eine solidarische Kreditgemeinschaft. Jedes Mitglied dieser sogenannten „al Gami’ya“ zahlt regelmäßig einen kleinen Beitrag ein.

AL GAMI'YA | (c) Bild: Reem Saleh/IFB 2018

Wöchentlich trifft sich die Gemeinschaft und berät, wem aus dem gemeinsamen Topf ein größerer Geldbetrag zur Verfügung gestellt werden muss, sei es um Waren für ein Geschäft zu kaufen, für Medikamente, für Hochzeitsvorbereitungen, Möbel usw. Reem Saleh folgt verschieden Mitgliedern der „al Gami’ya“ durch ihre Leben und ihr Überleben. Deutlich wird, die Bewohner*innen von Rod El Farag mögen zwar materiell arm sein, doch dafür sind sie reich an Lebenskraft, Stolz, Glauben und solidarischem Miteinander.

Berlinale 2018: Bulletin (4): CLASSICAL PERIOD

Nerds diskutieren, nein, eher monologisieren sie im Angesicht der Anderen. Es geht um Dante und um die Frage, ob dieser vielleicht ein schlechter Kletterer war. Schnitt. Wir folgen einem der Nerds auf seinen Wegen, mit seiner Kassengestellbrille und seinem kastanienbraunen Sweater könnte er kaum unscheinbarer sein. Langweilig, dröge, das Gegenteil eines die Leinwand ausfüllenden Charakters: Cal. Das Leben dieses Typs, es scheint aus einer Abfolge von schier endlos mäandernden und fürchterlich elaborierte, gestelzten Diskussion und Gesprächen zu bestehen. Dante, Architektur, Geschichte, Literatur, Musik.

(c) Bild: Ted Fendt/IFB 2018

Die Charaktere in CLASSICAL PERIOD verkriechen sich förmlich in ihren akademisch hochgejazzten Diskursen. Das Leben um sie herum, auch wie es ihnen geht, wie sie sich fühlen - es wird ausgeblendet. Selbst die Bekundung von Schlafproblemen führt ruckzuck wieder in ein Exkurs über irgend etwas Lebensfernes. Und dabei reden vor allem Männer.

Berlinale 2018: Bulletin (3): FAMILIENLEBEN

Irgendwo im sachsen-anhaltinischen Nirgendwo steht die Kamera der Filmemacherin Rosa Hannah Ziegler im Inneren eines verfallenden Vierseithofs und lässt uns Zeuge eines lautstarken, beinahe handgreiflichen Streits zwischen zwei Frauen und einem Mann werden – die Einstiegsequenz von FAMILIENLEBEN. Insgesamt Vier Menschen, ein Rudel Hunde und vier Pferde leben auf diesem Hof. Um sie herum das weite Flachland der Altmark und seine im Dunkeln blinkenden Windräder.

(c) Bild: Matteo Cocco

Die Hunde sind omnipräsent in dieser dokumentarischen Arbeit, ebenso wie der problematische Alltag der Menschen. Biggi und Alfred waren einmal ein Paar, jetzt teilen sie sich als mehr oder weniger unfreiwillige Lebensgemeinschaft den Hof, zusammen mit Biggis pubertierenden Töchtern. Das Leben dieser Vier ist sichtlich von erheblicher Armut geprägt, für die Realisierung von Träumen und Zukunftsideen fehlt das Geld. Mehr und mehr lernen wir aus den Erzählungen und Gesprächen, dass verschlungenen, mitunter traumatischen Lebenswege der Erwachsenen für das prekäre Existieren des Quartetts verantwortlich sind.

Berlinale 2018: Bulletin (2): CASANOVAGEN

Venedig, am Ufer, im Vordergrund wild schwankende Gondeln, der Campanile di San Marco auf der anderen Uferseite. Eine flamboyante Figur betritt das Bild, stellt sich vor den Gondeln auf, posiert in ihrem pinken und federgeschmücktem Flamingo-Kostüm. Touristen entern die Szenerie, lassen sich mit der Figur fotografieren, immer mehr, Geiern gleich schwirren sie umher. Das Bild der Kamera wird von Rücken verdeckt. Schnitt. Die Ecke eines spartanischen Arbeitsraums, Monitore, eine Tastatur, Lautsprecher aus denen schrilles Gezwitscher dringt. In den Monitoren ist ein kleiner Vogel zu sehen der in seinem Käfig wild von einer zur anderen Stange springt. Eine Menschenhand nähert sich dem Käfig, ein weiterer Vogel wird in den Käfig gesetzt. Das hastige Zwitschern verändert sich. Schnitt.

(c) Bild: Helena Wittmann

Ein Wissenschaftler erklärt im Interview das Paarungsverhalten von Finken: das lautstarke Werben des Männchens für das Weibchen, welches Paarungsbereitschaft signalisieren muss. Der Akt, Kloake an Kloake, der kaum zwei Sekunden dauert. Schnitt. Eine Bar, Musik, ein paar junge Leute, sie sitzen wie drapiert herum, betreiben Konversation. Die Musik wird abgedreht. Eine junge Frau liest aus Casanovas Memoiren - seine Gedanken zur weiblichen Lust und sein Nachdenken darüber was Frauen an der Lust finden, trotz des ständigen Risikos schwanger zu werden. Schnitt.

Berlinale 2018: Bulletin (1): ISLE OF DOGS

Dieser Text wird mit einer Grundbefangenheit geschrieben: Der Autor dieses Textes ist Hundehalter, der Autor dieses Textes liebt Hunde generell und hat, soweit man dies in Worte fassen kann, einen „Draht“ zu Hunden. Der Autor dieses Textes hat eine Katzenallergie.

Der alte „Konflikt“ zwischen Hund und Katze, zwischen Hunde- und Katzenhaltern ist auch in die Erzählung von ISLE OF DOGS eingebettet und wird bereits im Prolog des Films aufgefechert. Kurz gefasst lernen wir hier, dass es vor tausenden Jahren einen Krieg der Katzen gegen die damals freien und wilden Hunde gab. Das Schicksal der Hunde schien besiegelt, ihr Ende nah.

(c) Still: 20th Century Fox/IFB 2018

Doch im letzten Moment kam ein Retter und köpfte den Anführer der Katzen. Der Retter der Hunde konnte die finale Schlacht nur um den Preis schlagen, dass Hunde ihre Freiheit aufgaben und sich domestizieren ließen. Aus freien Tieren wurden Haustiere, wurde der viel beschworene beste Freund des Menschen. Die Schmach der Katzen über ihre Niederlage pflanzte sich über die Jahrhunderte fort bis zu einer Zeit, 20 Jahre in der Zukunft und zu einer Großstadt irgendwo in Japan: Megasaki.

Mondfrauen und Penisse im Sonnenlicht - Pornfilmfestival Berlin 2017

Honig läuft einen Körper hinab, langsam bahnt sich die transparent-goldene Flüssigkeit ihren Weg, vermischt sich mit dem Glitzer, der auf die Haut aufgetragen ist. Dicke und dünne Fäden zieht der Honig. Er scheint den Körper, dessen Wärme ihn immer flüssiger werden lässt, zu erkunden – Arme, Beine, Gesicht, Brüste, Vulva.

Hände kommen ins Spiel, verschmieren lustvoll, schließlich gleiten Zungen über die Haut, lecken den Honig. Längst ergänzt der Kopf von selbst, was die Augen auf der Leinwand sehen: Gerüche, Geschmäcker, Hautempfinden. Der französische Kurzfilm HONEYDEW versteht es auf faszinierende Weise, den Genuss am sexuellen Spiel mit Honig eingängig zu machen. Zu sehen war diese Arbeit in der Reihe „Fetisch Porn“ des Pornfilmfestivals Berlin 2017, welches am Sonntag, 29. Oktober 2017 im Berliner Kino Moviemento zu Ende ging. Lebensmittel bildeten eine Art thematischen roten Faden in dieser Kurzfilmrolle, wenngleich Arbeiten zu Fetischklassikern wie Spanking, SM und Bondage ebenfalls stark vertreten waren.