Berlinale 2014 - Bulletin (4) - THE MONUMENTS MAN - NYMPHOMANIAC 1 - IS THE MAN WHO IS TALL HAPPY?

NYMPHOMANIAC, Lars von Trier; (c) Zentropa/Berlinale 2014
Nymphomaniac - Lars von Trier | (c) Zentropa/Berlinale 2014

Geroge Clooneys Oevre als Regisseur umfasst bisher fünf Filme. Davon ragen drei Werke mit intellektueller Schärfe und Engagement heraus. THE MONUMENTS MAN ist hingegen Clooneys schlechtester Streifen bisher. Die Grundlage der Geschichte, eine Spezialeinheit der US-Army ermittelte und sicherte noch während des laufenden 2. Weltkriegs von den Nazis gestohlende Kunstschätze, ist faszinierend. Aber Clonney gewinnt daraus lediglich ein erschreckend dürres und fahriges Drehbuch, dessen Kernmotive sich auf ehrenhaftes Geflitter honoriger Männer und die Heroisierungen der US-Army beschränken. Dazwischen werden wohlbekannte Klischees aus Hollywoods Nazi-Mottenkiste wiedergekäut. Bis in die Nebenrollen ist THE MONUMENTS MAN fantastisch besetzt, eine Verbindung zu den Figuren entwickelt sich deshalb noch lange nicht. Darsteller wie Cate Blanchett, John Goodmann oder Bill Murray benötigen Charaktere mit Tiefe, um gute Arbeit leisten zu können. Was Clooney ihnen jedoch vorlegt ist banal und führt bei diesen Darstellern sichtbar zur Langeweile. Als Endergebnis steht eine tumpe Militärklamotte auf den Spuren von Quentin Tarantino - lediglich von blutigen Gemetzeln bleibt man verschont. Wenigstens das. (Wettbewerb)

Die Leinwand bleibt zunächst Schwarz, auf der Tonspur tropft und rauscht es regnerisch. Langsam öffnet sich das Bild, die Kamera erkundet einen schäbig-düsteren Hinterhof, schaut Wasser beim Fließen und Tropfen über dreckige Wande und rostiges Metall zu. Friedlich, fast kontemplativ wirkt diese Szenerie. Eine blutverschmierte Hand kommt für einen Augenblick ins Bild, plötzlich bricht die Szene ab und Lärm füllt das Kino aus. Rammstein. In den folgenden 144 Minuten lernen wir Joe kennen. Eine junge Frau, sichtbar geschunden doch wir wissen nicht warum. Ein älterer Mann liest sie aus dem schäbigen Hof auf, bereitet ihr Zuhause Tee und ein Bett. Seligman. Er will wissen was passiert ist, sie warnt vor einer langen Geschichte, was Seligman nicht stört. Sie warnt davor, dass diese Geschichte schmutzig ist und sein Bild von ihr stark verändern wird. Sie sagt, sie sei eine Nymphomanin, ein unmoralisches, verlottertes Wesen. Seligman widerspricht, er will wissen was passiert ist. Die Geschichte beginnt. Es folgen Rückblenden, viele Rückblenden, die Lars von Trier in seinem Werk NYMPHOMANIAC 1 kapitelweise unterteilt und durch Diskussionen zwischen Joe und Seligman unterbricht. Dieser Film ist Erzählkino - wortwörtlich. Lars von Trier geht formal beinahe bieder an die Sache heran und kommt doch zu einem fulminanten Resultat. Immens verwoben mit Metaphern, Querverweisen und Remineszenen scheint NYMPHOMANIAC 1. Man muss diesen Film eigentlich mehrfach sehen, um ihn restlos zu durchdringen. Erstaunlich genug, entsteht dabei aber kein verkopftes Traktat, wie man es bei von Trier auch befürchten könnte. Nein, dieser Film kommt auf frappierende Weise leichtfüßig, unterhaltsam und famos kurzweilig daher, trotz oder gerade ob der menschlichen Abgründe? 145 Minuten - mit einem scheinbaren Handstreich durchlebt. Hier hatte ein Filmemacher spürbar Lust am Entwickeln und Inszenieren seiner Geschichte. Der latent depressive, selbstzerstörerische Habitus früherer Werke scheint bei von Trier - endlich - erledigt. Dafür bleibt ein Regisseur, der mit euphorisierender geistiger Klarheit und Schärfe die menschlichen Abgründe kartografiert, wie es vor ihm seit Jahren niemand mehr geschafft hat. Ein Gewinn! (Wettbewerb)

Spätestens seit POWER AND TERROR. NOAM CHOMSKY. GESPRÄCHE NACH 9/11 (JP 2003)
ist der emeritierte US-Sprachwissenschaftler Noam Chomsky auch dem hiesigen Kinopublikum bekannt. Offen, engagiert und kontrovers nimmt sich Wissenschaftler - insbesondere seit 9/11 - die Politik- und Medienlandschaft der USA vor, was ihm Rennomeé links der politischen Mitte eingebracht hat und viel Kritik von der anderen Seite. Chomsky ist eine schillernde Lichtgestalt des wissenschaftlichen Kosmos. Nicht weniger schillernd sind die Werke des französischen Filmemachers Michel Gondry. IS THE MAN WHO IS TALL HAPPY? bringt beide Figuren sinnbildlich zusammen. Gondry hatte (warum auch immer und wohl vordringlich aufgrund der Befürchtung Chomsky würde zeitnah ableben), das Bedürfnis mit dem Wissenschaftler zu sprechen, präsentiert jedoch das Gegenteil eines biederen Interview-Films. Dieses Werk setzt sich formal aus drei Komponenten zusammen: Kurze Schnipsel von 16mm-Bewegtbild und eine Tonspur ihrer Gespräche. Zudem setzt Michel Gondry Chomskys und seine eigenen Wörter und Gedanken in animierte Sinnbilder um. Die kindlich naive, kritzelnde Form der Animationen korrespondiert mit Gondrys Fragestil, der sich nichtmal ansatzweise die Mühe gibt, mit Chomskys geistiger Schärfe und Klarheit mitzuhalten. Das geht, auch dies bekennt Gondry freimütig, schon ob seines schlechten Englisch nicht. Diese Chuzpe muss man dem Filmemacher dann auch lassen, wie er einem legendären Linguisten mit stammelndem wirren Englich begegnet. Noch etwas ist schnell klar: Gondry kann Chomskys Gedanken im Gespräch nur bedingt folgen. Hier verlassen die Animationen das Level des Stilmittels und helfen konkret zu vermitteln, worum es dem Wissenschaftler eigentlich gehen könnte. So ganz versteht man es dann vielleicht immer noch nicht, doch weiß man sich hier mit dem Regisseur in guter Gesellschaft. Insofern ist IS THE MAN WHO IS... ein spannend gescheitertes Experiment, das es uns ermöglicht zwei einzigartigen Charakteren beim Denken zuzuschauen. (Panorama)

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