Ohne Seinesgleichen

DER FREIE WILLE 
  
Welchen Schmerz muss eine Frau verspüren, wenn sie vergewaltigt wird? Man kann sich das kaum vorstellen. Es geht an die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft. Aber was läuft in dem Menschen ab, der vergewaltigt? Abscheulich, undenkbar, unfassbar ist das erst recht. Matthias Glasner und Jürgen Vogel gehen mit ihrem Film DER FREIE WILLE auf die Suche nach dem Inneren eines Menschen, der jenseits aller Vorstellungskraft existiert. Der Dinge tut, die außerhalb des menschlich Erträglichen liegen. 

Theo (Jürgen Vogel) ist einer dieser Menschen, Vergewaltiger. Neun Jahre hat er im Vollzug verbracht. Drei Frauen Schreckliches angetan. Es sollen nicht die letzten gewesen sein. Wiedereinstieg ins Leben. Fast ein Jahrzehnt streng abgeriegelt hinter Gittern, zum Schutz derer, die frei sind. Und zu seiner eigenen Sicherheit: Therapie, Medikamente, Betreuung. Sie haben das, was da in Theo steckt in Zaum gehalten. Jetzt ist er frei, hat sich wieder im Griff, will Vorbild sein für die, die noch sitzen. Will zeigen, dass es funktioniert. Doch es brodelt. Er bekommt einen Job, er trainiert hart, versucht das, was da ist, mit Judo und Fitness zu kontrollieren. Erste Annäherungen ans weibliche Geschlecht probiert er, ohne dass ihm ein hasserfülltes "Fotze" über die Lippen kommt. Auf Arbeit sieht er Netti zum ersten Mal. 

Netti (Sabine Timoteo), eine gebrochene Gestalt. Endlich schafft sie es, sich ihrem Vater zu entziehen, mit 27. Nähe, zuviel Nähe, erdrückende Nähe, keine Geborgenheit, dafür Leere hat sie von ihm erfahren. Auch missbräuchliche Nähe? Das zu ergründen, bleibt dem Zuschauer überlassen. Etwa 100 Filmminuten später wird Theo ihr sein Geheimnis offenbaren. Er, das Monster. Sie ist geschockt, doch sie weicht nicht von ihm: Ist sie damit bereits vertraut, mit Monstern? Lange bevor sie auf Theo traf? 

Nach dem Auszug aus dem väterlichen Haus könnte man verstehen, dass sie mit Männern nichts mehr zu tun haben will. Aber sie reagiert auf Theo. Erst sporadisch und dann, als er ihr nach Belgien hinterher reist, bricht der letzte Widerstand. Doch Theo ist verängstigt, vor sich selbst. Der Dämon in ihm, greift er Netti an? In einer ersten Schlüsselszene versucht Netti, sich Theo körperlich zu nähern. Er reißt aus, sie bleibt allein im Bett zurück. Sie schreit, still. Zurückweisung, Gift für eine von Einsamkeit gepeinigte Seele. Nach Leibeskräften brüllt sie den Schmerz heraus, an das Ohr des Zuschauers dringt jedoch kein Laut. 
Netti lässt sich nicht abbringen, schließlich gelingt es ihr, Theo für sich zu gewinnen. Zärtlichkeit, Körperlichkeit, Geborgenheit - auf einmal ist alles da. Ihre Wohnung nimmt Form an, sie baden zusammen, sie haben Sex miteinander. Ist der Dämon durch die "Liebe domestiziert", wie es Georg Seeslen in der ZEIT formulierte? 

Der Trip dieser beiden von Einsamkeit zerfurchten und zerstörten Seelen, so glücklich er zu verlaufen schien, so grausam fatalistisch und zutiefst pessimistisch mündet er: Der freie Wille, es gibt ihn nicht. Netti und Theo, sie sind Getriebene der Einsamkeit. Die Leere in ihnen vermag die Liebe nicht auszufüllen. In Theo erkämpft sich der Trieb, der Dämon, der Hass seinen alten Platz zurück. Unvermittelt, unerwartet schlägt er zu. Brutaler denn je, verloren auf ewig. Gefangen? Und Netti? Sie rennt fortan einem Gespenst hinterher. Einem Lebenden, der doch schon tot ist, seelisch. 

Ave Maria, die Jungfrau in der Kirche als Vorbote für das Ende. Der Kampf gegen den Dämon, Erlösung gibt es für die Lebenden nicht. Nur die Sterbenden finden ihren Weg. Der freie Wille, zu Lebzeiten exerziert: Es gibt ihn nicht! Der freie Wille, jedoch exerziert als freiwilliger Tod, den gibt es. Ist das die Botschaft? 
Zurück bleiben Schmerz, die Leere, die Einsamkeit. Ein Schicksal, das vergewaltigte Frauen lebenslang ertragen müssen. Nur, sind sie zum Leben verflucht? Weil sie die Opfer sind? Bliebe ihnen nicht ebenso EIN freier Wille? Vergewaltigung als Mord an einer Seele, begangen von einem Menschen, den die Einsamkeit zum Unvorstellbaren treibt. 

Der Zuschauer bleibt nach langen zweieinhalb Stunden verstört zurück. Matthias Glasners DER FREIE WILLE führt in Gedankenwelten und seelische Abgründe, die man sonst freiwillig nie betreten würde. Die man verdrängt und umgeht, obwohl sie mitten unter uns sind. Eine Zumutung für viele. Das macht ihn zu einem ungeheuer starken Film und zu einem Streifen, der im Deutschen Kino momentan Seinesgleichen sucht. Das zeichnet den Film aus und ohrfeigt gleichzeitig das aktuelle Deutsche Kino.

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