Reizvolle Erzählform


DAS LEBEN, DAS ICH IMMER WOLLTE; Sehr Sehenswert mit 100%!


Schauspieler gelten mitunter als unerträgliche Zeitgenossen: Vor der Kamera unerreicht, sind sie außerhalb des Scheinwerfers hinterlistig, falsch, arrogant, impulsiv, cholerisch. Sie sind oftmals diejenigen, die das Gegenüber [MS1] sehen will. Oder spielen die Rolle, die ihnen am besten gefällt. So heißt es, so sagt man. Und wahrscheinlich ist da auch ein Funken Wahrheit dran. Interessant wird es dann, wenn zwei Schauspieler auch privat aufeinander treffen. Vor der Kamera sind sie ein Paar, und hinter der Kamera auch. Wer spielt, wer ist echt, wer liebt wirklich, und wer möchte nur geliebt werden? Um solch ein Paar dreht es sich in DAS LEBEN, DAS ICH IMMER WOLLTE.

Film-im-Film gehört zu den reizvollsten Erzählformen einer Filmgeschichte. Sie Fordert den Zuschauer heraus, er muss - sofern der Streifen gut gemacht ist - ergründen, wo die Trennlinien zwischen der wirklichen Handlung und des fiktionalen Films verlaufen. Jene reizvolle Erscheinungsform stellt auch DAS LEBEN, DAS ICH IMMER WOLLTE dar.

Guiseppe Piccioni mischt den Film-im-Film mit der Liebesgeschichte zweier Schauspieler. Herausgekommen ist ein sehr dramatischer und gleichermaßen fordernder Film: Laura ist eine Neuentdeckung, bisher hat sie lediglich wenige Kurzfilme gedreht und sich sonst eher mit sich selbst verstrickt als mit dem Film. Stefano hingegen ist ein Vollprofi. Routiniert spielt er seine Rollen, trennt sein Ich strikt von seinen Rollen: "Ich verachte diejenigen, die wirklich weinen!", wird er im Verlauf des Films antworten, als Laura ihn danach ausfragt, wie man vor der Kamera weint. "Stirbst du dann auch, wenn deine Figur stirbt?", ein weiterer Satz, der Laura klarmachen soll, wie Stefano sich und sein Spiel sieht: Alles ist Fiktion, nichts bin ich. Für Laura unverständlich, denn sie ist das, was sie spielen soll. Echte Tränen, echter Seelenschmerz, so spielt sie jene Geliebte in dem Kostümfilm, den die beiden drehen. Ihr trauriger Gesichtsausdruck, diese Authentizität, war es, der ihr die Rolle verschaffte. Gezeichnet von einem Leben ohne Halt und Balance - scheinbar. Doch wie schon erwähnt, Schauspieler neigen gelegentlich dazu, sich selbst für ihre Umwelt zu inszenieren. Stefano, er ist doch nicht so unnarrbar und kontrolliert wie es scheint? Ein anonymer Anrufer quält ihn seit Monaten mit Beschimpfungen, doch nur kurz lässt er diese scheinbaren Verletzungen aufblitzen, um sie sogleich wieder zu verdecken.

Unter diesen Vorraussetzungen ist es eigentlich unvorstellbar, dass die beiden zusammenfinden. Wer liebt hier wen oder besser was - in dem Anderen? Und wer ist wer? Den ganzen Film hindurch scheint es nicht klar: Ist nun das Spiel in ihrem Film realer, als das, was sie im realen Leben geben? Piccioni nimmt seine Zuschauer mit auf diesen wahnsinnigen Trip, setzt sie diesem cineastischen Vexierspiel der Persönlichkeiten aus, in dem Eitelkeit, Eifersucht und unstillbarer Liebeshunger die Nebenrollen geben. Das ist fantastisches Kino, getragen von hervorragenden Darstellern.

Welches ist das Leben, das da immer gewollt wurde? Und wer von den beiden sucht dieses Leben überhaupt? Scheinbar ist es Laura, die eine – erfolgreiche - Schauspielerin werden will. Oder doch Stefano, der nach einem Leben als echtes Ich, ohne Rolle und Spiel sucht? Die Frage darf sich der Zuschauer selber beantworten, denn das Ende kann nach der ganzen Geschichte nur als Andeutung verstanden werden, für etwas, das nur scheinbar klar ist. Verwirrend, aber sehr sehenswert.

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