Mut im Lesezirkel

LITTLE CHILDREN


Befragt man Wikipedia zur Romanfigur "Madame Bovary", so erhält man Informationen über eine vom Leben gelangweilte Frau, die sich in Konsumrausch und Affären vergeht und schlussendlich an den Folgen daraus zugrunde geht. Folgt man der Diskussion des Damen-Lesezirkels in Todd Fields LITTLE CHILDREN, so war die Bovary entweder amoralisch und verantwortungslos oder heldenhaft. Diese grundverschiedenen Standpunkte nehmen zwei etwa gleichaltrige Frauen ein. Eine von ihnen ist Sarah Pierce (Kate Winslet), die ihr Literaturstudium zugunsten von Ehe und Tochter abgebrochen hat. Sie lebt in dieser Vorstadt, ihr Mann ist ein gut verdienender Geschäftsmann - ihr Leben sichtlich unausgefüllt und die Ehe unterkühlt.

Es wirkt reichlich konstruiert, was Todd Field zusammen mit seinem Co-Autor Tom Perotta, von dem die gleichnamige Romanvorlage stammt, dort an Plot auf die Leinwand bringt. Und diesen Eindruck kann der Film auch bis zum Abspann nicht loswerden, er verstärkt ihn sogar. Das kann böse nach hinten losgehen, und phasenweise schrammt die Story auch haarscharf am Kitsch vorbei. Doch gelingt es Field und Perotta, dieses Manko durch eine gute Dramaturgie abzumildern und so das Geschehen bis zuletzt in der Schwebe zu halten.

Was den besonderen Reiz von LITTLE CHILDREN ausmacht, ist seine Ästhetik, die Atmosphäre und seine Darsteller; insbesondere Kate Winslet. Antonio Calvache liefert mit seiner Kamera immer wieder beinahe betörende Bilder, die tief im filmischen Raum verwurzelt sind und ein maßgebliches Alleinstellungsmerkmal dieses Streifens darstellen. So wird dieser Vorort zu einem wunderschönen, grünen, oasengleichen Flecken Erde. Man kann die Entscheidung seiner Bewohner nachvollziehen, hier leben zu wollen. Die Erlebnisse von Sarah und der zweite Handlungsstrang, der zur Mitte des Films gesetzt wird, konterkarieren diesen Eindruck wiederum nachhaltig.

Sarah manövriert sich in eine offenkundig unglückliche Situation, träumt sich hinfort in Fantasien von Affären und einem Neuanfang mit einem Anderen. Ausweglos scheint ihr das Leben, das sie hat. Sie wagt den Ausbruch, doch die Tragik folgt auf dem Fuße. Es sind ansatzweise feministische Motive, die Fields hier verhandelt, doch er wagt keine weitere Auseinandersetzung damit. Und so ist es dem vitalen Spiel seiner Hauptdarstellerin Kate Winslet zu verdanken, dass die Figur der Sarah Pierce nicht zu einer verlassenen Gestalt verkommt, sondern ihr Leben erträgt - aufrecht und mit erhobenem Haupt.

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