Berlinale 2022: „CAMUFLAJE“ | Grauen im Verborgenen

Campo de Mayo in Argentinien ist eine Militärbasis und ein Naturparadies. Ein Gedenkort ist es nicht, dabei befand sich dort während der argentinischen Militärdiktatur ein riesiges KZ. Für die Angehörigen der Opfer bedeutet das heute eine endlose Spurensuche im Unterholz. Dokumentarfilmer Jonathan Perel hat mitgesucht: CAMUFLAJE


Wollte man die schreckliche Floskel des „Gras drüber wachsen Lassens“ an einem realen Beispiel studieren, Campo de Mayo wäre ideal.


Camuflaje | Foto: Alina Films/Off The Grid/IFB 2022


Campo de Mayo gilt bis heute als eine der wichtigsten Militärbasen Argentiniens. 1987 versuchten von dort aus Militärs einen Putsch gegen die wenige Jahre zuvor erst demokratisch gewählte Regierung des Landes anzustoßen, der scheiterte. Berühmter oder vielmehr berüchtigter ist der Komplex als zentrales Folterzentrum der neo-faschistischen Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983. Mehrere zehntausend Menschen verschleppte das Militär auf diese Basis und ließ sie dort „verschwinden“. Von Unzähligen dieser Menschen fehlt bis heute jede Spur. Campo de Mayo war, wie es eine der Protagonist:innen in CAMUFLAJE formuliert, ein gigantisches KZ.

Wollte man die Anlage joggend umrunden, hätte man 17 Kilometer Strecke zu überwinden und wäre vier Stunden unterwegs. Félix Bruzzone hat diese gigantische Anlage bereits umrundet. Das Schicksal seiner Familie ist gezwungenermaßen mit diesem Ort verknüpft, seine Mutter „verschwand“ in Campo de Mayo. Nur durch einen Zufall entging er damals als Kleinkind der Entführung zusammen mit seiner Mutter. Félix Bruzzone ist der zentrale Protagonist, gleichsam Co-Autor in Jonathan Perels dokumentarischer Arbeit CAMUFLAJE.

Erinnerungskulturweltmeister

Seine Geschichte steht am Beginn dieses Film, wir erfahren sie im Gespräch mit seiner Großmutter. Sie spazieren gemeinsam durch einen Vorort. Spazieren, Laufen, Joggen, in Bewegung sein ist essenziell für diesen Film. Schon die erste und lange Einstellung beginnt mit zwei nackten Füßen, die über Asphalt joggen. Bewegung vermeidet Verdacht und schafft Sicherheit, erstmal losgehen, auf dem Weg wird sich das Ziel schon finden.

Aus deutscher Perspektive irritiert der Zustand von Campo de Mayo, wie wir ihn in CAMUFLAJE sehen können. Wir sind Aufarbeitungs- und Erinnerungskulturweltmeister, ehemalige Tatorte sind bei uns längst Gedenkstätten, Mahnmale, Erinnerungsorte. Wohl dokumentiert, gut erhalten, der Öffentlichkeit zugänglich, Pflichtprogramm für Schulklassen. Campo de Mayo ist ein mehr schlecht als recht umzäunter Dschungel und eine aktiv genutzte Militärbasis, die irritierenderweise tagsüber auf einer öffentlichen Straße durchfahren werden kann – Anhalten verboten. Diese Durchfahrtsstraße existierte auch zu Zeiten der Diktatur schon, war ganz normal nutzbar – während irgendwo verborgen im Dickicht Menschen zu Tode gefoltert wurden.

 Camuflaje | Foto: Alina Films/Off The Grid/IFB 2022

Jonathan Perel nähert sich diesem Ort durch seinen zentralen Protagonisten und dessen verschiedene Begleiter. Zunächst wird nur darüber gesprochen, wird der Ort umschlichen, umfahren. Wir hören Gespräche über Gewesenes, Erinnerungen, verwoben und verwickelt mit Alltagsgeplauder. Erst mit einem Dinosaurierer-Forscher, der aus dem ganzen Komplex ob dessen reicher Flora und Fauna am liebsten ein Naturschutzgebiet machen würde, treten wir erstmals ein. Und sehen: nichts. Jedenfalls nichts, was wie ein Tatort von Verbrechen gegen die Menschlichkeit aussieht. Dafür immens viel Vegetation. Wollte man die schreckliche Floskel des „Gras drüber wachsen Lassens“ an einem realen Beispiel studieren, Campo de Mayo wäre ideal.

Schildkröten und Schießanlagen

Ein Fitnesstrainer hat den Ort noch tiefer durchdrungen, kennt sich aus, weiß, wo die Schießanlage zu finden ist und wo es Schildkröten zu gucken gibt. Drei junge Künstlerinnen haben verfallene und von der Natur überwucherte Gebäudeanlagen erkundet und beschreiben den Ort wie ein gruseliges Labyrinth. Und schließlich jemand, der sich tatsächlich mit Aufarbeitung befasst, eine ältere Frau, Vorsitzende eines Erinnerungsvereins, die den gesamten Komplex gerne in einen Mahn- und Gedenkort umgewandelt wissen würde. Bisher, so sehen wir es in CAMUFLAJE, gibt es nur ein unscheinbares Schild, eine Art Bauschild, das vor einem grünen Dickicht aufgestellt wurde und versucht zu erklären, was sich innerhalb dieses Dickichts einst versteckte.

Wer „mehr“ über dieses Dahinter wissen will, muss sich selber auf den Weg machen und einen Virtual-Reality-Parkour abschreiten. Félix Bruzzone erkundet diesen Parkour. Was er durch die VR-Brille sieht, zeigt uns schließlich auch die Leinwand. Es ist eine klobige Animation, kaum besser als die Bilder des Computerspiels Minecraft oder eines drittklassigen Ego-Shooter-Games aus den frühen 2000ern. Wir sehen eine Ansammlung von Garagen und Baracken, gefüllt mit Schlafplätzen auf dem Boden, die eher an ein improvisiertes Zeltlager gemahnen. Es gibt keine Menschen in dieser Animation, keine Erklärungen, keine Namen, nichts. Immer wieder nimmt Bruzzone die VR-Brille vom Kopf, blickt unter sengender Sonne schwitzend zwischen dem Gestrüpp umher. Offenbar suchend nach irgendeinem Anknüpfungspunkt, scheinbar sprachlos und entgeistert ob der unerträglichen Trivialität, zu der dieser Tatort geworden ist.

Nicht stillstehen

Dem Andenken der Gefolterten und Ermordeten ist das hier alles unwürdig. Und vielleicht, wahrscheinlich sogar hat das System. Denn Campo de Mayo ist eine Basis eben jenes Militärapparats, der hier früher Menschen quälte und tötete. Diesen Ort zu betreten, wie Félix Bruzzone und seine Begleiter:innen es tun, ist illegal. Die Angst entdeckt zu werden sitzt uns Zuschauern hier irgendwann genauso im Nacken wie den Protagonist:innen.

Camuflaje | Foto: Alina Films/Off The Grid/IFB 2022

Nur zu einem Anlass sind Zivilisten offiziell zugelassen: Für einen Hindernis-Marathon durchs Unterholz der Anlage öffnen die Militärs den Ort, bieten gar Schießtraining als eine der Challenges für die Läufer:innen an. Der Name der Veranstaltung: „Killer Race“.

CAMUFLAJE ist ein gleichermaßen fassungslos machendes wie beeindruckendes Porträt von Menschen, die nicht stillstehen können. Die kein „Gras über die Sache wachsen“ lassen wollen, die sich die Erinnerung und Aufarbeitung individuell aus dem Dickicht herausschlagen, wo sie kollektiv bzw. staatlicherseits nicht geleistet wird. Eine Marathonaufgabe. Zum Glück hat Jonathan Perel sie dokumentiert.

PS:

Eine Instagram-Kurzbesprechung zu Jonathan Perels vorherigem Berlinale-Forums-Beitrag CORPORATE ACCOUNTABILITY findet sich hier. Und auf MUBI wird der Film aktuell als Stream angeboten. (Stand: Februar 2022)