Chaotischer Alltag

EMMAS GLÜCK

"Ein guter Film zieht nicht spurlos vorbei. Er kann absurd komisch sein, und manchmal beißt er oder rührt zu Tränen. Am Ende verlässt man ihn mit neuen Gedanken und neuem Mut. Und wenn es einfach nur darum geht, mal wieder ein neues Kochrezept auszuprobieren oder das alte Mofa im Keller zu reparieren... Filme treiben uns voran. Dafür brauchen wir sie.", so schreibt es Sven Taddicken, Regisseur von EMMAS GLÜCK. Und Recht hat er! Um gleich zu Beginn hoch zu stapeln - ohne zu fallen-, EMMAS GLÜCK ist ein unumstößlicher Beweis für die enorme Kraft, die dem Kino innewohnt. 

Emma (Jördis Triebel), Schweinezüchterin, lebt auf ihrem Bauernhof irgendwo in der Provinz. Ihr Leben dreht sich um ihre Tiere. Vollkommen geerdet und mit sich im Reinen scheint sie zu sein. Einflüsse von außen hat sie ausgeblendet. So muss erst der Dorfpolizist mit Blaulicht anrücken, um ihr eine letzte Mahnung zu übergeben. Sechs Wochen, um die Schulden zu begleichen. Oder der Hof ist weg, samt den Tieren. Emma verjagt ihn mit der Schrotflinte. Max (Jürgen Vogel), Autoverkäufer, lebt nicht mehr lange: Krebs lautet die Diagnose. "Wir Menschen sind Gewohnheitstiere,...leben Sie ihr Leben erstmal ganz normal weiter." Doch den Rat seines Arztes kann Max nicht befolgen. Er scheitert schon nach wenigen Minuten. Er packt die Koffer, will nach Mexiko. Nicht ohne vorher das Schwarzgeld seines Autohauses zu klauen. Doch sein Partner erwischt ihn, die anschließende Verfolgungsfahrt endet für Max fatal. 

Es ist wohl eine der außergewöhnlichsten Szenen, die das Deutsche Kino in letzter Zeit gezeigt hat: Max prescht mit seinem Wagen durch die Leitplanke einen Abhang hinunter. In Zeitlupe dreht sich der Wagen durch die Luft, fliegen Max‘ Reiseutensilien durch den Wagen: Zahnbürste, Familienbilder. Scheiben splittern, die Splitter regnen über Max‘ Gesicht, er sieht den Himmel verkehrt herum. Im Hintergrund spielt Zarah Leanders "Schlaflied". Max lächelt, wäre dies das Ende, er wäre glücklich. 
Max schlägt im wahrsten Sinne des Wortes in Emmas Leben ein. Sein Selbstmordversuch bringt ihn nicht um, stattdessen landet das Auto auf Emmas Hof. Sie rettet ihn aus dem Wagen, findet das geklaute Schwarzgeld, zündet den Wagen an, um Spuren zu verwischen. Auf ihrem Bett verarztet sie ihn. Der Unfall hat ihr einen Mann gebracht: Unschuldig-verspielt erkundet sie Max‘ Oberkörper, streichelt ihn, wirft einen verstohlenen Blick in seine Unterhose. Sexuelles Vergnügen bereitet ihr sonst nur die Unwucht an ihrem Mofa. 

Zart und ruhig entspinnt sich diese Liebesgeschichte, ganz langsam, erlebt Rückschläge, rappelt sich aber mutig wieder auf. Der Film fängt einen flüchtigen Moment unversehrter Liebe ein. Eifersucht, Mißgunst, all dies sucht man hier auf dem Land vergebens. Selbst Max‘ Nebenbuhler ist im Grunde seines Herzens frei davon. Unglaubwürdig? Überzeichnet? Das kann man so sehen. Doch vorher haben es die beiden Figuren Emma und Max geschafft, den Zuschauer für sich einzunehmen und hat die emotionale Tiefe - die ganz subtil und erst allmählich daherkommt - schon längst einen Sog entwickelt, dem man sich nicht mehr entziehen kann. 

Andere Filme anderer Regisseure würden hier schon längst in die Schmalzfalle getappt sein. Doch Sven Taddicken gelingt es beeindruckend, das Seichte zu umgehen und immer eine enorme Tiefe zu liefern: Eines Abends bricht Max vor Schmerzen zusammen, er kommt ins Krankenhaus. Die Schwester will Emma nicht verraten, wo sich Max befindet. So hupt sie auf dem Krankenhausparkplatz - sie kam mit ihrem Trecker - bis Max sich am Fenster zeigt. Die Kamera zeigt Max dabei von hinten, im Hintergrund kann man bereits die aufgehende Sonne erkennen. Max kehrt zu Emma zurück, sie umarmen sich vor dem Trecker. Eigentlich ein urkomischer Anblick, aber ebenso ein Moment von emotionaler Intensität. 

Vielleicht mag der Vergleich etwas hinken, aber trotzdem sei er hergestellt: Zwischen Sven Taddicken und Pedro Almodovar gibt es eine Übereinstimmung. Beide erzählen im Grunde schmerzhafte und tragische Geschichten voller Leichtigkeit und Ehrlichkeit. Sei es die schlimme Familiengeschichte um Betrug und Mord, die Almodovar in VOLVER zeigt, oder hier die zum Tode verurteilte Liebesgeschichte zwischen Emma und Max, die Taddicken uns nahebringt. Zwar ahnt man Schlimmes, aber man ist nicht von Leid geblendet, hat den Kopf frei, um die schwerwiegenden Geschehnisse klar zu erkennen und kann die ganze Bandbreite dessen begreifen; A-ha-Effekt. Das prägt für das Leben jenseits des Kinosaals. Das nimmt man mit, das ist Kraft, die wir in unserem chaotischen Alltag so dringend brauchen.

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