17. Juni 1953 - Brecht, Müller und die Arbeiter von Ost-Berlin

"Fanatische, hagere, glühende Gesichter"

1987 traf der Schauspieler, Regisseur, Verleger Hans Zischler den Dramatiker, Essayisten, Prosa-Autor und Theater-Regisseur Heiner Müller zu einem Gespräch in West-Berlin. Zischler schnitt das Gespräch zu privaten Zwecken auf Video mit.

Mehr oder minder aus Anlass der bevorstehende 750 Jahr-Feier der Stadt Berlin, gab Müller in dem Gespräch Auskunft über seine Wahrnehmungen von Berlin im Zuge der Jahrzehnte. Angefangen von seinem illegalen Umzug nach Ost-Berlin 1951 bis zu seiner Begleitung von Berthold Brecht und dessen Wirken & Wirkung am Berliner Ensemble.

[flickr/jwpriebe (CC BY-NC 2.0)]

Im Gespräch nimmt der 17. Juni 1953 einen prägnanten Platz ein, haben doch sowohl Müller als auch Brecht die sog. Arbeiteraufstände in Ost-Berlin vor Ort miterlebt. Doch beide teilten offenbar eine völlig andere Wahrnehmung dieser Aufstände, als sie heute von der gesamtdeutschen (also defakto westdeutschen) Erinnerungskultur gepflegt wird.

Im folgenden das Transkript der Gesprächspassagen zum 17. Juni 1953. Entnommen habe ich dieses Gespräch dem äußerst empfehlenswerten mp3-Sammelband "Müller MP3 - Heiner Müller Tondokumente 1927 -1995", erschienen im Alexander Verlag Berlin/Köln 2011.

"Genuß der Entwurzelung" - Heiner Müller und Hans Zischler im Gespräch (Auszug)

...über die illusorischen Wunschvorstellungen Brechts von der Arbeiterklasse und das Erleben des 17. Juni 1953...

Zischler: Die Klasse formiert sich entweder auf eine Weise, die unvorhersehbar ist, bspw. in einer militärischen Maskierung wie 1918/19. Oder sie wird verheizt wie 1939 - 1945 - als Klasse. Oder sie taucht nicht mehr auf, also die Gewerkschaft repräsentiert sie ja nur in dem Maße, wie eine Stellvertretung überhaupt möglich sein kann. Wenn also die einzelnen Arbeiter ausgeblieben sind [zu Aufführungen im BE, die Brecht extra für Arbeiter reservierte und zu denen dann kaum ein Arbeiter erschien.] hatte das sicher unmittelbar einleuchtende Gründe. War denn der Wunsch Brechts einfach nur wirklichkeitsfern oder was drückte der Wunsch aus, oder was verkannte dieser Wunsch Brechts?


Müller: Zum Beispiel: Ganz deutlich wurde das 53, bei den Ereignissen so um den 17. Juni, dass die Arbeiterklasse ja etwas Zusammengesetztes und ein sehr merkwürdiges Gebilde war in der DDR. Schon dadurch, die Sowjets haben unmittelbar nach dem Krieg alle Nazis, denen keine Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden oder nachgewiesen werden konnten auf den Bau geschickt. Die Bauarbeiter waren vor 1933 die am meisten kommunistisch Orientierten. Die hatten also auch die größten Verluste.

Es wurde natürlich hauptsächlich Bauarbeit gebraucht, also Enttrümmerung und Wiederaufbau. Und nun wurden die wieder aufgefüllt mit Nazis; mit Studienräten, Offizieren usw. Die hatten dadurch große Privilegien. Sie hatten eine Schwerstarbeiterkarte, also hohe Lebensmittelrationen, sie wurden besser bezahlt als Andere, ihre Kinder waren Arbeiterkinder und durften bevorzugt studieren. Also, dass die allen Grund hatten, dabei zu bleiben, solange es eben ging.

Das ist ja fast ein lamarckscher Sprung.

Ja ja. Dadurch ist Arbeiterklasse was ganz Anderes in dem Zusammenhang. Das wurde dann ziemlich deutlich am 17. Juni 53 ... Diese Demonstrationen, die dann in diesen - ja, wie soll man es nennen - die dann in diesen halben Aufstand übergingen, die fingen in der Karl-Marx-Allee an; also bei den Bauarbeitern. Und da waren eben auch Kommando-gewohnte Offiziere dabei, die das in die Hand kriegten.

Und was den Brecht damals sehr fasziniert hat und was ich selber auch beobachten konnte - ich war in den ersten Tagen im Zentrum, habe mir das sehr genau angesehen - es war eigentlich ein faszinierendes Schauspiel. Vor allem wie dieser Umschlag ... wie plötzlich aus einer Demonstration mit absolut berechtigten Forderungen ...

Welche waren das?

Mü: Zurücksetzen der Normen. Die waren aber schon am Tag vorher zurückgenommen worden. Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, also eigentlich ein ganzes Gorbatschow-Programm. Und wie das nun allmählich umschlug in Hetze ...

[flickr/m.joedicke (CC BY-NC-SA 2.0)]

Waren das auch traditionelle Arbeiterforderungen?

Das waren traditionelle Arbeiterforderungen. Und natürlich artikuliert oder kombiniert mit einem Vokabular, das von hier kommt, also vom Westen. Die ja dauernd Input gemacht haben. Und der Output war dann eine Mischung alter Arbeiterforderungen und RIAS-Vokabular.

Der Westen sendet, der Osten empfängt.

Mü: Ja, das kann man so sagen. Ein Charakteristikum war allerdings auch, dass die Studenten gerade Semesterferien hatten. Es gab keine Intellektuellen dabei.

Semesterferien heißt, sie waren?

Sie waren nicht da. Sie waren Zuhause. Irgendwo. Nicht in Berlin jedenfalls. Es fehlte also ganz dieser intellektuelle Anteil. Später, als sich die Studenten dann mal bewegten, waren die Arbeiter nicht anwesend. (Lacht trocken.)

Aus anderen Gründen, nicht aus Feriengründen.

Ja. Aber interessant war eben dieser Umschlag. Und der Brecht hat es ganz gut formuliert: Was er gesehen hat - sicherlich auch aufgrund seiner Biografie vergrößert gesehen hat - war, das Wiederauftauchen der vier Gesichter in dieser Menge von einem Punkt an. Auch natürlich angeheizt von hier (vom Westen).

Und da sah man plötzlich so Redner aus der Masse aufsteigen, mit dem bekannten fanatischen, hageren, glühenden Gesicht, die dann forderten, dass die Funktionäre aufgehängt werden usw. Das war dann der Umschlag und da war dann nichts mehr, keine Diskussion mehr möglich und keine Einigung.

Hätte es einen Punkt gegeben - hypothetisch gefragt, auch wenn man Geschichte nicht hypothetisch fragen kann - wo man ...

Es hätte ohne den westlichen Einfluss einen Punkt gegeben, wo man hätte reden können. Aber das war nicht mehr möglich, durch einen wirklich massiven West-Schub, der dazu kam.

Wiki-commons/Bundesarchiv (CC-BY-SA)

Aber der West-Schub war in erster Linie medial?

Er war nicht nur medial. Es kamen ganze Kolonnen auf Fahrrädern ... Das waren die einzigen Jugendlichen die beteiligt waren übrigens, die aus West-Berlin kamen. Die spielten die unterdrückte DDR-Jugend.

( ... )

Die Abwesenheit von Intellektuellen bei der Juni-53-Story ...

Ja, dadurch waren die eben angewiesen auf die Fremdsprache aus dem Westen. Oder auch auf die Leute mit der Führungsqualität aus ihrer Nazi-Biografie.

( ... )

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