Antithese zur Hoffnung

28 WEEKS LATER

Zombiefilme können unglaublich trist und banal sein. Und die Menge an verspritztem Filmblut liegt mitunter gleichauf mit der unfreiwilligen Komik des Geschehens: Beide finden sich dann auf einem höheren Level wieder. Doch Zombiefilme bzw. Splatter- und Horrorfilme verfügen über eine Qualität, die man in anderen Genres nicht findet. Und dabei spielt es zur Abwechslung keine Rolle, ob es sich dabei um eine Großproduktion a la Hollywood handelt, oder um kleine Filmkunst aus Südkorea oder Deutschland: dem Genre der Splatterfilme scheint ein feiner Seismograph für gesellschaftliche Ausnahme-FEHL-entwicklungen innezuwohnen. Schnell und unverblümt thematisieren und implementieren sie jene Themen, die in der schnellebigen Medienwelt unter der Rubrik "It bleeds, it leads" zusammengefasst werden: Mord, Terror, Krieg, Folter und Seuchen! Die Menschheit jenseits der zivilisatorischen Decke, die unser Zusammenleben überhaupt erst ermöglicht; das ist das Thema. In jüngster Vergangenheit, genauer seit 9/11 und dem Irak-Feldzug, kann man eine Flut neuer Splatterfilme in den Kinos beobachten. Fast ausnahmslos kommen sie aus den USA, dem Filmland, das neben Japan abonniert auf jenes Gruselkino zu sein scheint.



Wo im Jahr 2006 die Neuverfilmung von THE HILLS HAVE EYES noch dem mordlüsternden Outlaw irgendwo im Nirgendwo huldigte, der junges Gemüse nach Herzenslust meuchelte, setzte HOSTEL 2005 bereits markant andere Töne: Der Folterfilm war zurück. Und der Skandal um Gefangenenmißhandlungen im US-Gefängnis Abu-Ghuraib noch nicht wirklich verdaut; Guantanamo erst recht nicht. Aber schon 2002 ebnete ein Streifen diesen Splatterfilmen den Weg zurück auf die Leinwände der Multiplexe: 28 DAYS LATER, Danny Boyles apokalyptischer Zombiefilm. Militante Tierschützer befreien Affen aus einer Forschungsanstalt, nicht wissend, dass diese Tiere einen tödlichen Virus in sich bergen. Einmal mit dem Virus in Kontakt, verwandeln sich Menschen binnen Sekunden in blutrünstige Untiere, die alles meucheln, was ihnen in die Quere kommt. Binnen 28 Tagen ist die Millionenstadt London ausgestorben.

28 Wochen später. Von den ehemals 60 Millionen Menschen, die das Vereinigte Königreich bevölkerten, hat kaum jemand überlebt. Lediglich einige Hundert, die sich zur Zeit des Ausbruchs im Ausland befanden, sowie Wenige, die sich verstecken konnten, kehren in einen streng abgeriegelten Bereich der Londoner Innenstadt zurück. Das US-Militär unter NATO-Mandat hat England besetzt und in London eine sichere, grüne Zone geschaffen, in der die restlichen Briten den Neuanfang wagen sollen. Rundherum gilt die Insel weiterhin als unbewohnbar, wenngleich der letzte Infizierte – mutmaßlich - vor Monaten verhungert ist. Unter den Zurückkehrenden ist auch ein junges Geschwisterpaar, Andy und Tammy Harris. Ihre Eltern, Don und Alice Harris, konnten bis zuletzt versteckt auf der Insel überleben, bis auch sie überfallen und ihre Mutter infiziert wurde, während ihr Vater in letzter Sekunde vor der Horde von Menschenmonstern flüchtete. Regisseur Juan Carlos Fresnadillo lässt seinen Film mit jener Sequenz des Überfalls beginnen und setzt hierbei die Hauptthemen des Films fest: Blut und Flucht. Wer nicht schnell genug flüchtet, wird zum Blutspeienden, wilden Monster. Eine formale Auffälligkeit des Streifens drängt sich schon hier in den Vordergrund, nutzt Fresnadillo doch Kameraflüge mit besonderer Vorliebe für seine Inszenierung.

Der Vater der Kinder arbeitet jetzt als Hausmeister in der grünen Zone. Die beiden Geschwister werden von der jungen Militärärztin Scarlet in Empfang genommen, die schockiert darüber ist, dass auch Kinder zurückkehren dürfen. Und sie hat guten Grund schockiert zu sein. Die Kids brechen aus der Hochsicherheitsfestung aus, um ihr altes Wohnhaus aufzusuchen. Doch die menschenleer geglaubte Stadt hält auf dem Dachboden ihres Elternhauses eine Überraschung parat, die das ganze Projekt des Neuaufbaus zu Nichte macht. Und wie zu Beginn heißt es erneut, entweder du flüchtest, oder du siehst Blut. Haken an der Sache ist, die Kinder und ihre Ärztin müssen vor jedem flüchten: Dem Militär und den frisch Infizierten, darunter auch ihr Vater.
28 WEEKS LATER knüpft souverän an seinen Vorgänger an. Dem jungen Regisseur Juan Carlos Fresnadillo gelang hierbei ein beunruhigender, blutiger Schocker, der filmästhetisch einige Schauwerte anbieten kann. Kameraflüge beherrschen den Film und geben dem Zuschauer immer wieder Verschnaufpausen vom Grauen auf den Strassen. Bezeichnenderweise wird ein Helikopterpilot einer der letzten Überlebenden und Rettung sein. 

Doch Fresnadillo und seine Co-Drehbuchautoren demontieren auch diese Sicherheit schlussendlich bis aufs Blut. Sicherheit gibt es in diesem Streifen einfach nicht, weder für die Protagonisten noch für den Kinogänger. Die Bedrohung ist zu fundamental und jenseits militärischer Beherrschbarkeit. Wenn die Befehlshaber den Befehl zum Abschuss allen menschlichen Lebens geben, ganz egal ob mit dem Wut-Virus infiziert oder nicht, sind auch sie längst zu Monstern mutiert. Und das ganz ohne Virus im Blut. Ihr Virus heißt Angst und der setzt alle zivilisatorischen Mechanismen außer Kraft; entweder Du oder Es. Der Weg zu Bildern aus dem in Anarchie versinkenden Irak, ist im Kopf des Zuschauers nur noch ein kurzer. London geht in Flammen auf und bald ist der Rauch des Feuers von Giftgaswolken nicht mehr zu unterscheiden. Fresnadillo präsentiert diese apokalyptische Vernichtungsorgie erneut im Kameraflug, um dann aber doch klaustrophobisch zu werden: Die Kinder treffen auf ihren Vater, mitten in einem dunklen, mit Skeletten gesäumten U-Bahnhof. Und der Film kehrt quasi zum Anfang zurück, als ein kleiner Junge vor den Zombies im Versteck von Don und Alice Harris Schutz sucht: Seine Eltern sind auf der Jagd nach ihm. Kurz darauf übernehmen Stakkatoschnitte die Leinwand.

28 Monate später sollte es keinen Kinofilm mehr geben. Dieses Endzeit-Doublefeature aus 28 DAYS & 28 WEEKS LATER hat das Zeug zum zukünftigen Genreklassiker. Jede Fortsetzung würde dies ruinieren. Denn, wenngleich Fresnadillo und Co. eine unzweifelhaft heftige, beklemmende Geschichte vorlegen, sind die Limits des Grundplots bereits wahrnehmbar. Zombie bleibt eben Zombie, ganz egal, welchen Virus er in sich trägt und wie viele er tötet. Und höher als auf die Konfrontation von Eltern gegen die eigenen Kinder kann man Personenkonstellationen nicht mehr treiben, ohne dabei ins Aberwitzige abzustürzen.
Ein Virus, von Affen übertragen (AIDS und SARS grüßen aufs Schrecklichste), ein Land - eine der führenden Nationen der Welt - geht unter. Die Insel Groß Britannien als Menetekel. In Alfonso Cuaróns Endzeit-Epos CHILDREN OF MEN gab es wenigstens noch Hoffnung. Aber hier ist alles zu spät, hier hat selbst die Hoffnung nur Apokalypse im Gepäck. Sehenswert!

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