Berlinale 2016 - Bulletin (7) - Panorama Mix II

THE LOVERS AND THE DESPOT: Die Schauspielerin Choi Eun-hee und der Regisseur Shin Sang-ok waren im Südkorea der 60er bis 70er Jahre Stars und galten als Traumpaar – bis zu ihrer Scheidung 1978. Kurz danach verschwand zunächst Choi Eun-hee bei einer Geschäftsreise nach Hong Kong und wenige Wochen später war auch von Shin Sang-ok keine Spur mehr zu finden. Der nordkoreanische Geheimdienst hatte sie im Auftrag des Präsidenten und Diktators Kim Jong-il entführt. Über Jahre waren sie der Gehirnwäsche und den Umpolungsversuchen des nordkoreanischen Staatsapparats ausgesetzt, bis man sie schließlich für linientreu genug erachtete, um sie zum filmbegeisterten Präsidenten Kim Jong-il vor zulassen.

Schnell gelang es den beiden Filmstars, den Diktator von sich zu überzeugen, der, wie wir in THE LOVERS UND THE DESPOT erfahren, genauso filmbegeistert war, wie er auch nach internationalem Ruhm und Glamour strebte. Dies machten sich die Schauspielerin und ihr (ex-)Mann zunutze und ihnen gelang das Paradox, in der nordkoreanischen Diktatur relative künstlerische Freiheit zu erlangen. Oder zumindest soviel Gestaltungsspielraum, wie es brauchte, um mit Filmen zu internationalen Filmfestivals reisen zu dürfen.

THE LOVERS AND THE DESPOT | (c) IFB 2016

Eine Freiheit, die sie schließlich zu nutzen wussten und bei einer Geschäftsreise nach Wien in der US-Botschaft erfolgreich Zuflucht suchten. Etwa ein Jahrzehnt nach ihrer Entführung durch die Nordkoreaner. Die Filmemacher Ross Adam und Rob Cannan zeichnen in ihrer Dokumentation diese schier unglaubliche Geschichte nach. Dafür verwenden sie auch Tonmitschnitte, welche Choi Eun-hee und hin Sang-ok heimlich von ihren Gesprächen mit dem nordkoreanischen Diktator anfertigten und die schnell zum eigentlichen Highlight dieser dokumentarischen Arbeit avancieren, während der Rest von THE LOVERS AND THE DESPOT allzu schnell im formalen Einerlei verpufft.

SAN FU TIAN - DOG DAYS: China im Hochsommer, eine junge Mutter, die als Tänzerin in einem billigen Nachtlokal in einem Randbezirk der chinesischen Millionenmetropole Changsha arbeitet, kommt nach der Arbeit nach Hause und findet ihre Wohnung leer. Ihr Lebenspartner und ihr Sohn im Säuglingsalter sind spurlos verschwunden. Ihre Nachforschungen führen sie in eine Transenbar zu einem jungen schwulen Mann, der weiß, wo sich der Kindsvater und das Baby aufhalten könnten. Doch wirklich kooperationsbereit scheint er nicht, denn er führt mit dem Verschwundenen eine Liebesbeziehung. Die beiden einigen sich auf einen Deal - die Mutter bekommt ihr Kind zurück, lässt dafür ihren Partner ziehen. Die gemeinsame Reise des ungleichen Paares endet schließlich in Schanghai, wo sich der Kindsvater in einem schäbigen Hotel versteckt. Schnell wird klar: Er hat das Baby verkauft.

DOG DAYS von Regisseur und Drehbuchautor Jordan Schiele mangelt es am nötigen Tiefgang und der Präzision, um die Aufmerksamkeit seines Publikums zu erhalten. Die Kritik an einer asozialen Gesellschaft, die Geld vor Moral stellt, bleibt in dieser einfallslosen und abstrakten Erzählung bis zuletzt Behauptung. Potenziert wird der enervierende Gesamteindruck von DOG DAYS durch die flache und schematische Entwicklung der Figuren, deren DarstellerInnen zudem die nötigen schauspielerischen Mittel fehlen, um die Leerstellen ihrer Charaktere mit Leben auszufüllen.

KIKI: Ein viertel Jahrhundert nachdem die Dokumentation PARIS IS BURNING erstmals in die Subkultur der nicht-heterosexuellen afro-amerikanischen Ballroom-Szene abtauchte, kommt nun mit KIKI ein weiterer Ausflug in diese nachwievor vitale Community. Die Probleme für junge nicht-heterosexuelle Menschen nicht-weißer Hautfarbe sind, wie wir in KIKI eindrucksvoll lernen dürfen, bis heute nicht weniger geworden, sie haben sich nur transformiert.

Unter jungen schwarzen schwulen und trans* AmerikanerInnen ist die HIV-Infektionsrate am höchsten. Die Zahl der Selbstmorde ist überproportional erhöht, ebenso gibt es ein akutes Problem mit Armut und Obdachlosigkeit. Hasskriminalität aufgrund von Rassismus, Homophobie und Transphobie wird gegen diese Gruppe nicht nur allein durch die weiße und heteronormative Mehrheitsgesellschaft respektive deren Polizei ausgeübt. Auch in der afro-amerikanischen Community werden nicht-heterosexuelle Jugendliche missachtet und von ihren christlich geprägten Familien vor die Tür gesetzt.

KIKI | (c) Naiti Gámez

Die schwedische Dokumentarfilmerin Sara Jordenö begleitet in KIKI eine Handvoll ProtagonistInnen der Ballroom-Szene durch ihren Alltag im New York der Jahre 2012-2015. Neben den imposanten wie harten Tanzwettbewerben, welche die einzelnen Häuser (wie die Gruppen und Teams in der Szene genannt werden) untereinander austragen und in denen es neben viel Anerkennung auch um bescheidene Siegesprämien geht, lässt uns die Filmemacherin erleben, welche Bedeutung die Zugehörigkeit zu einem Haus für die depravierten, mehrfach diskriminierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat. Betrachten sie sich doch untereinander als Ersatzfamilien, die gegenseitig aufeinander achtgeben, sich helfen und füreinander einstehen.

Sara Jordenö dokumentiert mit aktivistischem Feuereifer die faszinierend tief greifenden Diskurse ihrer ProtagonistInnen - über das Finden der eigenen sexuellen Identität und den Kampf gegen Diskriminierung. Obgleich Jardenös Vorgehen nachvollziehbar und verdienstvoll ist, stellen sich alsbald Redundanzen und somit einige Längen ein, welche durch die moderne, zeitgemäße Optik von KIKI nur begrenzt eingefangen werden können.

TIME WAS ENDLESS - ANTES O TEMPO NAO ACABAVA: Der junge Erwachsene Anderson, in einen indigenen Stamm im Amazonasgebiet hineingeboren, hat das traditionelle Leben seines Stamms satt. Er will modern(er) leben, mit Smartphone, einem weißen Namen und fließendem Wasser. Doch seine Herkunft lässt ihn nicht los, denn die alten Schamanen wollen nicht nur seine kranke Nichte den Göttern opfern, sondern auch Anderson einem geheimnisvollen, schmerzhaften Ritual unterziehen, ohne das er nach ihrer Ansicht verloren wäre. Doch Anderson zieht lieber durch die Clubs der brasilianischen Großstadt Mannaus, hört Doom-Metal und lässt sich auf einen One-Night-Stand mit einem geheimnisvollen fremden Mann ein. Oder war dieser Mann vielleicht doch nur ein Geist?

Den Filmemachern Fábio Baldo und Sérgio Andrade gelingt es zu keinem Zeitpunkt, aus dem aufgeworfenen Konflikt zwischen einem nach Modernität strebenden jungen Mann und seiner indigenen Herkunft irgendeine tragfähige Handlung zu entwickeln. Das Werk leidet an den uninspirierten, zusammenhanglos hingeworfenen Sequenzen und der dünnen Zeichnung der Charaktere. TIME WAS ENDLESS - ein blutleeres Fiasko und eine vergeudete Chance.

INSIDE THE CHINESE CLOSET: Wieviel kostet ein Baby? Wer sich solche Fragen stellt, hat üblicherweise eine lange Leidensgeschichte gescheiterter Versuche des Kinderkriegens hinter sich. Nicht so Schwule und Lesben in China. Für sie ist die Problematik eine andere - sie leiden unter den gesellschaftlichen Normen alter Familientraditionen, die ihre Eltern ihnen offenbar aufzwingen: Es muss geheiratet werden und es braucht ein Kind. Egal wie, egal woher.

Sophia Luvaràs Dokumentation INSIDE THE CHINESE CLOSET legt klug und mit minimalem erzählerischen Mitteleinsatz die krasse Widersprüchlichkeit im heutigen China offen: Kaum ein Land ist der westlichen Moderne in wirtschaftlicher und technischer Hinsicht so zugeneigt und zugleich so fest im Griff archaischer Traditionen, die auch nicht-heterosexuelle ChinesInnen durchdringen und unter Druck setzen. Sich diesem Druck zu widersetzen, scheint für sie offenbar keine Option (sein zu können).

Stattdessen treffen sie sich zum Speeddating und suchen mit ihren Smartphones auf Partnerbörsen, um PartnerInnen für Fake-Marriages zu finden. Oder besprechen mit ihren Vätern, wie man ein Baby aus Thailand holen könnte. INSIDE THE CHINESE CLOSET - eine schockierende Bestandsaufnahme.

WEEKENDS | (c) IFB 2016

WEEKENDS: Gleichwohl in der Geschichte Südkoreas niemals Gesetze existierten, die nicht-heterosexuelle Menschen kriminalisierten, hinkt das Land anderen westlich geprägten Industrienationen in Sachen Akzeptanz und Gleichberechtigung nicht-heterosexueller BürgerInnen hinterher.

Ein Umstand, den auch die Mitglieder des schwule Männerchors G-Voice in Seoul zu spüren bekommen. Selbst, wenn sich ihr Leben und Singen in der Metropole Seoul scheinbar wesentlich freier und offener gestaltet, wie Lee Dong-ha in seinem dokumentarischen Porträt des Chors aufmerksam registriert. Trotzdem prägen alltägliche Diskriminierungserfahrungen, aber auch die klassischen schwulen Themen wie Selbstbehauptung, Coming-Out, Liebe, Sex und Herzschmerz die poppigen Gesangsstücke der G-Voices.

Gegengeschnitten mit liebevoll gestalteten Musikvideos des Chors, arbeitet Lee Dong-ha aber auch stückweise heraus, dass der Männerchor mit seiner Arbeit zunehmend Gehör und Akzeptanz jenseits der nicht-heterosexuellen Gemeinde findet und auf Interesse in Südkoreas Zivilgesellschaft stößt. Gleichwohl wird in WEEKENDS auch deutlich, dass dominant auftretende christliche Fundamentalisten ein erhebliches Problem für nicht-heterosexulle SüdkoreanerInnen darstellen und das deren Einfluss bis weit in die Politik reicht. Lee Dong-has stellenweise etwas zu lang geratene dokumentarische Arbeit liefert ein aufschlussreiches Bild schwulen Lebens im Südkorea von heute.

WHO'S GONNA LOVE ME NOW?: Als junger Mann widersetzte sich der Israeli Saar den strengen Regeln des Kibbuz, in dem er und seine Familie lebten. Die Kibbuzin warfen ihn aus der Gemeinschaft, ohne das er durch seine Familie Schutz oder Unterstützung erhielt. Saar ging nach London, um dort ein selbstbestimmtes Leben als schwuler Mann führen zu können. Schließlich infizierte er sich mit HIV, was den Bruch mit seiner Familie vertiefte, aber auch Saar selbst dazu veranlasste, sein Leben infrage zu stellen. Filmemacher Tomer Heymann begleitet in WHO'S GONNA LOVE ME KNOW Saar durch seinen Alltag, in dem ihm das Singen im Londoner Gay Mens Chorus besonderen Halt zu verleihen scheint.

Zugleich blickt der Mittvierziger vor der Kamera zurück auf sein bisheriges Leben und das schwierige Verhältnis zu seiner gleichermaßen religiösen wie patriotischen Familie in Israel, was Heymann wiederum mit Ausführungen der Eltern und Geschwister über Saars Leben gegen schneidet. Tomer Heymann gelingt eine erfreulich unaufgeregte wie erkenntnisreiche dokumentarische Abhandlung über den unverändert dominanten Stellenwert familiärer Verwurzelungen im Leben moderner schwuler Männer und die immer noch akuten Vorurteile heteronormativ geprägter Familien im heutigen Israel – gegenüber ihren nicht-heterosexuellen Familienmitgliedern.

Dabei streicht er unmissverständlich die Notwendigkeit heraus, dass sich heteronormativ lebende Familien intensiv mit den Lebenswelten ihrer nicht-heterosexuellen Kinder, Brüder und Schwestern auseinandersetzen und diese akzeptieren müssen, wenn sie den Familienverbund intakt halten wollen.

THE BACCHUS LADY | (c) IFB 2016

THE BACCHUCHS LADY – JUG-YEO-JU-NEUN YEO-JA: Die Rentnerin Youn So-young hat ein Problem, sie hat Tripper. Und dies behindert sie entscheidend bei ihrem Job – als Sexarbeiterin in einem Park in Seoul. Sie ist auf diese Arbeit angewiesen, um sich aus ihrer Altersarmut wenigstens etwas zu befreien. Der Bacchus, das ist ein Energydrink, den sie ihren betagten männlichen Kunden anbietet, um sie dann zu einem bezahlten Schäferstündchen in einer schäbigen Pension zu überreden. Altersarmut ist aber nicht nur ein dramaturgisches Vehikel für den Spielfilm von Regisseur E J-yong, sondern auch ein äußerst reales Problem im heutigen Südkorea. In THE BACCHUS LADY bleibt dieses Thema trotzdem nur Hintergrund für die Geschichte einer Rentnerin, welcher der Zufall die Obhut für einen kleinen Jungen aus den Philippinen zuträgt, dessen Mutter im Gefängnis

Filmemacher E J-yong widmet den ersten Teil von THE BACCHUS LADY dem (Arbeits-)Alltag der Rentnerin und ihren Versuchen, zu dem verschlossen wirkenden Jungen eine Verbindung aufzubauen. In gemächlichem Erzähltempo und mit leiser Lakonie entwickelt der Filmemacher, der auch das Drehbuch schrieb, diese Alltagssituationen, die in einem namenlosen tristen Stadtteil von Seoul platziert sind. Dabei wirkt die Beziehung zwischen der Seniorin und dem wortkargen Jungen wie ein Katalysator für lange Verdrängte Erinnerungen Youn So-youngs, deren eigener Sohn eben nicht, wie wir lernen werden und sie Fremden gegenüber immer behauptet, in den USA studiert und welchen sie mit dem Geld aus ihrer Sexarbeit angeblich unterstützt.

Die Wahrheit ist wesentlich trister, wie auch dieser Film zunehmend zu einer äußerst bedrückenden Angelegenheit wird, kommen doch Youn So-youngs Kunden bald nicht mehr mit sexuellen Wünschen zu ihr, sondern mit wesentlich existenzielleren Anliegen. Sie wünschen sich, dass Youn So-young sie vor dem entwürdigenden letzten Stadium des Lebens bewahren möge. Aus der Sexarbeiterin wider Willen wird ein Todesengel, der seine Rolle schließlich akzeptiert, erscheint Youn So-young die Aussicht auf ein Altern und Sterben im Gefängnis doch wesentlich komfortabler als alles bisher da gewesene. E J-yongs THE BACCHUS LADY ist eine verstörende und deprimierende Studie über die südkoreanische Gesellschaft, die dank dem fesselnden Spiel der Hauptdarstellerin Youn Yuh-jung das schematisch geratene Drehbuch vergessen macht.

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