Emotionen!

CSNY - DÉJÀ VU

Emotionen sind 2008 eines der zentralen Themen der Berlinale, das aber so gar nicht kolportiert wird. Lediglich das Forum der zukünftigen Filmemacher, der Berlinale Talent Campus, erhob die Emotionen 2008 zum Thema. Dabei ist der Berlinale-Jahrgang 2008 voll von emotionalen Filmen bzw. voll von Filmen, die Emotionen und Gefühle in Wallung bringen. Einer dieser Streifen ist CSNY - DÉJÀ VU des Amerikaners Bernard Shakey. Shakey portraitiert oder verfolgt vielmehr die vier großen Altmeister der amerikanischen Folk-(Rock-)Musik: David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young während ihrer CSNY-Tour 2006 durch die USA. Diese Tour hatte nur ein Ziel: Protest!

CSNY – Crosby, Stills, Nash & Young machten sich Ende der Sechziger Jahre als musikalisches Sprachrohr der Friedensbewegung gegen den Vietnamkrieg einen Namen. Ihre Songs „Find The Cost Of Freedom“ oder „Ohio“ wurden binnen kürzester Zeit zu Hymnen des Anti-Kriegs-Protestes. 2006 befindet sich Amerika schon wieder im Krieg. Der Schauplatz heißt Irak, die Zahl der Gefallenen hat die 2000er-Marke durchbrochen, ein Ende ist nicht absehbar, und das Land ist gespalten wie selten. Kriegsbefürworter und –gegner stehen sich absolut unversöhnlich gegenüber. In diesem Klima treten CSNY erneut an um, ihren Protest gegen diesen Krieg kund zu tun und die stark angefeindete Friedensbewegung zu unterstützen.

Der Mastermind hinter der neuen Auflage von CSNY ist diesmal Neil Young, der sich bereits via Internet gegen den Krieg engagiert und mit „Living With War“ ein (äußerst kontrovers aufgenommenes) Album vorstellte, in dem er klar Position gegen diesen Krieg und den amerikanischen Präsidenten Bush Jr. bezieht. Und Crosby, Stills und Nash ließen sich nicht lange bitten, als Young sie um Unterstützung bat.

Regisseur Bernard Shakey fertigt mit seinem Film eine bunte Collage, die sich voll in den Dienst der Sache stellt. Gleich zu Beginn lässt er Neil Young die programmatische Richtung vorgeben: „Diese Show soll die Menschen emotionalisieren, Punkt!“

Der Regisseur folgt Mike Cerre, einem Fernsehreporter, der bereits als „embedded Journalist“ aus dem Irak-Krieg berichtete und den Young nun den Kriegsschauplatz gegen das CSNY-Konzert tauschen lässt; die Unterschiede klaffen hier nur auf den ersten Blick massiv auseinander. Dazu werden Interviews mit der Band, mit Soldaten, Soldatenmüttern, Veteranen, Konzertbesuchern, Radiomoderatoren und anderen Musikern montiert. Zusätzlich stellt er dem Heute Aufnahmen aus den Sechzigern entgegen, die freilich Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede erkennbar werden lassen. Dies alles wird durch Mitschnitte der Bandauftritte zusammengehalten.

Shakey setzt –wie seine Protagonisten - auf die Emotionalisierung. Nüchterne, distanzierte Dokumentation ist sein Ziel nicht. Daran kann man sich stören. Oder auch nicht, denn beim Betrachten der Bilder wird natürlich klar, was Young und Co. bezwecken: Die Emotionalisierung soll zum Denken anregen, eine eigene Meinung evozieren, was angesichts der gezeigten Bilder bitter nötig scheint. Denn die Befürworter des Krieges stehen derart hinter diesem Krieg und ihrem Präsidenten, dass sich dem europäischen Kinogänger die Nackenhaare aufstellen. Bei einem Konzert in den Südstaaten gelingen Shakey diesbezüglich zweifelsfreie und beeindruckende Aufnahmen von wütenden Konzertgängern, die CSNY den Mittelfinger entgegenhalten als diese „Let’s impeach the President“ anstimmen: „Enthebt den Präsidenten seines Amtes, er hat unseren Glauben missbraucht, uns belogen, uns getäuscht…“: Die Freiheit zu Sprechen, Stellung zu beziehen und seine eigene Meinung zu bekunden, das ist eine erklärte Forderung der vier Musiker.

Diese „Freedom of Speech“ wird CSNY rundheraus abgesprochen - durch das Publikum. Kommentar eines Konzertbesuchers in die Kamera: „Sie sollten nur Musik machen und zur Politik besser schweigen!“ Hier kommen beunruhigende Erinnerungen an die texanische Band "The Dixie Chicks" in den Kopf, die für ihre Kritik am Krieg und am Präsidenten mit einer regelrechten Hetzkampagne überzogen wurden. So schlimm steht es um CSNY nicht (mehr?), denn vielerorts, so kann man aus Mike Cerres Interviews mit Konzertbesuchern auch ablesen, rennen sie bereits offene Türen ein. Und wenn David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young a.k.a. Bernard Shakey hier „Let’s impeach the President“ anstimmen, schlägt ihnen eine Welle euphorischen Jubels entgegen: Emotionen pur.



CSNY - DÉJÀ VU
USA 2008
Digital, 96 min
Regie: Bernard Shakey (a.k.a. Neil Young)

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