Erinnerungsschnipsel

UTOPIANS
Berlinale Forum 2011


„What are you doing“ – probt Roger, ein Mann Anfang 40 ein Gespräch vor der Kaffeemaschine. In der Hand hält er dabei ein kleines Fläschchen, offenbar eine Blutprobe. Umschnitt. Roger holt einen Soldaten ab, eigentlich ist es eine Soldatin und sie ist seine Tochter Zoe. Auf den ersten Blick hält man Zoe allerdings für einen Kerl. Sie hat soeben ihren Militärdienst beendet, wird jedoch den gesamten Film über ihre Uniform anbehalten. „Den gesamten Film über“ – diese Formulierung ist problematisch, denn sie setzt eine wie auch immer geartete chronologische Handlung voraus. Davon ist UTOPIANS, der erste Langspielfilm von Zbigniew Bzymek weit entfernt.

Zoe ist diejenige, für die Roger geübt hat. Kaum zu Hause angekommen verwickelt er sie in das Gespräch, dessen morgendliche Generalprobe die Kaffeemaschine miterleben durfte. Die Blutprobe gehört Zoes Freundin Maya. Die wiederum ist erst einmal nur als Gesprächsthema zugegen. Sie sitzt mit der Diagnose Schizophrenie in einer psychiatrischen Klinik. Zoes Vater ist von der Freundin seiner Tochter nicht begeistert. Doch Zoe würgt das Gespräch ab und schnappt sich das Fläschchen – „It’s a proof of existence“ - blafft sie ihren Vater an.

Roger arbeitet als Yoga-Lehrer. Er kommt scheinbar ständig zu spät zum Unterricht, was die Geduld seiner fünf Schüler strapaziert. Die Lehren des Yogas stehen hier jedenfalls im klaren Kontrast zu der genervten Atmosphäre, die in Rogers abgewirtschaftetem Trainings-Loft umherwabert. Eine Parallelmontage zwischen Rogers Trainingseinheit und Zoes Besuch bei Maya in der Klinik bestimmt das erste Drittel des Films.

Was bis hierhin noch den Anschein einer chronologischen Handlung hatte, verkehrt sich nun in eine punktuelle Belichtung des Alltags von drei höchst unterschiedlichen Menschen; Roger, Zoe und Maya. Die Drei nehmen einen Renovierungsauftrag von einem gut situierten Ehepaar an. Doch schon beim ersten Kennenlernen der Auftraggeber haben die beiden jungen Frauen nichts anderes zu tun, als das Haus auf ihre Weise zu erkunden. Dabei verbrennt Zoe ein Formular, auf dem Mayas Diagnose festgehalten ist: „Severe Disorder. - „You’re not shizoprenic anymore“ – sagt sie zu Maya.

Schwarzblenden trennen die einzelnen Sequenzen, die sich in ihrem Bezug zueinander immer weiter entfernen. UTOPIANS zerfasert in dem Maße, in dem auch das Leben der Drei immer unsteter wird. Zeitsprünge prägen die Dramaturgie, kurze Schlaglichter, kleine Erinnerungsschnipsel ohne feste Zuordnung. Die Schizophrenie Mayas hat etwas Prototypisches für die Erzählweise des Films.

UTOPIANS funktioniert in dieser Form vor allem als verträumte Gedankenskizze über Existenzen, denen die inhaltlichen Bezüge verloren gegangen sind. Die sich zunehmend in einer inneren Leere wiederfinden, ohne Aussicht auf eine neue Konkretisierung eines zukünftigen Lebensentwurfs. Was bleibt, ist der Versuch sich in dieser neuen Leere wiederzufinden und einzurichten. Ein Wagnis und eine Utopie.

UTOPIANS
USA 2011
84 Minuten
HDCam, Farbe
Englisch
Regie & Buch: Zbigniew Bzymek
Kamera: Robert Mleczko
Darsteller: Jim Fletcher, Courtney Webster, Lauren Hind, Arthur French, Jessica Jelliffe
Produktion: Made-Up Language, New York

Screenings im Festival:
11.02. 22:30 OmU Kino Arsenal 1
12.02. 20:00 OmU Cubix 9
14.02. 11:00 OmU CineStar 8
18.02. 15:00 OmU Cubix 7

(c) BIld: Berlinale 2011 & Made-Up Language

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