UNBELIEBTE THEMATIK


THE HIV-COLLECTION


“Viewers must make their own decisions on issues of personal vs. public freedoms, privacy, HIV disclosure, sexual dynamics and legality”, schreibt Charles Lum über seinen Kurzfilm "OVERDUE CONVERSATION". Er und sein Gesprächspartner halten darin jeweils eine kleine Digicam auf ihr Gegenüber. Sie sprechen über ein gemeinsames Fickdate, das einige Zeit zurückliegt. Lum hatte damals verschwiegen HIV-positiv zu sein und outet sich nun auf diese Weise. Doch sein Freund reagiert nur mäßig überrascht. Schnell wächst sich die Diskussion der beiden Männer zu einem generellen Diskurs über den eigenen Umgang mit dem persönlichen HIV-Status aus: Verheimlichen? Oder doch lieber, kurz bevor der Schwanz eindringt noch schnell mitteilen, dass man HIV+ ist? Ist diese Information überhaupt von Belang und sollte man nicht prinzipiell davon ausgehen, dass der Sexualpartner den Virus in sich trägt? Wie steht es um eigene Schuldgefühle? Wie hoch bewertet man die Verantwortung für Andere - im Kontext der eigenen sexuellen Bedürfnisse? An einem lauen Sommerabend sitzen die beiden Männer da auf einer Wiese und dokumentieren sich gegenseitig, Lum montiert den Diskurs als Splitscreen und bricht so den gewohnten Wechselschnitt eines Schlagabtauschs auf.


Sich zusammen mit seinem Gesprächspartner ins Bild zu heben scheint ihm ein beliebtes Stilmittel zu sein, es taucht ebenfalls in "FACTS. SUCK" auf, wo er seinen Arzt zu den Risiken des ungeschützten Oralverkehrs befragt. Generell montiert und blendet Lum wie besessen in den sechs Kurzfilmen, die er nun zu einer Kompilation zusammengefasst hat: "THE HIV-COLLECTION". Auf verschiedensten Ebenen beleuchtet Charles Lum hierbei die HIV-Thematik bzw. den Umgang mit ihr durch das infizierte wie nicht infizierte Individuum. Er belässt es jedoch nicht bei der eigenen Nabelschau und Selbstbefragung, sondern vervielfacht seine individuelle Sichtweise zu einem generellen Diskurs. Auf diese Weise kommt eine inhaltliche Vertiefung dieser kontroversen Thematik zustande, wie sie als Bewegtbild selten zu sehen ist. Weder ist sie bis zur Unkenntlichkeit versachlicht, noch versandet sie im Wust einer persönlichen Traumabewältigung. Charles Lum agiert zutiefst menschlich und ohne Scheu vor den komplexen Widersprüchen, mit denen wir uns beim Thema HIV so entsetzlich schwer tun.

Vom Locationsscout über Regieassistenzen und Werbedrehs bis zu einem Studium der Fotografie - Charles Lums Weg zum Film ist unorthodox. Das spiegelt sich in seinem Werk auf unterschiedliche Weise wieder. Von artifizieller selbsttherapeutischer Kunstschulattitüde bis zum Experiment ist vieles dabei, langweilig wird es den Augen jedenfalls nicht. Doch innerhalb der Kompilation ist auch eine formale Entwicklung in Lums Werk erkennbar. Die Präsenz des Sexuellen als prägendes Stilmittel wird besonders augenscheinlich. Versatzstücke aus selbst gedrehten und kommerziellen Pornos werden zu einem der wichtigsten Ausdrucksmittel. Dem stehen Interviewsequezen gegenüber in denen Lum als eine Art investigativer Reporter mit Nachdruck sein Thema bearbeitet, und bei seinen Gesprächspartnern insistiert. Die Filme wandeln sich und mit ihnen Charles Lum. Depression weicht Kampfgeist, Vermeidungsverhalten wird durch Konfrontation ersetzt und Künstlichkeit macht Platz für Explizites, Botschaften für das Publikum inklusive. "THE HIV-COLLECTION": Das ist ein Appell in Form bildstarker Dokumente der Selbsttherapie von Charles Lum; heraus aus der Apathie und hin zu einem ehrlichen und pragmatischen Umgang mit sich selbst!


THE HIV-COLLECTION
USA 2003-2005
Kurzfilme
etwa 50 MInuten
englische Originalfassung
Regie, Kamera, Schnitt, Produktion: Charles Lum
Festivals: 3. Pornfilmfestival Berlin 2008, 1. Celluloid Against Aids Potsdam 2009

Der Kurzfilm "OVERDUE CONVERSATION" ist auf DVD (OmU) beim
HIV-Präventionsprojekt "Ich weiss was ich tu" erhältlich.

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