Dziga Vertovs Erben

За Маркса...
FOR MARX...
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Männer sammeln sich auf der Straße, reden über dies und das. Ein kleiner Bus fährt vor, sie steigen ein. Im Bus gehen ihre Unterhaltungen nahtlos weiter. Ein alter Mann, im Rentenalter, erzählt von Naturfilmen im Fernsehen. Die Bisons sind in Russland vom Aussterben bedroht. Ein anderer Mann lacht halb höhnisch: "Du gehörst auch auf die rote Liste, Onkel Kolja!" Arbeiter auf dem Weg in die Fabrik. Der Bus stoppt, ein weiterer Mann steigt zu. Kaum losgefahren, beginnt dieser über die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft zu sprechen. Seine Kollegen scheinen skeptisch. Die Stimmung im Bus kippt schlagartig von lockerem Beisammensein zu stiller Anspannung. "Wir müssen zusammenhalten, uns zusammenschließen." In diesem Mikrokosmos des Busses scheint nichts weiter entfernt als das.


Dieser Film will sich zunächst nicht so recht erschließen. Die ersten knapp 15 Minuten folgt die Handkamera den Männern an ihre Arbeitsplätze. Drecksarbeit im Wortsinne, in einer anachronistischen Stahlkocherei. Industrielle Vorhölle. Menschen als fragile Kleinstorganismen in einem infernalischen Labyrinth. Die Analogien zur Hölle drängeln sich regelrecht in den Kopf. Plötzlich, Umschnitt. Eine aseptische Büroetage, die Kamera nimmt an einem großen Verhandlungstisch Platz. Zwei gestriegelte jüngere Männer im Business-Anzug sitzen an der Spitze des Tisches. Einer spielt hyperaktiv mit seinem Mobiltelefon, ein Chef. Der Andere, ein Assistent, hat die Papiere unterm Arm. Demutsgesten und schmallippiges Aufzählen von Problemen im Werksalltag: Radioaktiv verseuchter Müll des russischen Militärs braucht eine Ausfuhrgenehmigung. Dafür sind Papiere nötig, die natürlich nicht existieren. Den schnöseligen Boss, die simple Bezeichnung "Boss" passt auf diesen Charakter perfekt, interessiert das alles nur am Rande. Sein Interesse gilt einer anstehenden Auktion von Kunstgemälden in London. Avantgarde. Er braucht Geld für die Auktion. Teure Kunst bedeutet Status, Status bedeutet Macht. Demnächst kommen "die Deutschen" zu Besuch, ein teurer Deal soll abgeschlossen werden. Der Konferenzraum braucht mehr Gemälde. Eine einfache Gleichung. Plakativer Populismus, der zunächst so gar nicht zur vorher erlebten Welt der Arbeiter passen will.


ZA MARKSA... - FOR MARX, Svetlana Baskovas Film über Stahlarbeiter im russischen Raubtierkapitalismus dieser Tage, lässt diesen offenen Widerspruch nur langsam erodieren. Zu sehr ist sie selbst sichtbar fasziniert von dieser krassen Gegensätzlichkeit, die eine verführerische Eindrücklichkeit auf der Leinwand entwickelt. Hintergrund dieses Films ist eine aufkeimende neue Gewerkschaftsbewegung im heutigen Russland. Arbeiter überall im Land schließen sich zu unabhängigen Gewerkschaften zusammen und fordern das oligarchische Wirtschaftssystem genauso heraus wie den russischen Staat. Der bekanntlich Bürgerrechte weit unten auf seiner Agenda stehen hat. Svetlana Baskova bemüht allerlei legendäre Heilige der Arbeiterbewegung und generell der Linken der vergangenen knapp 100 Jahre, um ihrem Film einen intellektuellen Überbau zu verpassen. Marx ist dabei nur eine entfernte Chimäre. Vielmehr stehen Godard, Pasolini und Althusser im Raum. Godard und die Nouvelle Vague sind im Film mehrfach erwähnt. Dziga Vertov lässt grüßen. Die Arbeiter haben einen Filmklub gegründet, sie zeigen Klassiker des politischen Films der späten 60er. Keinen politischen Film machen, sondern Film politisch machen - Godards geflügeltes Wort scheint Svetlana Baskovas Richtschnur beim Dreh zu ZA MARKSA... gewesen zu sein. "Neo-Sowjetischen Film" nennt sie das nun. Ein worthülsige Phrase. Eigentlich unnötig, die Botschaft vermittelt sich ganz und gar durch die filmischen Mittel.


Frappierend ist die Liebe, mit der Svetlana Baskova ihre Arbeiter ins Bild rückt. Eine Liebe, die sich schnell auf den Zuschauer überträgt. Drei unscheinbare Männer, die die Zustände einfach nicht mehr aushalten. Lohnkürzungen, dreckige Luft, mieses Kantinenessen, ausstehende Löhne, veraltete Technik. Regelrecht verloren sitzen sie abends in der entvölkerten Fabrik und diskutieren genauso naiv wie zuversichtlich ihre Strategien. Die Theorie der Geschichte Russlands als eine Geschichte des Klassenkampfs, dient ihnen genauso als Inspirationsquelle wie die Filme der Nouvelle Vague. In euphorisierend langen, teils ungeschnittenen Einstellungen verfolgen wir die Drei bei ihren Diskussionen und den mäßig erfolgreichen Versuchen, die Kollegen zum Eintritt in die neue Gewerkschaft zu überreden. Bloß keinen Ärger machen. Den Job nicht riskieren, egal wie mies er ist.

Stück für Stück nimmt ZA MARSKA... die Form einer tragischen Fabel an. Eine Fabel über den Kampf darum, die eigene Würde im Angesicht unerträglicher Zustände nicht zu verlieren. Festgehalten in winterlich dreckigem Grau. Jedes Mal, wenn die Kamera angewidert den Blick in die Chefetage wirft, wird deutlicher das diese Drei keine Chance haben. Die bittere Fabel wandelt sich zur blutigen Farce und findet ihren Kulminationspunkt in einem verstörenden Finale. Zurück bleibt einzig und allein ein Traum: Ein Traum von Hoffnung, dass es vielleicht irgendwo in diesem Russland doch noch etwas Hoffnung gibt.


За Маркса...
FOR MARX...
RU 2012
100 Minuten
DCP, Farbe
Regie & Buch: Svetlana Baskova
Kamera: Maksim Moskin, Egor Antonov
Schnitt: Victoriya Pavlovskaya
Ton: Kirill Vasilenko
Produzenten: Andrey Silvestrov, Gleb Aleynikov, Anatoly Osmolovsky
Darsteller: Sergey Pakhomov, Vladimir Epifantsev, Victor Sergachev, Lavrenty Svetlichny
(c) Bildmaterial: Berlinale 2013/Cine Fantom

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