Am Rand aller Ränder

BOMBAY BEACH
Berlinale 2011 - Panorama


"Bombay Beach" – so heißt eine kleine Siedlung im südlichen Kalifornien. An den Ufern des Saltonsees gelegen, besteht dieser Ort aus einer Aneinanderreihung von heruntergekommenen Häusern und Wohnwagen. Der Saltonsee verdankt seine Existenz einem Dammbruch vor gut 100 Jahren; lange Zeit war er ein wirtschaftlich aufstrebendes und beliebtes Ausflugsziel. Inzwischen ist der See längst umgekippt und versalzen, da ihm jeder Zufluss fehlt. Früher ein Touristenmagnet, heute ein Fischfriedhof. Rund 100 Menschen leben heute noch in der kleinen Ortschaft "Bombay Beach".

Unter ihnen der sechsjährige und manisch-depressive Junge Benny. Mit seinen waffenvernarrten Eltern und seinen drei Geschwistern lebt er aus entfernter Sicht im Elend. Die Waffenliebe von Bennys Eltern rief bereits Polizei und Jugendfürsorge auf den Plan und brachte die beiden Erwachsenen ins Gefängnis. Doch was auf den ersten Blick den Anschein einer völlig verwahrlosten Sippschaft macht, entpuppt sich als eine durchaus liebevolle und zumindest menschlich reiche kleine Familie.



Die Eltern sind sichtlich bemüht, ihr persönliches und gescheitertes Schicksal nicht an die Kinder weiterzugeben. Dabei sticht die Fürsorge, die die Mutter für ihren jüngste Sohn Benny aufbringt, besonders heraus. Von den Ärzten wurde der aufbrausende und hyperaktive Grundschüler auf Retalin und andere starke Psychopharmaka gesetzt. Regisseurin Alma Har’el begleitet Mutter und Sohn zu den Ärzten und bei Spaziergängen. Sie entdeckt eine Frau, die zunehmend skeptisch und sorgenvoll auf ihren zugedröhnten Sohn blickt.

Zwei weitere Charaktere stechen hervor: Der schwarze Jugendliche CeeJay, der aus Los Angeles in das Nirgendwo von "Bombay Beach" geflohen ist, nachdem sein jüngerer Cousin einer Schießerei unter rivalisierenden Banden zum Opfer viel. Und der alte, knorrige Rentner Red, der immer einen geladenen Revolver im Wohnwagen liegen hat. Einstmals Ölarbeiter und verheiratet, schlägt er sich heute allein mit kleinen Zigarettenverkäufen und einer Flasche Schnaps durch den Tag. Alma Har’el pendelt in ihrem Film zwischen den Leben dieser sehr unterschiedlichen Menschen. Bennys Alltag mit Pillen und seinen Tagträumen davon, einmal Feuerwehrmann zu werden. Red, der mit einem Beachbuggy durch die nahe Wüste braust, bis ihn ein Schlaganfall ereilt. Und CeeJay, der von einer Karriere als Football-Spieler träumt, und dafür wie ein Wahnsinniger trainiert.



Das Beeindruckende an BOMBAY BEACH ist die erhebliche menschliche Wärme, die Alma Har’el in ihrem Film ausfindig macht. Trotz der verarmten, bisweilen tragischen Zustände und des rauen Umgangstons, ist dieses kleine Nest offenbar eng zusammengeschweißt. BOMBAY BEACH findet dort, wo die allgemeinen Klischees Verwahrlosung und Abschaum sehen wollen, vor allem eines: Menschlichkeit. Dass dies sosehr auffällt, ist vielleicht weniger das "Verdienst" des Films. Sondern, eher "Schuld" des Zuschauers und seiner Erwartungshaltungen. Die Doku versucht der vermeintlichen Endgültigkeit der Aussichtslosigkeit eine andere Sicht entgegen zustellen und seinen Protagonisten ein Stück weit ihre Selbstbestimmung und schlussendlich Würde zurück zugeben.

Immer wieder bricht Alma Har’el in ihrem Werk das Dokumentarische auf, greift narrativ ein, schafft Möglichkeiten in der Hoffnungslosigkeit. So inszeniert sie bspw. für die Bewohner kleine Tanzsequenzen, die diese dankbar aufgreifen und mit Leben erfüllen. Das leicht diffus gefilterte und weich gezeichnete Bild, dessen ausdrücklich schöne Optik sehr stark an die Musikvideoästhetik angelehnt ist, sorgt hier auch formal für eine zusätzliche Herauslösung aus dem dokumentarischen Kontext. BOMBAY BEACH wächst zu einer transzendierenden, fast surrealen Traumlandschaft. Der gezielte Einsatz von Songs von Bob Dylan und der Band Beirut tut sein Übriges dazu. Selten ist der Umstieg vom Musikvideo auf die lange filmische Form so sehr geglückt, wie bei der Filmemacherin Alma Har’el.


Diese Dokumentation entpuppt sich als frappierend großartiges, bildstarkes Porträt über Menschen am wortwörtlichen Rand aller gesellschaftlichen Ränder westlicher Gesellschaften. Teheran ist weit weg, aber Orte, ähnlich wie "Bombay Beach", finden sich in allen westlichen Industriestaaten unzählige. Und mitten in einem Filmfestival von 385 Filmen, findet sich mit Alma Har’els BOMBAY BEACH plötzlich ein filmisches Juwel, dessen Strahlkraft und Nachhaltigkeit einen Großteil der Berlinale in diesem und der letzten Jahre völlig vergessen macht.



BOMBAY BEACH
USA 2011
Dokumentation
80 Minuten
HDCAM, Farbe
Regie, Buch, Kamera: Alma Har'el
Zusatzkamera: Matthias Koenigswieser
Koreographien: Paula Present
Schnitt: Joe Lindquist & Alma Har'el
Score: Zach Condon
Musik: Beirut, Bob Dylan
Produktion: Alma Har'el, Boaz Yakin, Rafael Marmor

(c) Bildmaterial: Bombay Beach Film

Nacht/Fragment

SLEEPLESS NIGHTS STORIES
Berlinale 2011 - Forum


„I’m sleepless“ sagt ein reichlich zerknautscht wirkender Jonas Mekas in seine kleine Handkamera; „It’s a Jetlag.“ Mekas trägt sein Nachthemd, schwenkt mit der Kamera durch seine Wohnung. Er ist frisch eingezogen, es herrscht noch kistenweise Chaos. Schlaflosigkeit und Menschen-Neugier sind Grundantriebe in dieser Mischung aus Kurzfilm-Montage, Essay und filmischem Tagebuch.

Der dramaturgische rote Faden, so man ihn überhaupt formulieren möchte, ist die Geschichte von 1001 Nacht, Mekas hatte die Geschichte zufällig kurz vorher gelesen. Auf Schreibmaschine getippte Zwischentitel erzählen ihre eigene Geschichte, die Mekas’ seinen kurzen Filmen vorangestellt hat. Jedes der kleinen Werke hat dabei eigene Titel: „The Story of Greenpoint“, „“The Story of Lefty“, „The Story of Marie Menken“, „The Story of Amy, or why singing normal people in middleclass voices“.

Das Atemberaubende an diesen Filmen im Film sind ihre unzähligen Geschichten und Protagonisten. 114 Minuten lang blicken wir in einen Mikrokosmos New Yorker Wohnzimmer, Clubs und Galerien. Allgemein bekannte und unbekannte Gesichter erleben wir, wie sie mit Jonas Mekas zusammen oder zumindest in der Anwesenheit seiner kleinen Kamera fabulieren; Joko Ono, Patti Smith, Björk und Ben Northover. Doch sie zu identifizieren ist unnötig, sie sind auf interessante Weise völlig unwichtig. Alkohol ist wichtiger, er scheint stets irgendwie anwesend zu sein. Gesoffen wird viel in SLEEPLESS NIGHTS STORIES; selbstverständlich. Wein vor allem, Jonas Mekas ist ein Weinliebhaber.

Jonas Mekas

Zeit spielt keine Rolle in diesem Film. Wozu auch? Wer schlaflos unterwegs ist, wer nachts lebt, wer außerhalb gängiger Verhaltensmuster lebt, für den ist Zeit per se unerheblich. Ausschnitte, Fragmente von Nächten und Tagen, Zusammenkünften und einsamen Momenten, Reisen und Ausflügen prägen die Leinwand. Somnambul scheinen die Kamera und ihr Besitzer gelegentlich unterwegs zu sein. Surreal mutet dieses Beisammensein mitunter auch an. Jonas Mekas SLEEPLESS NIGHTS STORIES ist vielleicht der verträumtest-wundersamste und auch intimste Film der Berlinale 2011. Kino pur - irgendwie.


SLEEPLESS NIGHTS STORIES
USA 2011
114 Minuten
DigiBeta, Farbe, Englisch
Regie: Jonas Mekas
Produktion: Jonas Mekas
Zusätzliche Kamera: Thomas Boujut, Jonas Lozoraitis, Benn Northover, Louis Garrel

Vorführungen im Festival:
18.02. 20:00 OF Kino Arsenal 1 (WP)
20.02. 16:30 OF Delphi Filmpalast

(c) Bild: (Berlinale 2011) Jonas Mekas

Psychedelischer Budenzauber

LES CONTES DE LA NUIT –
TALES OF THE NIGHT
Berlinale 2011 - Wettbewerb 

Ein Abenteurer klettert eine Höhle auf einer Südseeinsel hinab und findet sich plötzlich in der Welt der Toten wieder. Dort verspricht ihm ein alter weiser Mann, der einzige Lebende unter Toten, dass der König der Unterwelt eine wunderschöne Tochter hat. Um sie zu bekommen, muss er drei Ungeheuer besiegen. Dafür braucht er drei besondere Gegenstände. Natürlich sind die Gegenstände schnell parat und auch die Monster sind problemlos beseitigt. Als der junge Abenteurer jedoch beim König vorspricht, nimmt dieser ihn gefangen und stellt ihm drei eigentlich unlösbare Aufgaben. Scheitert er, dann wird er von zwei großen Hackbeilen zerkleinert – zum Amüsement der Königstöchter, denn es gibt drei Königstöchter, die allesamt identisch aussehen.


Das ist der Plot einer Geschichte, die sich ein junger Mann, eine junge Frau und ein alter Techniker in einem geschlossenen Kino in einer französischen Stadt ausdenken. Diese Geschichte, dieses kleine Märchen setzen sie mithilfe ihrer Fantasie und einer rätselhaften Maschine sofort in eine Form von Realität um.

LES CONTES DE LA NUIT – TALES OF THE NIGHT heißt der französische Märchen-Episodenfilm des Regisseurs Michel Ocelot. Das bestechende dieses Werks liegt in seiner Form. Der Film ist in 3D realisiert. Und er benutzt ausschließlich die Silhouettentechnik, also den Scherenschnitt. Scherenschnitt trifft auf 3D.

Auf der Leinwand entfaltet der 3D-Effekt eine optische Raumgebung der eigentlich eher raumlosen Scherenschnitte. Das sieht einigermaßen verwunderlich und auch wunderschön aus. Kombiniert und ausstaffiert werden die Silhouetten, also die Kulissen mit höchst knalligen, bunten Farben, womit TALES OF THE NIGHT zu einem psychedelischen Streifen mutiert. Das funktioniert als Schauwert und optisches Event für eine gewisse Zeit. Allerdings erschöpfen sich die formalen Konzepte recht schnell. Was über 80 Minuten läuft, ist tatsächlich schon nach einer dreiviertel Stunde völlig abgehackt.

Geschichten von Königen, Helden, Prinzen, Prinzessinnen, von Trommlern und Bergen, von Fabelwesen und dem Totenreich. LES CONTES DE LA NUIT reizt die Klaviatur der Märchen gänzlich aus, was zwei weitere Probleme aufwirft: Die uninspirierte Abfolge der Episoden ermüdet erheblich. Und die Inhalte der Episoden wirken reichlich angegilbt und verstaubt. Die anachronistische Geschlechter- und Heteronormativität alter Märchen wird größtenteils völlig ungebrochen übernommen. Diese Ballung inhaltlicher und dramaturgischer Unzulänglichkeiten lässt dieses Werk zu einem enervierenden Stück Film gerinnen. Viel zu spät und viel zu selten bricht Regisseur Michel Ocelot diesen ärgerlichen Reigen durch einen Hauch von Ironie auf. Der Bilderzauber ist da schon längst verpufft.

LES CONTES DE LA NUIT – TALES OF THE NIGHT
Frankreich, 2011
84 Minuten
3D, Französisch
Regie: Michel Ocelot

© 2011, Nord-ouest Films - Studio O - StudioCanal

Gedenkendlosmontage

WE WERE HERE
Berlinale 2011 - Panorama

Auf den Beginn der AIDS-Krise schauen wir heute mit einem Abstand von 30 Jahren und mit zunehmend erfolgreichen Therapie-Modellen im Rücken, die den Todbringer HIV und AIDS allmählich in eine chronische Krankheit unter Vielen transformieren. Das plötzliche Sterben scheint nur noch ein weit entferntes Echo einer dunklen Zeit zu sein. Die Medizin hat inzwischen eine Entwicklung genommen, die Menschen mit HIV/AIDS eine Lebenserwartung bietet, die mit der Nicht-Infizierter vergleichbar ist.


WE WERE HERE heißt die Dokumentation von David Weissman. Er geht zurück in die Anfangszeit von HIV/AIDS wie sie fünf Protagonisten in San Francisco erlebt haben. Seine Zeitzeugen, unter ihnen eine lesbische Krankenschwester auf der ersten AIDS-Schwerpunktstation in den USA, berichte ihre persönlichen Geschichten. Dieses Modell kennt man aus vielen anderen Dokumentationen, die sich an dieser Epoche abarbeiten. Auch wenn der narrative Überbau stets ein anderer sein mag, sind die Erlebnisse und Protagonisten oft vergleichbar. Menschen, die vom persönlichen Paradies der freien Entfaltung sinnbildlich in die Hölle kamen. Und dann beinahe wöchentlich Freunde und Geliebte zu Grabe tragen mussten. Heute sitze sie als Menschen um die 50 vor der Kamera und erzählen allein schon durch ihre Gesichter viel über den erlebten Schmerz. WE WERE HERE kann zum kollektiven Gedächtnis der Schwulenbewegung daher kaum Neues beitragen.

Der Film ist ein weiteres Mosaik und im Grunde ein Ehrenporträt für Veteranen. Ihre Erlebnisse zurück in die Erinnerung zu rufen ist selbstverständlich ein ehrenwertes, richtiges und auch interessantes Anliegen. Aber 30 Jahre und unzählige ähnlich gelagerte Dokumentationen später stellt sich allmählich eine enervierende Redundanz ein. David Weissman bemüht sich zwar, seinen Film im Kontext der Geschehnisse in San Francisco anzusiedeln. Dem Ort, an dem die Protestbewegung gegen die Untätigkeit der damaligen US-Regierung unter Ronald Reagan ihren Anfang nahm. Letztendlich scheitern seine Bemühungen aber an der mangelnden Fokussierung.

WE WERE HERE mutiert zum allgemeingültigen AIDS-Gedenkfilm. In diesem Zusammenhang haben bereits 21 Jahre zuvor schon Robert Epstein und Jeffrey Friedman mit ihrer Dokumentation eigentlich COMMON THREADS alles gesagt. Auf der Leinwand manifestiert sich dieser Film als Endlosmontage sprechender Köpfe und mittels Zoom reanimierter Archivfotos. Unterlegt mit einem wabernden emotionalisierenden Score, entwickelt WE WERE HERE eine reichlich dröge und abgekaute Form. Der größte Beitrag, den diese Dokumentation noch leisten kann, ist ihr Beispiel dafür, wie renovierungsbedürftig das filmische Erinnern und Fortschreiben der Geschichte von HIV/AIDS inzwischen geworden ist.

WE WERE HERE
USA 2010
90 Minuten
HDCAM, Farbe
Regie, Buch, Produktion: David Weissman
Kamera: Marsha Kahm
Co-Regie, Schnitt: Bill Weber
Ton: Lauretta Molitor
Musik: Holcombe Waller, Doug HIlsinger

(c) Bild: David Weissman, Sundance/Image.net 2011


Siehe auch den Text: "Geschichte kontra Kino" - UNITED IN ANGER: A HISTORY OF ACT-UP (USA 2012)

Gender vs. Knete

TOMBOY
Berlinale 2011 - Panorama


"Tomboys"– so werden mitunter jungenhaft wirkende Mädchen genannt. Mädchen also, deren Geschlecht nicht ohne Weiteres äußerlich erkennbar ist oder die sich absichtlich als Junge ausgeben. Der Junge, den wir in den ersten Minuten von Celine Sciammas Film TOMBOY erleben, ist so ein Typ. Zehn Jahre alt, soeben umgezogen und noch neu in der Nachbarschaft. Er, der sich selbst MIKAEL nennt, heißt eigentlich LAURE. Dies verschweigen zunächst beide, der Film und die Hauptfigur. Auf der Leinwand agiert ein Junge, so scheint es jedenfalls. Erst ein gemeinsames Bad mit MIKAELs kleiner Schwester Jeanne, macht auch für den Zuschauer klar, dass MIKAEL eigentlich das jungenhafte Mädchen LAURE ist.

TOMBOY besticht schon in diesen ersten Sequenzen durch eine emotionale Intelligenz und begeistert mit seiner psychologischen Glaubwürdigkeit. Wir schauen LAURE bzw. MIKAEL dabei zu, wie sie/er sich immer mehr in seine selbst gewählte Rolle als Junge vertieft. Er studiert geradezu die anderen Jungs der Nachbarschaft und interpretiert ihre zunehmend männlicher werdenden Verhaltensweisen. Auch wenn ihn das vor einige kleine, aber entscheidende Probleme stellt.

Der Film kartografiert im Grunde die Rollenmuster und Codes der Geschlechter. So wie sie von den - heraussagend gecasteten und geführten jungen Darstellern - bereits klar und zunehmend selbstverständlich ausgelebt werden; die Pubertät steht vor der Tür. MIKAEL, dessen Körper bis auf ein Detail (noch) keine weibliche Prägung hat, kann diese Rolle bestens ausfüllen. Mit Lisa, einer ersten Freundin, wachsen aber seine Herausforderungen: Die beiden kommen sich näher. Und MIKAEL verheimlicht die LAURE in sich immer weiter.


Auf diesem Level des Selbstentdeckens, Experimentieren und Neufinden belässt  Celine Sciamma ihren Film bis zum letzten Drittel. Man ist versucht, auf die Möglichkeit einer Utopie zu hoffen. Doch in diesem wunderschön leichten, warmen und atmosphärisch dicht inszenierten Film hat am Ende der geschlechternormative Alltag scheinbar das letzte Wort. Den Mut seiner Hauptfigur - sich selbstbewusst zwischen Gender und Geschlecht zu behaupten, ohne das man selber weiß, dass es die beiden Begriffe überhaupt gibt - diesen Mut mag das Drehbuch von TOMBOY in letzter Konsequenz doch nicht aufbringen. MIKAEL bleibt offenbar doch nur ein weiterer Neuanfang – als das Mädchen "Laure".


TOMBOY
Frankreich 2011
84 Minuten
35mm Farbe
Französisch
Regie, Buch: Céline Sciamma
Kamera: Crystel Fournier
Schnitt: Julien Lacheray
Musik: Para One
Darsteller: Zoé Héran, Malonn Lévana, Jeanne Disson, Sophie Cattani, Mathieu Demy
Produktion: Hold Up Films & Productions

Screenings im Festival:
Fr 11.02. 20:15 CineStar 3 (E)
Sa 12.02. 22:30 Cubix 7 & 8 Interlock (E)
Do 17.02. 16:30 Haus der Kulturen der Welt Kino 2 (E)
Do 17.02. 17:00 Cubix 9 (E)
Sa 19.02. 20:15 CineStar 3 (E)

(c) Bild: (Berlinale 2011) Hold Up Films & Productions

Erinnerungsschnipsel

UTOPIANS
Berlinale Forum 2011


„What are you doing“ – probt Roger, ein Mann Anfang 40 ein Gespräch vor der Kaffeemaschine. In der Hand hält er dabei ein kleines Fläschchen, offenbar eine Blutprobe. Umschnitt. Roger holt einen Soldaten ab, eigentlich ist es eine Soldatin und sie ist seine Tochter Zoe. Auf den ersten Blick hält man Zoe allerdings für einen Kerl. Sie hat soeben ihren Militärdienst beendet, wird jedoch den gesamten Film über ihre Uniform anbehalten. „Den gesamten Film über“ – diese Formulierung ist problematisch, denn sie setzt eine wie auch immer geartete chronologische Handlung voraus. Davon ist UTOPIANS, der erste Langspielfilm von Zbigniew Bzymek weit entfernt.

Zoe ist diejenige, für die Roger geübt hat. Kaum zu Hause angekommen verwickelt er sie in das Gespräch, dessen morgendliche Generalprobe die Kaffeemaschine miterleben durfte. Die Blutprobe gehört Zoes Freundin Maya. Die wiederum ist erst einmal nur als Gesprächsthema zugegen. Sie sitzt mit der Diagnose Schizophrenie in einer psychiatrischen Klinik. Zoes Vater ist von der Freundin seiner Tochter nicht begeistert. Doch Zoe würgt das Gespräch ab und schnappt sich das Fläschchen – „It’s a proof of existence“ - blafft sie ihren Vater an.

Roger arbeitet als Yoga-Lehrer. Er kommt scheinbar ständig zu spät zum Unterricht, was die Geduld seiner fünf Schüler strapaziert. Die Lehren des Yogas stehen hier jedenfalls im klaren Kontrast zu der genervten Atmosphäre, die in Rogers abgewirtschaftetem Trainings-Loft umherwabert. Eine Parallelmontage zwischen Rogers Trainingseinheit und Zoes Besuch bei Maya in der Klinik bestimmt das erste Drittel des Films.

Was bis hierhin noch den Anschein einer chronologischen Handlung hatte, verkehrt sich nun in eine punktuelle Belichtung des Alltags von drei höchst unterschiedlichen Menschen; Roger, Zoe und Maya. Die Drei nehmen einen Renovierungsauftrag von einem gut situierten Ehepaar an. Doch schon beim ersten Kennenlernen der Auftraggeber haben die beiden jungen Frauen nichts anderes zu tun, als das Haus auf ihre Weise zu erkunden. Dabei verbrennt Zoe ein Formular, auf dem Mayas Diagnose festgehalten ist: „Severe Disorder. - „You’re not shizoprenic anymore“ – sagt sie zu Maya.

Schwarzblenden trennen die einzelnen Sequenzen, die sich in ihrem Bezug zueinander immer weiter entfernen. UTOPIANS zerfasert in dem Maße, in dem auch das Leben der Drei immer unsteter wird. Zeitsprünge prägen die Dramaturgie, kurze Schlaglichter, kleine Erinnerungsschnipsel ohne feste Zuordnung. Die Schizophrenie Mayas hat etwas Prototypisches für die Erzählweise des Films.

UTOPIANS funktioniert in dieser Form vor allem als verträumte Gedankenskizze über Existenzen, denen die inhaltlichen Bezüge verloren gegangen sind. Die sich zunehmend in einer inneren Leere wiederfinden, ohne Aussicht auf eine neue Konkretisierung eines zukünftigen Lebensentwurfs. Was bleibt, ist der Versuch sich in dieser neuen Leere wiederzufinden und einzurichten. Ein Wagnis und eine Utopie.

UTOPIANS
USA 2011
84 Minuten
HDCam, Farbe
Englisch
Regie & Buch: Zbigniew Bzymek
Kamera: Robert Mleczko
Darsteller: Jim Fletcher, Courtney Webster, Lauren Hind, Arthur French, Jessica Jelliffe
Produktion: Made-Up Language, New York

Screenings im Festival:
11.02. 22:30 OmU Kino Arsenal 1
12.02. 20:00 OmU Cubix 9
14.02. 11:00 OmU CineStar 8
18.02. 15:00 OmU Cubix 7

(c) BIld: Berlinale 2011 & Made-Up Language

Polaroid-Liebe

SUBMARINE
Berlinale 2011 - Forum


„Ich heiße Oliver Tate. Dieser Film soll von all meinen Besonderheiten und Erlebnissen berichten, zum Beispiel darüber, wie es mir gelang, meine Schulfreundin Jordana Bevan zu verführen – wobei ich ausschließlich meine intellektuellen Fähigkeiten einsetzte. Da die Ehe meiner Eltern von einem mystischen Ninja gefährdet ist, der Seminare zum Thema körperliches und seelisches Wohlbefinden gibt, wäre es außerdem passend, wenn der Film – in möglichst aufwendigen Aufnahmen – zeigen würde, wie ich über diesen Mann triumphiere. Aufnahmen aus dem Hubschrauber und in Zeitlupe sollte es ebenfalls geben, aber auch besinnliche Momente, zum Beispiel wenn ich meinen Vater von seiner Depression befreie. Da ich mich selbst sehr gut kenne, würde ich sagen, dass die Laufzeit des Films kaum unter drei Stunden liegen wird.“

Dieses sehr selbstbewusste und irgendwie altkluge Statement gibt die Hauptfigur in Richard Ayoades Kino-Debüt SUBMARINE ab. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass diese Figur, Oliver, nur zu sich selbst spricht; das tut er häufig. Nach außen ist er aber ein geradezu prototypischer Vertreter eines 15-jährigen Jungen: Etwas verwachsen, durchschnittlich aussehend, zu schräg, um beliebt zu sein. Aber auch nicht absonderlich genug, um als Klassenopfer durchzugehen. Ein pubertierender Junge halt - verträumt, ungeschickt, eigenbrötlerisch, innerlich hysterisch und leicht suizidal. Alles andere als ein sympathischer Kerl jedenfalls. Unangenehm wiederum auch nicht.


Olivers Leben besteht aus drei zentralen Problemen: Seine Avancen gegenüber der eher burschikosen Klassenkameradin Jordana sind, so sie nicht nur in Olivers Kopf stattfinden, erbärmlich erfolglos. Die Ehe seiner Eltern steckt in einer Krise. Und seine Mutter ist dabei, sich einem Ninja-Esoterik-Guru mit Vokuhila-Frisur an den Hals zu werfen. Olivers Vorliebe dafür Gott zu Spielen (er tippt gerne im Namen anderer Leute Briefe) verschafft ihm jedoch einen unverhofften Vorteil im Werben um Jordana: Sie will ihn für ihre Zwecke benutzen und er macht es gerne mit. Plötzlich existieren Polaroid-Bilder leidenschaftlicher Küsse der beiden - die nur gestellt sind. Olivers Belohnung besteht darin, vielleicht wirklich mit Jordana gehen zu können. Seine Probleme werden dadurch nicht weniger.

Die Ehe seiner Eltern einem depressiven Meeresbiologen und einer neurotischen Sekretärin ist in ernsthafter Gefahr. Das weiß Oliver deshalb so genau, weil er deren Schlafzimmer routinemäßig durchsucht und zuverlässige Wege gefunden hat, um die Häufigkeit ihres Geschlechtsverkehrs festzustellen. Und zuletzt hatten sie gar keinen Sex mehr; selten vorher war eine dimmbare Deckenleuchte in einem Kinofilm auskunftsfreudiger. Der neue Nachbar, ein Ninja-Meister und bekannter Esoterik-Fuzzi avanciert in Olivers Augen zum größten Risiko für den Fortbestand seiner kleinen Familie. Die Indizien sind für ihn auch hier eindeutig, er muss handeln. Doch nebenbei gilt es auch noch eine wunderbar verliebte Zeit mit Jordana zu erleben.


Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Joe Dunthorne, inszeniert Richard Ayoade mit SUBMARINE ein geradezu furioses Stück Film. Er betreibt eine hemmungslose Idealisierung der ersten großen Gefühlswallungen eines Jugendlichen und bricht sie im gleichen Moment wieder. Denn seine Hauptfigur, Oliver, ist alles andere als ein zuverlässiger Typ. Was tatsächlich in der Filmwirklichkeit stattfindet und was sich Oliver nur ausdenkt, ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Der fulminante Hauptdarsteller Craig Roberts verleiht ihm eine bestechende wie auch mitleiderregende Attitüde aus Panikschieber und smartem Leisetreter. Craig Roberts Oliver Tate ist der wohl grandioseste Aufbruchgrübler, den das Kino seit langer Zeit gesehen hat. Veränderung beginnt zuerst im Kopf, das weiß auch Oliver. Nur das, was folgt, ist eher Unfall denn Absicht.

Wales im Irgendwann, irgendwie 80er, aber dann auch wieder nicht. Zeit ist bemerkenswert unerheblich in diesem Film. Olivers Welt existiert in einer eigenen, allenfalls noch als analog zu bezeichnenden, Zeitrechnung. Die Settings und vor allem das Licht spiegeln das auf ihre Weise wieder. Alles wirkt leicht angegilbt und etwas diffus. Doch auch gleichzeitig jederzeit klar. SUBMARINE ist ein Film, der erfolgreich zur Stilisierung neigt. Richard Ayoade und sein Kameramann Erik Wilson finden regelrecht fotografische Tableaus, variieren auf famose Weise Farben, Einstellungen und Licht. Der ganze Film scheint so seltsam durchzogen von der Farbwärme und dem idealisierenden Charme eines alten Polaroidfotos.


Olivers ständiger Begleiter ist, kein Wunder, eine Polaroid-Kamera. Damit hält er sein Leben fest und tapeziert anschließend sein Kinderzimmer mit den fotografischen Erinnerungen. So, als ob er sich selbst und seiner Wahrnehmung misstrauen würde. Oliver scheint sichergehen zu wollen, dass seine erste große Liebe nicht nur in seinem Kopf stattfindet. Wenn ihm im, als „Showdown“ titulierten, dritten Akt schließlich alles um die Ohren fliegt und er nicht mehr Herr der Soap-Opera ist, als die er sein Leben bezeichnet, bleiben immerhin noch diese Polaroids. Für jemanden, der sowieso schon nur und zuerst in seinem Kopf lebt, ist das eigentlich pervers. Aber dies wäre kein Coming-of-Age Film, wenn die Hauptfigur sich am Ende nicht doch auch ein wenig entwickeln würde. Mit den Fotos im Kopf testet er aus, ob das Drehbuch seines Lebens nicht vielleicht doch noch ein Happy End vorgesehen hat. Polaroid-Liebe kann so unverschämt wundervoll sein. SUBMARINE ist kein Film, sondern ein Ereignis!

SUBMARINE
Großbritannien 2010
94 Minuten
35mm, Farbe
Englisch
Regie & Drehbuch: Richard Ayoade
Romanvorlage: "Submarine" von Joe Dunthorne
Kamera: Erik Wilson
Musik: Andrew Hewitt (Score), Alex Turner (Songs)
Darsteller: Craig Roberts, Yasmin Paige, Noah Taylor, Paddy Considine, Sally Hawkins
Produktion: Warp Films, Film4, UK Film Council
Festivals: TIFF - Toronto 2010 (Weltpremiere), BFI - London 2010, SUNDANCE - Utah 2011, BERLINALE - Int. Filmfestspiele Berlin 2011



(c) Bilder: Warp Films (Bild 1: via Berlinale 2011; Bild 2 - 5: via Sundance 2011/Image.net)
(c) Plakat: Warp Films (via joedunthorne.com)