Leuchtende Dunkelheit

GNADE
Berlinale 2012 _ Wettbewerb

Eine Familie zieht um - von Deutschland nach Hammerfest, in Nord-Norwegen. Dort oben, weit über dem Polarkreis, sehen die Sommer keine Nächte und die Winter keine Tage. Die Stadt schmiegt sich in einen kleinen Streifen zwischen weiten Hügellandschaften und der schroffen Küste des Polarmeers. Hier bekommt Niels einen Job als Ingenieur in der Montanindustrie. Dieses Mal nimmt er seine Frau und seinen Sohn mit, es ist nicht nur eine Reise auf Montage. Es ist ein Umzug, eine umfassende Veränderung des Lebens der Drei. In den ersten 30 Minuten verfolgen wir, wie sie sich allmählich einleben. Und wir können beobachten, dass es in der Ehe von Niels und seiner Frau Maria kriselt. Niels fängt eine Affäre mit einer Arbeitskollegin an, Maria verkriecht sich in Doppelschichten. Sie arbeitet als Sterbebegleiterin im örtlichen Krankenhaus.


Es ist arktische Nacht, Polarlichter stehen am Himmel, Maria fährt allein nach Hause, links und rechts türmt sich der Schnee, plötzlich ein lauter Rums. Maria stoppt, blickt in den Rückspiegel, nichts zu sehen. Sie fährt weiter. Zu Hause angekommen ist sie völlig aufgelöst: Hat sie einen Hund angefahren? Vielleicht sogar einen Menschen?
Niels steht auf, fährt die Straße ab, begeht den mutmaßlichen Unfallort. Auch er findet nichts. Einen Tag später taucht in den Lokalnachrichten die Meldung einer toten 16-jährigen auf, die Opfer eines Autounfalls wurde. „So jemand bin ich nicht.“ – sagt Maria mit leicht hysterischem Unterton zu ihrem Mann. Sie beschließen, den Vorfall zu vergessen. Niemand soll etwas erfahren, auch nicht ihr Sohn. Doch ihr Sohn, Marcus, hat den Vorfall längst registriert.


GNADE von Matthias Glasner fällt zunächst durch seine Optik auf. Hochglanzoberfläche. Ausgedehnte Kameraflüge, Cinemascope, große Panoramen der eindrucksvollen Naturkulisse. Viel Arbeit mit verschiedenen Lichtstufen – solch immens leuchtende Düsternis ist auf der Leinwand selten zu bestaunen. Staunen ist ein angebrachtes Wort, denn einer positiver Aspekt an GNADE sind die Schauwerte. In Filmkritiken ist es müßig, sich darüber Gedanken zu machen, wie ein Film hätte sein können. Dieses Textgenre tut gut daran, nur zu verhandeln was das Bewegtbild hergibt. Nur führt das bei vielen Filme zu einem höchst unerfreulichen Ergebnis.


Daher an dieser Stelle ein kleines Spiel mit der Frage, was dieser Film geworden wäre, hätten die hervorragenden Darsteller und das Team ein anderes Drehbuch gehabt? Lassen wir die Figurenkonstellation bestehen, fokussieren wir uns auf den Sohn. Marcus. Er belauscht seine Eltern, filmt sie mit seinem Handy. Verrät er sie, erpresst er sie? Schweigt er, reagiert er sein Mitwissen an ihnen ab? Oder streichen wir den Unfall. Konzentrieren wir uns auf die Probleme, die der Familie aus ihrer Entwurzelung und der Konfrontation mit dieser menschenfeindlichen Umgebung entstehen könnten. Vielleicht fokussieren wir uns auch auf die weibliche Hauptfigur. Sie arbeitet auf einer Hospizstation. Nehmen wir an, die 16-Jährige wäre eine von ihr zu betreuende Patientin. Überlegen wir, dass sie zu dieser sterbenden jungen Frau eine unangemessen enge nicht-sexuelle Beziehung aufbaut, dass sie sich in etwas hineinsteigert. Und dafür ihren Sohn und ihren Ehemann vernachlässigt oder gar auf Konfrontation zu ihnen geht. Schon kleine Verschiebungen der Tonlage, Veränderungen um Nuancen hätte diesen Film vielleicht in etwas ganz anderes verwandeln und somit retten können.


GNADE läuft 132 Minuten. Und es gibt viel zu viele Punkte, an denen man als Zuschauer das Bedürfnis verspürt, diesen Film zu verlassen. Man will in diesem Werk nicht bleiben. Man bleibt trotzdem, hofft auf etwas das diesen grandiosen Bildern einen Sinn verleiht – jenseits ihrer Eigenschaft als Leinwand-Zierde. Regisseur Matthias Glasner und Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson bleiben das schuldig. Ihr Film entwickelt sich stattdessen zu einem hochgradig codierten christlichen Traktat. Mutter, Vater, Kind – die Kernfamilie im Angesicht einer geradezu biblischen Bedrohung führ ihre Integrität. Hineingeworfen in eine zugleich apokalyptische wie himmlische Kulisse. Das Trauma der eigenen Schuld führt ihre entgleisten Leben wieder zueinander. Maria als zentrale Protagonistin. Sie hilft den Sterbenden auf ihrem letzten Weg und rühmt sich, jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen. Da muss doch irgendeine Form von Ablass möglich sein, ein kleines Wunder vielleicht? Maria singt im Kirchenchor. Und Matthias Glasner scheint von diesem Chor, von diesem mächtigen Bild berauscht zu sein. Die Wege seiner Figuren, Maria & Niels hier, die Eltern des Unfallopfers dort, kreuzen sich genau an diesem Punkt stets aufs Neue.

Der Unfall geschieht in arktischer Nacht, die weitere Handlung vollzieht sich im Wechsel der Jahreszeiten, weg vom Dunkel hin zum Sommer; hin zum Licht. Der Film schließt an Midsommar - dem höchsten Tag, dem längsten Tag. Das ewige Licht als Rettung aus der Finsternis. Zum Glück errettet einen irgendwann auch die Beleuchtung des Kinosaals aus diesen zwei endlosen Stunden filmischem Gottesdienst.

GNADE
Deutschland/Norwegen 2012
132 Minuten
35 mm, DCP, Farbe
Regie: Matthias Glasner
Buch: Kim Fupz Aakeson
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Schnitt: Heike Gnida
Musik: Home Sweet Home
Produzenten: Kristine Knudsen, Matthias Glasner, Andreas Born
Darsteller: Jürgen Vogel, Birgit Minichmayr, Henry Stange, Ane Dahl Torp
Festival: Berlinale 2012
Verleih: Alamode Film
(c) Bilder: Alamode Film/Jakub Bejnarowicz

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