Fassade vs. Feinsinn

SHOPPEN


„Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“, hieß ein Film, der in den deutschen Kinos für kurzweiliges Schmunzeln über den Wahnsinn Liebe/Beziehung/Sex zwischen Großstädtern sorgte. Fast zehn Jahre sind seitdem vergangen. Wenn man in Generationen denken will, dann dreht sich in Ralf Westhoffs SHOPPEN alles um die Folgegeneration derer, die in "Das merkwürdige Verhalten..." porträtiert wurden. Die Zeiten haben sich selbstverständlich gewandelt. Die größten Probleme liegen mittlerweile nicht mehr in Problemen mit der Beziehung, in der man lebt, sondern darin, überhaupt noch eine Beziehung bzw. die große Liebe zu finden. Einsamkeit bestimmt heutzutage den Alltag einer immer größer werdenden Zahl von Menschen, besonders in den Großstädten. 18 von ihnen begleitet Ralf Westhoff in seiner kleinen, feinsinnigen Komödie zu einer ganz besonderen Art der Partnerfindung. Speeddating!

Während die Schwulen ihr Seelenheil und den Traumprinzen im Internet zu finden hoffen und dabei nicht selten seelischen Schiffbruch erleiden, geben sich heterosexuelle Singles diesem außergewöhnlichen Schauspiel hin: 5-10 Menschen beiderlei Geschlechter sitzen sich gegenüber und haben 5 Minuten Zeit, sich näher kennenzulernen. Nach fünf Minuten wechselt der Gesprächspartner, so lange, bis sich alle einmal gesprochen haben. Die Favoriten dieser Scharade notiert man und hofft, dass sie einen ebenso vermerkt haben und ihre Kontaktdaten so freigeben.

Größtenteils unverbrauchte Gesichter der Münchner Theaterszene verpflichtete Westhoff für diesen Reigen der Eitelkeiten. Die stärksten Momente hat der Film dann auch, wenn sich alle 18 zum Speeddaten einfinden und aufeinander losgehen. Hier zeigt sich eine besondere Qualität Westhoffs: Er hat sein Drehbuch detailgenau geschrieben, alle Sätze sitzen, sind durchdacht und glaubwürdig. Ihm gelingt es auf grandiose Weise, für jede seiner 18 höchst unterschiedlichen, mal skurril, mal bemitleidenswerten Figuren einen eigenen Moment zu schaffen. Es sind Abbilder unserer Gegenwart: Im Alltag nehmen wir sie kaum wahr, doch auf dieser besonderen Bühne lädt uns der Regisseur zur Erkundungsreise durch die Persönlichkeiten ein.

Die Erkenntnisse dieses Trips sind höchst ambivalent: Zum einen offenbart sich dieses Vehikel Speeddating in SHOPPEN als bloßer Fleischmarkt, auf dem das Beziehungsvieh ums Verrecken versucht, sich als beste Ware an den Mann respektive die Frau zu bringen. Das macht Westhoff unmissverständlich klar. Zum anderen wird der Einsamkeit aber ein Schnippchen geschlagen, indem Persönlichkeiten aufeinandertreffen, die sich sonst nie begegnen würden. Und die so vielleicht doch die eine große Liebe finden.

„Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“, in 2007 ist es von Einsamkeit und dem Hunger nach Liebe und Geborgenheit geprägt. SHOPPEN aber liefert uns noch eine weitere Erkenntnis: Ohne unsere Individualität, unsere Einzigartigkeit werden wir den Mann/die Frau unserer Träume nie finden, sondern nur Leere hinter den coolen Fassaden.

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