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ZODIAC

Der Himmel über San Francisco, bunt erleuchtet von Feuerwerk. Ein Wagen fährt durch eine Mittelstandswohngegend, es ist der 4. Juli. Die Menschen feiern, Feuerwerk kracht. Der Wagen hält, ein junger Mann nähert sich der Tür: "Wo warst du? Ich warte schon seit sieben Uhr auf dich!" Die Verabredung von Mike Mageau und Darlene Ferrin endet in einem Blutbad, welches Darlene Ferrin nicht überlebt. Sie werden eiskalt niedergeschossen. David Fincher lässt diese Eingangssequenz seines Films ZODIAC mit Donovans psychedelischen "Hurdy Gurdy Man" ausklingen. Eine Szene, die sich in den Kopf einbrennt.

ZODIAC, Finchers sechster Film, ist auf seine Weise faszinierend. Im Grunde läuft dort ein 157 Minuten langer Kriminalfilm ab. Scheinbar dem (Fernseh-)Trend der kriminologischen Abendunterhaltung folgend, der Serien wie CSI oder 24 hervorgebracht hat und allwöchentlich Heerscharen von Freizeitermittlern vor die Bildschirme lockt. Detailliert knüpft sich Fincher die Geschichte der Zodiac-Morde vor, einer Serie von Tötungen zwischen 1966 und 1969 im Großraum San Francisco, bei der bis zu 12 Menschen ums Leben kamen. Der Film ist in drei große Abschnitte unterteilt, die jedoch fließend ineinander übergehen. Verbunden sind diese durch drei Namen: Avery, Tosci und Graysmith. Paul Avery (Robert Downey Jr.) , Dave Tosci (Mark Ruffalo) und Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) waren direkt involviert in die Geschehnisse: Avery als Journalist des San Francisco Chronicle, der die Taten des Zodiac-Killers über Jahre verfolgte und ausgiebig berichtete. So sehr, dass er zweitweise selber als nächstes potentielles Opfer galt. Dave Tosci als einer der ermittelnden Polizeibeamten, der den Fall jahrelang betreute. Und schließlich Robert Graysmith, ein Karikaturist des San Francisco Chronicle, der über die Jahre immer mehr Anteil an Zodiac nahm und schlussendlich sogar einige Bücher über seine Morde und die Ermittlungen schrieb. Die Wege der drei kreuzten sich fortwährend. David Fincher lässt die Geschichte durch diese Männer lebendig werden. Sie sind die Schlüssel in diesem Film. Ihre Wandlungen, ihre Wege sind das Ziel, zu dem Fincher seine Zuschauer bringt. Beinahe trocken, im Fincher-Sinne gar asketisch, wird penibel und vor allem chronologisch jede wichtige Wegmarke abgehandelt. Einblendungen von Zeit und Ort geben ständig Orientierung. Zudem arbeitet Fincher sequentiell, erlaubt sich größere Zeitsprünge und bricht die Handlung an verschiedenen Stellen mit Zwischensequenzen ab. Dabei verändert sich die Perspektive schleichend: Wird das Geschehen zu Beginn noch aus Averys Perspektive beobachtet, setzt zusehends eine Wandlung ein, und man nimmt Anteil an dem phasenweise haarsträubenden Ermittlungsgeschäft Toscis. Um schlussendlich bei einem jungen Mann zu landen, für den Zodiac vom simplen Objekt zur Obsession wird - Graysmith: Obsession - ein Leitthema in ZODIAC.

Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unklar, da sich der sog. Zodiac-Killer auch für Taten rühmte, die er wahrscheinlich nicht begangen hat. Das Besondere an diesen Morden war von Beginn an die Gier des Mörders - nach Öffentlichkeit. Kurze Zeit nach den Taten schickte er Briefe an Zeitungsredaktionen, gab Täterwissen preis und stellte Forderungen an die Blattmacher: Abdruck der Briefe und Codes oder weiteres Morden. So verschaffte sich der Täter Zugang zur zeitunglesenden Nation. Und führte nebenher die Polizei an der Nase herum. Fincher, Kind der Fernsehnation Nummer Eins und aufgewachsen im System Hollywood, wäre nicht Fincher ,nützte er dies nicht für eine generelle Medienkritik. Wer hier von wem und auf wessen Kosten profitiert, das ist eine der elementaren Fragen des Films. Resümiert man, dann ist das Bild, das Fincher von der Medienöffentlichkeit und denen, die sie produzieren, zeichnet, grauenvoll. Drucken die Zeitungen die Briefe des Killers, wie Zodiac es von ihnen verlangt? Natürlich drucken sie. Ob auf Seite eins oder vier ist dabei egal. Die Auflage steigt mit der Mordlust des Killers. Und mit der Auflage steigt auch die Beachtung für die beteiligten Journalisten. "Die Sache ist für alle ein gutes Geschäft - bloß nicht für dich.", wo Avery Graysmith noch einigermaßen mitleidig beäugt und dieser ein irritiertes "Was meinst du mit Geschäft?" entgegnet, manifestiert Fincher seine Botschaft: Die Gier nach Geld und die Gier nach Aufmerksamkeit befruchten sich gegenseitig. Was sie gebären, ist ein Monstrum: Terror am Frühstückstisch! Zodiac ist vielleicht einer der geistigen Urväter heutiger Terroristen, die mit grausamen Taten versuchen, die Aufmerksamkeit einer weltweiten Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. It bleeds - it leads! Und irgendwann macht auch der gutgläubige Graysmith ein Geschäft daraus.

Es mutet wie purer Sarkasmus an, wenn der einzige, der dem Morden wahrscheinlich ehrlichen Herzens eine Ende setzten wollte, schließlich selber fast gefeuert wird, als man Dave Tosci verdächtigt, einen Zodiac-Brief verfasst und verschickt zu haben, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Doch was Fincher hier schildert, ist so passiert. Und es ist symptomatisch für eine Polizeiarbeit, die mit "chaotisch" noch eine freundliche Bezeichnung findet. Unklare Zuständigkeiten, viel zu viele Einzelermittlungen, mangelnde Kooperation und personelle Not dürften mitverantwortlich sein dafür, dass der Zodiac-Killer bis zuletzt nicht gefasst wurde. Erst die Nachforschungen von Robert Graysmith wirbelten wieder Staub auf und fügten die mannigfaltigen Indizien zu einem passablen Ganzen. Wenn auch zu spät. Graysmith ist die ambivalente Figur in ZODIAC: Anfangs ein Mann, dem das Enträtseln von Zodiacs Codes sichtlich Spass macht und der sich dabei voll auf der Seite des Guten sieht, gerät bald etwas in die Schieflage. Graysmith - Ein Pfadfinder, einer dieser Jungs, deren aufregendstes Erlebnis im tristen Alltag vielleicht ein Footballspiel im Fernsehen ist. Zwischen Job und Familie ist das eigene Leben eingeschlafen. Welche Chance bietet da ein Serienkiller?! Zwischen einem von Faszination und Abenteuerlust getriebenen Verfolgen der Geschichte hin zur Recherche für ein Buch verläuft der Bruch fließend. Der echte Robert Graysmith dürfte mit seinen Büchern zum Zodiac-Fall vermutlich ein kleines Vermögen gemacht haben. Graysmith' Ehe bekam das jedoch nicht: Zwischen Aktenbergen und Windelbergen, Windeln, die seine Frau allein wechseln musste, zerbricht die Ehe. Jeder muss seinen Preis zahlen.

Die Filme von David Fincher sind Ausnahmeerscheinungen im System Hollywood. Sie sind formal erstklassig bis perfekt. Fincher scheint gar von einem unbändigen Hang zum Perfektionismus getrieben zu sein. Bei ZODIAC wird das wieder sichtbar, mit erstklassigen Schauspielleistungen, einer brillianten Fotographie und auch mit grandioser Musik. Doch sein Hang zu sonderbaren, mitunter gar grausamen Geschichten sind es, die ihn offenbar vom Zirkus der großen Blockbusterproduktionen fern halten. Erinnert sei an „Sieben“ und das markerschütternde Duell von David Mills (Brad Pitt) und John Doe (Kevin Spacey) im Finale des Films. Oder an „Fight Club“, dem wahnsinnigen Kampf des namenlosen Rückrufbeauftragten eines Automobilherstellers (Edward Norton) mit sich selbst. Von dem dieser (und mit ihm der Zuschauer) erst im Finale etwas mitbekommt: "Where is my mind?", singen die Pixies hier den Abgesang auf eine Welt, die den Verstand verloren hat. Fincher operiert stets am "American Way of Life", vielmehr, er macht die häßlichen und dunklen Seiten sichtbar - in Cinemascope. Noch ein Beispiel: „Panic Room“, ein Film über eine Frau, die sich in ihrem eigenen Haus verbunkert. Gedreht kurz nach dem 11. September, als Amerika sich selbst verbarrikadierte. Fincher-Filme sind stets Parabeln. Das ist alles andere als massenkompatibel und neben allem Kult, der sich besonders um „Fight Club“ und „Sieben“ gebildet hat, ist es massive Systemkritik. Und Fincher greift dafür zu den harten Mitteln. So gesehen ist auch dieser, eigentlich gemächliche, Kriminalfilm ZODIAC hartes Zeug, nur nicht so offensichtlich vollzogen wie zwischen John Doe und David Mills. Der "Plot Twist", die abrupte Drehung der Geschichte, passiert bei ZODIAC erst nach dem Film: Zeitungen, Fernsehstationen, Radiosender und Bücher. Der Zodiac-Killer erobert sich im Verlauf der 157 Minuten alles an Medienöffentlichkeit, was verfügbar ist. Nur den gewünschten – guten - Film bekommt er nicht - zumindest hält er „Dirty Harry“ nicht dafür. Mit ZODIAC schließt sich der Kreis, denn ZODIAC ist der gute Film über die Geschichte der Zodiac-Morde. Je nach persönlichem Standpunkt kann man das als genialen wie verstörenden Coup bzw. Plottwist deuten. Oder als schlicht verantwortungslos. So oder so, verstört ist man allemal. "Where is my mind?" 

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