Berlinale 2016 - Bulletin (1) - HAVARIE

Menschen brechen auf, von nordafrikanischen Küsten in Richtung Europa. Ihr Weg: das Mittelmeer. Manche kommen an, eine ungewisse Zukunft vor sich. Viele kommen niemals an, die See ist ihr Grab.

Im September 2012 kreuzte sich der Weg des Kreuzfahrtschiffs „Adventures of the Seas“ mit dem eines kleinen Gummiboots mit 13 Menschen an Bord bei 37º/28.6ʼnördlicher Länge und 0º/3.8ʼ östlicher Länge. Gibt man diese Geodaten bei Google Maps ein, landet der Cursor an einem Punkt etwa 70 Kilometer von der spanischen Küste und rund 90 Kilometer von der spanischen Küstenstadt Cartagena entfernt. 

HAVARIE | Philip Scheffner | (c) Pong Berlin

An diesem Punkt setzte die Crew der „Adventures of the Seas“ im September 2012 einen Notruf zur Seenotrettungsstation in Cartagena ab, Inhalt: 13 Personen in einem Schlauchboot treiben hilflos auf offener See. Die Crew bat die Küstenwache um Erlaubnis, die 13 Menschen an Bord nehmen zu dürfen.

Die Küstenwache lehnte ab und forderte das Kreuzfahrtschiff auf, seine Position und Sichtkontakt zu dem kleinen schwarzen Punkt auf der blauen, horizontlosen See zu halten, bis die Seenotrettung eintrifft. Anderthalb Stunden warteten beide Boote, das kleine Schlauchboot und das große Kreuzfahrtschiff mit seinen 3500 Urlaubern zuzüglich Besatzung, dass etwas passiert. 93 Minuten dauert Philip Scheffners HAVARIE – also in etwa jene Zeit des Wartens auf Rettung für die Menschen im Schlauchboot.

Eine Rettung die, wie sich dem schriftlichen Begleitmaterial zu HAVARIE entnehmen lässt, zwar eine Rettung außer Lebensgefahr darstellte, aber ein Scheitern der Reise war. Die Geflüchteten stammten aus Algerien, nach dem die Küstenwache sie eingesammelt hatte, verbrachten sie einen Monat im spanischen Abschiebegewahrsam, bis man sie nach Algerien zurückschob. Zum Zeitpunkt ihrer Rettung waren die Insassen des Gummiboots rund 140 km von der algerischen Küste entfernt.

Jene Küste, die schon ganze Völker hat aufbrechen sehen, wie es eine Stimme im Verlauf des Films erzählt. Erzählungen lenken unsere Aufmerksamkeit und bestimmen die Zeit, welche wir als Zuschauer von HAVARIE quasi auf hoher See verbringen. Erzählungen, Gespräche, Fieldrecordings, Mitschnitte von Funkverkehr. Philip Scheffner verwebt diese Töne zu einem komplexen Klangteppich, der unseren Willen zum Hinhören herausfordert. 

Wir hören, wie Kaffe gekocht und in Straßencafés geschwatzt wird. Wir hören eine junge Frau, die mit belegter Stimme von der Entführung ihres Vaters berichtet, welche sie als 12-Jährige hilflos mit ansehen musste. Sie ist nicht die einzige, die Traumtisches erlebt hat: Philip Scheffner bringt einen jungen Mann zu Gehör, der Zeuge der Ermordung dreier Frauen auf offener Straße wurde. Ermordet von Terroristen, deren Tat nicht nur die Leben Unschuldiger auslöschte, sondern auch die Beobachtenden nachhaltig verstörte. Viele von ihnen, so berichtet der Mann, sind junge Menschen, die in Friedenszeiten aufwuchsen.

Für diese Generation, so warnt er, bedeuten die Gräueltaten und Kriegshandlungen in Syrien, dem Irak, Libyen und Algerien ungekannte psychische Belastungen, welche sie als Gepäck mit auf die Flucht und ins, so hoffen sie, rettende Europa mitnehmen. Doch daran denken die Fliehenden vielleicht nicht, wenn sie aufbrechen. Wenn sie in Seelenverkäufern versuchen auf die andere Seite des Mittemeers zu gelangen, liegt das Schreckliche hinter ihnen.

Zuversicht, so hören wir aus einer knarzenden, verrauschten Handyaufnahme, treibt sie an in ihrem Boot an – eine Gruppe junger Männer, die freudig erregt von Spanien und Barcelona singen. Was ihr Schicksal stattdessen sein könnte, haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits lernen müssen: Psychosen und Halluzinationen befallen jene, die tagelang auf See umherirren. Sie sehen Land und Häuser, wo nichts ist außer Wasser. Nicht selten lauert der Tod.

Sie verdursten, werden von Schiffen gerammt oder von absichtlich tieffliegenden Flugzeugen zum Kentern gebracht und ertrinken. Wenn sie Glück haben, sammelt sie ein Frachtschiff auf. Wenn sie Pech haben, fährt das Frachtschiff an ihnen vorbei – ohne der Küstenwache Meldung zu machen. Philip Scheffners vielgestaltige Tonspur kann vielleicht auch als eine Art Protokoll über das Sterben auf dem Mittelmeer gelesen werden: Dieses Meer, in dem, wie wir hören, manchmal Delfine oder Schildkröten die kleinen Boote begleiten, es ist auch ein Friedhof, weil Menschen andere Menschen absichtsvoll dem Sterben überlassen.

HAVARIE | Philip Scheffner | (c) Pong Berlin

Die Mannschaft der „Adventures of the Seas“ schickte schließlich ein kleines Beiboot mit Verpflegung zum Gummiboot, aufmerksam beobachtet von den Urlaubern an Deck. Ein Offizier des Kreuzfahrtschiffs berichtet, dass die Männer im Schlauchboot erstaunlich ruhig und gefasst gewesen seien. Ein Mann mit stark irischem Akzent berichtet von einer verborgenen Erinnerung: eine schockierende Erfahrung seiner Jugend in seiner Heimatstadt Belfast, bei der sein bester Freund von britischen Soldaten erschossen wurde.

Was hat diese Geschichte mit den Geflüchteten in dem kleinen Schlauchboot zu tun? Einiges, denn dieser Mann ist einer der 3500 Passagiere der „Adventures of the Seas“. 3500 Menschen mit eigenen Geschichten, die so unvergleichbar scheinen mit jenen der Geflüchteten. Und doch teilen 3513 Menschen an einem Tag im September 2012 für anderthalb Stunden die gleiche Geschichte – am unvorstellbarsten Ort der Welt, mitten in einem ruhigen, sonnigen, blauen Nirgendwo bei 37º/28.6ʼnördlicher Länge und 0º/3.8ʼ östlicher Länge.

Andertahlb Stunden, von denen der Passagier, er bleibt namenlos wie alle anderen Stimmen in HAVARIE auch, knapp zehn Minuten mit seinem Smartphone aufgenommen hat. Philip Scheffner fand dieses Video auf Youtube. Drei Minuten davon dehnte er auf 93 Minuten aus. Bewegtbilder, radikal in ihrer Geschwindigkeit runtergebrochen. Das Kinobild mutiert zu einer grobkörnigen, rauschenden Fläche in Blau - darin ein schwarzer Punkt. Einer von Tausenden vor der Festung Europa.


HAVARIE | D 2016 | Philip Scheffner | 93' | FORUM

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