Böse Geister

OCTOBER COUNTRY
Unknown Pleasures #2 - American Independent Film Fest

Die Familie Mosher lebt in einem der ärmeren Landstriche im US-Bundesstaat New York, dem Mohawk Valley. Man könnte auch sagen, die Menschen, die hier leben, sie leben am Rand – am Rand der Appalachen und am Rand in vielerlei anderer Hinsicht. Das Mohawk Valley gilt als einer der ärmsten aber auch landschaftlich schönsten Teile im Staat New York - mit einer besonders hohen Arbeitslosenquote, mit vielen zerrütteten Familien und allem, was daraus resultiert; nicht nur Kriminalität. Aber es scheint, als ob dieser Landstrich schon ob seiner langen Geschichte geschlagen ist, die bis zu Massakern in der Kolonialzeit und den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs zurückreicht. Der einzige große Arbeitgeber heute ist ausgerechnet eine Waffenfabrik. Man könnte sagen - die Filmemacher und die Familie tun es - das Mohawk Valley ist von schlechten Geistern verfolgt: OCTOBER COUNTRY


Die Filmemacher: Das ist einerseits Michael Palmierie. Palmieri hat bisher vor allem Musikvideos und Werbefilme gedreht: Künstler wie Beck, The Strokes, Belle and Sebastian oder The Barvery standen vor seiner Kamera und große Labels wie Converse und Coca Cola waren seine Auftraggeber. Er kann aber auch Kollaborationen mit festen Größen wie Kameramann Christopher Doyle und den Dokumentarfilmlegenden Rob Epstein und Jeffrey Friedmann aufweisen. Und er lehrt heute am California College of Arts in San Francisco. Dort begegnete ihm auch Donal Mosher, ein Fotograf, der das Leben und die Erlebnisse in seiner Familie mit seinen Mitteln verarbeitet hat. Ein Jahr lang, von Halloween bis Halloween, verfolgten sie nun den Alltag der Familie mit der Kamera.


Familie Mosher, das sind Dottie und Don Mosher, ihre Tochter Donna, deren Tochter Daneal, und ihre Kinder Desi und Ruby. Die Familie Mosher, das ist die Geschichte eines traumatisierten Vietnam- und Desert Storm-Veteranen und seiner Ehefrau, die nach Leibeskräften versucht die Familie zusammen zuhalten.

Die Familie: „History keeps repeating itself“, sagt Dottie in einem Moment und meint ihre Tochter und Enkeltochter und deren Talent, viel zu jung an die falschen Männer zu geraten, zu jung schwanger werden und das Opfer von Missbrauch und häuslicher Gewalt. Ziemlich schonungslos und für 82 Minuten Laufzeit erstaunlich intensiv und ausführlich widmen sich die Filmemacher diesem Aspekt, der die Familie nachhaltig prägt. Neben den eigenen Kindern plagen Dottie aber auch noch andere Sorgen: Sie und Don haben einen Ziehsohn vom Jugendamt aufgenommen, Chris. Ein Teenager, dessen Liste an Vorstrafen scheinbar genauso lang ist wie die an Pflegefamilien. In den Moshers scheint er tatsächlich etwas Halt gefunden zu haben.


Die Metapher der bösen Geister, die die Moshers für ihr Unglück heranziehen, erklärt sich im Verlauf des Films von selbst. Wir erleben ein Amerika am unteren Ende der Skala, in dem Armut mit all ihren Begleiterscheinungen an der Tagesordnung ist. Paradoxerweise ist dies aber auch ein sehr patriotischer Teil Amerikas, die vielen Flaggen auf dem Friedhof sind dafür nur ein Indiz unter vielen.

Dem ganzen Elend, wenn man das so sagen will, stellen Palmierie und Mosher jedoch teils traumwandlerische, teils metaphysische und entrückte Bilder gegenüber. Sie beschwören damit natürlich die Geister-Metapher, scheinen im gleichen Augenblick aber auch den Hässlichkeiten des Lebens, denen sie und ihre Protagonisten ausgesetzt sind, etwas Schönheit entgegensetzen zu wollen. Das ist legitim und das gibt dem Film eine innere Ruhe und schafft Platz, um das eben Gesehene kurz verdauen zu können. Vielleicht erklärt sich so auch, warum man trotz der Fülle an Erlebnissen nie das Gefühl hat, diese Dokumentation würde über das Ziel hinaus schießen - quantitativ wie auch in der Beschreibung der Zustände.


„OCTOBER COUNTRY“ lässt einen für eine Weile nicht mehr los, wirkt nach und stutzt auch noch das letzte Bild eines idealisierten Amerikas auf die Realität zurecht. Eine Realität, so kann man es von Dottie lernen, in der Mitmenschlichkeit das einzige Mittel ist, um bösen Geistern zu begegnen. Aber wie sagt Dottie auch: Ich glaube nicht an Geister. Ich fürchte mich eher vor den Lebenden, als vor den Toten.


OCTOBER COUNTRY
Dokumentation
USA 2009
82' | HDCAM
Regie, Buch: Michael Palmieri, Donal Mosher
Kamera: Michael Palmieri
Schnitt: Michael Palmieri

(c) Bilder: Wishbone Films/Palmieri/Mosher/www.octobercountryfilm.com

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