Subversive Melancholie

THE SOCIAL NETWORK

Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) | (c) Sony Pictures Germany 2010

Wie kommt man als Regisseur einem Phänomen bei, dass die jüngere Geschichte des Internets und der Menschen die das Netz nutzen so dermaßen prägte und prägt, wie facebook? Wird man politisch, versucht man auf dramatische Weise eine Geschichte ala, „das sind sie Folgen von facebook“ zu erzählen? „Schau her, liebes Kinopublikums, so ist es!“ Als Regisseur und auch als Drehbuchautor kann man sich daran eigentlich nur verheben, denn das Phänomen facebook ist in seiner Tragweite kaum abschätzbar. Ob und wenn ja, welche Implikationen facebook für die Zukunft der Kommunikation haben wird, ist ebenfalls kaum abzusehen. Darüber hinaus ist facebook, wie das Internet an sich, reichlich unhaptisch und damit erst recht für Film schwer greifbar. Ein Monitor mit einem blauen Interface ist eben nur ein Monitor mit einem blauen Interface, auch auf einer Kinoleinwand. Und rieselnde Zahlenkolonnen von Grün auf Blau umzufärben, trauen sich selbst die Freizeit-Regisseure auf Youtube nicht.

Regisseur David Fincher und Drehbuchautor Aaron Sorkin haben sich bei ihrem Film THE SOCIAL NETWORK für einen denkbar einfachen und kinotypischen Weg entschieden. Sie erzählen über die Entstehung von facebook mittels Personen, mittels Köpfen und Schicksalen. Die Einstiegssequenz gibt die Richtung vor. Der junge Student Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) sitzt zusammen mit seiner Freundin in einer Kneipe. Die beiden verstricken sich heillos in einen Wortwechsel, in dem Mark irgendwann den Faden verliert und seine Freundin vor den Kopf stößt. Sie kündigt ihm daraufhin kurzerhand die Partnerschaft auf. Diese Sequenz dauert einige Minuten, sie besteht aus einem beständigen Wechsel von Schnitten und Gegenschnitten, ein regelrechtes Wortgefecht. Gefrustet flitzt Mark Zuckerberg danach allein über den Uni-Campus nach Hause. Die Kamera verfolgt ihn auf dem recht langen Weg, genug Zeit für den Vorspann. Irgendwann blendet sich im Bild ein kleiner, blauer Balken ein und der Schriftzug „The Social Network“ erscheint. Eigentlich ist in diesem Moment alles gesagt.

Eduardo Severin (Andrew Garfield) & Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) | (c) Bild: Sony Pictures Germany 2010

Was folgt sind 121 kurze Minuten aus dem Leben eines Wunderkinds, das heute als Arschloch und Milliardär da steht und dessen Produkt von ganzen Nationen tagtäglich genutzt wird. Man muss sich diese Dimensionen im Film immer wieder in den Kopf zurückrufen, denn eigentlich sehen wir die ganze Zeit nur ein unglaublich gut inszeniertes, aber simples Campus-Movie; Nerds und Streber unter sich. Die Nachwuchselite, mit reichen Eltern, mehr Intelligenz als Empathie und haufenweise menschlichen Leichen unterm Bett. Gebrochen wird das Treiben durch zwei Parallelmontagen, in denen sich Mark Zuckerberg in Anhörungen den Klagen seines Ex-Kompagnons Eduardo Severin (Andrew Garfield) und ehemaliger Kommilitonen erwähren muss.

Den Mikrokosmos der Elite-Kaderschmieden fand Hollywood schon immer anziehend. Aber mehr noch ist hier ein Regisseur fasziniert von solchen isolierten Phänomenen. David Finchers Filme leben vom Einbrechen IN und Austellen VON abgeschlossenen Territorien, ganz egal ob fiktiv oder nicht. Sei es der FIGHT CLUB, sei es die unfreiwillige Partnerschaft zweier Polizisten im Angesicht des Grauen in SIEBEN oder die wahnhafte Suche nach einem Serienkiller in ZODIAC. Diese Inseln des Wahnsinns ziehen Fincher magisch an. In THE SOCIAL NETWORK gieren die einen nach Ruhm und Geld. Die anderen, allen voran die Filmfigur Mark Zuckerberg, sind besessen von der eigenen Idee und von der Genialität mit der sie ihre Idee auch noch umsetzen können. Extreme Charaktere und Gestalten: Man merkt dem Film an, dass sich sein Regisseur wie im Paradies gefühlt haben muss.

Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) | (c) Bild: Sony Pictures Germany 2010 

Dramaturgische Perfektion, grandiose Dialoge, schwindelerregende Filmmusik, eine knisternde innere Spannung und eine leise und geradezu subversive Melancholie prägen diesen Streifen. Insbesondere die Melancholie ist es, die diesen Film so stark macht. Sie lässt die donnernde Hybris der Super-Egos in diesem Film platzen und verlinkt den Film somit in die Realität vor der Leinwand: Unsere Egos führen unsere Profile auf facebook und Co., sie machen uns zu Selbstdarstellern und freiwilligen Exhibitionisten. Und sie ignorieren dabei effektiv, wie erbärmlich einsam man in Gegenwart von Hunderten virtuellen Freunden sein kann. David Finchers THE SOCIAL NETWORK und dessen Filmfigur Mark Zuckerberg rufen unüberhörbar in Erinnerung, wie sich diese Einsamkeit anfühlt. Ein großartiges Stück Kino!

THE SOCIAL NETWORK
USA 2010
121 Minuten
Regie: David Fincher
Buch: Aaron Sorkin
Buchvorlage: Ben Mezrich (Buch "The Accidental Billionaires"/"Milliardär per Zufall")
Kamera: Jeff Cronenweth
Musik: Trent Reznor & Atticus Ross
Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall
Darsteller: Jesse Eisenberg (Mark Zuckerberg), Andrew Garfield (Eduardo Saverin), Justin Timberlake (Sean Parker), Joseph Mazzello (Dustin Moskovitz)

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